​Der Überblick über die Welt (Knausgard)

Wenn der Überblick über die Welt größer wird, schwindet nicht nur der Schmerz, den sie verursacht, sondern auch der Sinn.
Die Welt zu verstehen heißt, einen bestimmten Abstand zu ihr einzunehmen.
Was zu klein ist, um mit dem bloßen Auge wahrgenommen zu werden, wie Moleküle und Atome, vergrößern wir, und was zu groß ist, wie Wolkengebilde, Flussdeltas, Sternbilder, verkleinern wir.
Wenn wir den Gegenstand so in die Reichweite unserer Sinne gebracht haben, fixieren wir ihn. Das Fixierte nennen wir Wissen.

In unserer gesamten Kindheit und Jugend streben wir danach, den korrekten Abstand zu Dingen und Phänomenen einzunehmen.
Wir lesen, wir lernen, wir erfahren, wir korrigieren.
Dann gelangen wir eines Tages an den Punkt, an dem alle notwendigen Abstände bestimmt, alle notwendigen Systeme etabliert sind.
Es ist der Punkt, ab dem die Zeit schneller zu vergehen beginnt. Sie stößt auf keine Hindernisse mehr, alles ist festgelegt, die Zeit durchströmt unser aller Leben, die Tage verschwinden in einem rasenden Tempo, und ehe wir uns versehen, sind wir vierzig, fünfzig, sechzig …

Sinn erfordert Fülle, Fülle erfordert Zeit, Zeit erfordert Widerstand. Wissen ist Abstand, Wissen ist Stillstand und der Feind des Sinns.
Mein Bild von Vater an jenem Abend 1976 ist mit anderen Worten eine Doppelbelichtung: Einerseits sehe ich ihn, wie ich ihn damals sah, mit den Augen des Achtjährigen, unberechenbar und beängstigend, andererseits sehe ich ihn als einen Gleichaltrigen, durch dessen Leben die Zeit weht und unablässig größere Stücke Sinn mit sich reißt.

© Karl Ove Knausgard

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Finbars Welt – ein kleiner Einblick

 

Immer wieder mal, in unregelmäßigen Abständen wird mein Blog finbarsgift von anderen Bloggerinnen oder Bloggern der weltweiten Blogszene zum  sogenannten „liebsten Blog“ ausgewählt, worüber ich mich natürlich immer sehr freue.

Dieses Mal – so ca. Mitte Oktober schon (sorry, für diese späte Reaktion)  – habe ich von meiner Schreibfreundin Christiane deshalb einen sogenannten „Blog-Award“ bekommen (nochmals herzlichen Dank dafür!), verbunden mit einem sogenannten „Stöckchen“ (einer Art Frage- und Antwortspiel zum Thema Leben rund ums Bloggen), das sie mir mit sooooo viel Sympathie mitten auf meinen Hinterkopf warf, dass ich einfach mitmachen muss!

Somit hier endlich zu ihren Stöckchenfragen meine Antworten:

 

Wofür lohnt es sich, jeden Tag aufzustehen?
Was sollte ich denn sonst tun?, etwa liegenbleiben wie der olle Suffkopp Oblomow? Nein, danke! Das würde mir schon mein alter Philosophiefreund Marc Aurel niemals verzeihen, siehe hier:
https://finbarsgift.wordpress.com/2013/04/22/uber-unlust-und-pflicht-kurzdialog-mit-marc/
Also stehe ich auf um weiterhin das einmalig zauberschöne Leben zu genießen, im einmalig zauberhaften Da-Sein hier auf Erden, direkt am Rande der traumhaften Milchstraße mitten im Kosmos mit Körper, Geist und Seele mich selbst immerzu zu baden,
und zwar solange, bis der für uns Menschen ja unvermeidbare, liebliche Tod mich ganz sanft an sich presst, gut festhält und wieder heimbringt zu Mutter Allnatur, die mir diese einmalige Lebenszeit ja überhaupt ermöglicht, quasi durch die Geburt geschenkt hat. Apropos meine Geburt:
https://finbarsgift.wordpress.com/2014/03/12/meine-geburt/

 

