Ein Poet besucht Aurel in Rom (Rilke)

 

Ich schreibe unterwegs ungern Briefe, weil ich zum Briefschreiben mehr brauche als das allernötigste Gerät: etwas Stille und Einsamkeit und eine nicht allzu fremde Stunde.

In Rom trafen wir vor etwa sechs Wochen ein, zu einer Zeit, da es noch das leere, das heiße, das fieberverrufene Rom war, und dieser Umstand trug mit anderen praktischen Einrichtungsschwierigkeiten dazu bei, dass die Unruhe um uns kein Ende nehmen wollte und die Fremde mit der Last der Heimatlosigkeit auf uns lag.
Dazu ist noch zu rechnen, dass Rom (wenn man es noch nicht kennt) in den ersten Tagen erdrückend traurig wirkt:
durch die unlebendige und trübe Museumsstimmung, die es ausatmet,
durch die Fülle seiner hervorgeholten und mühsam aufrecht erhaltenen Vergangenheiten (von denen eine kleine Gegenwart sich ernährt),
durch die namenlose, von Gelehrten und Philologen unterstützte und von den gewohnheitsmäßigen Italienreisenden nachgeahmte Überschätzung aller dieser entstellten und verdorbenen Dinge, die doch im Grunde nicht mehr sind als zufällige Reste einer anderen Zeit und eines Lebens, das nicht unseres ist und unseres nicht sein soll.

Schließlich, nach Wochen täglicher Abwehr, findet man sich, obwohl noch ein wenig verwirrt, zu sich selber zurück, und man sagt sich:
Nein, es ist hier nicht mehr Schönheit als anderswo, und alle diese von Generationen immer weiterbewunderten Gegenstände, an denen Handlangerhände gebessert und ergänzt haben, bedeuten nichts, sind nichts und haben kein Herz und keinen Wert;
aber es ist viel Schönheit hier, weil überall viel Schönheit ist.
Unendlich lebensvolle Wasser gehen über die alten Aquädukte in die große Stadt und tanzen auf den vielen Plätzen über steinernen weißen Schalen und breiten sich aus in weiten, geräumigen Becken und rauschen bei Tag und erheben ihr Rauschen zur Nacht, die hier groß und gestirnt ist und weich von Winden.
Und Gärten sind hier, unvergessliche Alleen und Treppen,
Treppen, von Michelangelo ersonnen,
Treppen, die nach dem Vorbild abwärts gleitender Wasser erbaut sind, breit im Gefäll Stufe aus Stufe gebärend wie Welle aus Welle.

Durch solche Eindrücke sammelt man sich, gewinnt sich zurück aus dem anspruchsvollen Vielen, das da spricht und schwätzt (und wie gesprächig ist es!), und lernt langsam die sehr wenigen Dinge erkennen, in denen Ewiges dauert, das man lieben, und Einsames, daran man leise teilnehmen kann.
Noch wohne ich in der Stadt auf dem Kapitol, nicht weit von dem schönsten Reiterbilde, das uns aus römischer Kunst erhalten geblieben ist,
dem des Marc Aurel;
aber in einigen Wochen werde ich einen stillen schlichten Raum beziehen, einen alten Altan, der ganz tief in einem großen Park verloren liegt, der Stadt, ihrem Geräusch und Zufall verborgen.
Dort werde ich den ganzen Winter wohnen und mich freuen an der großen Stille, von der ich das Geschenk guter und tüchtiger Stunden erwarte.

 

 

 

© Rainer Maria Rilke

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67 Kommentare zu “Ein Poet besucht Aurel in Rom (Rilke)

  1. Einen still fröhlichen Tag für dich lieber Lu!

  2. www.wortbehagen.de sagt:

    Diesen Text muß ich mir nachher in Ruhe durchlesen, lieber Finbar!
    Das verdient er einfach und gleich wird es klingeln und Töchterchen Nr. 1 wird mich den Vormittag über begleiten 🙂 Da fehlt mir dann die nötige Ruhe

  3. castorpblog sagt:

    Danke, das passt so richtig schön zu Rilkes Gedichten. Ein Genuss zu lesen.

  4. kormoranflug sagt:

    Du gehst ins Kloster in den Vatikan oder in die Villa Massimo. Herzlichen Glückwunsch und gute Erbauung wünscht der Kormoran.

