Stille Dialektik (Harig)

Der eine lebt riskant, der andre lebt gesund.
Der erste schöpft sich kühn die nukleare Kraft
aus dem Getreidebrei, aus dem Gemüsesaft
und steigert ganz enorm den Cäsiumbefund.

 
Der andere ergreift die Flasche aus Burgund,
in der seit Jahr und Tag, geheim und zauberhaft
und lange vor dem GAU der Geist der Rebe schafft.
Er setzt den Römer an und trinkt mit seinem Mund.

 
Was einmal Trinken war ist seitens der Reklame
abscheulich pervertiert zur Flüssigkeitsaufnahme:
was nutzt ein flacher Schluck in zeitgemäßer Hektik?

 
Es wirkt der Alkohol aus dem vergornen Treber
erweiternd aufs Gemüt und schrumpfend auf die Leber:
alternativer Hast folgt stille Dialektik.

© Ludwig Harig

Es ist halt schön (Busch)

Es ist halt schön,
Wenn wir die Freunde kommen sehen. –
Schön ist es ferner, wenn sie bleiben
Und sich mit uns die Zeit vertreiben. –
Doch wenn Sie schließlich wieder gehen,
Ist’s auch recht schön. –

© Wilhelm Busch

​weiterung (Enzensberger)

wer soll da noch auftauchen aus der flut,
wenn wir darin untergehen?

noch ein paar fortschritte,
und wir werden weitersehen.

wer soll da unsrer gedenken
mit nachsicht?

das wird sich finden,
wenn es erst so weit ist.

und so fortan
bis auf weiteres

und ohne weiteres
so weiter und so

weiter nichts

keine nachgeborenen
keine nachsicht

nichts weiter

© Hans Magnus Enzensberger

​Blick um Blick (Goethe)

Wenn du dich im Spiegel besiehst,
Denke, daß ich diese Augen küßte,
Und mich mit mir selbst entzweien müßte,
Sobalde du mich fliehst:
Denn da ich nur in diesen Augen lebe,
Du mir gibst, was ich gebe,
So wär ich ganz verloren;
Jetzt bin ich immer wie neugeboren.

© Johann Wolfgang von Goethe

Ein Weihnachtswunsch (Tucholsky)

 

Die Zeit vergeht.
Die kleinen Lichter flammen.
Ein Duft von Knistertannen weht.
Ich reim mir dies und das zusammen …
Die Zeit vergeht.

Wie festtags Seine Augen glänzen,
wie Er leis lacht vor Wohlergehn
inmitten Tannennadelkränzen –
Ich weiß es nicht. Ich hab es nie gesehn.

Ich seh nur durch das Lichtgeflimmer
Ein seidenweiches blondes Haar.
Und auf mich sieht im Kerzenschimmer
Ein unvergeßlich Augenpaar.

 

 

© Kurt Tucholsky

Weihnacht (Wondratschek)

Weihnacht –
Weltkrieg der Wünsche,
Stichtag für Selbstmörder,
größte Einsamkeit.

Wer lag wo im Stroh?
Wie lange ist das her?
Ach so, so lange schon?
Na dann, kein Wunder,
daß keines geschieht.

Gute Nacht,
stille und heilige.
Ich bin vom Wünschen so müde
und müde vom Anschaun brennender
Kerzen, vom Warten auf
Schnee.

Ich könnte heulen –
und muß nur lachen.
Was soll man denn sonst
an Weihnachten machen?

© Wolf Wondratschek

Weihnachten am Alexanderplatz (Dückers)


Ein zwei drei Punks kommen
Mir auf der Rolltreppe entgegen
Der größte ein schlaksiger
Typ mit blonden Zotteln
Und Nasenring sieht mich
Für einen Moment aus hellen
rotgeäderten Augen an
Ich liebe dich johlt er plötzlich
Ich dich auch rufe ich so
Leichthin über die Schulter
Echt? vernehme ich noch
Dann bin ich in der S-Bahn
und er unten verschwunden

© Tanja Dückers

​Vom Staubkorn im Universum des Möglichen (McEwan)

Manche Künstler, ob Maler oder Schriftsteller, gedeihen wie ungeborene Babys am besten auf begrenztem Raum. Ihre eingeschränkte Themenwahl mag den ein oder anderen verblüffen oder auch enttäuschen: das Balzverhalten des Adels im achtzehnten Jahrhundert, das Leben auf See, sprechende Kaninchen, Hasenskulpturen, dicke Menschen in Öl, Hundeporträts, Pferdeporträts, Porträts von Aristokraten, liegende Akte, Krippenszenen millionenfach, Kreuzigungen und Mariä Himmelfahrt, Obstschalen und Blumen in Vasen. Oder Brot und holländischer Käse mit und ohne Messer. Manche widmen ihre Prosa einzig dem eigenen Ich. Auch in der Wissenschaft beschäftigt der eine sich ein Leben lang mit albanischen Schnecken, ein anderer mit einem Virus. Darwin untersuchte acht Jahre lang Seepocken. Und später, im weisen Alter, Regenwürmer. Nach dem Higgs-Boson, einem winzigen Etwas, das vielleicht nicht einmal ein Etwas war, forschten abertausend Wissenschaftler jahrzehntelang. In einer Nussschale eingesperrt sein und in zwei Zoll Elfenbein oder einem Sandkorn die ganze Welt sehen. Warum nicht, wenn alle Literatur, alle Kunst, alles menschliche Trachten nur ein Staubkorn im Universum des Möglichen ist. Wenn selbst dieses Universum vielleicht nur ein Staubkorn in einer Vielzahl möglicher und tatsächlicher Universen ist.

© Ian McEwan  

Der Engel (Rilke)

 

Mit einem Neigen seiner Stirne weist
er weit von sich was einschränkt und verpflichtet;
denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
das ewig Kommende das kreist.

Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,
und jede kann ihm rufen: komm, erkenn –.
Gib seinen leichten Händen nichts zu halten
aus deinem Lastenden. Sie kämen denn

bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen,
und gingen wie Erzürnte durch das Haus
und griffen dich als ob sie dich erschüfen
und brächen dich aus deiner Form heraus.

 

 

 

 

© Rainer Maria Rilke