Wenn du für ein, zwei Tage ein Tier sein könntest, was für eines wärst du gern?
Am ersten Tag wäre ich nur zu gerne ein rötliches Eichhörnchen, das von Baumwipfel zu Baumwipfel hüpft, auf der Suche nach einem passenden anderen Eichhörnchen, einem bräunlichen…
und
am zweiten Tag wäre ich nur zu gerne ein Vogel, am liebsten ein Kolibri, der von Blüte zu Blüte schwirrt und ausnahmsweise auch mal einem gewissen Ludwig hilft, den riesengroßen Turm in der Ebene der wilden Winde zu erklimmen um zu sich selbst zu finden und sich zu erkennen:
https://finbarsgift.wordpress.com/2013/11/21/der-kolibri-und-ich-ein-traum-1/

 

Hast du einen Traum, den du dir noch unbedingt erfüllen willst? Wenn ja, welchen?
Ja, ich habe immer wieder einen ganz herrlichen, schon lange gehegten Traum, der immer wiederkommt, und sogar nicht nur im VL, sondern teilweise seinen Traumplatz auch im RL längst gefunden hat (d.h. ich komme nicht mehr von ihm los);
und zwar wäre ich in diesem Traum überirdisch gerne Morgon, der Riddlemaster, mitten im Erdzauberreich, und würde nur zu gerne dort alles so erleben wie in der jetzigen Wirklichkeit hier auf unserem zauberschönen Planeten, aber eben auf Winderde, und dort könnte ich dann auch unendlich oft und lange Flöte und auch viel Harfe spielen, immer und immer wieder, alle Harfen, auch die von Deth, und natürlich die Flöte von Rendel von Aum; und den irre hohen Windturm erklimmen mit meiner Querflöte und meiner Harfe im Gepäck (zusammen mit dem Kolibrifreund, wenn er denn Zeit hat) und dann bis zum Ende dieses Traums – zusammen natürlich mit Rendel – verbleiben, das wäre traumhaft.
Hier mal ein immer noch traumhafter Eintrag meiner langjährigen Blogfreundin CoronaCursa über mich als Flötenspieler:

https://finbarsgift.wordpress.com/2013/06/06/der-flotenspieler-von-amazonien/

 

Wovon besitzt du am meisten? Bücher, Musik oder Filme?
Musik und Bücher gleichermaßen und zugegebenermaßen viel zu viel (fast meine gesamte Wohnung ist davon voll…au backe!),
aber OHNE Bücher und CDs in Regalen leben? So nur mit MP3-Player und Ebook-Reader und ansonsten völlig leerer Wohnung?— Nein danke!
Unter meinen Büchern befinden sich auch diese Lieblingsbücher hier:
https://finbarsgift.wordpress.com/2014/02/24/lieblingsbucher/
Einige Filme auf DVD habe ich auch, aber vergleichsweise wenige z. B. fast alle Filme von Kieslowski und Tarkowski und Bergman und Truffaut. Ich finde, dass Filme halt eigentlich nur in Kinos wirklich Filme sind.

Hat sich durch deinen Blog etwas in deinem Leben verändert?
Ja, definitiv sehr viel! Es gab anfangs auch sehr hektische Blogzeiten, around midnight vor allem auch.
Aber nach insgesamt nun auch schon 8 Jahren des Online-Schreibens und des Einstellens von eigenen Fotografien in mein Weblog, habe ich inzwischen eine sehr gute Balance zwischen dem wichtigen RL und dem ebenfalls wichtigen VL gefunden, sodass die Internetwelten auf jeden Fall eine echte und zusätzliche Bereicherung meines Lebens insgesamt darstellen, worüber ich mich sehr und immer mehr freue, vor allem natürlich über einige sehr sympathische und kluge Menschen, die ich während all dieser Jahre dabei kennenlernen durfte!

