Kann man nichts sein? (Cabré)

 

Nachdem Bernat einen tiefen Seufzer ausgestoßen hatte, klappten die beiden Jungen das Album wieder zu und warteten geduldig im Zimmer. Über irgendetwas mussten sie reden, und Bernat hätte Adrià gern die Frage gestellt, die ihm keine Ruhe ließ, die er aber nicht stellen durfte, weil man ihm zu Hause gesagt hatte, das Thema schneidest du am besten nicht an, Bernat. Und schließlich fragte er doch: „Warum gehst du eigentlich nicht zur Messe?“
„Ich bin freigestellt.“
„Von wem? Von Gott?“
„Nein, von Pater Anglada.“
„Ach … Aber warum gehst du nicht?“
„Ich bin kein Christ.“
„Sag bloß!“ Verwirrtes Schweigen. „Kann man das, kein Christ sein?“
„Ich nehme es an. Ich bin keiner.“
„Aber was bist du dann? Buddhist? Japaner? Kommunist? Oder was sonst?“
„Ich bin gar nichts.“
„Kann man nichts sein?“

Als Kind habe ich nie eine Antwort auf diese Frage gewusst, weil das Thema Beklemmungen in mir auslöste. Kann man nichts sein? Ich wird nichts sein. Werde ich wie die Null sein, die weder eine natürliche noch eine ganze noch eine rationale noch eine reelle noch eine komplexe Zahl ist, sondern das neutrale Element in der Summe der ganzen Zahlen?
Ich fürchte, nicht einmal das: Wenn ich nicht bin, werde ich auch nicht mehr gebraucht, sofern ich überhaupt jemals gebraucht wurde.

„Howgh. Jetzt komme ich nicht mehr mit.“
„Bring ihn nicht durcheinander.“
„Nein, wenn es nach mir ginge …“
„Dann halt den Mund, Schwarzer Adler.“
„Ich glaube an den Großen Geist Manitu, der die Prärie mit Büffeln übersät, den Menschen Regen und Schnee bringt und die wärmende Sonne bewegt, die er zur Schlafenszeit verschwinden lässt, der den Wind heulen lässt, den Fluss durch sein Bett leitet, das Auge des Adlers auf seine Beute lenkt und dem Krieger, der sich bereit macht, für sein Volk zu sterben, Mut verleiht.“

„Hallo, Adrià, wo bist du?“
Adrià blinzelte und sagte, hier bei dir, wir reden über Gott.
„Manchmal bist du weit weg.“
„Ich?“
„Meine Eltern sagen, das kommt daher, weil du so klug bist.“
„So ein Blödsinn. Ich hätte so gern …“
„Fang nicht schon wieder damit an.“
„Sie lieben dich.“
„Lieben dich deine Eltern nicht?“
„Nein, sie berechnen mich. Sie messen meinen Intelligenzquotienten, überlegen, mich auf eine Spezialschule in der Schweiz zu schicken, wollen mich drei Schuljahre in einem absolvieren lassen.“
„Klasse, Mann!“ Er sah mich aus den Augenwinkeln an. „Oder nicht?“
„Nein, Sie diskutieren über mich, aber lieben tun sie mich nicht.“
„Pah, ich mache mir gar nichts aus der Küsserei …“

 

 

© Jaume Cabré

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85 Kommentare zu “Kann man nichts sein? (Cabré)

  1. fraggle sagt:

    „Das Schweigen des Sammlers“?

  2. Corona sagt:

    Es gibt keinen Gott. Die Menschheit bildet sich das ein, weil sie nicht Nicht sein wollen. Aus dem Nichts kommen wir, ins Nichts gehen wir wieder zurück. Dazwischen ist nur die Existenz. Also sind wir doch nicht Nichts.
    Und wenn es doch einen Gott gibt, dann haben wir unserer Existenz einen Namen gegeben, um dem Nichts etwas greifbares zu geben. Wie ein klammern am Strohhalm. Wieso sollten wir Nichts sein, vom Nichts kommen und ins Nichts gehen? Wo ist da der Sinn? Da muss es doch was geben? Was ist das Nichts? Das Nichts muss auch aus etwas bestehen, damit eine Existenz existieren kann. Das Nichts ist nur nicht greifbar, das geht über unseren kleinen Verständnis hinaus.

