Im Spätrot (Celan)

 

Im Spätrot schlafen die Namen:
einen
weckt deine Nacht
und führt ihn, mit weißen Stäben entlang-
tastend am Südwall des Herzens,
unter die Pinien:
eine, von menschlichem Wuchs,
schreitet zur Töpferstadt hin,
wo der Regen einkehrt als Freund
einer Meeresstunde.
Im Blau
spricht sie ein schattenverheißendes Baumwort,
und deiner Liebe Namen
zählt seine Silben hinzu.

 

 

© Paul Celan

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don’t cry my love 

don’t cry my love
flamboyant trees
tell you the truth
between sky and earth

don’t cry my love
radiant fishes know
future is present and
present fades into past

don’t cry my love
having its own rules
love leaps into your life
and falls out of it again

© finbarsgift

Zeit wie im Flug

Die Zeit vergeht auf dieser Insel in der Karibik wie im Flug. Apropos Flug. Auf dem Flug hierher, vom amerikanischen Festland aus, bekam unser Flieger plötzlich wohl Schwierigkeiten bei der inwändigen klimatischen Anpassung in der normalen Flughöhe und musste die Hälfte der Strecke dann relativ dicht über dem Boden, sprich Ozean, bis zu unserer karibischen Zielinsel fliegen. Anscheinend schloss sich eine der hinteren (Not-)Türen nicht mehr optimal. Was viele Passagiere beunruhigte, fanden wir beide äußerst interessant, denn dermaßen knapp über dem Meer dahinzufliegen war einfach traumhaft schön.
Heute lesen wir mal wieder recht friedlich nebeneinander, im freien Luftraum nahe der karibischen See liegend, in unseren Büchern zum Thema Linguistik respektive Mathematik und diskutieren zwischendurch immer wieder frisch und jovial über das Gelesene. Ein entspannter Tag also. Inzwischen vermeiden wir es auch, uns unter Kokosnusspalmen zu legen, stattdessen liegen wir zumeist unter den viel friedfertigeren Flamboyants, genießen ab und zu Pina Coladas, obwohl sie so übertrieben süß und verdammt kalorienreich sind.
Gestern machten wir mit einem großen Tragflächenboot eine berauschende Fahrt zu einer der amerikanischen (Nachbar-)Jungferninseln. Das Gefährt düste so affenartig schnell über die karibische See, dass wir dachten, wir fliegen nun noch knapper über den Ozean als schon beim Herflug mit dem fehlerbehafteten Flugzeug. Den ganzen Tag hätte ich mit dieser Hovercraft hin und her fahren können, so begeistert war ich davon! Wir statteten natürlich auf jener Insel meinem alten, grünblauen Kolibrifreund dabei einen längeren Besuch ab. Groß war die Wiedersehensfreude! Aber auch diese Zeit verflog wie im Flug.
Wollen wir nicht mal wieder eine Runde schwimmen und tauchen, töne ich plötzlich mutig und unterbreche unsere schon länger andauernde Lesesession. Überraschenderweise klingt sie sofort zurück: gute Idee! Ich bin zuerst bei den Mangrovenbüschen, singe ich. Nein ich, trumpft sie auf. Und schon rennen wir gleichzeitig los Richtung Wasser.

© finbarsgift

Schweigen ist Gold

Ich liege auf dem Rücken und erblicke mitten durch die vielen roten Blüten des Flamboyantbaums noch einen kleinen blauen Ausschnitt des Himmels. Ich tagträume vor mich hin, genieße das pure Sein im einmaligen Da-Sein auf Erden. Sie liegt neben mir, liest, sagt nichts, auch das ist gut so. Ein paar Meter entfernt plätschert die karibische See. Es ist Mittag.
Gestern machten wir einen kleinen Ausflug kwer über die Insel mit dem Auto, erblickten dabei unterwegs immer wieder mal einige jovial johlende Affen links und rechts von uns in den hohen Bäumen. Wir versuchten ihr Gegröle nachzuäffen, was uns so gut gelang, dass wir selbst laut lachen und grölen mussten. Wie gut das tat. Ansonsten redeten wir unterwegs im Auto kaum etwas, keine gegenseitige Besserwisserei, wie so oft, warum auch, gab es doch so viel interessantes zu hören und zu sehen.
Zum Beispiel die unzähligen Mangobäume links und rechts der Straße. Immer wieder hielten wir kurz an, um ein paar besonders reife Früchte aufzusammeln und an Ort und Stelle zu genießen oder unterwegs im Auto. Auch große Avocadobäume konnten wir bewundern, mit riesigen Früchten. Andere Länder, andere Früchte.
So ein wenig vor sich hinträumen hat was. Doch nach einer gewissen Zeit will ich mal wieder ins Wasser und so frage ich sie: sollen wir? Gehst du mit? Doch kein Wort von ihr, sie liest, das Buch ist sicherlich sehr fesselnd, über Sprache, schweigt. Auch gut, denke ich mir und schaue weiter gen Himmel mitten durch den feuerroten Flamboyantbaum hindurch.

© finbarsgift

Reden ist Silber

Du könntest ja auch mal was sagen, tönt sie. Und sofort erklingen in mir die Alarmglocken. So, als hätte ich nichts gehört, lese ich demonstrativ weiter. Sie zieht ihre Schnorchelbrille auf und begibt sich ins glasklare, karibische Wasser. Das lässt mich nicht kalt, ich schiebe mein Buch zum Thema Algebraic Topology von Carl Faith beiseite und mache es ihr nach. Unter Wasser, inmitten der Mangroven und bunt schillernden Fischschwärmen, lächelt sie mir zu und ich erwidere ihr Lächeln. Das Leben kann verdammt schön sein. Hand in Hand tauchen wir zusammen ein paar Meter in die Tiefe und entdecken auf dem weißsandigen Meeresboden eine große, flache Muschel, fast so groß wie eine Scholle und ihr auch von oben sehr ähnlich. Wir pflücken sie und tauchen wieder auf. Inzwischen ist eine riesige reife Kokosnuss genau auf die Stelle gefallen, wo ich kurz zuvor noch in Ruhe der Mathematik gefrönt hatte, gottlob ist das kostbare Buch heil geblieben. Ich entferne mit meinem Schweizer Messer das Fleisch aus der Muschel, ein wahrer einstündiger Kraftakt, und wir bewundern die zarten Rosatöne innerhalb des Gehäuses: was für eine frische, neugeborene Schönheit! Du könntest schon mal wieder was sagen, tönt sie.

© finbarsgift 

Fremder (Baudelaire)

Wer, rätselhafter Mensch, ist deinem Herzen am liebsten? Sprich!
Dein Vater, deine Mutter, deine Schwester oder dein Bruder?

Ich habe weder Vater, noch Mutter, noch Bruder, noch Schwester.

Deine Freunde?

Du brauchst ein Wort, dessen Sinn ich bis heute nie verstand.

Deine Heimat?

Ich weiß nicht, auf welchem Breitengrad sie liegt.

Die Schönheit?

Ich möchte sie lieben, die göttlich unsterbliche.

Das Gold?

Hasse ich, wie du Gott hassest.

Was also liebst du, staunenswerter Fremder?

Ich liebe die Wolken … die ziehenden Wolken … dort … die wundervollen Wolken.

© Charles Baudelaire