 

Was findet sich immer bei dir im Kühlschrank?
Joghurt in allen möglichen Variationen; ich bin halt ein absoluter Jogi-Fan, so frei nach dem leicht veränderten Lebensmotto des von mir sehr verehrten Charlie Chaplin:
Ein Tag ohne (nicht mindestens) einen Jogi, ist ein verlorener Tag. *lächel*

 

Schlag das nächste Buch in Reichweite auf Seite 37 auf und poste den dritten Satz und sag bitte, was das für ein Buch ist.
„Ich schlage vor, alles im Raum Zürich vorhandene Geld auf einen Haufen zu tun, auf der Landwiese, und auf los geht’s los: jeder darf so viel heimtragen, wie er tragen kann.“
Das ist das verlangte Zitat aus dem lesenswerten Buch (in dem ich derzeit immer mal wieder einen kleinen Abschnitt lese)
des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer mit dem Titel:
„Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück.“
Diogenes Verlag (den ich sehr mag), 2002.

 

Gibt es für dich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens?
Ja aber natürlich (vgl. auch die erste Frage oben): ich wurde als ein winziger Teil im weltweiten Kosmos von Mutter Allnatur zu Leben erweckt (Heidegger schrieb: ins Da-Sein geworfen ohne mein Zutun, ohne meinen eigenen Willen), und zwar um sie in all ihrer zauberschönen Pracht und unendlichen Würde Tag für Tag zu bewundern und zu verehren und zu (be)schützen und für sie zu kämpfen, so gut ich kann, was ich auch mit vollster Überzeugung im Herzen und mit dem Kopf täglich mache.

 

Wer ist deine Lieblings-Filmfigur (ODER -Buchfigur) und warum?
Das ist eindeutig die „doppelte Veronika.“
Ich finde den Film von Krzysztof Kieślowski “ Die zwei Leben der Veronika (frz. Originaltitel: La double vie de Véronique, pol.: Podwójne życie Weroniki)“ immer schon einmalig zauberschön, immer wieder von unerschöpflicher Magie und Kraft, völlig unerreicht von allen anderen Filmen, die vor allem heutzutage zumeist schnell konsumierte Massenware darstellen; nicht so jedoch viele Filme dieses genialen polnischen Regisseurs, vor allem der sehr nachhaltig wirkende Veronikafilm, was die Themen Leben, Liebe, Musik, Marionettenspiel, Kinderaugen und vieles mehr angeht, und vor allem auch die Hauptrolle der Veronika, eine Doppelrolle, zauberhaft gespielt von der damals noch sehr jungen französischen Schauspielerin Irène Jacob.
Hier eine kleine Lieblingsstelle aus meinem Lieblingsfilm:
https://finbarsgift.wordpress.com/2012/10/23/liebe-ist-die-entpuppung-einer-puppe/

 

Was isst du NICHT?
Frischgurken, da stößt es mich gefühlte hundert Tage lang nach einem einmaligen Verzehr auf, und darauf kann ich verzichten;
infolge also auch auf jeden Kartoffelsalat mit solchen Gurken, was schon schwerer ist, da er in Kantinen und Gaststätten oft so angemacht wird und ich Kartoffeln eigentlich in allen Variationen gerne mag (das haben mir Mutter und Großmutter in die Wiege gelegt).
Ich schaffe es aber trotzdem gut auch ohne Frischgurken zu leben, vor allem, weil ich eingemachte Dillgurken geradezu liebe und ratzfatz in einem Ritt ein Glas davon aufessen kann; meine Oma mütterlicherseits trank dazu dann auch immer noch das Gewürzglas leer, in dem diese Gürkchen zuvor drin waren, worüber ich mal in einem kleinen Teil meiner Erinnerungen bereits u. a. schrieb:
https://finbarsgift.wordpress.com/2013/09/16/besuch-der-alten-dame-in-m/

 

Wofür hättest du gern mehr Zeit?
Für meine Kinder natürlich und die Liebe und mich (vgl. auch hier):
https://finbarsgift.wordpress.com/2013/02/19/es-war-einmal-kein-marchen/

 

PS: Hier noch ein Hinweis auf ein früheres Blog-Award-Stöckchen, das ich vor einiger Zeit von WolfgangSchnier zugeworfen bekam, und in dem ich bei meinen Antworten andere weiterführende Bemerkungen über mich und meine Vorlieben – was Bücher usw. angeht – gemacht habe.

Und nun werfe ich dieses Blog-Award-Stöckchen wieder weit weg von mir und treffe der Reihe nach die folgenden Schreibfreunde, die ich schon lange und immer wieder sehr schätze, und möchte sie hiermit selbst als sehenswerte und lesenswerte Blogs auszeichnen!

