Grillengesang (Jiménez)

 

Platero und ich kennen das Singen der Grillen gut
von unseren nächtlichen Streifzügen.

Das erste Lied der Grille in der Dämmerung
ist unsicher, leise und rauh.
Es wechselt den Ton, lernt von sich selbst,
und nach und nach steigt es an, findet den richtigen Platz,
als suche es den Einklang von Stunde und Ort.
Und plötzlich
– die Sterne stehen schon an dem durchsichtigen grünen Himmel –
bekommt der Gesang die melodische Süße
eines frei klingenden Glöckchens.

Die kühlen violetten Brisen kommen und gehen,
die Blumen der Nacht öffnen sich ganz,
und durch die Ebene irrt ein reiner göttlicher Duft von blauen
– himmlischen wie irdischen – Wiesen vereint.
Und der Gesang der Grille schwillt an,
er erfüllt das ganze Land,
er ist wie die Stimme der Dunkelheit.
Er schwankt nicht mehr und schweigt auch nicht.
Aus sich selber quellend ist jede Note der Zwilling der anderen,
eine Verschwisterung von dunklen Kristallen.

Heiter ziehen die Stunden dahin.
Es ist kein Krieg in der Welt,
und der Landmann schläft ruhig und
sieht den Himmel in der Tiefe seines Traumens.
Vielleicht wandeln Liebende zwischen
den Schlinggewächsen einer Mauer,
hingerissen, Auge in Auge.
Die Bohnenfelder senden dem Dorf zartduftende Botschaften,
wie von einer freimütigen, nackten Jugend.
Und das Korn wogt, grün im Mondschein,
und seufzt im Winde.
Es ist zwei, es ist drei, es ist vier…

Der Grillengesang in der Überfülle
seines Klanges hat sich verloren.
Da ist er wieder!
O Grillengesang des frühen Morgens,
wenn Platero und ich schauernd
auf den weiß betauten Pfaden heimgehen.
Der Mond geht unter, schläfrig und rot.
Jetzt ist das Grillenlied trunken von Mond und Sternen,
geheimnisvoll, zauberhaft und verschwenderisch
– während große traurige Wolken,
mit kläglichem Malvenblau gerändert,
langsam den Tag aus dem Meere heben.

 

 

 

 

©  Juan Ramon Jiménez

 

 

 

 

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55 Kommentare zu “Grillengesang (Jiménez)

  1. Xeniana sagt:

    Plater y yo eine leise und wunderschöne Lektüre.

  2. Man fühlt sich in eine heile Welt versetzt!

  3. gkazakou sagt:

    O Finbar ist das schön! Danke für die Morgengabe!

  4. Karin sagt:

    1956 hat er dafür den Nobelpreis bekommen; ich habe eine wunderschön illustrierte Ausgabe aus dem Coron-Verlag Zürich und liebe dieses Buch heiß und innig.
    Während der Zuerkennung weilte er bei seiner schwerstkranken geliebteb Frau in Puerto Rico, der er so viel in seinem Schreiben verdankte; er las ihr den Brief der Akademie noch vor, sie nahm es mit einem Lächeln zur Kenntnis und verstarb drei Tage später.Deswegen bat er um Entbindung von seiner Anwesenheitspflicht bei der Übergabe des Preises.
    Ich hatte den Text, in dem er Platero vorstellt, seinerzeit 2014 auf dem alten Blog veröffentlicht; werde den Beitrag jetzt in diesunddas holen.
    Dir einen lieben Morgengruß und ein schneeverzaubertes Wochenende
    Karin

  5. Das bringt mich zurück in meine Kindheit, als wir öfter mal in das damalige Jugoslawien gefahren sind. Da war konstant Zikadenkonzert. In den alten Winnetou-Filmen kann man das im Hintergrund hören.

  6. Ariana sagt:

    Wunderschön. 🙂

  7. Das ist bezaubernd – wie überhaupt das ganze Buch in seinen unterschiedlichen Schattierungen. 🙂
    An der hier zitierten Stelle zeigt sich eine bewundernswerte Fähigkeit, die Schönheit und Poesie in etwas scheinbar Alltäglichem (oder in diesem Fall Allnächtlichen) zu erkennen und auszudrücken. Letzteres ist nur Wenigen gegeben. Ersteres hingegen können alle praktizieren (vielleicht nur mehr mit etwas Übung – von wegen Rost und so). Es würde uns gut tun. 🙂

  8. www.wortbehagen.de sagt:

    Wie fleißig Du warst, lieber Finbar,
    hast den Melodien der Grillen gelauscht und ihnen Worte gegeben.
    Nein, ich weiß schon, es sind nicht Deine Worte, aber in ihrer Melodie erkenne ich Dich wieder.

