Der Tod (Canetti)

Der Tod ist die erste und älteste,
ja man wäre versucht zu sagen:
die einzige Tatsache.

Er ist von monströsem Alter
und stündlich neu.
Er hat den Härtegrad Zehn,
und wie ein Diamant schneidet er auch.
Er hat die absolute Kälte des Weltraums,
Minus Zweihundertdreiundsiebzig Grad.
Er hat die Windstärke des Hurrikans,
die höchste.
Er ist der sehr reale Superlativ,
von allem;
nur unendlich ist er nicht,
denn auf jedem Weg wird er erreicht.

Solange es den Tod gibt,
ist jeder Spruch ein Widerspruch gegen ihn.
Solange es den Tod gibt,
ist jedes Licht ein Irrlicht, denn es führt zu ihm hin.
Solange es den Tod gibt,
ist nichts Schönes schön, nichts Gutes gut.

© Elias Canetti

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94 Kommentare zu “Der Tod (Canetti)

  1. Christina Aljosha Axinte sagt:

    Aber werden manche Dinge nicht gerade erst deswegen kostbar und schön, weil sie begrenzt sind?

  2. … warum wiederkehrende Arbeiten machen …

  3. gkazakou sagt:

    „Solange es den Tod gibt“ – gibt es auch das Leben. Die beiden sind eins.

    • finbarsgift sagt:

      Das sehe ich ganz anders, sozusagen logisch als xor, exklusives oder: solange ich lebe, gibt es für mich keinen Tod.
      Bin ich irgendwann mal tot, dann lebe ich nicht (mehr)…

  4. schlingsite sagt:

    Der Tod kann aber auch von Schmerzen erlösen; für manche ist er sogar nur ein Übergang. Meistens rafft er jedoch die Lieben zu früh dahin und lässt die Scheusale dafür um so länger leben.

  5. Ulli sagt:

    Gerade im Anblick des Todes kann Schönes noch schöner werden, denke ich, aber ich bin ja auch nicht Canetti 😉
    herzliche Montaggrüße an dich
    Ulli

  6. … im Angesicht des Todes verschwendet man seine Tage nicht

  7. www.wortbehagen.de sagt:

    Ich zäume das Pferd mal am Schwanz auf und bestreite diese letzten seiner Zeilen

    *Solange es den Tod gibt,
    ist nichts Schönes schön, nichts Gutes gut.*

    Warum sollte sich der Erdling nicht freuen können
    Schönes nicht erkennen
    Leid nicht fühlen
    Freude nicht spüren
    Leidenschaft nicht empfinden?

    Nur weil er weiß, daß er irgendwann sterben muß, weil er gar nicht unendlich sein kann?

    Der Tod gehört zum Menschenleben, genau wie der Körper, der unsere Gedanken und Gefühle umhüllt und all unsere Lebenslust

  8. Das Bewusstsein des eigenen Todes belastet mich überhaupt nicht, hat auch keinen Einfluss auf meine Lebensfreude. Es beeinflusst jedoch bedingt einige meiner Entscheidungen. Anders sieht es aus bei den Mitgliedern meiner Familie, besonders Mann, Kinder oder Enkel.

    • finbarsgift sagt:

      Du Glückliche…
      (und eigentlich kann ich es nicht glauben *lächel* )
      LG vom Lu

      • Ich hab mir schon sehr früh Gedanken darüber gemacht und ja, ich bin in der Gesamtbetrachtung ein glücklicher Mensch – trotz einiger bewältigter Katastrophen. Die Naturgesetze sind fast das einzige, das ich als Maßstab für mein Leben anerkenne. Deshalb ist es für mich logisch, dass die Maschine sich abnutzt und eines Tages nicht mehr funktioniert. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass man stirbt, wenn die Zeit abgelaufen ist. Also brauche ich mir darüber auch nicht mehr den Kopf zu zerbrechen. Und nichts verschwindet wirklich, es ändert lediglich seinen (Aggregat-)Zustand.

  9. Hallo Lu,
    vielen Dank für Deinen Beitrag von Elias Canetti. Ich habe ihn schon ganz vergessen, obwohl ich vor Jahren einmal „Die Blendung“ von ihm las.

    Bei näherem Nachdenken erkenne ich, dass das Thema Tod für mich zum Leben dazugehört. Denn täglich sterben weltweit viele Menschen – auch durch Naturkatastrophen und Kriege. Daran komme ich gar nicht vorbei, obwohl die Meldungen mich leider auch abstumpfen.

