Die Stimme der eigenen Persönlichkeit (Knausgard)

 

In den letzten Jahren hatte ich mehr und mehr den Glauben an die Literatur verloren. Ich las und dachte dabei, das hat sich jemand ausgedacht. Vielleicht lag es daran, dass wir vollkommen vereinnahmt wurden von Fiktionen und Erzählungen, dass sie inflationär auftraten. Wohin man sich auch wandte, überall sah man Fiktionen. Diese Millionen von Taschenbüchern, gebundenen Büchern, Filmen und Fernsehserien auf DVD handelten von erfundenen Menschen in einer erfundenen, aber wirklichkeitsgetreuen Welt. Und die Zeitungsschlagzeilen und Fernsehnachrichten und Rundfunknachrichten hatten haargenau die gleiche Form, auch sie waren Erzählungen, und dann war es kein Unterschied mehr, ob das, wovon sie erzählten, sich tatsächlich zugetragen hatte oder nicht.

Es war eine Krise, ich fühlte es mit jeder Faser meines Körpers, etwas Gesättigtes, Schmalzartiges breitete sich nicht zuletzt deshalb im Bewusstsein aus, weil der Kern in all diesen Fiktionen, ob nun wahr oder nicht wahr, in Gleichheit sowie darin bestand, dass der Abstand, den sie zur Wirklichkeit hielt, konstant blieb. Also dass sie das Gleiche sah. Dieses Gleiche, das unsere Welt war, wurde in Serie produziert. Das Einzigartige, worüber sie alle sprachen, wurde damit aufgehoben, es existierte nicht mehr, es war eine Lüge. Darin zu leben, in dem Bewusstsein, dass alles ebenso gut anders sein könnte, stürzte einen in Verzweiflung. Ich konnte darin nicht schreiben, es ging nicht, jeder einzelne Satz begegnete dem Gedanken: Das ist doch nur etwas, was du dir ausdenkst. Das ist wertlos. Das Erfundene hat keinen Wert, das Dokumentarische hat keinen Wert.

Das Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tagebücher und Essays, die Genres in der Literatur, in denen es nicht um Erzählung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Persönlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen? Nicht über und auch nicht unter uns, sondern auf Augenhöhe mit unserem eigenen Blick. Kunst kann nicht kollektiv erlebt werden, nichts kann das, Kunst ist das, womit man alleine ist. Man begegnet diesem Blick allein.

 

 

© Karl Ove Knausgard

Zeit. Zeit (Borchers)

 

Ich muß endlich begreifen
daß ich Zeit habe.
Zeit für den Vogel auf der Brüstung
der mit mir redet, im Auftrag.
Zeit für den Lampenfuß
in dem sich das Erdenlicht spiegelt.
Zeit für die Katze auf blauem Samt
in kleinstem Format an der Wand
von Almut gemalt, als beide noch lebten.
Auch für das Schaf mit den schwarzen Ohren
den schielenden Augen, dem schiefen Maul und dem
durstigen Mund. Indianisch, ganz einfach, instruktiv.
Vermissen werde ich’s im kommenden Jahrhundert.
Ich habe noch nicht ein stillschweigendes Wort
mit der getrockneten Rose gewechselt, woher und wohin denn.
Und das Kalenderbuch in schwarzem Leder
mit der goldenen Jahreszahl
klafft elegant auseinander, um mich ein- und auszulassen.
Lernen, Zeit zu haben.
Lernen, daß es zu spät ist.

 

 

 

© Elisabeth Borchers

Einen Roman zu schreiben (Knausgard)

 

 

Ich hätte die Zeit nutzen sollen, um mich vorzubereiten, denn bis jetzt hatte ich lediglich am Vorabend ein paar alte Texte durchgelesen und die Passagen ausgedruckt, die ich lesen wollte. Auf dem Flug hatte ich zehn Punkte notiert, die ich aufgreifen wollte. Zu mehr hatte ich mich nicht aufraffen können, denn der Gedanke, dass ich einfach nur reden musste, dass nichts leichter war als das, war stark, und es tat mir gut, auf ihn zu hören.

