Briefe beantworten (Tranströmer)

 

Im untersten Kommodenfach finde ich einen Brief, der das erstemal vor sechsundzwanzig Jahren kam. Ein Brief in Panik, der noch immer atmet, wenn er das zweitemal kommt.
Ein Haus hat fünf Fenster. Durch vier leuchtet der Tag klar und still. Das fünfte geht auf einen schwarzen Himmel, Gewitter und Sturm. Ich stehe an dem fünften Fenster: der Brief.

Manchmal dehnt sich zwischen Dienstag und Mittwoch ein Abgrund, aber sechsundzwanzig Jahre lassen sich in einem Augenblick durchmessen. Die Zeit ist keine gerade Strecke, sondern eher ein Labyrinth, und drückt man sich an der richtigen Stelle gegen die Wand, kann man die eiligen Schritte und Stimmen hören, kann man sich selbst auf der anderen Seite drüben vorbeigehen hören.

Hat dieser Brief je eine Antwort bekommen? Ich erinnere mich nicht, es war lange her. Die zahllosen Schwellen des Meeres wanderten weiter. Das Herz tat seine Sprünge weiter von Sekunde zu Sekunde, wie die Kröte im nassen Gras der Augustnacht.

Die unbeantworteten Briefe ballen sich hoch oben zusammen, wie Zirrostratuswolken, die Unwetter ankündigen. Sie machen die Sonnenstrahlen matter. Einmal muß ich antworten. Einmal, wenn ich tot bin und mich endlich konzentrieren kann. Oder wenigstens so weit von hier weg, daß ich mich selbst wiederfinden kann. Wenn ich frischangekommen in der großen Stadt über die 125. Straße gehe, im Wind über die Straße des tanzenden Mülls. Ich, der ich es liebe, umherzuschlendern und in der Menge zu verschwinden, ein T in der unendlichen Textmasse.

 

 

 

© Tomas Tranströmer

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51 Kommentare zu “Briefe beantworten (Tranströmer)

  1. www.wortbehagen.de sagt:

    Ein Text, der es in sich hat, lieber Herr Tranströmer, T in der Textmasse und doch nicht alleine, so viele sind da, und keiner, der nicht die Abgründe zwischen den Tagen kennt. Nur darüber nachdenken, das tun die Wenigsten.

    Ich ließ mal liegen, es ist lange her, weil mein Herz weitergewandert war, und noch bevor ich antwortete, gab es den jungen Mann nicht mehr … Er hatte sein kleines irdisches Leben beendet… Es war zu spät, für jegliche Antwort zu spät…

    Es hat sich mir eingebrannt.

  2. Was für ein Text. Nachdenkenswert und sehr inspirierend.

  3. rotherbaron sagt:

    Ein wundervoller Text. Hat mich sehr berührt.

  4. Der dritte Absatz über die Zeit, der ist bemerkenswert. Sehr gut beobachtet und zu Papier gebracht.

  5. Lieber Lu,
    das ist ein Text zum mehrmals lesen. Er geht mir sehr nahe.

    Liebe Grüße zu dir
    „Benita“

  6. Ein Text der nachdenklich macht.

  7. Flowermaid sagt:

    … jedes Leben kennt solche Zeilenmomente… nur sind sie nicht so entwaffnend formuliert…

  8. Ulli sagt:

    Das ist ein gewaltiger Text, lieber Lu, ich dake dir fürs Teilen … den habe ich nicht zum letzten Mal gelesen …
    und plötzlich erinnerte ich mich an die Mappe mit den unabgeschickten Briefen, bei ihnen hat auch die Konzentration nie gereicht! Und so blieb auf der anderen Seite Unbeantwortetes –
    aber vielleicht können wir auch gar nicht auf alles antworten, wie wäre es mit Schweigen in Frieden???
    liebe Grüße
    Ulli

  9. Karin sagt:

    Verloren- und Verlassenheit, Schmerz, Trauer, Unvermögen und doch immer noch Neugier treiben das schreibende Ich um.
    Lieber Lu, wenn Dir das Nachstehende zuviel ist, dann lösche es bitte wieder, aber ich könnte mir vorstellen, dass der obige Text Deine Leserschar neugierig gemacht hat.
    Deswegen wer mehr über diesen Dichter erfahren möchte, im planet lrik ist viel über ihn und sein Schreiben zu erfahren und hier ein Bericht von Michael Krüger und ein Video von ihm als Klavierspieler ausschließlich mit der linken Hand nach einem Schlaganfall.
    https://youtu.be/O_EHBn-0FVg
    https://youtu.be/ApiaFYq3wZc
    Lieber Abendgruß an Dich und ich bin keinesfalls böse, wenn Du nur die ersten zwei Zeilen stehen läßt -:))

  10. sugar4all sagt:

    Ganz ganz toll..ich höre seinen Atem ❤

  11. quersatzein sagt:

    Wie wunderschön poetisch und geheimnisvoll.
    Unsagbar!
    Lieben Gruss,
    Brigitte

  12. Guten Morgen, lieber Lu
    Briefe beantworten … Briefe, unbeantwortete bleiben nah am Ich. Geraten möglicherweise weniger schnell in den Kasten des Erledigt-Seins. … abgehakt, abgeschlossen, beenden … ich frage mich laienhaft, ob das überhaupt möglich ist, wenn man die Vorstellung vom Fluss des Lebens hat.

  13. www.wortbehagen.de sagt:

    dazu gehört eine sehr starke Verbindung zwischen den Schreibenden *schmunzel*

  14. Anna-Lena sagt:

    Zwei Mal habe ich diesen Text gelesen – er ist umwerfend gut. Und nun habe ich eine Kiste mit Briefen aus den letzten 50 Jahren neben mir, die ich sicherlich alle beantwortet habe. Aber wenn ich diese Menschen nun etwas fragen wollte – fast alle sind tot.
    Also muss ich auch warten, bis ich tot bin – in dier Hoffenung, sie in anderer Form erneut zu treffen?

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