Du, meine Tochter (Cabré)

 

„Du, meine Tochter, solltest jetzt spielen, ordentlich essen, auf Deine Mutter hören und schön groß werden. Wenn du groß bist, wünsche ich mir, daß du dich an Deinen Vater erinnerst, der ängstlich war und ein wenig rebellisch und der für unsere Freiheit getan hat, was er konnte, wenn auch zu spät für Deine Mutter. Und ich will dir noch ein paar Dinge sagen, die Eltern so zu sagen pflegen: Wenn du groß bist, meine Tochter, meide die Heuchelei; verurteile die anderen nicht, schade ihnen nicht, strebe nicht nach Ehre, sieh zu, wo Deine Hilfe am nötigsten gebraucht wird, nicht, wo sie am meisten ins Auge fällt. Und trachte danach, daß es zwischen Dir und den Menschen, die Du liebst, nicht allzu viele Geheimnisse gibt. Zwischen Deiner Mutter und mir gibt es ein Geheimnis, das uns das Herz gebrochen hat. Ein Geheimnis? Eher Unstimmigkeiten. Und ich habe sie nicht genug geliebt. Auf jeden Fall hat es uns das Herz gebrochen, und ich möchte nicht, daß Dir jemals etwas Ähnliches widerfährt. Ich weiß nicht, was ich Dir zum Abschied sagen soll: Jetzt habe ich eine ganze Weile nach den richtigen Abschiedsworten für meine Tochter gesucht und habe sie nicht gefunden. Ich muß gehen. Wenn ich ein Bonbon hätte, würde ich es Dir neben die Hefte legen. Adieu, meine Tochter. Bemüh Dich nach Kräften, Dein Leben lang die Ideen in Ehren zu halten, für die ich mein Leben gebe. Dein Dich liebender Vater.“

 

 

 

 

© Jaume Cabré

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58 Kommentare zu “Du, meine Tochter (Cabré)

  1. www.wortbehagen.de sagt:

    Ein wundervoller Auszug,lieber finbar.
    Jede Zeile berührt mich sehr und ich schlucke, während ich lese. So gute Gedanken sind hier verarbeitet, dass es weh tut zu wissen,wie oft diese Ratschläge und Erkenntnisse nicht eingehalten oder
    nicht mal bedacht,beherzigt werden – früh genug,um
    einerTochter weniger weh zu tun – oder auch einem Sohn …
    Ich habe nur ganz schnell gelesen. Ich werde es wieder tun -in ruhe!

  2. Schöne Wordte, die ans Herz gehen. ❤

  3. So ergreifend, dass ich selbst das Wort „Worte“ falsch schreibe und es nicht merke.

  4. fraggle sagt:

    Da fällt mir ein, dass irgendwo auf einem meiner SuB noch „Senyoria“ von Cabré liegen müsste…

    Da mir sowohl „Die Stimmen des Flusses“ als auch insbesondere „Das Schweigen des Sammlers“ außergewöhnlich gut gefallen haben, stellt sich irgendwie die Frage: Warum liegt das dann noch da? 🙂

    • finbarsgift sagt:

      *lächel* DAS frage ich mich auch gerade, lieber Schreibfreund *g*
      Der kurze Auszug ist aus „Stimmen des Flusses“, das mich die letzten Wochen über so stark beeindruckt hat, wie kaum ein Buch…
      Deshalb nehme ich mir auch noch etwas Zeit, bevor ich „Das Schweigen des Sammlers“ lesen werde…aber darauf freue ich mich schon jetzt seeeehr!
      Und zu guter Letzt dann irgendwann noch „Senyoria“ 🙂
      Liebe Grüße vom Lu

  5. Corona sagt:

    Habe jetzt eine Weile überlegt, ob ich was kommentieren soll oder nicht. Ich kenne Cabré nicht. Auch die Werke nicht.
    Aber dieser Auszug geht zu Herzen und da frage ich mich, wo geht der Vater hin? Bleiben sie nicht in Kontakt, was ist das Geheimnis zwischen den Eltern? Klingt wie ein Abschied für immer.

