Naturliebe

Noch war es ein wenig zu früh für die lichtliebenden Schachblumenlilien,
da wölbte sich bereits der Himmel über die weite Ebene hoch und klar.
Trillerndes Lerchenzwitschern und Sonnenlicht vereinten sich schon in Ekstase
und mit der reißenden Frische der vorwärts drängenden Schneeschmelze
strömte das lehmbraune Wasser des mäandernden Flusses mit Macht voran.

Stille: wie wenn Bitterkeit sich in langsam rutschenden Tränen
allmählich transparent zerteilt.
Kahle Erde: wie wenn im pulsierenden Licht der feuchte Glanz
des sich weitenden Wassers spiegelt.

Um uns Liebende die weichen Wände des verwässerten Schmelzeises
und der niederdrückende Weltraum mit dem warmen Malvenschimmer
der sich wie reglos in sich selbst räkelnden Frühlingssonne.
In des Wassers Spiegelwelt – bleiches oliv gegen blitzendes Zinn –
wiegen sich braunkahle Erlenzweige im unmerklichen Wellenschlag
des trägen Lufthauchs.

Und hernach:
Um die einsame Flamme eine ausgemergelte Mulde aus warmem Licht,
im weichen Dunkel hyazinthenweiße Wolken über dem hellen Spiegelbild
eines tiefen Brunnens voller erbarmungsloser, umarmender Finsternis.

Um uns Liebende schimmernde Birkenstämme im raunenden Wald.
Im Lichte der Sonne kristallisiert auf Schnee-Eis die gefrorene Stille
der kalten Luft im dünnen Schatten zartgliedriger Zebrabirken.
Unerwartet ertönt der Amsel zögernder Lockruf und erspielt sich
um uns Liebende eine traumgleiche Wirklichkeit außerhalb
unseres eigenen entspannt dahinschmelzenden Liebesdaseins.
Jäh erscheint das ewig paradiesische Eden,
aus dem unser Wissen uns ausgeschlossen.

So ruht der Himmel an der Erde;
an des tiefschwarzen Waldsees Ufer dunkler Stille öffnet sich
nicht nur der mächtige Schoß des halbdunklen Forsts, sondern auch
derjenige der liebenden Frau, die den bebenden Unterleib des Mannes
mit seiner wildsteifen nackten Männlichkeit in Zärtlichkeit bedeckt und
geschmeidig umhüllt und somit sie beide allmählich und mit der andauernden
Rotation der Erde und der Bäume Nacktheit und des morgens stillem, starken
und lebenspendenden Sonnenlicht eins werden – Naturliebe.

Wir Liebende spüren ein anhaltendes und nachhaltiges feuriges Brennen
beim Beobachten und Erspüren dieses mächtigen Naturgesamtbildes,
das ein immer gewaltigeres Sehnen nach noch innigerer Vereinigung
in sich birgt, nicht-enden-wollende Naturliebe, deren Saat aufgehen wird
im vereinigten Ganzkörper von uns Liebenden
und in der uns umgebenden Mutter Allnatur,
die teilnimmt an dieser menschlich-natürlichen,
umarmenden Begegnung mit uns und in ihr selbst.

Diese glühende Vereinigung unserer beider Menschenkörper wird eins
in der Begierde irdisch natürlicher Liebe von uns Menschen und des Waldes,
ist auf Erde und Wasser und Himmel und Kosmos ausgerichtet
und wird vom Rauschen der Bäume, vom Duft der Erde beeinflusst,
vom Schmeicheln des Windes und von der Umarmung der Luft
am Rande des die Sonne spiegelnden Wassers umrahmt,
als strahlende Kreation der Natur in und um uns.

Der arktischen Sommernacht helles Tagmahl ist nichts weiter
als ein Duft von Eis und berstenden Prallknospen,
rostbraunes Blinken auf nackten Stämmen,
glitzern im harzigen Junglaub, krächzende Krähen,
quellendes Wasser aus springendem Eis, Laubsängertrillern,
des Eisblocks Todesglanz im Gegenlicht,
die Purpurwoge der lappländischen Alpenrosen
die Strandheide hinauf,
zwischen dem braunen vertrockneten
Reisig des Fettkrauts
und den weißen Flecken
des Sonnenlichts
wie kühles
Wasser.

