Die Stille der Welt vor Bach (Gustafsson)

 

 

Es muss eine Welt gegeben haben vor

der Triosonate in D, eine Welt vor der a-moll-Partita,

aber was war das für eine Welt?

Ein Europa der großen leeren Räume ohne Widerhall

voll von unwissenden Instrumenten,

wo das Musikalische Opfer und das Wohltemperierte Klavier

noch über keine Klaviatur gegangen sind.

Einsam gelegene Kirchen,

in denen nie die Sopranstimme der Matthäuspassion

sich in hilfloser Liebe um die sanfteren

Bewegungen der Flöte gerankt hat,

wie sanfte Landschaften,

wo nichts zu hören ist als die Äxte alter Holzfäller,

das muntere Bellen starker Hunde im Winter

und Schlittschuhe auf blankem Eis wie ferne Glocken;

die Schwalben, die durch die Sommerluft schwirren,

die Muschel, in die das Kind hineinhorcht,

und nirgends Bach, nirgends Bach.

Die Schlittschuhstille der Welt vor Bach.

 

 

© Lars Gustafsson

(Deutsch: Verena Reichel)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Musik, Poesie.

69 Kommentare zu “Die Stille der Welt vor Bach (Gustafsson)

  1. Christiane sagt:

    Ach, das ist schön, danke!
    Und dir einen zauberhaften Tag!
    Liebe Grüße
    Christiane

    • finbarsgift sagt:

      Du kannst dir sicherlich gut vorstellen, dass dies eines meiner Lieblingsgedichte ist…
      herzlichen Dank, das wünsche ich dir auch!
      LG vom Lu

      • Christiane sagt:

        Dass Bach einer deiner Musik-Götter ist, hätte ich sofort angenommen, von daher: ja, glaube ich direkt!
        Liebe Grüße
        Christiane

        • finbarsgift sagt:

          Stimmt, gegen den Hofkomponisten Gottes habe ich fast nix einzuwenden…
          seine Werke sind fast alle großartig!

          Aber auch die Werke von Herrn Gustafsson persönlich finde ich zumeist sehr gut, insbesondere Risse in der Mauer!

          LG vom Lu

  2. Ulli sagt:

    Und wie ich diese Zeilen lese, denke ich an das Buch: Vindings Spiel von Ketil Björnstad und dass es dir gefallen würde, so, wie mir diese Zeilen.
    Danke, lieber Lu, genieße diesen sonnigen Maientag
    herzlichst
    Ulli

    • finbarsgift sagt:

      Oh ja, liebe Ulli, ich kenne es gut, habe einige Bücher von diesem wundervollen Schriftsteller und Komponisten und Pianisten…
      Dankeschön, du bitte auch!
      Herzlich, Lu

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    Wundervoll ist dieser Mann in seinem schreibenden Denken, in der Wahl seiner Worte,in seinen Einfällen, eine Welt zu beschreiben, die wir als so selbstverständlich empfinden,dass die meisten kaum über sie nachdenken.
    Er tat es ständig und war selbst wie ein Instrument, ein Unikat! Und er klingt weiter …

  4. bruni8wortbehagen sagt:

    und leicht wehenden, erfrischenden Wind bezeichnet er als Monteverdi-Wind.
    Seitdem suche ich nach MonteverdiSpuren *g*
    Auch seine Sicht auf die Hölle ist so verblüffend für mich und doch so stimmig, wenn ich ein bisel nachdenke
    Mein Büchlein ist immer noch unterwegs.

  5. Anna-Lena sagt:

    Ein Geschenk an diesem sonnigen Tag, lieber Lu.
    Hab es heute schön 🙂 .

  6. karfunkelfee sagt:

    An der Nordwand im Kinderzimmer meiner kleinen Großmutter, hing ein Bild. Es zeigte eine winterliche Landschaft vor einer prächtigen Stadtkulisse. Der vereiste See war benetzt von Eisläufern in vornehmer Kleidung aus der Zarenzeit. Obwohl belebt, ging von diesem Bild eine Stille aus, in die ich als Kind darauf wartete, aus dem Seitenwinkel eine kleine Pirouette der Leute auf dem Eis zu erhaschen, denn manchmal, nachdem ich es lange betrachtete, kam es mir vor, als begänne die Szenerie auf dem Eis sich nach einer unsichtbaren Musik zu tanzen und umeinander zu drehen. Ich hörte auch Geigen und es könnte sehr wohl Bach gewesen sein, der in die Stille vor dem Tanz auf dem Wintereis ein luftiges Tuch aus puren leichten Noten warf. Es war atmungsaktiv und schwang mit den Läufern auf dem Eis um die Mitte des vereisten Sees in dem Teich auf dem Bild.
    Liebe Grüße✨

  7. bernard25 sagt:

    Bonsoir ou bonjour

    Une belle amitié
    C’est deux mains sur un clavier
    Le passage sur un profil

    Une image que l’on dépose

    Sur une personne que l’on apprécie
    De quelqu’un gentil et sage
    On dépose des petits mots bien placés
    Dans ce joli petit monde
    Moi je suis toujours là pour faire sourire
    Et cela me fait toujours plaisir
    Au fond de mon coeur
    Je t’offre ce bonheur
    Je te dis bonne nuit ou bonjour

    gros bisous

    Bernard

  8. ellilyrik sagt:

    Ohne Bach?!…kann ich mir eigentlich nicht so vorstellen, lieber Lu!
    Starke und sehr nachdenklich machendene Zeilen. DANKE!!!
    Einen schönen Tag und Sonnen- und Herzgruß Elke

  9. simonsegur sagt:

    Auch eins meiner Lieblingsgedichte von ihm. Diese gewaltige, zusammenfassende letzte Zeile: Die Schlittschuhstille der Welt vor Bach. Vielen Dank fürs Erinnern!

  10. Art of Arkis sagt:

    🙂 Am Grabe Bachs soll Ludwig von Beethoven einmal gesagt haben: “ Dieser Bach sollte Meer heißen.“ 😉

  11. ingeborgthoring sagt:

    Ein schöner Literaturhinweis, Danke
    Herzliche Grüße Inge

  12. schreiblaune sagt:

    Das gefällt! Sehr sogar.

  13. ein wundervolles gedicht, lieber lu!
    ich muss mir wohl unbedingt endlich etwas von diesem schriftsteller zulegen!
    sonnige grüße von diana

  14. Flowermaid sagt:

    … wenn man Musik so empfinden und beschreiben kann… ist Leben erfüllt…

  15. ausgesucht sagt:

    … und doch ist nicht gesagt, ob eine Welt der natürlichen Geräusche nicht auch ergreifend ist (und allemal zu Demut gemahnt bzw. zu dieser anregen sollte) nicht vielleicht doch einer künstlichen Klangwelt, und sei sie noch so genial geschöpft, zumindest ebenbürtig ist.

    • finbarsgift sagt:

      Fein gesagt…

      Ich habe mir außerdem erzählen lassen, dass es im Mittelalter gar nicht so besonders leise gewesen sein soll, auch was die Musik anging!

      Und vor Bach gab es ja bereits Monteverdi, Corelli und Vivaldi…

      zumindest in Bella Italia war da absolut keine skandinavische Schlittschuhstille angesagt.

  16. oh,fantasic.Das hätte auch von Dir sein können.Wunderschön.Danke.Die liebsten Grüsse

  17. gann uma sagt:

    Ich frage mich öfter mal nach der Poesie und Philosophie der Dinosaurier.

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