    • finbarsgift sagt:

      Ja, es ist ein Abschied für immer…
      bevor die Tochter zur Welt kommt, trennen sich die beiden Eheleute, weil sie heimlich bemerkt hat (das Geheimnis), dass der Vater die Mutter mit einer anderen Frau betrügt…
      Außerdem kämpft er in der Zeit des spanischen Bürgerkriegs des Regime Franco als Guerillero, was sie auch nicht will, also verlässt sie ihn (schweren Herzens) schwanger…
      so in etwa der Hintergrund, kurz dargestellt, dieses Briefes des Vaters an seine Tochter, die er noch nie sah und auch nie sehen wird, da er bald heimtückisch erschossen wird und dies vorher erahnt…

  6. sehr bewegend. geht tief!! mit liebem gruß an dich, diana

    • finbarsgift sagt:

      In der Tat, liebe Diana, die vielen inneren Monologbriefstellen des viel zu früh sterbenden Helden an seine (für ihn für immer) unsichtbare Tochter gehen sehr zu Herzen beim aufmerksamen Lesen dieses 800-Seiten-Romans „die Stimmen des Flusses“ des Katalanen Jaume Cabré…
      liebe Morgengrüße
      vom Lu

  7. wunderschöner text, danke! Umso berührender, weil ich eben meine tochter verloren habe….

  8. ingeborgthoring sagt:

    Die Tochter liest den Brief in dem Alter, in dem sie lesen kann. Sie wird ihn mehrfach lesen und je nach Alter und Verfassung andere Nuancen des Geschriebenen begreifen. Was bleibt kann Sehnsucht sein, kann Ablehnung sein … keine Ahnung. Der Vater hat sich selbst ein Denkmal gesetzt, um in der Erinnerung, die nicht durch Dasein gefestigt ist, dennoch gegenwärtig zu ein.
    Das Buch kenne ich nicht.

  9. Was für Zeilen, die unter die Haut gehen und im Herzen bleiben!
    Ich könnte 1:1 den Kommentar von Corona kopieren und zitieren, bin berührt und möchte am liebsten sofort in die Bibliothek laufen und das erste Buch von ihm ausleihen, auch wenn ich Angst habe, übermächtig emotional berührt zu werden. Aber Du schreibst ja, in Erwiderung auf ihre Furcht, von tiefer Traurigkeit übermannt zu werden, Du hättest mehr „Tränen des Lachens … statt Tränen der Traurigkeit“ vergossen.

  10. www.wortbehagen.de sagt:

    Eben habe ich diese beeindruckenden Zeilen noch einmal gelesen, lieber Finbar.
    Deine Kommiantworten haben meine Ahnung ergänzt, daß sie ihn nie mehr sehen kann.
    Daß er im spanischen Bürgerkrieg fällt, dachte ich mir schon …
    Daß er die Tochter nie gesehen hat, ahnte ich nicht. Das zeigt alles nochmal in einem etwas anderen Licht.
    Sich genügend lieben setzt so vieles voraus … Kann denn ein sehr junger Mensch überhaupt genügend lieben, um allen Widrigkeiten des Lebens zu trotzen?
    Ausreichend für eine Zeit, so ist es doch oft und zu oft gibt es dann auch den *Kampf* um Sorgerecht, Besuchsrecht …
    Einer bleibt auf der Strecke. Ist es immer das Kind? Meist sind es doch irgendwie beide, die Kinder sowieso, und selten ist etwas im Nachhinein geradezurücken.
    Genügend Liebe, was heißt das schon. Zu schwierig ist vieles.

    Aber das alles hat nichts mehr mit dem feinen Auszug aus seinem Buch zu tun und ich komme vom Hundertsten ins Tausendste

    Auf jeden Fall hat mich der Auszug sehr berührt, mehr, als ich je gedacht hätte

    Liebe Nachmittagsgrüße von mir

  11. bmh sagt:

    Die Worte sind sehr berührend.

    Das ging mir beim Lesen durch den Sinn:

    Schöne Worte, es könnte aber auch sein, dass der Schreiber dem Kind u.U. eine schwere Last aufbürdet, denn auch sie wird scheitern und aufstehen … scheitern und aufstehen, weil es zum Leben gehört.
    Möglicherweise wird die Tochter das Gefühl haben, dem Vermächtnis des Vaters nicht gerecht geworden zu sein.

    Liebe Grüße
    Barbara

  12. Flowermaid sagt:

    … er war schwach… seine Liebe nicht groß genug… für beide nicht…

  13. Danke für diesen wunderbaren Auszug lieber Lu …

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