Himmelsaquarelle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© finbarsgift

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Nebelwalk

 

Einen längeren Walk durch dichten Nebel habe ich vorhin gemacht, massiv dabei Gedanken gewälzt, meine Füße bewegten sich dabei kwasi automatisch, sie kannten die Strecke, die ich schon xmal zuvor gegangen bin, Eichelhäher und Grünspechte kreuzten immer wieder meinen Weg, zu meiner großen Freude, im Gegensatz zu den mehr als seltsamen Dingen, die sich in der deutschen Po-litik, die derzeit permanent mit Jamaikafarben übertüncht wird, ereignen, doch was ist das für ein unsinniger Karibikurlaubseuphemismus für einen kaum sichtbaren grüngelben Anstrich der politisch eh schon ewig so langweiligen, durchschnittlichen, tiefschwarzen  Merkelkanzlei, zu was politische Wahlen so alles führen können, da schüttelt sich mein ganzer Körper, und Geist und Seele schütteln sich auch vor Abscheu, während ich immer rascher den Hügel hochwalke, keine Aussicht heute, wegen des wirklich sehr dichten Nebels, selbst hier oben, inzwischen ziemlich weit über dem Neckartal, dafür ist der Blick nach innen heute irgendwie  noch geschärfter als sonst, da äußern zum Beispiel Leute, Nobelpreisträger/innen der Literatur seien Idioten, was soll man dazu bloß noch sagen, in einer Zeit, da viele Menschen nur noch mit wenigen Zeichen twittern um sich zu verständigen, ihre großartigen Meinungen damit kundzutun (wie jener vermaledeite megastarke US-Dollar-Amerikaner, Mr. Twitter-Trumpet-Man), da ist ja jedes Buch eines literarischen Nobleurs sozusagen ein Verbrechen gegenüber der Twittermenschheit, zu erwarten nämlich, dass mehrere hundert Seiten lange gehaltvolle Romane gelesen werden müssen, um darüber etwas sagen zu können, fatal, also solche Leute lieber als Idioten abstrafen, zack, weg damit, und gleich noch die Philosophen mit dazu, diese Megaschwafler vor dem Herrn, natürlich drängten sich mir auch beim heutigen Walk all by myself durch den Nebel, wieder Todesgedanken auf, wenige Wochen nach der Beerdigung einer sehr lieben nahen Verwandten ja auch kein Wunder, nun liegt ihr Körper total minimalisiert, eingeäschert in einer winzig kleinen Urne in der Erde, schon seltsam, allein diese Vorstellung, vor allem wenn ich mir überlege, dass sie noch vor einem Monat jovial zusammen mit uns am Tisch sitzend stundenlang Doppelkopf gespielt hat und wir immer über ihre trockene Art Witze zu machen, lachen mussten wie blöd, alles nun vorbei, für immer vorbei, irreversibel würden Physiker sagen, komischerweise auch seither das Lesen von Büchern, auch vorbei, das Trauern hindert mich noch immer, genug Konzentration dafür aufzubringen, mal sehen, wann ich wieder das erste Buch in die Hand nehmen werde, meine book-pipeline ist ja mehr als voll, Musikhören geht derzeit auch kaum, sehr wenig Töne erklingen jedenfalls um mich herum, diese Tage, für so einen Musikliebhaber wie mich jedenfalls, ein, zwei Sätze aus dem feinen Brahms Requiem, etwas Gordon Lightfoot, ein wenig Jazz von EST, ab und zu ein paar kleine Stückchen aus dem fünften und sechsten Heft des Mikrokosmos von Bela Bartok, nicht viel, ich will wie sonst über die Hügel und Täler hinwegblicken, doch kann sie ob des dichten Nebels heute nur erahnen, gut, dass meine Füße den Weg in- und auswendig kennen, denke ich mir und gehe weiter, ohne viel sehen zu können.

 

 

 

 

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Bebenhausen 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mitternächtlicher Tanz

Ich saß nackt auf dem Klo, des nachts, blickte mit halboffenen Augen, noch müde vom Schlaf, in Richtung Wohnzimmer, als dort zu meiner großen Überraschung plötzlich Licht gemacht wurde. Sehr schnell füllte sich anschließend der relativ große Raum mit einer kleinen Tanzgruppe, jedenfalls einigen Menschen in bunten, wilden Outfits, die sich hier bei mir wohl zu einer mitternächtlichen Tanzübung zusammenfanden.
Ich konnte die Klotür nicht schließen, was mir peinlich war. Sie war gar nicht mehr vorhanden, stellte ich fest, stattdessen befand sich an ihrer Stelle eine Art transparenter Vorhang zum Auf- und Zuschieben. Leider war er offen und ließ sich auch nicht zuziehen. Weiß der Geier, warum! Der Schweiß tropfte mir alsbald ob meiner misslichen Lage von der Stirn, denn ich bemerkte zudem, dass ich wie gelähmt, wie angeklebt auf der Klobrille saß und mich keinen Millimeter wegbewegen konnte.
In meiner zunehmenden Ohnmacht und Verzweiflung blieb ich also weiterhin sitzen und harrte der Dinge. Diese fremden Menschen (ich erkannte niemanden) dort vor mir in meinem Wohnzimmer hatten inzwischen meine HiFi-Anlage angemacht und mitten in der Nacht Musik aus meinem CD-Bestand aufgelegt (es erklang das Stück Dating aus dem Album „From Gagarin’s point of view“ der Jazzband E.S.T.) und immer wilder zu tanzen begonnen, ganz dem inhärenten Crescendo und Accelerando der Musik folgend.
Und so konnten diese tanzenden Leute mich also nicht hören, als ich ihnen laut zurief: „Das ist mein Zimmer; das habe ich gestern von den Veranstaltern der Konferenz über Gravitationswellen, an der ich teilnehmen werde, zugeteilt bekommen.“
Doch ich stellte fest, dass ich ins Stumme brüllte; die immer wilder tanzende Gruppe junger Menschen nahm mich jedenfalls nicht wahr. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu gedulden, mich nicht von der Stelle zu bewegen und ihnen beim Tanzen zuzusehen.
Es war eine Art Modern Dance, mit für mich sehr seltsamen, rhythmisch furchtbar abgehackten Motiven und kurzen, ulkigen Sprüngen, wie von Derwischen.
Und dann ging plötzlich während dieses mitternächtlichen Tanzes zwischendrin plötzlich mal kurz jemand aufs Klo, setzte sich sozusagen durch mich hindurch aufs Klo, pinkelte und kehrte ruckzuck wieder zu seinem Tanzteam zurück.
Nun war ich vollkommen verwirrt: bin ich etwa unsichtbar, ohne Substanz? Kann man durch mich hindurchgehen? Bin ich tot oder was?
Nach circa sechs Minuten (so lange geht das Stück Dating von EST) war der gesamte Spuk dann gottlob wieder vorüber. Die Tanzenden verließen mein Wohnzimmer, löschten das Licht und ließen mich wieder allein auf dem Klo zurück. Nach einer Art Schweigeminute, währenddessen ich lediglich mein Herz imposant bis in den Kopf schlagen hörte, versuchte ich mich wieder vom Klo herunterzubewegen und es gelang! Erleichtert kehrte ich in mein Bett zurück und schlief weiter, bis mich die Morgenstrahlen der Sonne weckten.

 

 

 

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