Ich sollte über die beiden Bücher sprechen, die ich geschrieben hatte. Das konnte ich nicht, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als darüber zu sprechen, wie sie geschrieben wurden, diese Jahre mit nichts, bevor etwas Bestimmtes Form anzunehmen begann, das langsam, aber sicher die Oberhand gewann, bis sich am Ende alles ganz von selbst ergab. Einen Roman zu schreiben heißt, sich ein Ziel zu setzen und anschließend zu ihm schlafzuwandeln, hatte Lawrence Durrell einmal gesagt, und das stimmte, so war es.

Wir haben nicht nur Zugang zu unserem eigenen Leben, sondern zu fast allen anderen Leben, die in unserem Kulturkreis geführt werden, nicht nur Zugang zu unseren eigenen Erinnerungen, sondern auch zu den Erinnerungen dieser ganzen verdammten Kultur, denn ich bin du und du bist alle, wir kommen aus dem Gleichen und bewegen uns zum Gleichen, und unterwegs hören wir das Gleiche im Radio, sehen das Gleiche im Fernsehen, lesen die gleichen Zeitungen, und in uns lagert die  gleiche Fauna der Gesichter und des Lächelns bekannter Menschen.

Selbst wenn du dich in ein winzig kleines Zimmer in einer winzig kleinen Stadt Tausende Kilometer vom Zentrum der Welt entfernt hockst und dort keiner Menschenseele begegnest, ist ihre Hölle deine Hölle, ihr Himmel dein Himmel, es gilt nur den Ballon platzen zu lassen, der die Welt ist, und alles darin auf die Seiten fließen zu lassen. Das wollte ich, in etwa, sagen.

 

 © Karl Ove Knausgard

Träumereien (Heine)

 

 

Mir träumte von einem schönen Kind,
Sie trug das Haar in Flechten;
Wir saßen unter der grünen Lind,
In blauen Sommernächten.

Wir hatten uns lieb und küßten uns gern,
Und kosten von Freuden und Leiden.
Es seufzten am Himmel die gelben Stern,
Sie schienen uns zu beneiden.

Ich bin erwacht und schau mich um,
Ich steh allein im Dunkeln.
Am Himmel droben, gleichgültig und stumm,
Seh ich die Sterne funkeln.

 

 

 

© Heinrich Heine

Der Hase (Anonymus)

Ich stehe im Einklang mit
dem Puls des Universums.

In meiner Stille und Einsamkeit
höre ich die Melodien der Seele.

Ich schwebe über Gemeinplätzen,
Zank und Verfall.

Ich gleiche mich an,
also überwinde ich.

Ich gebe meinem Wort
zarte Pastelltöne.

Ich verkörpere Harmonie
und inneren Frieden.

Ich bin der Hase.

Stille Dialektik (Harig)

Der eine lebt riskant, der andre lebt gesund.
Der erste schöpft sich kühn die nukleare Kraft
aus dem Getreidebrei, aus dem Gemüsesaft
und steigert ganz enorm den Cäsiumbefund.

 
Der andere ergreift die Flasche aus Burgund,
in der seit Jahr und Tag, geheim und zauberhaft
und lange vor dem GAU der Geist der Rebe schafft.
Er setzt den Römer an und trinkt mit seinem Mund.

 
Was einmal Trinken war ist seitens der Reklame
abscheulich pervertiert zur Flüssigkeitsaufnahme:
was nutzt ein flacher Schluck in zeitgemäßer Hektik?

 
Es wirkt der Alkohol aus dem vergornen Treber
erweiternd aufs Gemüt und schrumpfend auf die Leber:
alternativer Hast folgt stille Dialektik.

© Ludwig Harig

Es ist halt schön (Busch)

Es ist halt schön,
Wenn wir die Freunde kommen sehen. –
Schön ist es ferner, wenn sie bleiben
Und sich mit uns die Zeit vertreiben. –
Doch wenn Sie schließlich wieder gehen,
Ist’s auch recht schön. –

© Wilhelm Busch

​weiterung (Enzensberger)

wer soll da noch auftauchen aus der flut,
wenn wir darin untergehen?

noch ein paar fortschritte,
und wir werden weitersehen.

wer soll da unsrer gedenken
mit nachsicht?

das wird sich finden,
wenn es erst so weit ist.

und so fortan
bis auf weiteres

und ohne weiteres
so weiter und so

weiter nichts

keine nachgeborenen
keine nachsicht

nichts weiter

© Hans Magnus Enzensberger