Der Tod ist nichts (Péguy)

 

Der Tod ist nichts,
ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.
Ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für Euch war, bin ich immer noch.
Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht nicht eine andere Redensweise,
seid nicht feierlich oder traurig.
Lacht weiterhin über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben.
Betet, lacht, denkt an mich.
Betet für mich,
damit mein Name im Hause gesprochen wird,
so wie es immer war, ohne besondere Betonung,
ohne die Spur des Schattens.
Das Leben bedeutet das, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchschnitten.
Warum soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.

 

© Charles Péguy

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Der Tod (Canetti)

Der Tod ist die erste und älteste,
ja man wäre versucht zu sagen:
die einzige Tatsache.

Er ist von monströsem Alter
und stündlich neu.
Er hat den Härtegrad Zehn,
und wie ein Diamant schneidet er auch.
Er hat die absolute Kälte des Weltraums,
Minus Zweihundertdreiundsiebzig Grad.
Er hat die Windstärke des Hurrikans,
die höchste.
Er ist der sehr reale Superlativ,
von allem;
nur unendlich ist er nicht,
denn auf jedem Weg wird er erreicht.

Solange es den Tod gibt,
ist jeder Spruch ein Widerspruch gegen ihn.
Solange es den Tod gibt,
ist jedes Licht ein Irrlicht, denn es führt zu ihm hin.
Solange es den Tod gibt,
ist nichts Schönes schön, nichts Gutes gut.

© Elias Canetti

Was schlimm ist (Benn)

Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, daß sie das immer tun.

Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.

© Gottfried Benn

Kann man nichts sein? (Cabré)

 

Nachdem Bernat einen tiefen Seufzer ausgestoßen hatte, klappten die beiden Jungen das Album wieder zu und warteten geduldig im Zimmer. Über irgendetwas mussten sie reden, und Bernat hätte Adrià gern die Frage gestellt, die ihm keine Ruhe ließ, die er aber nicht stellen durfte, weil man ihm zu Hause gesagt hatte, das Thema schneidest du am besten nicht an, Bernat. Und schließlich fragte er doch: „Warum gehst du eigentlich nicht zur Messe?“
„Ich bin freigestellt.“
„Von wem? Von Gott?“
„Nein, von Pater Anglada.“
„Ach … Aber warum gehst du nicht?“
„Ich bin kein Christ.“
„Sag bloß!“ Verwirrtes Schweigen. „Kann man das, kein Christ sein?“
„Ich nehme es an. Ich bin keiner.“
„Aber was bist du dann? Buddhist? Japaner? Kommunist? Oder was sonst?“
„Ich bin gar nichts.“
„Kann man nichts sein?“

Als Kind habe ich nie eine Antwort auf diese Frage gewusst, weil das Thema Beklemmungen in mir auslöste. Kann man nichts sein? Ich wird nichts sein. Werde ich wie die Null sein, die weder eine natürliche noch eine ganze noch eine rationale noch eine reelle noch eine komplexe Zahl ist, sondern das neutrale Element in der Summe der ganzen Zahlen?
Ich fürchte, nicht einmal das: Wenn ich nicht bin, werde ich auch nicht mehr gebraucht, sofern ich überhaupt jemals gebraucht wurde.

„Howgh. Jetzt komme ich nicht mehr mit.“
„Bring ihn nicht durcheinander.“
„Nein, wenn es nach mir ginge …“
„Dann halt den Mund, Schwarzer Adler.“
„Ich glaube an den Großen Geist Manitu, der die Prärie mit Büffeln übersät, den Menschen Regen und Schnee bringt und die wärmende Sonne bewegt, die er zur Schlafenszeit verschwinden lässt, der den Wind heulen lässt, den Fluss durch sein Bett leitet, das Auge des Adlers auf seine Beute lenkt und dem Krieger, der sich bereit macht, für sein Volk zu sterben, Mut verleiht.“

„Hallo, Adrià, wo bist du?“
Adrià blinzelte und sagte, hier bei dir, wir reden über Gott.
„Manchmal bist du weit weg.“
„Ich?“
„Meine Eltern sagen, das kommt daher, weil du so klug bist.“
„So ein Blödsinn. Ich hätte so gern …“
„Fang nicht schon wieder damit an.“
„Sie lieben dich.“
„Lieben dich deine Eltern nicht?“
„Nein, sie berechnen mich. Sie messen meinen Intelligenzquotienten, überlegen, mich auf eine Spezialschule in der Schweiz zu schicken, wollen mich drei Schuljahre in einem absolvieren lassen.“
„Klasse, Mann!“ Er sah mich aus den Augenwinkeln an. „Oder nicht?“
„Nein, Sie diskutieren über mich, aber lieben tun sie mich nicht.“
„Pah, ich mache mir gar nichts aus der Küsserei …“

 

 

© Jaume Cabré

Mach dir keine Sorgen (Haushofer)

 

Mach dir keine Sorgen.
Du hast zuviel und zuwenig gesehen, wie alle Menschen vor dir.
Du hast zuviel geweint, vielleicht auch zuwenig, wie alle Menschen vor dir.
Vielleicht hast du zuviel geliebt, und gehaßt – aber nur wenige Jahre – zwanzig oder so.
Was sind schon zwanzig Jahre?
Dann war ein Teil von dir tot, genau wie bei allen Menschen, die nicht mehr lieben oder hassen können.

