Der Neckar (Hölderlin)

In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft
Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Tal,
Wie Leben aus dem Freudebecher,
Glänzte die bläuliche Silberwelle.

Der Berge Quellen eilten hinab zu dir,
Mit ihnen auch mein Herz und du nahmst uns mit,
Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen
Städten hinunter und lustgen Inseln.

Noch dünkt die Welt mir schön, und das Aug entflieht
Verlangend nach den Reizen der Erde mir,
Zum goldenen Paktol, zu Smyrnas
Ufer, zu Ilions Wald. Auch möcht ich

Bei Sunium oft landen, den stummen Pfad
Nach deinen Säulen fragen, Olympion!
Noch eh der Sturmwind und das Alter
Hin in den Schutt der Athenertempel

Und ihrer Gottesbilder auch dich begräbt,
Denn lang schon einsam stehst du, o Stolz der Welt,
Die nicht mehr ist. Und o ihr schönen
Inseln Ioniens! wo die Meerluft

Die heißen Ufer kühlt und den Lorbeerwald
Durchsäuselt, wenn die Sonne den Weinstock wärmt,
Ach! wo ein goldner Herbst dem armen
Volk in Gesänge die Seufzer wandelt,

Wenn sein Granatbaum reift, wenn aus grüner Nacht
Die Pomeranze blinkt, und der Mastixbaum
Von Harze träuft und Pauk und Cymbel
Zum labyrinthischen Tanze klingen.

Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vielleicht, zu euch
Mein Schutzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
Auch da mein Neckar nicht mit seinen
Lieblichen Wiesen und Uferweiden.

© Friedrich Hölderlin

Advertisements

23 Kommentare zu “Der Neckar (Hölderlin)

  1. lesenbiene sagt:

    Wie schön. Ich wünsche Dir einen feinen Tag und vielleicht siehst Du den Neckar.

  2. quersatzein sagt:

    Fernweh war auch damals ein grosses Thema!
    Und wird es bleiben, solang der Neckar fliesst…
    Lieben Tagesgruss,
    Brigitte

    • finbarsgift sagt:

      Ja, liebe Brigitte, Fern- und Heimweh gleichermaßen,

      denn lebst du in der Provinz am Neckar sehnst du dich nach einer Insel im Meer und bist du dort eine Weile gewesen, dann sehnst du dich wieder zurück in eine der feinen Neckarstädte wie HD, HN, ES, TÜ oder RW…

      Liebe Frühlingsgrüße vom Lu

  3. ingeborgthoring sagt:

    Mit dem Wissen um den Hölderlinturm drängt sich die Frage nach der möglichen subjektiven Entstehungssituation auf und macht das Lesen spannender.

  4. gkazakou sagt:

    Wie schön und herrlich in Worte gesetzt die Sehnsucht nach dem was verloren ist. Doppelt verloren – aus dem längst Vergangenen sich zurückerinnernd an eine Gegenwart, die nun auch längst verschwunden ist. Smyrna, der stille Pfad …. Aber den Mastixbaum gibt es noch, die Pomeranzen und den Lorbeerwald, und all das , was sie beschwören. Und den Neckar Speisen immer noch die Quellen seiner Berge.

  5. ellilyrik sagt:

    …sooo schööön, lieber Lu!
    Danke dafür! Noch einen schönen Frühlingstag wünsche ich Dir.
    Alles Liebe, herzlichst Elke

  6. Flowermaid sagt:

    … sich Sehnen… nach dem, was gerade unerreichbar scheint… allzu menschlich und in der Poesie wird es zur Kunst verwoben…

  7. bruni8wortbehagen sagt:

    Oh, wie schön, der Neckar von ihm. Ich finde hier keine Spur von Wahnsinn, ich spüre nur seine Sehnsucht, die sich romantisierend und wirklich berückend schön ausdrückt. Gerda hat es in die allerbesten Worte gefasst, denen ich keine hinzufügen möchte, denn es ist unnötig.

    Ein vom eigenen Leben enttäuschter Mann, ein Genie, das sich in eine geistige Verwirrtheit zurückzog und doch sooo zu schreiben wußte …

    Ich finde, Bruno Ganz rezitiert ihn wundervoll, den Neckar, lieber Finbar

  8. thiessenjak sagt:

    Freu mich schon, bald auch in die Gegend zu ziehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s