 

 

© finbarsgift

(nach Motiven
von Dag Hammarskjöld
aus seinen Tagebuchnotizen
„Zeichen am Weg“)

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Der Tod ist nichts (Péguy)

 

Der Tod ist nichts,
ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.
Ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für Euch war, bin ich immer noch.
Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht nicht eine andere Redensweise,
seid nicht feierlich oder traurig.
Lacht weiterhin über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben.
Betet, lacht, denkt an mich.
Betet für mich,
damit mein Name im Hause gesprochen wird,
so wie es immer war, ohne besondere Betonung,
ohne die Spur des Schattens.
Das Leben bedeutet das, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchschnitten.
Warum soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.

 

© Charles Péguy

Der Tod (Canetti)

Der Tod ist die erste und älteste,
ja man wäre versucht zu sagen:
die einzige Tatsache.

Er ist von monströsem Alter
und stündlich neu.
Er hat den Härtegrad Zehn,
und wie ein Diamant schneidet er auch.
Er hat die absolute Kälte des Weltraums,
Minus Zweihundertdreiundsiebzig Grad.
Er hat die Windstärke des Hurrikans,
die höchste.
Er ist der sehr reale Superlativ,
von allem;
nur unendlich ist er nicht,
denn auf jedem Weg wird er erreicht.

Solange es den Tod gibt,
ist jeder Spruch ein Widerspruch gegen ihn.
Solange es den Tod gibt,
ist jedes Licht ein Irrlicht, denn es führt zu ihm hin.
Solange es den Tod gibt,
ist nichts Schönes schön, nichts Gutes gut.

© Elias Canetti

Was schlimm ist (Benn)

Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, daß sie das immer tun.

Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.

© Gottfried Benn

Kann man nichts sein? (Cabré)

 

Nachdem Bernat einen tiefen Seufzer ausgestoßen hatte, klappten die beiden Jungen das Album wieder zu und warteten geduldig im Zimmer. Über irgendetwas mussten sie reden, und Bernat hätte Adrià gern die Frage gestellt, die ihm keine Ruhe ließ, die er aber nicht stellen durfte, weil man ihm zu Hause gesagt hatte, das Thema schneidest du am besten nicht an, Bernat. Und schließlich fragte er doch: „Warum gehst du eigentlich nicht zur Messe?“
„Ich bin freigestellt.“
„Von wem? Von Gott?“
„Nein, von Pater Anglada.“
„Ach … Aber warum gehst du nicht?“
„Ich bin kein Christ.“
„Sag bloß!“ Verwirrtes Schweigen. „Kann man das, kein Christ sein?“
„Ich nehme es an. Ich bin keiner.“
„Aber was bist du dann? Buddhist? Japaner? Kommunist? Oder was sonst?“
„Ich bin gar nichts.“
„Kann man nichts sein?“

Als Kind habe ich nie eine Antwort auf diese Frage gewusst, weil das Thema Beklemmungen in mir auslöste. Kann man nichts sein? Ich wird nichts sein. Werde ich wie die Null sein, die weder eine natürliche noch eine ganze noch eine rationale noch eine reelle noch eine komplexe Zahl ist, sondern das neutrale Element in der Summe der ganzen Zahlen?
Ich fürchte, nicht einmal das: Wenn ich nicht bin, werde ich auch nicht mehr gebraucht, sofern ich überhaupt jemals gebraucht wurde.

„Howgh. Jetzt komme ich nicht mehr mit.“
„Bring ihn nicht durcheinander.“
„Nein, wenn es nach mir ginge …“
„Dann halt den Mund, Schwarzer Adler.“
„Ich glaube an den Großen Geist Manitu, der die Prärie mit Büffeln übersät, den Menschen Regen und Schnee bringt und die wärmende Sonne bewegt, die er zur Schlafenszeit verschwinden lässt, der den Wind heulen lässt, den Fluss durch sein Bett leitet, das Auge des Adlers auf seine Beute lenkt und dem Krieger, der sich bereit macht, für sein Volk zu sterben, Mut verleiht.“

„Hallo, Adrià, wo bist du?“
Adrià blinzelte und sagte, hier bei dir, wir reden über Gott.
„Manchmal bist du weit weg.“
„Ich?“
„Meine Eltern sagen, das kommt daher, weil du so klug bist.“
„So ein Blödsinn. Ich hätte so gern …“
„Fang nicht schon wieder damit an.“
„Sie lieben dich.“
„Lieben dich deine Eltern nicht?“
„Nein, sie berechnen mich. Sie messen meinen Intelligenzquotienten, überlegen, mich auf eine Spezialschule in der Schweiz zu schicken, wollen mich drei Schuljahre in einem absolvieren lassen.“
„Klasse, Mann!“ Er sah mich aus den Augenwinkeln an. „Oder nicht?“
„Nein, Sie diskutieren über mich, aber lieben tun sie mich nicht.“
„Pah, ich mache mir gar nichts aus der Küsserei …“

