Auge der Zeit (Celan)

 

Dies ist das Auge der Zeit:
es blickt scheel
unter siebenfarbener Braue.
Sein Lid wird von Feuern gewaschen,
seine Träne ist Dampf.

Der blinde Stern fliegt es an
und zerschmilzt an der heißeren Wimper:
es wird warm in der Welt,
und die Toten
knospen und blühen.

 

 

 

© Paul Celan

Beweis seiner Existenz (Foenkinos)

 

Noch ein weiterer Aspekt soll erwähnt  werden: Frédéric hasste es, irgendwelche Leute zu treffen. Nichts strengte ihn mehr an als der Gedanke, in einem Café sitzen und reden zu müssen. Die Angewohnheit der Menschen, sich für eine Stunde oder zwei zu verabreden, um irgendwelche Neuigkeiten auszutauschen, erschien ihm absurd. Er tauschte sich lieber mit der Stadt aus, das heißt, er ging spazieren. Nachdem er vormittags geschrieben hatte, zog er durch die Straßen und bemühte sich, alles in sich aufzusaugen, die Frauen vor allem.

Manchmal kam er an einer Buchhandlung vorbei, und da stieß es ihm sauer auf. Er betrat den für einen erfolglosen Schriftsteller deprimierenden Ort und quälte sich selbst, indem er nach der „Badewanne“ Ausschau hielt. Natürlich war sie nirgendwo mehr zu finden. Aber vielleicht hatte ein Buchhändler ja vergessen, sie an den Verlag zurückzuschicken, oder wollte sie einfach noch ein wenig im Regal stehen haben? Von Zweifeln zerfressen, wie er war, suchte er schlicht nach einem Beweis seiner Existenz. Hatte er tatsächlich einen Roman veröffentlicht? Wenn die Wirklichkeit ihn doch nur in den Arm hätte kneifen können, um ihn dieser Tatsache zu vergewissern.

 

 

 

© David Foenkinos

Schubertiana (Tranströmer)

 

I

Im Abenddunkel auf einem Platz außerhalb von New York, ein
Aus
sichtspunkt, von dem aus man mit einem einzigen Blick die
Woh
nungen von acht Millionen Menschen umfassen kann.
Die Riesenstadt in der Ferne dort ist eine lange glitzernde Wehe,
ein
seitlich gesehener Spiralnebel.
Drinnen im Spiralnebel werden Kaffeetassen über die Theke
gescho
ben, die Schaufenster betteln die Vorbeigehenden an, ein
Gewim
mel von Schuhen, die keinerlei Spuren hinterlassen.
Die kletternden Feuerleitern, die Fahrstuhltüren, die zusammengleiten,
hinter Türen mit Sicherheitsschlössern ein ständiger
Stim
menschwall.
Zusammengesunkene Leiber dösen in den Wagen der Untergrundbahn,
den vorwärtsrasenden Katakomben.
Ich weiß auch – ohne jede Statistik -, daß jetzt in irgendeinem
Zim
mer in der Ferne dort Schubert gespielt wird und daß für
jemanden
diese Töne wirklicher sind als all das andere.

 

II

Die endlosen Weiten des Menschengehirns sind zur Größe einer
Faust zusammengeschrumpft.
Im April kehrt die Schwalbe in ihr Vorjahresnest zurück, unter die
Dachrinne von genau derselben Scheune, in genau demselben
Ort.
Sie fliegt von Transvaal weg, passiert den Äquator, fliegt sechs
Wo
chen lang über zwei Kontinente, steuert genau diesen
verschwin
denden Punkt auf der Landmasse an.
Und derjenige, der die Signale eines ganzen Lebens in ein paar
ganz
gewöhnliche Akkorde von fünf Streichern einfängt,
derjenige, der einen Fluß durch ein Nadelöhr strömen lassen kann,
ist ein dicker jüngerer Herr aus Wien, von den Freunden
»Schwam
merl« genannt, der mit aufgesetzter Brille schlief
und sich morgens pünktlich ans Schreibpult stellte.
Wodurch sich die wundersamen Tausendfüßler der Notenschrift
in
Bewegung setzten.

 

III

Die fünf Streicher spielen. Ich gehe durch laue Wälder nach Hause,
der Boden federt unter mir,
ich ringele mich zusammen wie ein Ungeborenes, schlummre, rolle
schwerelos in die Zukunft hinein, spüre plötzlich, daß die Pflanzen
Gedanken haben.

 

IV

Auf wieviel wir uns verlassen müssen, um unseren Alltag leben zu
können, ohne durch die Erde zu sinken!
Uns auf die Schneemassen verlassen, die sich an den Berghang
ober
halb der Stadt festklammern.
Uns auf die Schweigeversprechen und auf das einverständige Lachen
verlassen, uns darauf verlassen, daß die Unglückstelegramme
nicht
uns gelten und daß der jähe Axthieb von innen nicht
kommt.
Uns auf die Radachsen verlassen, die uns auf den Motorgelenken
mit
ten in den dreihundertmal vergrößerten Bienenschwarm aus
Stahl
tragen.
Aber nichts von dem da ist eigentlich unseres Vertrauens wert.
Die fünf Streicher sagen, daß wir uns auf etwas anderes verlassen
können. Und sie begleiten uns ein Stückchen auf dem Weg
dorthin.
So, wie wenn im Treppenhaus das Licht ausgeht und die Hand
– ver
trauensvoll – dem blinden Geländer folgt, das durchs
Dunkel führt.

 

V

Wir setzen uns eng zusammen vors Klavier und spielen vierhändig
in F
-Moll, zwei Kutscher auf demselben Bock, es sieht ein
bißchen
lächerlich aus.
Die Hände scheinen klingende Gewichte hin- und herzuschieben,
so
als bewegten wir die Gegengewichte
und versuchten dadurch, das unheimliche Gleichgewicht des großen
Waagebalkens zu verschieben: Freude und Leid wiegen
genau
gleich.
Annie sagte: »Diese Musik ist so heroisch«, und das stimmt.
Aber diejenigen, die neidisch auf die Männer der Tat schielen,
diejeni
gen, die sich innerlich selbst verachten, weil sie keine
Mörder sind,
die erkennen sich hier nicht wieder.
Und die vielen, die Menschen kaufen und verkaufen und glauben,
al
les lasse sich kaufen, die erkennen sich hier nicht wieder.
Nicht ihre Musik. Die lange Melodie, die in allen Verwandlungen
sie
selber ist, mal glitzernd und weich, mal rauh und stark,
Schnecken
spur und Stahltrosse.
Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt
die Tiefe
hinaufbegleitet.

 

© Tomas Tranströmer