    Wie wunderschön sind dann auch noch diese Zeilen von ihm

    *Der Mond geht unter, schläfrig und rot.
    Jetzt ist das Grillenlied trunken von Mond und Sternen,
    geheimnisvoll, zauberhaft und verschwenderisch*

    Doch was geschieht dann?
    Die Grillen sind müde,
    sie haben ihr Bestes gegeben,
    ihre Melodien verstummen,
    die Menschen beginnen sich leise für den Tag zu regen

    • finbarsgift sagt:

      Immerhin habe ich dieses Jimenez-Prosapoem (sein Büchlein „Platero und ich“ ist voll davon) eigenhändig aus meiner feinen Insel-Verlag-TB-Ausgabe abgeschrieben, weil es den Text auf deutsch noch nicht im Internet zu finden gab… *hehe* jawohl! 🙂

      • www.wortbehagen.de sagt:

        jetzt bin ich arg verblüfft, lieber Finbar.
        Ich weiß genau, daß ich Dir hier geantwortet habe, hm, tja
        Ich dachte es mir, daß Du diesen feinen Text abtippen mußtest *g*, deshalb schrieb ich ja auch *fleißig* 🙂
        Ich mag die Inselbüchleins auch sehr und muß jetzt schnell mal nachsehen, wie diese hier aussieht.
        Aus einem verschneiten 2. Adventssonntagmorgen liebe Grüße von mir

  9. TeggyTiggs sagt:

    …ich empfinde Zikaden wenig prosaisch und auch nicht melodisch, viel mehr – zumindest hier – kündet es von einer unbarmherzigen Hitze, bis in die Nacht hinein, kündet von einer eigenen Welt, die sich nur dann offenbart, wenn die Temperaturen ein „Fenster“ schaffen zu dieser anderen Welt in der es ständig heiß und ohne Zwischentöne zu sein scheint…und diese Welt ist irgendwie faszinierend, weil sie so ohne Entscheidungen lebt, es zwischen entweder und oder keine Töne gibt…

  10. drnessy sagt:

    Ein wunderschöner Text, der mich an laue Sommernächte im kühlen Winter erinnern, von der Schwüle lauer Sommernächte in der Toskana…… Wir waren auf der Durchreise nach Elba und hatte wenig Geld, Eine Nacht unter dem weiten, wunderschönen Sternenhimmel war die romatntische Option…!
    Klingt supi, , aber kaum hatten wir uns hingelegt, krabbelte ein Spinnenviech an mir vorbei… Und vorbei wars mit der Nacht unter freinem Himmel! Ich habe sie auf dem Autositz verbracht, wie so manche Nächte in diesem Urlaub,,, UNd es war ein Peugeot 104, in dem normalerweise nicht einmal ein Dackel auf dem Vordersitz Platz findet…War dann doch nicht ganz soo romantisch!
    Alles Liebe, Nessy
    http://www.salutarystyle.com

    • finbarsgift sagt:

      Das kann ich mir gut vorstellen! *lächel*
      Aber rückwirkend ist auch die Spinne nicht mehr soooooo übel *g*
      Dankeschön fürs melden und erzählen *freu*
      Herzliche Morgengrüße
      from me to you, Lu

  11. quersatzein sagt:

    Jiménez ist für mich immer eine Offenbarung. Ich kann gar nicht genug bekommen davon!!!
    Herzlichen Dank, Lu, und liebe Adventssonntagsgrüsse,
    Brigitte

  12. Grillenzirpen mit Blick auf verschneite Wiesen…wunderschön!
    Liebste Sonnenscheingrüße zum 2. Advent

  13. Ein kraftvolles, wunderbares Gedicht, das mich in den Grillengrsang hineinzog.
    Liebe Grüße. Priska

  14. kowkla123 sagt:

    ´ja, das ist schön, eben vorweihnachtlich, zum 2. Advent wünsche ich alles Gute, Klaus

  15. Flowermaid sagt:

    … „es ist die Nachtigall und nicht die Lerche…“ es gibt diesen stillen Raum der Begegnung zwischen den Träumen von Sonne und Mond…

  16. kowkla123 sagt:

    LIebe LU, pass auf dich auf, damit du nicht ausrutscht, Klaus

  17. Jiménez ist immer wieder eine Lektüre wert. Einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts, gerade wegen seiner kunstvollen Schlichtheit.
    Viele Grüße, Ángel

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