liebe in den zeiten der kamera

 

 

die wirklichen tage schwinden dahin einer nach dem anderen aber kaum jemand hat lust sie wirklich bewusst wahrzunehmen zu leben von früh bis spät, in zeiten von sozialen netzen und handys haben anscheinend nur noch virtuelle tage gewicht tage voller unzähliger posts und bildern in schier überabzählbar unendlichen mengen, die menschen sind in einer irrealen scheinwelt gelandet die george orwells nineteen-hundred-eighty-four und aldous huxleys brave new world noch bei weitem übertrifft, die menschheit ist am rande des wahnsinnsuniversums gelandet und es ist nur noch eine frage der zeit bis zu ihrem kollaps unter riesigen kopfhörern abgeschottet voneinander,

wen interessieren denn noch wahlen wirklich da doch eh letzten endes ein politischer megaknallkopf gegen einen anderen ausgetauscht wird die allesamt mit den bossen der wirtschaft und der industrie den guten geistern des kapitalismus und der arbeitsplatzbeschaffer hand in hand gehen mit einem großen lächeln auf dem gesicht und dick geld in der (hosen)tasche oder/und auf geheimen nummernkonten in der schweiz die sowieso jeden monetären mist mitmacht insbesondere auch geschäfte am rande der legalität durch das sogenannte reinwaschen von mafia- und drogengeldern,

die virtuellen welten verschlingen jeden tag unglaubliche mengen an wertvoller menschlicher energie worüber sich die meisten menschen noch gar nicht mal so im klaren zu sein scheinen denn sie verschleudern diese ja geradezu mit all ihrer kraft ganz offensichtlich und sogar weitgehend offenherzig für ein paar läppische bits und bytes und neuerdings klicks und smileys im gegenzug alles sehr sehr seltsam, der verlust an wirklichkeit ist bei vielen menschen inzwischen krass manche sitzen sogar immerzu am rande des internetzes und meinen zu leben oder sind kwasi eh schon vom netz vollständig eingefangen und inkorporiert und meinen dass das liebe sei virtuelle liebe aber sie ist gar nichts und raubt diesen millionen menschen nur ihre gesundheit und den wichtigen schlaf,

die liebe die wahre liebe jedoch geht der wirklichen welt in der wir füsisch leben immer mehr abhanden auch weil die menschen sich noch nicht mal mehr bemerken beim ein- oder zweifingerig tippen in der öffentlichkeit beim schreiben auf minitippmaschinen die aus der schreibmaschinensteinzeit stammen könnten, der andauernde drang minütlich zu whatsappen ist ein fänomen das vielleicht einmal irgendwelche forscher/innen in der zukunft rückblickend analysieren und ausreichend erklären werden können ähnlich wie den narzisstischen wahn dem die meisten jungen frauen von heute im zeitalter der (handy)kamera verfallen sind beim selfie alle paar minuten egal wo sie sich gerade befinden und natürlich dem sofort posten davon wichtige oberflächenpost für die gesamte welt das ist noch nicht einmal selbstliebe.

 

 

© finbarsgift   

Die Stimme der eigenen Persönlichkeit (Knausgard)

 

In den letzten Jahren hatte ich mehr und mehr den Glauben an die Literatur verloren. Ich las und dachte dabei, das hat sich jemand ausgedacht. Vielleicht lag es daran, dass wir vollkommen vereinnahmt wurden von Fiktionen und Erzählungen, dass sie inflationär auftraten. Wohin man sich auch wandte, überall sah man Fiktionen. Diese Millionen von Taschenbüchern, gebundenen Büchern, Filmen und Fernsehserien auf DVD handelten von erfundenen Menschen in einer erfundenen, aber wirklichkeitsgetreuen Welt. Und die Zeitungsschlagzeilen und Fernsehnachrichten und Rundfunknachrichten hatten haargenau die gleiche Form, auch sie waren Erzählungen, und dann war es kein Unterschied mehr, ob das, wovon sie erzählten, sich tatsächlich zugetragen hatte oder nicht.