Du hast viele Schmerzen ertragen, ungern wie alle Menschen vor dir.
Dein Körper war dir sehr bald lästig. Du hast ihn nie geliebt.
Das war schlecht für dich – oder auch gut, denn an einem ungeliebten Körper hängt die Seele nicht sehr.
Und was ist die Seele?
Wahrscheinlich hast du nie eine gehabt, nur Verstand, und der war nicht gedenkend der Gefühle.
Oder war da manchmal noch etwas anderes?
Für Augenblicke?
Beim Anblick von Glockenblumen oder Katzenaugen und des Kummers um einen Menschen, oder gewisser Steine, Bäume und Statuen; der Schwalben über der großen Stadt Rom.

Mach dir keine Sorgen.
Auch wenn du mit einer Seele behaftet wärest, sie wünscht sich nichts als tiefen, traumlosen Schlaf.
Der ungeliebte Körper wird nicht mehr schmerzen.
Blut, Fleisch, Knochen und Haut, alles wird ein Häufchen Asche sein,
und auch das Gehirn wird endlich aufhören zu denken.
Dafür sei Gott bedankt, den es nicht gibt.

Mach dir keine Sorgen
– alles wird vergebens gewesen sein – wie bei allen Menschen vor dir.
Eine völlig normale Geschichte.

 

 

 

© Marlen Haushofer

Das Universum der Lotosesser (Sjón)

 

Die Lotosesser waren eine Gruppe von Leuten, deren Weltanschauung ganz von der Philosophie französischer Dichter – wie Baudelaire, de Nerval, Gautier oder de Musset – geprägt war. 

Außerdem veranstalteten sie Gelage, über die viele Geschichten kursierten (davon allerdings nur wenige aus eigener Anschauung), und deren Gäste sich von diesen Arzneikräutern in ferne Welten davontragen ließen, körperlich wie geistig gesehen, schnell und sanft.

Auch Fridrik war bei diesen Treffen ein regelmäßiger Gast; und einmal, als man gerade aus einer solchen vernebelten Achterbahnfahrt wieder auftauchte, berichtete er seinen Reisegefährten:
– Ich habe das Universum gesehen! Es besteht aus lauter Versen!

 

 

 

© Sjón (Sigurjón B. Sigurdsson)

Im Zwischenraum

Einige Tage schon ging er Stunde für Stunde den Gang rauf und runter, explizite permanente  Eintönigkeit, quasi Roboter-mäßig ging er, nahm niemanden dabei mehr wahr, geistig fast völlig abwesend, geplagt von irrwitzigen psychosomatischen Schmerzen, interessierte es ihn nicht, wo er physisch war.
Es war ihm vollkommen egal, irgendwo zwischen Leben und Tod, irgendwo zwischen Wirklichkeit und Traum. Heute kann er sich an jene leidvollen Tage im Zwischenraum kaum mehr erinnern.

Auch die anderen Menschen, die ihm während dieser Phase des Gang-auf-und-ab-gehens hin und wieder im Flur begegneten, nahmen ihn mit der Zeit kaum mehr wahr, reagierte er doch auf keinerlei Anrede, wie auch immer sie geartet war.

In seinem Zimmer war er anfangs so wenig wie irgend möglich.
Es machte ihm Angst, er fühlte sich dort erst recht wie ein Gefangener. Da lieber den Gang rauf-und-runter-gehen, unbedingt immer in Bewegung bleiben, nur nicht stillstehen, diese verdammten körperlich-seelischen Schmerzen noch deutlicher spüren; Hin-und-her-gehen von früh bis spät, bis zur totalen Erschöpfung, so musste es sein, anders ging es nicht (und die Ärzte und Krankenschwestern ließen ihn, Gottseidank!).

Erst dann irgendwann, wenn es Nacht wurde, schlich er sich leise in sein Zimmer, aß ein wenig vom hergerichteten Teller, der täglich neu auf dem Tisch stand, trank ein, zwei Liter Wasser, legte sich ins immer fremd bleibende Bett und schlief sofort ein.
In seiner Erinnerung fehlen ihm fast alle jene Tage seines Lebens, erscheinen sie in seinem Gedächtnis inzwischen wie gänzlich ausradiert, wie ein komplett schwarzes Kopfkino.

Nach seinem umwerfend starken Kreislaufkollaps und Nervenzusammenbruch bei der Arbeit einige Wochen davor, wurde er mit Blaulicht und Martinshorn sofort ins nächste Krankenhaus gebracht, mit Verdacht auf Herzinfarkt, Lungenembolie oder Schlaganfall.
Krampfende Herzrhythmusstörungen, unregelmäßiger Atem und längere Stillstände, gravierende Extrasystolen, verbunden mit vehementen Schmerzen schon unterwegs; dort dann sofort Herzkatheter, Lungenfunktionstest und MRT des Schädels.
Doch es stellte sich allmählich heraus, dass alle seine inneren Organe noch recht ordentlich funktionierten, fast im normalen Gleichklang eines lebendigen Menschen waren, wenn auch deutlich schwächer als sonst.