  3. gkazakou sagt:

    wunderfeine Dialoge, durch die eine schöne Beziehung der Jungen hindurchscheint. Besonders beeindruckt mich die Unterscheidung: sie lieben dich – sie berechnen mich, und die Reaktion von Bernat. Aber auch, wie das „Nichts“ gefüllt wird mit dem Großen Geist. Das Buch heißt „Das Schweigen des Sammlers“? Mir scheint, die Lektüre lohnt sich? iebe Grüße dir!

  4. Schöner Dialog und klasse Kommentare. Wir sind nicht Nichts, wir sind Menschen und doch würden sich andere Säugetiere solche Gedanken nicht machen, denn ihr Sinn des Lebens ist die Erhaltung einer Gemeinschaft, wie sonst überhaupt in der Natur.

  5. Liebe bewahrt vor dem Nichts

  6. www.wortbehagen.de sagt:

    Ca. eineinhalb Sekunden brauchte ich, dann erkannte ich diese eine Szene wieder,
    eine von so vielen wundervoll guten in diesem Werk. Eine reiht sich an die nächste.
    Sein erste Begegnung mit Bernat, wenn ich nicht irre, dem bewundernswerten Geiger, der später viel lieber schrieb, obwohl sein Talent beim Geigenspiel lag…

    *Wenn ich nicht bin, werde ich auch nicht (mehr) gebraucht*
    Sehe ich auch so, aber manchmal erkennt man gar nicht, daß man gebraucht wird…

    Das Schweigen des Sammlers liest sich langsam besser. Es ist so vieles darin zu verarbeiten.
    Für einen flüchtigen Leser wird es vielleicht schwierig. Es ist so vieles verpackt, das wichtig zu erkennen ist.
    Wie oft habe ich mit Herzklopfen gelesen, habe mich auch mit Schaudern abgewandt und dann schnell weitergelesen, weil Herr Cabré eine unterschwellige Spannung erzeugte, der ich mich nicht entziehen konnte.
    Ein Wunderwerk, lieber Finbar, aus dem Du eine sehr feine Szene herausgepickt hast, die aber schon so viele Fragen aufwirft.

  7. Dieser Auszug macht Lust auf mehr!

  8. kowkla123 sagt:

    tolle Dialoge, lieber Lu, es wird alles wieder besser, glaube ich, Klaus(in Bezug auf das Wetter)

  9. TeggyTiggs sagt:

    …nicht nichts zu sein beinhaltet eine große Aufgabe, denn nicht nichts zu sein bedeutet Beschränkung, die Beschränkung auf das, was man ist und diese Begrenzung spaltet einen vom großen Ganzen ab, das muss einsam machen und lässt eine große Sehnsucht zurück…

    …als beschränktes Wesen wird man ge-braucht im Sinne von benutzt…

    …das erscheint mir ein Mangel zu sein, ein Hinweis auf eine Unvollkommenheit, die ich eben nicht habe, wenn ich nichts bin…nichts, was sich abhebt, geht in der Vollkommenheit auf (und unter natürlich…)

  10. kowkla123 sagt:

    hab es mir nochmal durch gelesen, echt topp, sag ich da nur, mache es gut bis Montag, Klaus

  11. Flowermaid sagt:

    … wenn das Nichts aus dem wir kommen Alles wäre… wäre das Allumfassendeprinzip in einem Jeden von uns… und wir könnten uns gar nicht reduzieren lassen… nicht mal erklären…

  12. bmh sagt:

    Über das, was wir „Nichts“ nennen machen sich die meisten Menschen irgendwann einmal Gedanken, bis sie für sich eine Antwort finden.

    Nichts … ich kann nichts darüber sagen … aber es erahnend beschreiben und wenn es mir danach ist – ES besingen.
    Glück erfasst mich, wenn ich sehe, dass jeder seine ureigene Handschrift hat. Der Vogel, der Baum, auch Ich und Du …
    „Alles“ besingt das LEBEN, gespeist von etwas, das wir deshalb irgendwann das Nichts nennen, weil wir nicht in der Lage sind, dieses unaussprechlich wunderbare Große zu bennenen… ein großer Moment.

    Sofort belegen wir diesen Moment mit einem Wort *lächel*, wir nennen ihn „Bewusstwerdung“ und teilen ihn anderen mit- in tausend Facetten besingen wir ihn, nicht ahnend, dass wir ihn für uns selbst herausarbeiten bis, ja bis wir still im Innern werden – dem Fährmann gleich, in H. Hesses Buch so gut beschrieben – STILL ist der Fährmann.