Ferner möchte ich – zugegebenermaßen auch mit etwas Neugier – die betroffenen Schreibfreunde bitten, ebenfalls die obigen 11 Fragen zu beantworten und diese Antworten dann in einem extra Post auf ihrer eigenen Site einzustellen und dann das Stöckchen – mit diesen Fragen oder in leicht variierter Form, egal – an andere ausgezeichnete BloggerInnen bitte weiterzureichen, vielen herzlichen Dank!

Und nun werfe ich tatsächlich das Blog-Award-Stöckchen mit all meiner Kraft mitten in die Blogwelten hinein und treffe der Reihe nach die folgenden Blogs, die ich aus vielen unterschiedlichen Gründen (sehr) schätze, und bei denen ich immer und immer wieder mal sehr gerne vorbeischaue, wenn ich genügend Zeit dazu habe (was leider nicht tagtäglich der Fall ist) und mich dann an ihnen erfreue und labe:

Zeilentiger (ein meisterhafter Schreibkünstler und Kesselstadtnachbar)

Wolfregensconstanze (ein lyrisches Paar das abwechselnd wunderschön poetische Landschaften malt)

Tintenblut (ein kluger Verfasser fantastischer Lyrik und beeindruckender Kurzprosa)

Stadtauge (ein traumhaft-guter Fotograf)

SalvaVenia (ein beeindruckender politisch-poetischer Philosoph)

Quersatzein (eine Erschafferin herrlicher Bilder- und Schreibwelten)

MargaAuwald (eine Schriftstellerin der Sonderklasse)

LadyfromHamburg (die Verfasserin geistreicher und informativer Artikel in Wort und Bild)

KaetheKnobloch (die famose schriftstellerische Neologismus-Queen)

Karfunkelfee (die Königin der Poesie)

HerrÄrmel (der eloquenteste (urkomischste) Schreibfotograph)

Gedankengehuepfe (die zauberhafteste Kunst-Musik-Lyrik-Sammlung)

Disputnik (der allerbeste Kurzgeschichtenerzähler im Netz)

BenWederwill (hier wird berührende Lyrik des Lebens und der Liebe gezeigt)

Astrid-Bergmann (eine großartige Malerin und Fotogräfin)

Ariana-Sternenseele   (eine Poetin die die Seele berührt)

Arabella50  (eine Gärtnerin zauberschöner Natur)

 

Anmerkung: Anna-Lena und  Wortbehagen und Versspruenge sowie  Literaturfrey habe ich beim letzten Mal schon mit einem Stöckchen beworfen und verschone sie also dieses Mal damit, obwohl sie auch weiterhin für mich exzellente Blog-Award-Preisträger sind und wohl auch für immer bleiben werden …

und nun allen Blog-Award-Preisträgern meine herzliche Gratulation!
Und viel Spaß beim eigenen Beantworten der weiter oben aufgeworfenen 11 Fragen.

Und vielen Dank natürlich fürs Mitmachen!

 

PS: Und wer jetzt immer noch nicht genug hat, vom Frage- und Antwortspiel, was Finbars Welt betrifft, der sei erinnert an die Antworten zum bekannten Fragebogen von Marcel Proust, den ich hier schon mal ausfüllte:

https://finbarsgift.wordpress.com/2014/02/20/antworten-zum-proust-fragebogen/

 

© finbarsgift

Götter und Kosmos – mit Marc am See

 

 

Zusammen mit meinem alten philosophischen Freund Marc Aurel verbringe ich gerade etwas freie Zeit am Ufer meines Lieblingssees; wir unterhalten uns bereits eine ganze Weile – sicherlich mindestens schon zum hundertsten Male – über Gott und die Welt, oder wie das so zu seinen Lebzeiten vor ca. nun fast schon 2000 Jahren hieß: über die Götter und den Kosmos.

