Drachenfrieden  (C. M. Hafen)

 

Heute ist es ein altes Wort, lange her. Drachenfrieden. Nerina, dachte Mersan, vielleicht erzählt gerade jetzt eine Ahne am Feuer vom Drachenfrieden und meint dich, wenn sie vom irren Drachen erzählt. Dabei hast du nur die Veränderung gebracht, den Wandel der Geschichte, letztlich … mich.

„Da sind wir nun“, sagte er zu Hangameh und schluckte schwer. Diese ein oder zwei Schritte, die er schon gegangen war, standen ihr noch bevor. Zu gegebener Zeit würde er ihr seine Wörterbücher zeigen, seine langen Listen, die er angelegt hatte, seine Chronik der mowarischen Sprache.

Hangameh würde immer ein Kind bleiben. Sie mochte altern, vielleicht sogar die Zeit spüren, wenn sie weit genug von Mora entfernt war. Doch ohne Wurzeln, ohne Vergangenheit oder Zukunft konnte niemand erwachsen werden. Bei ihm war das anders. Die Sprache veränderte sich dauernd. Altes und Neues verband sich, ergab neue Wörter, andere verschwanden. Es gab viele, die standen nur noch in seinen Büchern und wurden nicht mehr genutzt. Das machte ihm aber nichts aus. Manchmal verwendetet er eines, das er gerne mochte, in einem Gespräch und schaute dann zu, wie es die Küste hinauf und hinunter wanderte, bis jemand zu ihm kam und das Wort zurückbrachte. Es war ein Kreislauf. Es war schön und nie zu Ende.

 

 

© C. M. Hafen
Auszug aus „Drachenfrieden“ – Band 3 der Reihe „Das Drachenvolk von Leotrim“,
Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des O´Connell Press Verlags.

An Mauern hin (Trakl)

 

Es geht ein alter Weg entlang
An wilden Gärten und einsamen Mauern.
Tausendjährige Eiben schauern
Im steigenden fallenden Windgesang.

Die Falter tanzen, als stürben sie bald,
Mein Blick trinkt weinend die Schatten und Lichter.
Ferne schweben Frauengesichter
Geisterhaft ins Blau gemalt.

Ein Lächeln zittert im Sonnenschein,
Indes ich langsam weiterschreite;
Unendliche Liebe gibt das Geleite.
Leise ergrünt das harte Gestein.

 

 

© Georg Trakl

Bücher lesen – Frage- und Antwortspiel

Schon ewig und drei Tage möchte ich dieses wohl von Tobi initiierte Frage- und Antwortspiel zum Thema „Bücher und Lesen“ mitmachen, das ich in Folge auch noch bei Christiane und Marga sah; endlich ist es soweit mit meinen Antworten; und ich muss sagen, es hat Spaß gemacht!

 

1) Warum liest du?
Weil ich – Mutter Allnatur sei Dank – zwei wundervolle Augen von ihr zum Gucken und Lesen geschenkt bekommen habe, also…warum sie nicht dafür nutzen!

2) Was liest du? Welche Genres bevorzugst du? Liest du auch Klassiker?
Ich lese sowohl Sachbücher aller Art (inklusive Mathematik, vor allem aber solche über Musik und Kunst), als auch Romane (seit einigen Jahren sogar Fantasy (da bin ich ein Spätzünder)).
Sogenannte Klassiker sind für mich einfach ganz normale Bücher und ich lese sie oft und immer wieder, hier ein Link zu einer kleinen Auswahl meiner Lieblingsbücher

3) Welche Autoren favorisierst du? Oder hast du keine bevorzugten Autoren?
Doch, ich habe jede Menge bevorzugte Autoren/Autorinnen:
Aurel, Bachmann, Baldursdottir, Camus, Cortazar, Döblin, Ende, Frisch, Gaarder, Gustafsson, Hadot, Hesse, Kabat-Zinn, McKillip, Marillier, Kafka, Kundera, Laxness, Mercier, Musil, Pascal, Pessoa, Poe, Ransmayr, Rilke, Roth, Sagan, Saint-Exupery, Tschechow, Williams, Woolf, Zweig.

4) Wo liest du überall? Nur Zuhause, nur in der S-Bahn, überall, …?
Vor allem innerhalb von vier Wänden, das aber egal wo (auch Café, wenn nicht zu laut), seltener draußen (außer in der Bahn und am Strand), im Auto wird es mir beim Lesen schnell schlecht, beim Töffen lese ich gar nicht.

5) Liest du viel oder wenig? Wie viel Zeit verbringst du in der Woche mit Lesen? Wie viele Bücher liest du im Schnitt pro Monat/Jahr? Machst du auch längere Lesepausen?
Ich lese wohl eher mehr als wenig, aber nicht besonders viel; vor allem nehme ich mir für jedes Buch viel Zeit, ganz besonders viel Zeit bei ganz wundervollen Büchern (das merkt man ja während des Lesens). Es geht mir – wie eigentlich bei fast allem, so auch beim Lesen von Büchern – primär um Qualität, weniger um Quantität. Längere Lesepausen gibt es bei mir kaum, ich lese (fast) täglich.