    Er ist „da“ und „Nicht-da“.
    Die Frage: Kann man Nicht“s sein?
    Der Fährmann stellt sie nicht (mehr).
    Er IST.

    Grüße an Dich, lieber Lu und auch an Bruni. Ich habe vorher bei ihr das Gedicht „Die Sonne“
    gelesen. Auch sie hat mich zu diesen Worten inspiriert.

    Sie sagt oben im Kommentar:

    *Wenn ich nicht bin, werde ich auch nicht (mehr) gebraucht*
    … aber manchmal erkennt man gar nicht, daß man gebraucht wird…

    Dem Fährmann erübrigt sich diese Frage. Er IST.

    Herzlich
    Barbara

    • finbarsgift sagt:

      Wundervoll, dein Kommentar, liebe Barbara,
      was für zauberschöne Gedanken zum Nichts und zu demjenigen, der zwischen dem Nichts und dem IST verkehrt…
      Herzliche Morgengrüße vom Lu

      • Oh, was für ein wunderbarer Gedanke – zu verkehren zwischen dem Nichts und dem IST :
        Bitte, würdest Du so gut sein und und Deinen Kommentar auch bei mir bei „schwerelos“
        einstellen. Du würdest mir eine große Freude machen.
        Ich habe mit dem Verweis auf Dich meinen Kommentar dort nämlich auch eingestellt.

        Herzlich Barbara

  13. kowkla123 sagt:

    hab eine gute Woche, gesund und fröhlich, wenn möglich, Klaus

  14. sam sagt:

    Ich wünsche Dir, den ganz besonderen Menschen, eine ganz besondere Woche. 🙂

    Der Eintrag ist hoch interessant. Besonders im vergangenem Jahr habe ich mich intensiv mit dem Sein und Werden beschäftigt. Vieles hat sich in mir umgekrempelt und die Beobachtung der verschiedenen Strukturen der Präsentation von Wirklichkeiten, sind mehr und mehr durchschaubarer geworden. Die Strategien der Vermittlung von Religionen, lassen heute noch erfolgreiche Werbeagenturen neidisch werden.

    Es scheint die Zeit des Erwachens und des Hinterfragens intensiviert zu sein und immer mehr Menschen spüren, dass sie mehr sind, als das, was als normisierter Wert seit Jahrtausenden über eingepflanzt, auferlegt, gehegt und mit vorgegebenen Ritualen gefestigt wurde, alleine aus dem Grund, um den Welt lukrativsten Ablasshandel bis heute aufrecht zu erhalten.

    Die Religion: Dem Einfachen gilt sie als wahr, dem Gelehrten als falsch und dem Herrschsüchtigen als nützlich.

    Der Nobelpreisträger für Physik:
    Steven Weinberg, sagte im April 1999

    Religion ist eine Beleidigung
    der Menschenwürde.

    Mit ihr oder ohne sie würden
    gute Menschen Gutes tun und
    böse Menschen Böses.

    Aber damit gute Menschen
    Böses tun, bedarf es der Religion.

  15. kowkla123 sagt:

    beste Grüße von mir für dich, Klaus

  16. kowkla123 sagt:

    lass es dir gut gehen und passe auf dich auf, Klaus

  17. ausgesucht sagt:

    Vermutlich gibt es sowas wie ‘nichts sein’, zumindest ein Nichts.

  18. Myriade sagt:

    Hach, mein reader hat dich wieder einmal verweigert. Was ich alles versäumt habe !
    Mit dem Respekt vor den Atheisten sieht es manchmal schlecht aus. Dabei ……… dazu sage ich aber lieber nichts …..
    Schwierige Frage, ob man sich selbst nur schätzen kann, wenn man gebraucht wird. Jeder Mensch hat großes Potenzial und wahrscheinlich wird auch jeder Mensch von anderen gebraucht. Besser aber ist es eindeutig geliebt zu werden und nicht gebraucht. Da habe ich einmal ein schönes Zitat vom Dalai Lama gelesen „Beschäftigt euch mehr mit den Menschen, die ihr liebt als mit jenen, die ihr braucht“.
    Ein Kind, das sich ungeliebt fühlt, zeigt eigentlich ein Versagen der umgebenden Gesellschaft

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