Schubertiana (Tranströmer)

 

I

Im Abenddunkel auf einem Platz außerhalb von New York, ein
Aus
sichtspunkt, von dem aus man mit einem einzigen Blick die
Woh
nungen von acht Millionen Menschen umfassen kann.
Die Riesenstadt in der Ferne dort ist eine lange glitzernde Wehe,
ein
seitlich gesehener Spiralnebel.
Drinnen im Spiralnebel werden Kaffeetassen über die Theke
gescho
ben, die Schaufenster betteln die Vorbeigehenden an, ein
Gewim
mel von Schuhen, die keinerlei Spuren hinterlassen.
Die kletternden Feuerleitern, die Fahrstuhltüren, die zusammengleiten,
hinter Türen mit Sicherheitsschlössern ein ständiger
Stim
menschwall.
Zusammengesunkene Leiber dösen in den Wagen der Untergrundbahn,
den vorwärtsrasenden Katakomben.
Ich weiß auch – ohne jede Statistik -, daß jetzt in irgendeinem
Zim
mer in der Ferne dort Schubert gespielt wird und daß für
jemanden
diese Töne wirklicher sind als all das andere.

 

II

Die endlosen Weiten des Menschengehirns sind zur Größe einer
Faust zusammengeschrumpft.
Im April kehrt die Schwalbe in ihr Vorjahresnest zurück, unter die
Dachrinne von genau derselben Scheune, in genau demselben
Ort.
Sie fliegt von Transvaal weg, passiert den Äquator, fliegt sechs
Wo
chen lang über zwei Kontinente, steuert genau diesen
verschwin
denden Punkt auf der Landmasse an.
Und derjenige, der die Signale eines ganzen Lebens in ein paar
ganz
gewöhnliche Akkorde von fünf Streichern einfängt,
derjenige, der einen Fluß durch ein Nadelöhr strömen lassen kann,
ist ein dicker jüngerer Herr aus Wien, von den Freunden
»Schwam
merl« genannt, der mit aufgesetzter Brille schlief
und sich morgens pünktlich ans Schreibpult stellte.
Wodurch sich die wundersamen Tausendfüßler der Notenschrift
in
Bewegung setzten.

 

III

Die fünf Streicher spielen. Ich gehe durch laue Wälder nach Hause,
der Boden federt unter mir,
ich ringele mich zusammen wie ein Ungeborenes, schlummre, rolle
schwerelos in die Zukunft hinein, spüre plötzlich, daß die Pflanzen
Gedanken haben.

 

IV

Auf wieviel wir uns verlassen müssen, um unseren Alltag leben zu
können, ohne durch die Erde zu sinken!
Uns auf die Schneemassen verlassen, die sich an den Berghang
ober
halb der Stadt festklammern.
Uns auf die Schweigeversprechen und auf das einverständige Lachen
verlassen, uns darauf verlassen, daß die Unglückstelegramme
nicht
uns gelten und daß der jähe Axthieb von innen nicht
kommt.
Uns auf die Radachsen verlassen, die uns auf den Motorgelenken
mit
ten in den dreihundertmal vergrößerten Bienenschwarm aus
Stahl
tragen.
Aber nichts von dem da ist eigentlich unseres Vertrauens wert.
Die fünf Streicher sagen, daß wir uns auf etwas anderes verlassen
können. Und sie begleiten uns ein Stückchen auf dem Weg
dorthin.
So, wie wenn im Treppenhaus das Licht ausgeht und die Hand
– ver
trauensvoll – dem blinden Geländer folgt, das durchs
Dunkel führt.

 

V

Wir setzen uns eng zusammen vors Klavier und spielen vierhändig
in F
-Moll, zwei Kutscher auf demselben Bock, es sieht ein
bißchen
lächerlich aus.
Die Hände scheinen klingende Gewichte hin- und herzuschieben,
so
als bewegten wir die Gegengewichte
und versuchten dadurch, das unheimliche Gleichgewicht des großen
Waagebalkens zu verschieben: Freude und Leid wiegen
genau
gleich.
Annie sagte: »Diese Musik ist so heroisch«, und das stimmt.
Aber diejenigen, die neidisch auf die Männer der Tat schielen,
diejeni
gen, die sich innerlich selbst verachten, weil sie keine
Mörder sind,
die erkennen sich hier nicht wieder.
Und die vielen, die Menschen kaufen und verkaufen und glauben,
al
les lasse sich kaufen, die erkennen sich hier nicht wieder.
Nicht ihre Musik. Die lange Melodie, die in allen Verwandlungen
sie
selber ist, mal glitzernd und weich, mal rauh und stark,
Schnecken
spur und Stahltrosse.
Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt
die Tiefe
hinaufbegleitet.