6) Liest du schnell oder langsam? Wie viele Seiten liest du ungefähr in einer Stunde?
Eher langsam wohl, aber wie gesagt, je besser das Buch, desto langsamer lese ich es.

7) Wie viele Bücher liest du in der Regel gleichzeitig?
Zwischen 5 und 10 sind es wohl fast immer.

8) Welche Formate bevorzugst du? Taschenbücher, gebundene Bücher, broschierte Bücher, Prunkausgaben?
Ganz klar gebundene Bücher.

9) Legst du Wert auf eine hochwertige Verarbeitung deiner Bücher? Spielt die Optik des Buches eine Rolle für dich?
Oh ja, sie spielt schon eine Rolle, wenn auch keine entscheidende.

10) Liest du auch Ebooks? Wenn ja wie oft und welche Bücher?
Ich lese auch Ebooks sehr gerne. Auf meinem Kindle befinden sich derzeit über 100 Ebooks, 75 Prozent davon sind an- oder ausgelesen, 25 Prozent sind also noch in der Ebook-Lese-Pipeline.

11) Wo versorgst du dich mit neuen Büchern? Beim Buchhändler ums Eck? In der Bibliothek? Aus dem Bücherbus?
Buchhändler, Online-shops, egal wo, ich habe da keine Präferenzen.

12) Kaufst du auch gebrauchte Bücher?
Sehr selten.

13) Wieviel bist du bereit für ein gutes Buch auszugeben?
150 Euro ist das Maximum (Hadot: die innere Burg)

14) Verleihst du Bücher? Wenn ja an wen und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
Ja, immer mal wieder, aber immer seltener, da man den ausgeliehenen eigenen Büchern meistens irgendwann hinterher rennen muss, um sie dann mal (womöglich erst nach Jahren) endlich wieder zurück zu bekommen.

15) Wie viele Bücher hast du im Schnitt auf deinem Stapel ungelesener Bücher? (Alternativ: wie viele Regale ungelesener Bücher hast du?)
In meiner Lese-Pipeline befinden sich dieser Tage mit Sicherheit so circa 100 ungelesene Bücher, wenn nicht mehr!

16) Wo bei dir Zuhause hast du überall Bücher?
Ausschließlich in Buchregalen, bis auf meinen Kindle, der liegt immer irgendwo griffbereit herum.

17) Wie sortierst du deine Bücher im Regal?
In verschiedenen Regalen ganz verschieden; manchmal alfabetisch nach Autor/in, manchmal gar nach Größe, manchmal sogar nach Farbe, manchmal nach Verlagen, nach Lust und Laune also.

18) Was nutzt du als Lesezeichen? Oder knickst du die Seiten ein?
Meine Bücher bekommen niemals Eselsohren verpasst, in der Regel befinden sich geschmackvolle Lesezeichen, dem Buch angemessen, in ihnen. Manchmal auch zur Not ein Fitzelchen Papier oder ein Tempotaschentuch.

19) Wenn du mit dem Lesen pausierst, liest du dann das Kapitel immer zu Ende oder hörst du auch mal mittendrin auf?
Beides kommt vor, aber in der Regel lese ich ein Kapitel zu Ende, bevor ich pausiere.

20)  Worauf achtest du beim Kauf eines Buchs? Was für Kriterien muss ein Buch erfüllen, damit du es dir kaufst? Spielt der Verlag eine Rolle?
Der Verlag spielt für mich eine große Rolle! Aber nicht ausschließlich.

21)  Wirfst du Bücher in den Müll?
Sehr selten in den Papiermüll.

22) Wie belesen ist dein Bekannten- und Freundeskreis? Kennst du Menschen, die kein Buch besitzen?
Ich kenne eigentlich nur Leute, die auch lesen (können). Donald Dagobert Trump gehört also zum Beispiel nicht zu meinem Bekannten- und Freundeskreis!

23) Was für eine Rolle spielen Bücher in deinem Berufsleben?
Einige Sach- und Fachbücher spiel(t)en eine große Rolle.

24)  Brichst du Bücher ab, wenn dir der Inhalt nicht zusagt?
Oh ja, relativ oft sogar; ich bin ein sehr wählerischer Leser (geworden).

25)  Bittet man dich im Freundes- und Bekanntenkreis um Buchtipps?
Ja, und dann sprudle ich nur so los (und höre kaum mehr auf *g*)

26) Wenn deine Bücher plötzlich alle verloren gehen (z.B. Feuer, Hochwasser, böse Fee, …), welche drei Bücher würdest du dir sofort neu bestellen?
Aurels Selbstbetrachtungen und Hesses Glasperlenspiel,
McKillips Riddlemaster und Marilliers Sevenwaters,
Mulischs Entdeckung des Himmels und Bulgakows Meister und Margarita.

27)  Gehören ein Heißgetränk und Kekse zum Leseabend?
Manchmal so zwischendrin schon.

28) Hörst du während dem Lesen Musik, oder muss bei dir völlige Stille herrschen?
Völlige Stille ist mir mit Abstand am liebsten, bloß keine Muzak im Umfeld!