Gerade sagt er z. B. dbzgl. zu mir folgendes: „Was von den Göttern kommt, ist von der Vorsehung; was dem Zufall unterliegt, ist nicht ohne Verbindung mit der Natur oder nicht ohne Verknüpfung und Verkettung mit allem, was von der Vorsehung bestimmt wird. Alles hat dort seinen Ausgangspunkt. Es kommt noch das Notwendige und das für den ganzen Kosmos Nützliche hinzu, von dem du ein Teil bist.“

Damit es mir nicht wieder zu viel auf einmal wird, unterbreche ich ihn hier gleich mal und frage vorsichtig nach: „ Also bin ich tatsächlich notwendig und wirklich zu etwas nütze, lieber Marc?!“

Nun lächelt er gelinde und entgegnet verschmitzt: „Ach, was bist du doch heute Morgen wieder für ein Witzbold, mein lieber Ludwig! Du beliebst also zu scherzen, und das schon zu solch früher Stunde hier am See, ja?!“

„Ehrlich gesagt, lieber Marc, kann ich dann die gesammelte Anhäufung deiner stets so irrsinnig klugen Sprüche, deinen immer so sehr kompakt informativen Sätzen etwas besser folgen, sie ein wenig leichter verarbeiten sozusagen, auch intensiver auf mich einwirken lassen. Zu Deutsch: Ich brauche einfach immer mal wieder kleinere Nachdenkphasen, wenn du verbal so richtig in Fahrt geraten bist, so wie eben.“

„Ach so, sag das doch gleich, okay, na dann lass mal noch das hier gut und vorsichtig auf dich einwirken, denn das gehört auch noch zu meinen heutigen Sprüchen über die Götter und den Kosmos dazu.“ Und er setzt seine Rede fort mit: „Für jeden Teil der Natur aber ist alles gut, was die Natur des Ganzen mit sich bringt und was ihrer Erhaltung dient. Den Kosmos aber erhalten die Verwandlungen sowohl der kleinsten Bausteine  wie auch der zusammengesetzten Körper.“

„Na toll“, scherze ich weiter, „und wer soll das nun bitteschön auf Anhieb verstehen?“

Aber dieses Mal geht er gar nicht auf mich ein, ignoriert meine Unterbrechung einfach und spricht salbungsvoll weiter: „Diese Einsichten sollen dir genügen, wenn sie deine Grundüberzeugungen sind. Befreie dich von deinem Hunger auf Bücher, damit du dein Leben nicht in Gram beschließt, sondern wahrhaft heiter und den Göttern von Herzen dankbar.“

Hier entsteht nun eine kleine Pause, jedenfalls scheint Marc vorerst mit seinen Sprüchen zum Thema Götter und Kosmos durch zu sein. Ich werde wieder etwas ruhiger. Er wendet seinen Blick langsam von mir ab und schaut genüsslich auf den wundervoll weiten See hinaus; sein Profil hat schon etwas sehr edles, denke ich mir, seine immer noch beeindruckend wohlgelockten Haare sind zwar fast schon komplett ergraut, aber er sieht immer noch sehr schön aus: wie sehr ich ihn doch schon so lange und immer wieder verehre!

Der See ist noch sehr ruhig in diesen frühen Morgenstunden. Ich habe absolut keinen Hunger, aber etwas Durst, meine Kehle ist sogar leicht trocken. Und so öffne ich meine Thermoskanne mit frischem Kaffee und fülle damit zwei mitgebrachte Becher. Es ist beeindruckend, zusammen mit ihm mitten im Kosmos am Rande der Milchstraße auf diesem kleinen, zauberschönen Planeten nun diesen heißen Kaffee laut mit Genuss zu schlürfen, wenn auch etwas nachdenklich ob seiner geäußerten, wertvollen Götter-Kosmos-Worte.

Allmählich kommt auch noch etwas Wind auf, der die Seeoberfläche direkt vor uns leicht zum Kräuseln bringt; in etwa zehn Meter Entfernung springt plötzlich völlig unerwartet ein Fisch aus dem Wasser und fängt ein Insekt: Leben und leben lassen, fressen und gefressen werden, das ist wohl das Hauptspiel der Götter im Kosmos, denke ich daraufhin.