 

© Tomas Tranströmer

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35 Kommentare zu “Schubertiana (Tranströmer)

  1. kowkla123 sagt:

    interessante Geschichte, möge es eine gute Sommerwoche werden

  2. Ich ging ihn gerade mit, den Weg dieser Gedanken. Ich glaube, ich habe die Musik gehört. Wundervoll.

    • finbarsgift sagt:

      Fein, ja, wundervoll: einerseits das Streichquintett in C-Dur und andererseits die Fantasie in f-moll für Klavier zu vier Händen…beide Werke traumhaft schön und zurecht weltberühmt 🙂

  3. ellilyrik sagt:

    Wunderschön, lieber Lu!
    Höre die Musik, sie beflügelt…. und gehe leichten Schrittes mit.
    Herzgruß Elke

  4. Das bringt jetzt eine Saite in meinem Herzen zum Klingen, denn ich höre Schubert sehr gern.
    Herzliche Abendgrüße!

  5. Pega Mund sagt:

    DANKE für’s Teilen!

  6. Flowermaid sagt:

    … aber all das Andere ist der Rhythmus einer Großstadt, es sind die Ouvertüren der Vögel in den Bäumen und Parks am Morgen, gefolgt vom Rythmuß der Müllabfuhr… so schrauben sich die Klänge in den Tag… bis sie sich am Abend mollig verabschieden…

  7. gkazakou sagt:

    Das ist ein großartiges Poem. So ungewöhnlich weiträumig und innerlich zugleich wie der Weg des kleinen Vogels zu seinem Nest. „Die lange Melodie, die in all ihren Verwandlungen sie selber ist ….“ welch ein Versprechen! Darauf vertrauen zu können wie dem blinden Geländer, das ins Dunkle führt, wenn das Licht ausgeht. Lange habe ich nicht solch Gedicht gelesen.

    • finbarsgift sagt:

      Das klingt schön und angemessen, liebe Gerda, und du hast vollkommen recht, deshalb habe ich es auch ausgewählt aus dem Band „Gedichte“ von ihm, den ich schon länger habe, und immer mal wieder zur Hand nehme und lese: ein tolles Poem!

  8. Anna-Lena sagt:

    Ich lasse mich gern von Schubert beflügeln. Sehr schön, lieber Lu und danke dafür.
    Liebe Abendgrüße
    Anna-Lena

  9. Gefunden bei der Beschäftigung mit dem Text

    • finbarsgift sagt:

      Wow, liebe Inge, WAS für ein Fund in diesem Kontext, ich bin total hin und weg…und erneut gerührt von Schuberts Musik des Streichquintetts in C-Dur…
      sicherlich echte Weltmusik für ALLE Zeiten!
      Herzlichen DANK!
      Liebe Grüße
      vom Lu

  10. www.wortbehagen.de sagt:

    Er zaubert einen Blick auf die Stadt, die so viele unterschiedliche Menschen und Schicksale hat.

    Er blickt von ferne auf ihre Gedanken, die sich wie eine Wolke über die Stadt bewegen
    und mitten zwischen allen Gedanken ertönen leise die Klänge, die unsere Herzen bewegen und sich zu den guten Gedanken legen

    Ein großes Poem, eines, das den Rahmen fast sprengt und mehr aussagt, als so viele andere es je können.

    Wie fleißig wast Du da wieder, lieber Finbar
    Ich glaube, ich muß es am Abend nochmal lesen, da ist so vieles drin

  11. www.wortbehagen.de sagt:

    Ich denke, es tut nicht nur dem Geist gut, lieber Finbar, auch die Finger mit allen Gelenken danken es Dir

    Ich habe es eben nochmal gelesen und es ist wirklch gut, wie er die Klänge der riesigen Stadt mit einbringt

    • finbarsgift sagt:

      …und vor allem, wie er den immer noch gegenwärtigen Schubert mit seiner unfassbar zauberhaften Musik, auch diese Tage noch, wie selbstverständlich in unser Leben integriert, wie eine moderne Welt ohne die Zauber(harfen)musik des „Schwammerl“ unmöglich wäre, unmöglich funktionieren könnte…

      • www.wortbehagen.de sagt:

        Diesen Kose?namen für ihn hatte ich noch nie gehört *lächel*

        Er hat Selbstverständliches mit hineingezaubert, damit uns bewußt wird, dass auch hier nicht nur Oberflächliches geschieht oder es nur um Millionenjonglage oder bittere Armut geht.
        Wo Menschen sind, gibt es auch wundervolle Töne und Klänge

  12. www.wortbehagen.de sagt:

    natürlich! Lebewesen hätte ich schreiben sollen, lieber Finbar

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