Mitternächtlicher Tanz

Ich saß nackt auf dem Klo, des nachts, blickte mit halboffenen Augen, noch müde vom Schlaf, in Richtung Wohnzimmer, als dort zu meiner großen Überraschung plötzlich Licht gemacht wurde. Sehr schnell füllte sich anschließend der relativ große Raum mit einer kleinen Tanzgruppe, jedenfalls einigen Menschen in bunten, wilden Outfits, die sich hier bei mir wohl zu einer mitternächtlichen Tanzübung zusammenfanden.
Ich konnte die Klotür nicht schließen, was mir peinlich war. Sie war gar nicht mehr vorhanden, stellte ich fest, stattdessen befand sich an ihrer Stelle eine Art transparenter Vorhang zum Auf- und Zuschieben. Leider war er offen und ließ sich auch nicht zuziehen. Weiß der Geier, warum! Der Schweiß tropfte mir alsbald ob meiner misslichen Lage von der Stirn, denn ich bemerkte zudem, dass ich wie gelähmt, wie angeklebt auf der Klobrille saß und mich keinen Millimeter wegbewegen konnte.
In meiner zunehmenden Ohnmacht und Verzweiflung blieb ich also weiterhin sitzen und harrte der Dinge. Diese fremden Menschen (ich erkannte niemanden) dort vor mir in meinem Wohnzimmer hatten inzwischen meine HiFi-Anlage angemacht und mitten in der Nacht Musik aus meinem CD-Bestand aufgelegt (es erklang das Stück Dating aus dem Album „From Gagarin’s point of view“ der Jazzband E.S.T.) und immer wilder zu tanzen begonnen, ganz dem inhärenten Crescendo und Accelerando der Musik folgend.
Und so konnten diese tanzenden Leute mich also nicht hören, als ich ihnen laut zurief: „Das ist mein Zimmer; das habe ich gestern von den Veranstaltern der Konferenz über Gravitationswellen, an der ich teilnehmen werde, zugeteilt bekommen.“
Doch ich stellte fest, dass ich ins Stumme brüllte; die immer wilder tanzende Gruppe junger Menschen nahm mich jedenfalls nicht wahr. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu gedulden, mich nicht von der Stelle zu bewegen und ihnen beim Tanzen zuzusehen.
Es war eine Art Modern Dance, mit für mich sehr seltsamen, rhythmisch furchtbar abgehackten Motiven und kurzen, ulkigen Sprüngen, wie von Derwischen.
Und dann ging plötzlich während dieses mitternächtlichen Tanzes zwischendrin plötzlich mal kurz jemand aufs Klo, setzte sich sozusagen durch mich hindurch aufs Klo, pinkelte und kehrte ruckzuck wieder zu seinem Tanzteam zurück.
Nun war ich vollkommen verwirrt: bin ich etwa unsichtbar, ohne Substanz? Kann man durch mich hindurchgehen? Bin ich tot oder was?
Nach circa sechs Minuten (so lange geht das Stück Dating von EST) war der gesamte Spuk dann gottlob wieder vorüber. Die Tanzenden verließen mein Wohnzimmer, löschten das Licht und ließen mich wieder allein auf dem Klo zurück. Nach einer Art Schweigeminute, währenddessen ich lediglich mein Herz imposant bis in den Kopf schlagen hörte, versuchte ich mich wieder vom Klo herunterzubewegen und es gelang! Erleichtert kehrte ich in mein Bett zurück und schlief weiter, bis mich die Morgenstrahlen der Sonne weckten.

 

 

 

© finbarsgift

 

 

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