  5. Danke, Rilke ist immer schön zu lesen…

  6. kowkla123 sagt:

    Rilke eben, sehr schön, komme gut ins Wochenende, Klaus

  7. Dieser Herr Rilke schreibt immer so besonders und (mir) ans Herz gehend.
    Ich mag seine Werke unheimlich gern.

  8. www.wortbehagen.de sagt:

    Seine Prosa unterscheidet sich schon sehr von seiner Lyrik und hier, angekommen in einer altehrwürdigen Stadt, muß er sich erst mal zurechtfinden, bis er auch hier auf das Schöne stößt.
    Es ist so wundervoll zu lesen, wie er sich den Schweiß von der Stirne wischt, die Hitze verwünscht. (Das stellt sich aber nur meine Fantasie beim Lesen vor! Davon schreibt er ja nicht.) und sich ihm dann nach und nach erst erschließt, was die Stadt wie ein Wunder durchzieht und er beschreibt in seiner wundervollen poetischen Weise die breiten marmornen Treppen, die weißen Schalen mit den geräumigen Becken und er hat das Denkmal des großen Kaisers und Philosophen entdeckt!

    Seinen Malte Laurids Brigge habe ich vor einigen Jahren gelesen und bin gerne mit ihm zu fuß durch die Straßen gewandert.

    Schön, das alles hier bei Dir zu lesen, lieber Finbar

    • finbarsgift sagt:

      Das freut mich, liebe Bruni, ich mag seine Briefe und ich mag auch seinen Parisroman sehr, obwohl das mit seiner exzeptionellen Lyrik nur am Rande zu tun hast…
      herzliche Wintergrüße vom Finbar

      • www.wortbehagen.de sagt:

        Sein Malte hat mir sehr gefallen, lieber Finbar, aber seine Gedichte, seine Lyrik, die mag ich noch viel mehr

        • finbarsgift sagt:

          Ich weiß *lächel* das geht doch der ganzen Welt so…

          • www.wortbehagen.de sagt:

            ja, sonst hätte das Rilke-Projekt nie diesen großen Erfolg gehabt, lieber Finbar – auch bei mir!
            Aber das weißt Du ja alles und es freut mich, daß Du es weißt *schmunzel*

            • finbarsgift sagt:

              Na ja, das Rilke-Projekt ist ja ganz nett, aber was WIRKLICH weltbewegend war, und immer noch ist, liebe Bruni, das ist Rilkes Lyrik, pur, unvorgelesen, nicht mit Musik verkitscht…
              verstehst du, was ich meine?!

              • www.wortbehagen.de sagt:

                🙂 und ob ich Dich verstehe, lieber Finbar. Pur, die Essenz, Wort für Wort, Zeile für Zeile!

                Aber es waren die außerordentlich guten Sprecher, nicht die Musik im Hintergrund , die mich zum erstem Mal die Schönheit der Lyrik derart hautnah fühlen ließen. Und es erschütterte mich so tief, daß ich die Lyrik zu lieben begann. Bis auf den heutigen Tag. Du warst mir Jahre voraus *lächel*

  9. puzzleblume sagt:

    Dass man sich zwischen überwältigenden Sehenswürdigkeiten den eigenen Blickwinkel suchen muss, finde ich sehr schön beschrieben.

  10. christahartwig sagt:

    Danke fürs Teilen. 🙂

  11. Anna-Lena sagt:

    Ich mag Rilke – immer wieder gerne.
    Danke für diesen Text und ein ruhiges Wochenende für dich,
    Anna-Lena

  12. Flowermaid sagt:

    … mit jeder Stadt geht es mir am Anfang so… aber Rom hat es bei mir verkackt… danke Rilke für seine lyrische Prosa *lächel*

  13. quersatzein sagt:

    Ein wunderbarer Text! Man kann richtig eintauchen in dieses Einfinden am Ort.
    Schönen Gruss zum Wochenende,
    Brigitte

  14. erdrückend traurig….erdrückend touristisch ist es heut im ersten Blick, so das man erwägt maximale Verweilzeiten am Trevirunnen zu installieren
    und doch hat es mich gefangen…..
    Vielen Dank für diese wunderschöne Erinnerung

  15. Corona sagt:

    Seh ich alles bildlich vor mir, weil wir auch überall dort waren.

  16. refoexac sagt:

    Der Künstler, der die Schönheit im Trubel der grossen Stadt findet, hervorhebt, schätzt und sich dann in seine Klause zurückzieht. Das stimmt wahrlich, Schönheit ist überall zu finden.

  17. Paleica sagt:

    der ersten hälfte von rilkes worten kann ich nicht zustimmen. der zweiten schon. hab einen schönen wochenstart!

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