Schließlich erhebe ich vorsichtig wieder meine Stimme und spreche sachte in seine Richtung: „Wenigstens habe ich den Schluss deiner Rede zum Thema Götter und Kosmos wohl verstanden, nämlich dass alles andauernd in Bewegung ist und sich in beständiger Veränderung – dieser ewigen Metamorphose des Kosmos – befindet, die du neulich schon mal erwähntest, und dass das für uns alle und für alles gut und richtig und wichtig ist, insbesondere für uns Menschen, die wir – uns andauernd verändernde – Teile davon sind, von Geburt bis Tod (und evtl. auch noch danach, wie auch immer) und auch völlig unvermeidlich, weil von Mutter Allnatur…“

Hier unterbricht mich Marc plötzlich barsch und lacht sich einen, begleitet von seinem lauten Satz: „Duuuuuu immer mit deiner Mutter Allnatur! Da hast du ja echt einen Narren an der gefressen, nicht wahr, und das nicht nur zur Sommerszeit?!“ Und dann lacht er so laut, dass sich sogar die Balken des Seewassers zu biegen scheinen und mir mein Lieblingsgewässer noch eine Spur flüssiger vorkommt als sonst schon.

Ich aber blicke ihn zutiefst verächtlich schmunzelnd an und fahre direkt dort fort in meinem Satz, wo er mich jäh unterbrach: „…weil von Mutter Allnatur – Ätsch! – und den Göttern so gewollt und eingerichtet, damit der Kosmos für uns immer wieder neu sein wird und uns für immer neu erhalten bleibt.“

Meine Augenblicke wandern nun über den Gnadensee hinaus in die Ferne und ich sehe ein erstes Segelboot, das bereits die bekannte Gemüseinsel zu umrunden scheint, die inzwischen leider auch noch zum Weltkulturerbe erklärt wurde, was sie noch touristischer hat werden lassen. Wie gerne wäre ich nun auch auf dem See da draußen, segeln und schwimmen… bei diesem Gedanken schaue ich wieder zur Seite und Marc direkt in die Augen und er nickt; verstehen wir uns inzwischen etwa schon blind, via Gedankenaustausch?

Ich fahre fort: „Aber, Marc, warum rätst du mir erneut von Büchern ab, so wie schon bei unserem letzten Treffen  vor ein paar Wochen als wir über den Körper und die Seele sprachen? Das verstehe ich nun wirklich nicht und geht mir, ehrlich gesagt, auch so langsam auf den berühmten Keks bzw. echt gegen den Strich! Also was soll das, Marc, warum soll ich keine Bücher mehr lesen? Ich liebe sie, jedes einzelne Buch, das ich habe und mich tagtäglich daran labe! Diese Bücher sind doch oft mein ein und alles!“

„Ja eben deshalb! Überdenke halt mal genau, was ich vorhin sagte! Du sollst dich nur von deinem maßlosen Hunger nach ihnen befreien! Die Betonungen liegen auf: maßlos! Hunger! Gegen ein Buch ab und zu habe ich doch nichts einzuwenden, vor allem, wenn du meines zur Hand nimmst, die Wege zu sich selbst, aus dessen Kapitel 2 ich heute meine Sprüche 3 und 4 versucht habe dir ein bisschen nahe zu bringen; dann ist das natürlich okay, mache das ruhig immer mal wieder; und wegen mir, nimm auch ab und zu mal dieses kluge Gedanken-Buch von deinem anderen Philosophenfreund Pascal zur Hand, dessen Getrommel hat auch mir neulich hier beim finbarsgift (wie bist du denn bloß auf so einen Avatar-Namen gekommen, alle Achtung, total schräg!) zu denken gegeben.“

Ich habe nun keine Lust mehr seine Worte, die ich jetzt gut verstanden habe, weiter zu reflektieren, zu echoen, zu spiegeln und nicke ihm einfach nur mehrmals zustimmend zu und blicke wieder auf den See hinaus; die Sonne steht inzwischen deutlich sichtbar über dem Horizont Richtung Dreiländereck von hier aus gesehen, ich schließe meine Augen kurz und wende mich ihr direkt zu um ihre bereits angenehm wärmenden Strahlen einzufangen und zu genießen.