    Der Gedanke an den eigenen Tod macht mir weder Angst, noch weckt er in mir Unruhe. Ich denke, der Tod führt mich – wie durch ein Tor – einen Schritt auf meinem unendlichen Weg weiter. So möchte ich mein jetziges Leben genießen und noch große Pakete menschlicher Werte auspacken, um für den nächsten Schritt hinter dem Tor gut vorbereitet zu sein. Ja, mit dieser Einstellung lebe ich gut. Jeder atmet in nach seiner eigenen Philosophie.

    Dir, lieber Lu, lebensfrohe Montagsstunden – vielleicht am besten ohne Gedanken an den Tod. Draußen scheint die Sonne, und die Vögel trällern in den Bäumen.

    LG von Paul

  10. Doch sinnloser als Irrlichter, erscheint mir der Kampf gegen den Tod

  11. kowkla123 sagt:

    manchmal stört es mich nicht, manchmal sehr, eine gute Woche wünsche ich dir, Klaus

  12. Videbitis sagt:

    „Solange es den Tod gibt, ist jeder Spruch ein Widerspruch gegen ihn.“ – kann man so stehen lassen; indirekt ist aber alles, was man tut und sagt, ein Widerspruch gegen den Tod: Wenn man das Leben vom Ende er betrachtet, ist für einen persönlich vielleicht alles völlig sinnlos, und man fragt sich, warum man überhaupt auch nur ein Wort gesagt, eine einzige Handlung getan hat. Ich finde ja, man sollte dem Tod viel und oft widersprechen – nicht mit Worten und Gedanken, das bringt ja nichts, aber mit Taten, und sei es nur, daß man ein gutes Essen genießt.

    „Solange es den Tod gibt, ist jedes Licht ein Irrlicht, denn es führt zu ihm hin.“ – metaphorisch gesprochen. Kann man so betrachten, wenn man sich runterziehen will. Die Franzosen nennen den Orgasmus auch „kleiner Tod“, weil jeder Orgasmus einer weniger ist von der Azahl, die man im Leben noch erleben wird. Meiner Ansicht nach ist das idiotisch: Da man die Anzahl nicht kennt, ist es Blödsinn, sich darüber Gedanken zu machen, wie viele „Lichter“ wohl noch aufscheinen werden.

    „Solange es den Tod gibt, ist nichts Schönes schön, nichts Gutes gut.“ Das erscheint mir nicht nur komplett falsch zu sein, nein, das Gegenteil ist der Fall: Das Schöne und Gute ist gerade so durch seine Begrenztheit. Gerade, weil (!) wir sterblich sind, können wir das Schöne und das Gute intensiv erleben. Wären wir unsterblich, würden das Gute und Schöne über die Jahrtausende, die wir leben würden, stark an Reiz verlieren. Es wäre uns zunehmend egal. Wir sollten das Gute und das Schöne feiern, so oft es geht – daß wir es können, verdanken wir dem Tod!

  13. Nice!!! Kisses ❤ ❤ ❤

  14. karfunkelfee sagt:

    Lieber Lu,
    Es ist dieser letzte irgendwie untröstliche Satz Canettis. Ist nichts Gutes gut, nichts Schönes schön? Oscar Wilde las ich so: Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.
    Auch dieses Zitat vermag Canettis realistische Relativierung des Lebens im Angesicht des Todes nicht zu entkräften. Nichts vermag das, denn er hat Recht und im letzten Satz weiß ich wohl wie er es meint und setze dennoch hier das Wilde-Zitat mir als Trost gegenüber. Und denke dabei nicht daran, dass es nicht universell gelten kann, der Tod ist so höchstpersönlich und individuell. Für so viele Menschen ist nichts gut wenn sie sterben.
    Allerdings kann der Tod bescheiden machen wenn man in jedem Tag ein Glück finden kann noch zu leben.
    Liebe Grüße zu Dir von der Fee✨

  15. Meermond sagt:

    Leb das Leben, lieber Lu. Es ist zu einzigartig, um sich über den Tod zu grämen.
    Gute Nacht 🌃

  16. quersatzein sagt:

    Ich denke, Canetti schrieb vor allem und vehement gegen den Tod an.
    Ich mag seine schonungslose Sicht.
    Lieben Morgengruss,
    Brigitte

  17. Meine Art sagt:

    Ist es nicht gerade schön weil es endlich ist oder begrenzt? Ja der Tod beendet alles, aber vorher haben wir ja Zeit die wir nutzen können. Wenn alles schön und gut wäre, und es keine Begrenzung durch den Tod gäbe, wäre es sicherlich langweilig, so müssen wir uns auch mit dem Tod befassen der nicht immer schön ist aber für viele auch ersehnt wird. Die Angst vor ihm ist unbegründet, das Sterben ist der schlimmere Teil.