Es war eine Krise, ich fühlte es mit jeder Faser meines Körpers, etwas Gesättigtes, Schmalzartiges breitete sich nicht zuletzt deshalb im Bewusstsein aus, weil der Kern in all diesen Fiktionen, ob nun wahr oder nicht wahr, in Gleichheit sowie darin bestand, dass der Abstand, den sie zur Wirklichkeit hielt, konstant blieb. Also dass sie das Gleiche sah. Dieses Gleiche, das unsere Welt war, wurde in Serie produziert. Das Einzigartige, worüber sie alle sprachen, wurde damit aufgehoben, es existierte nicht mehr, es war eine Lüge. Darin zu leben, in dem Bewusstsein, dass alles ebenso gut anders sein könnte, stürzte einen in Verzweiflung. Ich konnte darin nicht schreiben, es ging nicht, jeder einzelne Satz begegnete dem Gedanken: Das ist doch nur etwas, was du dir ausdenkst. Das ist wertlos. Das Erfundene hat keinen Wert, das Dokumentarische hat keinen Wert.

Das Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tagebücher und Essays, die Genres in der Literatur, in denen es nicht um Erzählung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Persönlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen? Nicht über und auch nicht unter uns, sondern auf Augenhöhe mit unserem eigenen Blick. Kunst kann nicht kollektiv erlebt werden, nichts kann das, Kunst ist das, womit man alleine ist. Man begegnet diesem Blick allein.

 

 

© Karl Ove Knausgard

dieMondins liebster Blogaward

Vielen Dank an: dieMondin-LiebsterBlogaward für ihre Anerkennung meines Bloggens.
Es ist nicht meine erste Nominierung für diesen Award, und dennoch freue ich mich in diesem Fall erneut sehr, weil ich ihren Blog mag, er ist fein und authentisch, steckt voller Klug- und Weisheit.
Es lohnt auf jeden Fall, sich dort vor Ort einmal etwas genauer umzusehen:
dieMondin

Und hier nun meine Antworten auf dieMondins Fragen:

  1. In welcher Stadt lebst du?
    In einem kleinen Ort am Rande der großen Kesselstadt, der mächtigsten Stadt des Ländles, dort in einem kleinen Turm auf dem Roten Berg, wo ich mich schon viele Jahre sehr wohl fühle:
    Kesselstädter Toskana
  2. Seit wann bist du Blogger?
    Darüber habe ich vor kurzem folgendes geschrieben:
    Ich blogge also bin ich
  3. Was hat dich bewogen zu schreiben?
    Vor allem die Aufarbeitung meiner Vergangenheit, mit eigenen Worten, immer und immer wieder, nun fast seit 10 Jahren schon; hier dazu ein Beispiel:
    Allererste Erinnerungen
  4. Magst du lieber Zahlen oder Buchstaben?
    Da muss ich natürlich etwas schmunzeln, denn als einer der neben Philosophie vor allem Mathematik studiert hat, gibt es da bei mir kein entweder – oder, sondern sowohl – als auch; und das zeigt sich auch in meinen Posts, es gibt eine Menge davon, die mit der Mathematik (oder Zahlen) zu tun haben, wie dieser hier:
    Freitag der 13te
    oder auch voller Buchstaben stecken, vor allem meine eigenen Poeme, ein Beispiel ist das hier:
    Liebesleben
  5. Was ist dein liebster Monat um in den Urlaub zu fahren?
    In der Regel der heißeste Monat in unseren Breiten, also der August; zumindest den verbringe ich meistens nicht zuhause, sondern sehr oft dort vor Ort:
    Urlaubszeit
  6. Welches Ziel hast du derzeit?
    Immer viel zu viele gleichzeitig, aber die höchste Priorität haben in den nächsten Jahren:
    Musik machen, Geschichten schreiben, Schlaf fördern.
    In schlafloser Nacht
  7. Worüber kannst du dich am meisten ärgern?
    Mit Sicherheit über die deutschen Autofahrer; sie gehen mir absolut gegen den Strich; da komme ich sogar immer mal wieder zum FLUCHEN, was diese Spezies angeht, dabei meine ich vor allem die auto-eitlen Männer unserer Gesellschaft:
    Menschen wie Lemminge
  8. Welchen Beruf wolltest du als Kind immer ausüben?
    Pianist, Dirigent, Komponist…
    aber so kam es nicht, warum auch immer, egal, Schwamm drüber;
    stattdessen wurde ich Berufsmathematiker und Hobbymusiker,
    und lebe damit auch ganz zufrieden:
    von der Schönheit der Mathematik
  9. Was ist dein größter Wunsch?
    Einmal so zu sterben, dass ich davon absolut nichts mitbekomme:
    Dasein
  10. Welchen Kinofilm hast du zuletzt gesehen?
    „Plötzlich Papa“, weil ich den Omar Sy sehr schätze, und er mich toll amüsiert,
    so wie auch im weltberühmt gewordenen Film „Ziemlich beste Freunde“:
    https://www.youtube.com/watch?v=fp_HmxtYQzo
  11. Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang?
    Unbedingt beides:
    Sonnenaufgang
    Sonnenuntergang