„Bevor du nun mit Hilfe der Sonne deinen freien Tag weiterleben wirst, möchte ich noch zum Schluss meiner kurzen Ausführungen zum Thema Götter und Kosmos kommen: Erinnere dich daran, seit wann du dies aufschiebst und wie oft du von den Göttern Termine bekamst, ohne sie zu nutzen. Du musst doch endlich einmal zur Kenntnis nehmen, was für ein Kosmos es ist, von dem du ein Teil bist, und wer es ist, der den Kosmos verwaltet und als dessen Abkömmling du auf die Welt gekommen bist, und dass deine Zeit begrenzt ist; wenn du sie nicht zu deiner Erleuchtung gebrauchst, dann wird sie bald endgültig vorbei sein und auch du wirst dann nicht mehr da sein, und es wird dir kein zweites Mal möglich sein.“

Ich öffne wieder meine Augen und danke ihm nun mit den Worten: „Das habe ich sehr gut verstanden, lieber Marc, ich lebe ja schon jeden Tag so, als könnte er mein letzter sein hier auf Erden, seit Wochen schon mache ich das so, seit Monaten, ja eigentlich schon seit ein paar Jahren… und weißt du was? Mein Leben ist dadurch tatsächlich viel intensiver und auch viel zauberschöner geworden…“

Und nun lehnen wir uns am Rande des großen Sees gemeinsam langsam zurück und legen uns auf den wundervoll weichen Rasen; die Vögel sind inzwischen alle wach, zwitschern hinter uns auf den nahen Bäumen um die Wette und ich nicke wohl – ob des klangvoll monoton einschläfernden Pfeifkonzerts – ein wenig ein.

Als ich etwas später wieder aufwache, da ist er natürlich längst verschwunden, aber das kenne ich ja schon von meinen vielen anderen Marc-Treffs her. Ich lächele trotzdem sehr zufrieden und glücklich auf den geliebten See hinaus und erfreue mich einfach meines Daseins, meines lebendigen Daseins, inmitten all der Götter und ihres Kosmos und auch zusammen mit Gott und der Welt und selbstverständlich auch inmitten Mutter Allnatur, nicht zu vergessen…

 

 

 

© finbarsgift

Das menschliche Leben (Marc Aurel)

Das menschliche Leben ist
was seine Dauer betrifft ein Punkt
des Menschen Wesen flüssig
sein Empfinden trübe
die Substanz seines Leibes leicht verweslich
seine Seele einem Kreisel vergleichbar
sein Schicksal schwer zu bestimmen
sein Ruf eine zweifelhafte Sache

Kurz alles Leibliche an ihm ist wie ein Strom
und alles Seelische ein Traum ein Rauch
sein Leben Krieg und Wanderung
sein Nachruhm Vergessenheit

Was ist es nun das ihn über
das alles zu erheben vermag?

Einzig die Philosophie
sie die uns lehrt den göttlichen Funken
den wir in uns tragen
rein und unverletzt zu erhalten
dass er Herr sei über Freude und Leid
dass er nichts ohne Überlegung tue
nichts erlüge und erheuchele und
stets unabhängig sei von dem
was andere tun oder nicht tun
dass er alles was ihm widerfährt
und was ihm zugeteilt wird
so aufnehme als komme es von da
von wo er selbst gekommen und dass er
endlich den Tod mit heiterem Sinn erwarte
als den Moment der Trennung aller Elemente
aus denen jegliches lebendiges Wesen besteht

Denn wenn den Elementen dadurch
nichts Schlimmes widerfährt
dass sie fortwährend ineinander übergehen
weshalb sollte man sich scheuen vor der
Verwandlung und Lösung aller auf einmal?

Vielmehr ist dies das Naturgemäße und
das Naturgemäße ist niemals vom Übel

© Marc Aurel: „Selbstbetrachtungen“,
Zweites Buch, Spruch 14

Spinne der Zukunft (Kierkegaard)

Was wird geschehen?
Was wird die Zukunft bringen?
Ich weiß nicht; ich ahne nichts.

Wenn eine Spinne
sich von einem festen Punkte aus
in ihre Konsequenzen hinabstürzt,
da sieht sie vor sich beständig
einen leeren Raum,
in welchem sie nirgends Fuß findet,
wie sehr sie auch zappeln mag.

Geradeso geht es mir.
Vorn immer ein leerer Raum;
was mich vorwärts treibt,
ist eine Konsequenz,
deren erster Anstoß
hinter mir liegt.