    LG
    Astrid

  18. www.wortbehagen.de sagt:

    ich empfinde sehr ähnlich wie Astrid, lieber Finbar

  19. Wenn man sich intensiv mit dem Tod befasst, kommen manchmal solche Überlegungen. Doch zum Glück können wir uns meistens dem Leben zuwenden.
    Ganz liebe Grüße an Dich. Priska

    • finbarsgift sagt:

      Oft werden wir (erst) durch den Tod eines geliebten Menschen auf ihn aufmerksam, oft übt er sogar ab da eine gewisse Faszination aus, gedanklich auf jeden Fall…
      Herzliche Abendgrüße vom Lu

  20. Myriade sagt:

    ABER die unumstößliche Tatsache, dass wir alle sterben werden, macht das Leben auch wertvoller

  21. Corona sagt:

    Der Tod ist etwas endgültiges. Unentrinnbar. Jeder Lebensweg führt dorthin, unausweichlich. Das Ende. Aus. Schluss. Vorbei. Nichts.

  22. Ohne Tod kein Leben und ohne Leben kein Tod.
    Denn von dem Moment an, an dem wir geboren werden, gehen wir auf den Tod zu.

    • finbarsgift sagt:

      Vollkommen richtig!
      Und das seltsamste daran: wir können nichts dafür, denn es war ja nicht unser eigener Wille geboren zu werden,
      wir wurden dazu vergewaltigt, gezwungen, ohne unser Zutun ins Leben geworfen…

  23. pflanzwas sagt:

    Ich habe kurz überlegt, ob ich gefällt mir klicken soll. Mir gehts wie Videbitis. Gerade weil es den Tod gibt, können wir die Schönheiten hier genießen, das Leben genießen. Gäbe es keine Begrenzung, würde es vielleicht irgendwann langweilig werden. Ohne Dunkelheit kein Licht, ohne Schmerz keine Freude. Das schließt die Angst vor dem Tod nicht aus, auch die gehört wohl dazu. Ich fände es schön, wenn man dem ganz gelassen entgegensehen könnte…zumal wir nicht wissen, wann wir sterben werden (so wie die Tiere). Es kann in 20 Jahren sein, aber auch morgen. Umso wertvoller ist jeder Moment. Ich wünschte, ich würde es schaffen, noch viel viel mehr im Hier und Jetzt zu leben. Leider plagen mich oft genug Gedanken an Morgen, was völlig überflüssig ist 😉 Ich hoffe, daß ich noch genug Zeit zum Üben habe 🙂

    • finbarsgift sagt:

      Das klingt sehr beeindruckend und irgendwie passend…doch ich bin nicht sicher, ob das zutrifft, denn ICH würde MIT SICHERHEIT wesentlich entspannter und auch glücklicher leben, wüsste ich nichts vom Tod, von meinem eigenen Tod…
      weil… er nervt mich schon!
      Allein der Gedanke…

      • pflanzwas sagt:

        Du weißt doch gar nicht wann es soweit ist. Zum Glück wissen wir auch nicht, wann der nächste Zahnarztbesuch fällig ist 😉 Nein, natürlich sind die Gedanken daran unangenehm. Schrieb hier nicht jemand, es ist die Angst vorm Sterben, nicht die vor dem Tod an sich. Das denke ich auch manchmal. Wenn man einfach nur einschlafen würde, daß wäre prima. Ach ja, ein Thema, daß man hier schlecht in ein paar Blogkommentaren ausdiskutieren kann…Es bleibt uns jedenfalls nichts anderes übrig, als damit zu leben. So oder so. Dennoch denke ich, bringt die Begrenzung auch etwas Gutes mit sich. So wie Licht und Dunkelheit, Freude und Leid….auch wenn uns die eine Seite meist nicht gefällt. LG, Almuth

        • finbarsgift sagt:

          Die Abwechslung Licht und Dunkelheit, liebe Almuth, IST wundervoll, und die von Freud und Leid auch…
          aber nicht die von Leben und Tod…weil sie einmalig und tödlich ist. Alles wird für immer gestoppt! Aus, Schluss, vorbei…
          Liebe Herbstgrüße vom Lu

          • pflanzwas sagt:

            Man kann sich aber überlegen, was man mit dieser wertvollen „geliehenen“ Zeit anfangen möchte. Ich las gerade in einem Büchlein, daß die Menschen, die ihren Lebenssinn oder Zweck gefunden haben und ihn leben, weniger Angst vor dem Tod haben. Dazu kann ich nichts sagen. Bin mir nicht so sicher, ob ich da schon angekommen bin. Wäre aber eine interessante Frage, ob das zur Entspannung beiträgt…Liebe Grüße, Almuth

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