Er war ja auch geschwächt, und wie! Sechs Jahre ununterbrochener Stress bei der Arbeit als Leiter einer IT-Abteilung von fast 50 Personen. Termine über Termine, jeden Tag, kaum Pausen, auch am Wochenende, immer vernetzt und verkabelt, unzählige nicht abbaubare Überstunden, von einem erholsamen, längeren Urlaub konnte nie die Rede sein.
Nach und nach kam er im Krankenhaus wieder zu Kräften, bekam zur Unterstützung des Wiedererlangens seiner normalen Vitalität und Kraft jede Menge Herz- und Kreislauf-stärkende Medikamente, insgesamt siebzehn an der Zahl.

Nach einer knappen Woche wurde er wieder aus dem Krankenhaus entlassen und nach Hause gebracht. Burn-Out, starke psychosomatische Beschwerden, Panikattacken, psychische Störungen, langfristige Krankschreibung: eine möglichst rasche fünf- bis achtwöchige Rehabilitationszeit in einer guten Klinik war dringend notwendig.

Bis es soweit war, musste er allerdings noch einige Wochen zuhause darauf warten.
Schon dort tigerte er in seiner Wohnung voller Unruhe andauernd hin und her, auf und ab, aß kaum etwas, trank immer nur Wasser. Er konnte weder Fernsehen, noch Musikhören, noch Bücherlesen. Seine Konzentrationsfähigkeit war tagelang nahe dem Nullpunkt.

Schließlich war es dann doch soweit. Er wurde in eine Klinik gefahren, in der er endlich einen Platz bekommen hatte, zur mittelfristigen Regeneration, für mindestens acht Wochen, ein schwerer Fall.
Das Hin-und-her-gehen im Gang dort war der Anfang davon.
Er war im Zwischenraum angekommen.

 

 

© finbarsgift

Die menschliche Sexualität (Strauß)

 

Die menschliche Sexualität ist eine Sisyphosiade, ein Impotenz-Traum. Unentwegt strebt sie einem Höhepunkt von Natur entgegen, zu dem es uns hinaufzieht mit Versöhnung versprechender Kraft. Jedoch den Höhepunkt seiner Natürlichkeit zu erleben, ist dem Mängelwesen nicht verstattet: es erreicht ihn nie. Oder etwa in der kurzen, eine halbe Sekunde währenden Bewußtseinstrübung auf dem Überroll des Orgasmus? Und wenn es, wie die meiste Zeit, zur glücklichen Ohnmacht nicht langt, die Seligkeit zwei Zentimeter flacher ausfällt? Das Glück schafft Maßstäbe und Werteskalen, das Relative ist immer zur Stelle und erkennt keinen wirklichen Höhepunkt an. Auch daher das schallende Gelächter des Teufels, das, einem alten Wort zufolge, nach jedem Beischlaf uns verhöhnt.

 

 

 

 

© Botho Strauß

Drachenfrieden  (C. M. Hafen)

 

Heute ist es ein altes Wort, lange her. Drachenfrieden. Nerina, dachte Mersan, vielleicht erzählt gerade jetzt eine Ahne am Feuer vom Drachenfrieden und meint dich, wenn sie vom irren Drachen erzählt. Dabei hast du nur die Veränderung gebracht, den Wandel der Geschichte, letztlich … mich.

„Da sind wir nun“, sagte er zu Hangameh und schluckte schwer. Diese ein oder zwei Schritte, die er schon gegangen war, standen ihr noch bevor. Zu gegebener Zeit würde er ihr seine Wörterbücher zeigen, seine langen Listen, die er angelegt hatte, seine Chronik der mowarischen Sprache.

Hangameh würde immer ein Kind bleiben. Sie mochte altern, vielleicht sogar die Zeit spüren, wenn sie weit genug von Mora entfernt war. Doch ohne Wurzeln, ohne Vergangenheit oder Zukunft konnte niemand erwachsen werden. Bei ihm war das anders. Die Sprache veränderte sich dauernd. Altes und Neues verband sich, ergab neue Wörter, andere verschwanden. Es gab viele, die standen nur noch in seinen Büchern und wurden nicht mehr genutzt. Das machte ihm aber nichts aus. Manchmal verwendetet er eines, das er gerne mochte, in einem Gespräch und schaute dann zu, wie es die Küste hinauf und hinunter wanderte, bis jemand zu ihm kam und das Wort zurückbrachte. Es war ein Kreislauf. Es war schön und nie zu Ende.

 

 

© C. M. Hafen
Auszug aus „Drachenfrieden“ – Band 3 der Reihe „Das Drachenvolk von Leotrim“,
Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des O´Connell Press Verlags.