© Sören Kierkegaard

Schritte im Flur (Mitch Albom)

Alle Eltern fügen ihren Kindern Schaden zu. Daran lässt sich nichts ändern. Ein junger Mensch ist für Fingerabdrücke so empfänglich wie sauberes Glas. Manche Eltern beschmutzen eine Kindheit, andere machen einen Sprung hinein, und einige zertrümmern sie zu scharfkantigen Scherben, die sich nicht mehr kitten lassen.

Der Schaden, den Eddies Vater anrichtete, bestand erst einmal darin, dass er seinen Sohn vernachlässigte. Als Baby nahm er ihn selten hoch, und als kleinen Jungen packte er ihn meist nur am Arm, weniger aus Liebe als aus Ärger. Die Mutter war für die Zärtlichkeit zuständig, der Vater für die Disziplin.

An den Samstagen nahm der Vater Eddie mit zum Ruby Pier. Eddie verließ die Wohnung mit Träumen von Karussellfahrten und Zuckerwatte, aber meist fand der Vater nach etwa einer Stunde einen Bekannten, zu dem er sagte: „Passt du mal kurz auf das Kind auf?“ Bis der Vater zurückkam, meist am Nachmittag und oft betrunken, blieb das Kind in der Obhut eines Akrobaten oder Tierbändigers.

Dennoch wartete Eddie in seinen Jugendjahren an der Strandpromenade stundenlang auf die Aufmerksamkeit seines Vaters, wenn er irgendwo auf einem Geländer saß oder in kurzen Hosen auf den Kisten in der Werkstatt hockte. Oft bot er sich an: „Darf ich dir helfen? Darf ich dir helfen?“ Aber die einzige Arbeit, mit der er betraut wurde, war die, morgens, bevor der Park öffnete, unter das Riesenrad zu kriechen und die Münzen zu suchen, die am Abend vorher den Besuchern aus der Tasche gefallen waren.

An mindestens vier Abenden in der Woche spielte der Vater Karten. Am Kartentisch gab es Geld, Flaschen, Zigaretten und Regeln. Die erste Regel, die Eddie betraf, war einfach: Nicht stören. Einmal versuchte er, neben seinem Vater zu stehen und ihm in die Karten zu schauen, aber der Alte legte die Zigarre weg, explodierte wie ein Gewitter und schlug Eddie mit dem Handrücken ins Gesicht. „Schnauf mir nicht so ins Ohr!“, blaffte er. Eddie brach in Tränen aus, die Mutter zog ihn an sich und starrte ihren Mann wütend an. Eddie kam ihm nie mehr so nahe.

An anderen Abenden, wenn die Karten schlecht und die Flaschen leer waren und die Mutter schon schlief, tobte sich der Vater im Kinderzimmer aus. Er durchstöberte die Spielsachen und donnerte sie gegen die Wand. Dann befahl er seinen Söhnen sich bäuchlings auf die Matratzen zu legen, zog sich den Gürtel aus der Hose, schlug sie damit auf den Hintern und schrie, sie würfen sein Geld nur für Mist zum Fenster hinaus. Eddie betete immer, seine Mutter möge aufwachen, aber selbst wenn sie aufwachte, warnte der Vater sie, sich rauszuhalten. Sie im Flur stehen zu sehen, den Morgenmantel um sich gerafft, genauso hilflos wie er selbst, machte alles nur noch schlimmer.

Die Hände, die in Eddies Kindheit Abdrücke auf seinem Glas hinterließen, waren rau, schwielig und rot vor Wut; er wurde seine ganze Jugend hindurch verprügelt, ausgepeitscht und geschlagen. Das war neben der Vernachlässigung, der zweite ihm zugefügte Schaden. Beschädigung durch Gewalt. Das ging so weit, dass Eddie schon an den Schritten im Flur erkennen konnte, wie schlimm es ihn erwischen würde.

Trotz alledem bewunderte Eddie seinen Vater insgeheim, denn alle Söhne bewundern ihre Väter, selbst wenn sie sich noch so schrecklich aufführen. Auf diese Weise lernen sie, hingebungsvoll zu lieben. Bevor sich ein junger Mann Gott weiht oder einer Frau hingibt, vergöttert er seinen Vater, mag das noch so unvernünftig sein, noch so unerklärlich.

© Mitch Albom