Sie erlischt (Heine)

 

 

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,

Und Herrn und Damen gehn nach Haus.

Ob ihnen auch das Stück gefallen?

Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.

Ein hochverehrtes Publikum

Beklatschte dankbar seinen Dichter.

Jetzt aber ist das Haus so stumm,

Und sind verschwunden Lust und Lichter.

Doch horch! ein schollernd schnöder Klang

Ertönt unfern der öden Bühne;

Vielleicht, daß eine Saite sprang

An einer alten Violine.

Verdrießlich rascheln im Parterr‘

Etwelche Ratten hin und her,

Und alles riecht nach ranz’gem Öle.

Die letzte Lampe ächzt und zischt

Verzweiflungsvoll, und sie erlischt.

Das arme Licht war meine Seele.

 

© Heinrich Heine

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56 Kommentare zu “Sie erlischt (Heine)

  1. karfunkelfee sagt:

    Ach, der Heine!
    Wenn ich ihn lese, höre ich die Stimme meines Großvater. Er nahm jedes von Heines Worten zwischen die Lippen wie sein geliebtes Schwarzbrot, das er mit viel Butter obendrauf liebte.
    Wenn er las, senkte sich nicht nur sein Silberkopf, sondern der ganze Mann beugte sich zwischen seinen Schultern hindurch.
    Wenn er Heines Verse sprach, wurde alles andere um mich herum ganz still und leise.

  2. karfunkelfee sagt:

    …er war ein Hingebungsvoller und Temperamentreicher bis ins hohe Alter. Und seinen Heine brachte ich ihm ins Krankenhaus. Zitier mal Gedichte, wenn Du heulen musst und eine mit Tränen gespickte Zunge hast.
    LG

  3. Von Heine habe ich ja lange nicht mehr gehört und gelesen. Ich danke Dir für die -schönen/treffsicheren/spitzen – zitierten Zeilen und für die Erinnerung an diesen guten Dichter.

  4. Corona sagt:

    Als Kind bin ich gerne auf dem Heinrich rumgeklettert. Er saß hoch oben auf einem Sockel auf einem Stuhl. Jeden Tag unbeweglich immer am gleichen Fleck. Ich war von der Figur immer beeindruckt, bin immer um den Sockel gelaufen und habe mir die Gravuren angeschaut und versucht, deren Bedeutung zu verstehen.
    http://www.brunnenstrasse.de/_buch/37.shtml

    Hier sieht man ihn groß und klar, wo ich immer draufkletterte: http://www.luise-berlin.de/abbild/lexikon/mitte/h/heinedenkmal_082088.htm

  5. Corona sagt:

    Ich glaube, ich bin im Spamordner gelandet, kannst du mal gucken?

  6. ingeborgthoring sagt:

    … manchmal bleibt man an der Überschrift hängen und wandert von dort langsam durch den Text.

  7. eckstein sagt:

    er war ganz sicher auch ein synästhet. es riecht nach feuchter, pilziger erde. sonnige grüße an dich!

  8. chris sagt:

    Good old Heine hatte kein einfaches Leben.
    Aber er hinterließ uns viele kluge Zeilen…

    Seine Zeitgenossen schätzten
    ihn wenig, wir dafür umso mehr ! 🙂

  9. Mitzi Irsaj sagt:

    Wunderschön. Heine kann man immer wieder neu entdecken.

  10. www.wortbehagen.de sagt:

    Es ist ein wirklich wundervolles von ihm.
    Leiser, sehr feiner Humor blitzt aus seinen Zeilen, ich höre, wie der Beifall verebbt, die Saite vom Gehäuse springt und die Ratten vorsichtig aus ihren Löchern spitzen, um dann unter dem vermutlich schon lange wurmstichigen Gestühle zu sitzen und dann –
    das Ende seiner Zeilen, das davon spricht, wie das Licht seiner Seele erlischt.

    Die Vorstellung ist aus …

    Plötzlich dachte ich an die Ratten im Geklirr, aber die stammten von Else Lasker-Schüler *g*

    Liebe Grüße an Dich von Bruni, die höchst selten rezitiert.
    Aber im Stillen, da tue ich es oft *lächel*

  11. Flowermaid sagt:

    … die Bühne und das Leben… was ist real, was ist Sein können… Heine hat die Natur zum rocken gebracht… wie genial ist und war das denn…

  12. quersatzein sagt:

    Ach, die armen Seelen. So ernst hat Heine das wohl nicht gemeint.
    Theater eben. 😉
    Belustigten Gruss,
    Brigitte

  13. bmh sagt:

    Die Einsamkeit, die den Schauspieler nach ver Vorstellung heimsucht – im wahrsten Sinne des Wortes.

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