 

Ich finde das Stöckchen von dieMondin so schön, dass ich an dieser Stelle darauf verzichte, mir andere Fragen zu überlegen, sondern sie gerne zur Beantwortung weiterleiten möchte an die folgenden Blogs, die ich hiermit mit dem finbarliebsten Blogaward auszeichnen möchte:

Karins Sammelsurium

Astrid Bergmanns Art

Aurians Blog

Marga Auwald

Elkes Wegpoesie

Lilys Feldlilien-Blog

Celine Autrice

Random Randomsen

Teggytiggs

Ingeborgs Vierkerzenzeit

Poetas Herzhüpfen

 

 

Und nun viel Spaß für alle 11 Nominierten beim Beantworten der 11 Fragen des feinen Stöckchens von dieMondin.

 

 

© finbarsgift

Einen Roman zu schreiben (Knausgard)

 

 

Ich hätte die Zeit nutzen sollen, um mich vorzubereiten, denn bis jetzt hatte ich lediglich am Vorabend ein paar alte Texte durchgelesen und die Passagen ausgedruckt, die ich lesen wollte. Auf dem Flug hatte ich zehn Punkte notiert, die ich aufgreifen wollte. Zu mehr hatte ich mich nicht aufraffen können, denn der Gedanke, dass ich einfach nur reden musste, dass nichts leichter war als das, war stark, und es tat mir gut, auf ihn zu hören.

Ich sollte über die beiden Bücher sprechen, die ich geschrieben hatte. Das konnte ich nicht, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als darüber zu sprechen, wie sie geschrieben wurden, diese Jahre mit nichts, bevor etwas Bestimmtes Form anzunehmen begann, das langsam, aber sicher die Oberhand gewann, bis sich am Ende alles ganz von selbst ergab. Einen Roman zu schreiben heißt, sich ein Ziel zu setzen und anschließend zu ihm schlafzuwandeln, hatte Lawrence Durrell einmal gesagt, und das stimmte, so war es.

Wir haben nicht nur Zugang zu unserem eigenen Leben, sondern zu fast allen anderen Leben, die in unserem Kulturkreis geführt werden, nicht nur Zugang zu unseren eigenen Erinnerungen, sondern auch zu den Erinnerungen dieser ganzen verdammten Kultur, denn ich bin du und du bist alle, wir kommen aus dem Gleichen und bewegen uns zum Gleichen, und unterwegs hören wir das Gleiche im Radio, sehen das Gleiche im Fernsehen, lesen die gleichen Zeitungen, und in uns lagert die  gleiche Fauna der Gesichter und des Lächelns bekannter Menschen.

Selbst wenn du dich in ein winzig kleines Zimmer in einer winzig kleinen Stadt Tausende Kilometer vom Zentrum der Welt entfernt hockst und dort keiner Menschenseele begegnest, ist ihre Hölle deine Hölle, ihr Himmel dein Himmel, es gilt nur den Ballon platzen zu lassen, der die Welt ist, und alles darin auf die Seiten fließen zu lassen. Das wollte ich, in etwa, sagen.

 

 © Karl Ove Knausgard

​Vom Staubkorn im Universum des Möglichen (McEwan)

Manche Künstler, ob Maler oder Schriftsteller, gedeihen wie ungeborene Babys am besten auf begrenztem Raum. Ihre eingeschränkte Themenwahl mag den ein oder anderen verblüffen oder auch enttäuschen: das Balzverhalten des Adels im achtzehnten Jahrhundert, das Leben auf See, sprechende Kaninchen, Hasenskulpturen, dicke Menschen in Öl, Hundeporträts, Pferdeporträts, Porträts von Aristokraten, liegende Akte, Krippenszenen millionenfach, Kreuzigungen und Mariä Himmelfahrt, Obstschalen und Blumen in Vasen. Oder Brot und holländischer Käse mit und ohne Messer. Manche widmen ihre Prosa einzig dem eigenen Ich. Auch in der Wissenschaft beschäftigt der eine sich ein Leben lang mit albanischen Schnecken, ein anderer mit einem Virus. Darwin untersuchte acht Jahre lang Seepocken. Und später, im weisen Alter, Regenwürmer. Nach dem Higgs-Boson, einem winzigen Etwas, das vielleicht nicht einmal ein Etwas war, forschten abertausend Wissenschaftler jahrzehntelang. In einer Nussschale eingesperrt sein und in zwei Zoll Elfenbein oder einem Sandkorn die ganze Welt sehen. Warum nicht, wenn alle Literatur, alle Kunst, alles menschliche Trachten nur ein Staubkorn im Universum des Möglichen ist. Wenn selbst dieses Universum vielleicht nur ein Staubkorn in einer Vielzahl möglicher und tatsächlicher Universen ist.