29)  Liest du Bücher mehrmals? Wenn ja welche und warum?
Ja, es gibt ein paar (gar nicht so wenige), die lese ich immer und immer wieder…
dazu gehören vor allem die unter Punkt 26 genannten, aber auch noch einige andere.

30) Markierst du dir Stellen in einem Buch? Wenn ja wie?
Ich habe beim Lesen (fast) immer einen Bleistift in der Hand und markiere und streiche an nach Lust und Laune, auch im Ebook, dort allerdings mit der Markierungsfunktion und dem Finger.

 

 

 

 

© finbarsgift

Maienregen (Lasker-Schüler)

Du hast deine warme Seele
Um mein verwittertes Herz geschlungen,
Und all seine dunklen Töne
Sind wie ferne Donner verklungen.

Aber es kann nicht mehr jauchzen
Mit seiner wilden Wunde,
Und wunschlos in deinem Arme
Liegt mein Mund auf deinem Munde.

Und ich höre dich leise weinen,
Und es ist – die Nacht bewegt sich kaum –
Als fiele ein Maienregen
Auf meinen greisen Traum.

 

 

© Else Lasker-Schüler

Stoisches Gebet (Marc Aurel)

 

 

Sei in deinem Tun nicht fahrlässig,
in deinen Reden nicht verworren,
in deinen Gedanken nicht zerstreut;

laß dein Gemüt nicht eng werden,
noch leidenschaftlich aufwallen,
noch laß dich von Geschäften
vollauf in Beschlag nehmen.

Mögen sie dich ermorden,
zerfleischen, verfluchen, was tut´s?
Deine denkende Seele kann dessenungeachtet
rein, verständig, besonnen und gerecht bleiben.

Hört denn die reine süße Quelle auf,
rein und süß zu quellen,
wenn einer, der dabei steht,
sie verwünscht?

Und wenn er Schmutz und Schlamm hineinwürfe,
würde sie´s nicht sofort ausscheiden und hinwegspülen,
um rein zu bleiben wie zuvor?

Du auch bist im Besitz einer solchen ewig reinen Quelle,
wenn du die Seele frei, liebevoll, bescheiden,
ehrfurchtsvoll dir zu bewahren weißt.

 

 

Marc Aurel: Selbstbetrachtungen,
Achtes Buch, Spruch 51

Die große Kunst der Deutlichkeit (Kalász)

Zusammen halten, verdichten, Zeichen deuten,
üben, wie man beschützt, was man liebt,
vor falscher Nähe, vor ihrer Rauheit und Schärfe,
aber auch vor der entmutigenden Tristesse der echten.
Es bedarf nicht viel, die alte Heroldsregel
der 200 Schritte anzuwenden:
Hängen Sie ihren Entwurf
des Wappens der Liebe
draußen an einen Baum,
gehen Sie exakt so viele Schritte zurück,
als nötig sind, um Sehnsucht zu spüren,
und mit weit aufgerissenen Augen
wenden Sie sich dort um.

© Orsolya Kalász

Life is short – Das Leben ist kurz (Twain-Spruch)

 

Life is short,
break the rules,
forgive quickly
kiss slowly, love truly,
laugh uncontrollably
and never regret
anything that made
you smile.

 

 

Das Leben ist kurz,
brich die Regeln,
vergib schnell
küsse langsam, liebe wahrhaftig,
lache unkontrolliert
und bereue nichts
was Dich zum Lächeln gebracht hat.

 

Mark Twain (30.11.1835 – 21.04.1910),
US-amerikanischer Schriftsteller

Der Neckar (Hölderlin)

In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft
Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Tal,
Wie Leben aus dem Freudebecher,
Glänzte die bläuliche Silberwelle.

Der Berge Quellen eilten hinab zu dir,
Mit ihnen auch mein Herz und du nahmst uns mit,
Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen
Städten hinunter und lustgen Inseln.

Noch dünkt die Welt mir schön, und das Aug entflieht
Verlangend nach den Reizen der Erde mir,
Zum goldenen Paktol, zu Smyrnas
Ufer, zu Ilions Wald. Auch möcht ich

Bei Sunium oft landen, den stummen Pfad
Nach deinen Säulen fragen, Olympion!
Noch eh der Sturmwind und das Alter
Hin in den Schutt der Athenertempel

Und ihrer Gottesbilder auch dich begräbt,
Denn lang schon einsam stehst du, o Stolz der Welt,
Die nicht mehr ist. Und o ihr schönen
Inseln Ioniens! wo die Meerluft

Die heißen Ufer kühlt und den Lorbeerwald
Durchsäuselt, wenn die Sonne den Weinstock wärmt,
Ach! wo ein goldner Herbst dem armen
Volk in Gesänge die Seufzer wandelt,

Wenn sein Granatbaum reift, wenn aus grüner Nacht
Die Pomeranze blinkt, und der Mastixbaum
Von Harze träuft und Pauk und Cymbel
Zum labyrinthischen Tanze klingen.

Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vielleicht, zu euch
Mein Schutzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
Auch da mein Neckar nicht mit seinen
Lieblichen Wiesen und Uferweiden.

© Friedrich Hölderlin