 

 

© Jaume Cabré

Ozeanmeer (Baricco/Finbarsgift)

Das Meer hörte sich an wie eine ständige Lawine,
der unaufhörliche Donner eines Gewitters,
das in wer weiß welchem Himmel geboren war.
Es hielt keinen Augenblick inne.
Es kannte keine Müdigkeit.
Und keine Barmherzigkeit.

Wenn man es anschaut, merkt man es nicht
– wie viel Lärm es macht. Doch im Dunkeln …
Diese ganze Unendlichkeit wird ein einziges Tosen,
eine Schallmauer, ein quälender, blinder Schrei.
Man löscht es nicht, das Meer,
wenn es in der Nacht brennt.

© Alessandro Baricco (Text)
© finbarsgift (Fotos)

Mach dir keine Sorgen (Haushofer)

 

Mach dir keine Sorgen.
Du hast zuviel und zuwenig gesehen, wie alle Menschen vor dir.
Du hast zuviel geweint, vielleicht auch zuwenig, wie alle Menschen vor dir.
Vielleicht hast du zuviel geliebt, und gehaßt – aber nur wenige Jahre – zwanzig oder so.
Was sind schon zwanzig Jahre?
Dann war ein Teil von dir tot, genau wie bei allen Menschen, die nicht mehr lieben oder hassen können.

Du hast viele Schmerzen ertragen, ungern wie alle Menschen vor dir.
Dein Körper war dir sehr bald lästig. Du hast ihn nie geliebt.
Das war schlecht für dich – oder auch gut, denn an einem ungeliebten Körper hängt die Seele nicht sehr.
Und was ist die Seele?
Wahrscheinlich hast du nie eine gehabt, nur Verstand, und der war nicht gedenkend der Gefühle.
Oder war da manchmal noch etwas anderes?
Für Augenblicke?
Beim Anblick von Glockenblumen oder Katzenaugen und des Kummers um einen Menschen, oder gewisser Steine, Bäume und Statuen; der Schwalben über der großen Stadt Rom.

Mach dir keine Sorgen.
Auch wenn du mit einer Seele behaftet wärest, sie wünscht sich nichts als tiefen, traumlosen Schlaf.
Der ungeliebte Körper wird nicht mehr schmerzen.
Blut, Fleisch, Knochen und Haut, alles wird ein Häufchen Asche sein,
und auch das Gehirn wird endlich aufhören zu denken.
Dafür sei Gott bedankt, den es nicht gibt.

Mach dir keine Sorgen
– alles wird vergebens gewesen sein – wie bei allen Menschen vor dir.
Eine völlig normale Geschichte.

 

 

 

© Marlen Haushofer

Im Spätrot (Celan)

 

Im Spätrot schlafen die Namen:
einen
weckt deine Nacht
und führt ihn, mit weißen Stäben entlang-
tastend am Südwall des Herzens,
unter die Pinien:
eine, von menschlichem Wuchs,
schreitet zur Töpferstadt hin,
wo der Regen einkehrt als Freund
einer Meeresstunde.
Im Blau
spricht sie ein schattenverheißendes Baumwort,
und deiner Liebe Namen
zählt seine Silben hinzu.

 

 

© Paul Celan

Fremder (Baudelaire)

Wer, rätselhafter Mensch, ist deinem Herzen am liebsten? Sprich!
Dein Vater, deine Mutter, deine Schwester oder dein Bruder?

Ich habe weder Vater, noch Mutter, noch Bruder, noch Schwester.

Deine Freunde?

Du brauchst ein Wort, dessen Sinn ich bis heute nie verstand.

Deine Heimat?

Ich weiß nicht, auf welchem Breitengrad sie liegt.

Die Schönheit?

Ich möchte sie lieben, die göttlich unsterbliche.

Das Gold?

Hasse ich, wie du Gott hassest.

Was also liebst du, staunenswerter Fremder?

Ich liebe die Wolken … die ziehenden Wolken … dort … die wundervollen Wolken.

© Charles Baudelaire