© Ian McEwan  

Ich blogge, also bin ich

 

Im Laufe meines Lebens habe ich immer mal wieder im Spiegel oder in der Zeit gelesen. Wir Abiturienten fanden dabei vor allem den Hohlspiegel am interessantesten und lasen ihn deshalb immer zuerst. Wer die ganz besonderen, gagartigen Kurzberichte dort auf der vorvorletzten Seite am schnellsten kapierte und den anderen Klikenmitgliedern erklären konnte, der war der Held. Ebenso war das wöchentlich mit den „Um-die-Ecke-gedacht-Rätseln“ in der Zeit, oft legendäre Dinger, und teilweise sehr schwer zu lösen. Wer es schaffte, war der Superheld! Dafür gaben wir uns allerdings genau einen Tag und eine Nacht Zeit (damals gab es natürlich noch keine PC, keine Handys, kein Internet, also insbesondere kein Google und kein Wikipedia), und für die gesamte dicke, großformatige Papierausgabe der Zeit brauchte man sowieso fast immer die ganze Woche über Zeit.

Heutzutage ist das natürlich alles ganz anders. Da liest man Spiegel-online und/oder Zeit-online, eigentlich fast alles nur noch online, Papier ist sowas von mega-out! Bis aufs Klopapier. Da ist der Umsatz wohl mindestens gleichgeblieben. In der (S-)Bahn sieht man jedenfalls kaum noch jemanden, der „echte“ Zeitungen liest, fast alle smartphonen rund um die Uhr wie blöd, whatsappen insbesondere, oder ebookreadern, denn WLANs oder superschnelle LTE-4G-Handynetze  gibt’s ja inzwischen fast überall innerhalb der nordwestlichen Reich-Länder-Welt.

Als ich anfing zu internetzen, da war das beruflich, da war ich einer der allerersten, der das ausprobierte, und zwar mit Compuserve und elend langsamen Modems. Äußerst zähe Dinger waren das und machten auch noch so komische Geräusche, wenn sich irgendwas tat. Bis da endlich mal ein paar wenige Daten übers Netz auf meinem Monochrom-Röhrenbildschirm ankamen, oh Graus!! Mein alter Chef (inzwischen leider verstorben) sagte damals: „also sowas, Herr Lu, das wird sich doch niemals durchsetzen, oder?!, das wird doch immer eine Spielerei für ein paar verrückte Computerfreaks wie Sie bleiben.“ Wenn er wüsste, was heutzutage los ist!!

Privat begann für mich ein neues Lebenszeitalter erst geraume Zeit nach diesem eigenartigen Compuserve-Internetz-Beginn, nämlich zwischen Weihnachten und Silvester 2007, als ich endlich mal ausreichend Zeit für die Zeit fand, und dabei stieß ich auf einen interessanten Artikel mit dem Titel: „ich blogge, also bin ich“. Bis dahin waren mir Blogs noch kein Begriff gewesen. Aber nach dem Lesen dieses Berichts, setzte ich den Titel dieses mich sehr beeindruckenden Papierstücks sofort um, eröffnete ein Konto im Bloguniversum blog.de, und machte herzklopfend meinen ersten Eintrag. Es war der über die Indianerweisheit mit den zwei Wölfen:

„In unseren Herzen tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen.
Der eine Wolf ist böse. Seine Waffen sind Angst, Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.
Der andere Wolf ist gut. Seine Waffen sind die guten Dinge, wie z. B. Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.
Stellen Sie sich Ihr Herz vor und die beiden Wölfe, die da wohnen. Wollen Sie wissen, welcher der beiden Wölfe gewinnt?
Die Antwort ist einfach. Es gewinnt der Wolf, den Sie füttern.“

Nach einer für mich sehr ereignisreichen Blogzeit von ca. vier Jahren verließ ich aus diversen Gründen blog.de (inzwischen ist dieses Bloguniversum längst untergegangen) und ging zu WP, wo ich mich seit 2011 im wesentlichen sehr wohl fühle. Knapp 3000 Beiträge habe ich inzwischen auch hier schon wieder veröffentlicht, und zwischen Weihnachten und Neujahr gehe ich dann in mein zehntes Blogjahr, mal sehen, was das dann alles so bringen wird (hoffentlich nicht den Beginn des dritten Weltkriegs).
Auf jeden Fall stimmt für mich auch weiterhin, ja eigentlich fast noch mehr als je zuvor: ich blogge, also bin ich!

 

 

 

 

 

© finbarsgift

 

 

Sternenflug

Ich sehe mich im All dahingleiten

Die Erde liegt längst hinter mir

Atmen muss ich nun nicht mehr

Alles fühlt sich wundervoll leicht an

Die Schwerelosigkeit umfasst mich

Beim Flug durch den Asteroidengürtel
winke ich kurz dem kleinen Prinzen zu

Natürlich lasse ich mir nicht nehmen
die Ringe des Saturns zu umkreisen

Das Sonnensystem ist schnell verlassen
und ich nähere mich in rasanter Fahrt
dem Rand der heimischen Milchstraße

Längst habe ich die Lichtmauer durchbrochen
und jage weiter voran kreuz und kwer durch
die unendlich weiten Kosmoswelten

In meinem Gedankenflug düse ich mit
unvorstellbar großer Geschwindigkeit
von Sternhaufen zu Galaxie durch
zahllose Nebel hindurchgleitend

Am Ende erreiche ich in null Komma nichts
den bisher bekannten Rand des Universums
wo sich die Spuren von mir in der lichtlosen
Raumzeit jenseits des HUDF verlieren

© finbarsgift

​Finsternisse (Tendrjakow)

Finsternisse gehen vorüber. Soll sich doch erst mal einer finden, der keine durchlebt hätte.
Die Menschen sind untereinander durch viele Bande verbunden. Durch viele viele Bande sind sie miteinander verwachsen.
Das einfachste, das kürzeste menschliche Band – ER und SIE – ist der Anfang von allem. Darin liegt die Beständigkeit unseres Seins.
Da aber reißt es am häufigsten.
Da durchläuft jeder das Examen des Eindringens in den anderen – er in sie, sie in ihn! Begreife einen Menschen und erkenne ihn an, den einzigen von allen, der bestimmt ist, mit dir den Weg zu teilen. Begreife ihn! Nein, das ist schwer.
Wahrlich: gegenseitiges Verstehen bezahlen die Menschen mit Blut und mit Stücken ihres Lebens. Wir beide hatten reichlich bezahlt.

© Wladimir Tendrakow

​Denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten (Knausgard)

Misologie, Misstrauen gegenüber Worten, wie es bei Pyrrhon der Fall gewesen war, Pyrrhonismus, war das eine Richtung, in die ein Schriftsteller sich bewegen sollte? Allem, was sich mit Worten sagen lässt, kann mit Worten widersprochen werden, was sollen wir also mit Abhandlungen, Romanen, Literatur? Oder anders formuliert: Wovon man sagt, es sei wahr, von dem lässt sich auch immer sagen, es sei unwahr.

Das ist ein Nullpunkt und der Ort, von dem aus sich der Nullwert ausbreitet. Doch dies ist kein toter Punkt, auch nicht für die Literatur, denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten, die Literatur ist das, was die Worte im Leser erwecken. Es ist diese Überschreitung, die Literatur gültig macht, nicht die formale Überschreitung an sich, wie viele glauben.

Paul Celans chiffrenhafte und rätselhafte Sprache hat nichts mit Unzulänglichkeit oder Hermeneutik zu tun, im Gegenteil, es geht darum, etwas zu öffnen, wozu die Sprache sonst keinen Zugang hat, das wir aber dennoch, an einem Ort tief in uns, erkennen oder wiedererkennen oder, wenn nicht das, entdecken. Paul Celans Worten kann nicht mit Worten widersprochen werden. Was sie besitzen, kann auch nicht umgesetzt werden, es existiert nur dort und in jedem Einzelnen von denen, die es in sich aufnehmen.

Dass Gemälde und teilweise auch Fotos für mich so wichtig waren, hing damit zusammen. Sie waren ohne Worte, ohne Begriffe und wenn ich sie betrachtete, war das, was ich empfand, was sie so wichtig machte, auch begrifflos. Es gab darin etwas Dummes, ein Areal, das bar jeder Intelligenz war und das ich nur sehr schwer anerkennen oder zulassen konnte, das aber gleichwohl vielleicht das wichtigste Element von dem war, womit ich mich beschäftigen wollte.

© Karl Ove Knausgard  

Draußen vor der Tür

 

Sie stehen draußen vor der Tür und rauchen. Für ihre Nikotinleidenschaft tun sie vermutlich alles. Da ist es ein Klacks, in der Kälte des Morgens vom Büro aus, geschätzt gemäß ihrer Sucht circa alle dreißig Minuten, nach draußen vor die Tür zu treten, an die wundervoll frische Luft, und jene feine Sauerstoffreiche, zusammen mit dem dreckigungesunden Nikotin-Teer-Zigaretten-Qualm einzuatmen.

Ab und zu husten manche von ihnen, auch während des Inhalierens, was aber erstaunlicherweise nicht dazu führt, dass dann mit dem Rauchprozess aufgehört wird, selbst wenn es wie ein heftiger Hustenanfall auf mich wirkt, der ich diese qualmenden, sicher immer ziemlich eklig aus dem Mundschlot stinkenden Büromenschen gerade während einer kurzen Arbeitspause interessehalber mal eine kleine Weile auf meinem Weg zurück zu meinem Arbeitsplatz beobachte.

Ich finde ein solches, draußen vor der Tür explizit zur Schau gestelltes, selbstschädigendes Rauchhustenverhalten äußerst seltsam. Denn das wundervolle vegetative Nervensystem jedes einzelnen Menschen, sozusagen unsere göttliche Biomaschine, gibt damit ja an das Hegemonikon, das leitende Prinzip der Seele, ein lebenserhaltendes Signal, das doch auf keinen Fall überhört werden sollte, nämlich endlich mit dem lebensgefährlichen Rauchen sofort wieder aufzuhören!

Doch das leitende Prinzip der Seele, dieses sehr ehrenwerte, definitiv lebenserhaltende oberste Prinzip jedes menschlichen Individuums, scheint wohl während des Rauchvorgangs dieser Pausenqualmmenschen irgendwie abgeschaltet zu sein. Und das obwohl, so Marc Aurel, ein alter großer Fan des Hegemonikons in seinen Selbstbetrachtungen bekennt: „Die Dinge des Lebens stehen ganz für sich draußen vor der Tür, und wissen weder etwas über sich, noch geben sie Auskunft. Wer also kann dann Auskunft geben? Nur das leitende Prinzip der Seele.“

Und somit sollte mann/frau dieses ganz spezielle, lebenserhaltende Prinzip doch niemals abstellen, auch beim Rauchen nicht. Sondern es sollte vielmehr unter Zuhilfenahme dieses Hegemonikons täglich geprüft werden, worauf es im menschlichen Dasein tatsächlich ankommt, was wirklich wichtig ist, was auf jeden Fall geschehen soll, zu tun ist und was mann/frau als unnötig bzw. überflüssig auch getrost bleibenlassen kann – und hierzu gehört definitiv mit Sicherheit das völlig lebensunnötige Rauchen!

Besonders zufrieden und glücklich wirken diese Pausenraucher beim Qualmen draußen vor der Tür zumeist sowieso nicht auf mich. Es sei denn, sie sind in Gesellschaft anderer, zumeist ebenfalls unter Nikotinsucht leidender Mitmenschen, die wohl laut irgendeiner gesetzlichen Verordnung in öffentlichen Gebäuden – wo ja zielgerichtet zumeist zusammen mit Nichtrauchern gearbeitet werden sollte – seit geraumer Zeit nicht mehr geraucht werden darf.

Marc Aurel gibt mir von der Seite her einen kleinen, wohl eher liebevoll aufweckenden Leberhaken und ich höre seine warmherzige Stimme in mir erklingen: Mensch Lu, lass diese Leute doch rauchen, du kannst sie eh mit deinen Gedanken nicht bekehren, auch wenn sie richtig und wohlwollend gemeint sind; also gehe zurück zur Arbeit, die Pflicht ruft.
 

 

© finbarsgift