Flug nach Rom zu meinem Freund Marc (4)

Wie aus dem Off höre ich beim traumhaften, zeitlupenartigen Wachwerden ganz leise und allmählich immer lauter seine mir so wohlvertraute Stimme:
„Guten Morgen Lu, nun bist du also doch mal in meine Stadt gekommen; um mir endlich einen Besuch abzustatten? Oder täusche ich mich?
Du hast ja in deinem Buch des Lebens, finbarsgift, schon länger nichts mehr über mich und meine Selbstbetrachtungen geschrieben! Darüber bin ich sehr enttäuscht.
Das letzte Mal, wenn ich mich recht entsinne, am 25. April 2017 mit einem Post – so heißt das ja wohl in deinem Internetzeitalter – den du Stoisches Gebet nanntest, obwohl es sich eigentlich um den 51. Spruch im 8. Buch meiner Selbstbetrachtungen handelt. Na, egal. Aber sag mal, danach hast du wohl mein feines Spruchbuch beiseite gelegt und mich vergessen, oder wie oder was?!
Dabei fehlt doch zumindest noch der vierte und wohl dann abschließende Teil deiner aurelschen Fortsetzungsgeschichte „Flug nach Rom zu meinem Freund Marc“.
Die drei ersten Teile habe ich vorhin mal wieder gelesen und als gar nicht so übel empfunden; hier zu deiner Erinnerung die entsprechenden finbarschen Links (so heißt das ja wohl in deiner neusten Weltraumzeit):
Flug nach Rom – Teil 1
Flug nach Rom – Teil 2
Flug nach Rom – Teil 3

Inzwischen halbwegs wach im Bett liegend, aber immer noch mit geschlossenen Augen im Dämmerlicht, muss ich leicht schmunzeln ob seiner Worte und erwidere ihm, noch reichlich verschlafen:
„Weder habe ich DICH vergessen, noch DEIN BUCH endgültig beiseite gelegt, Freund Marc, nur hatte ich inzwischen so viele andere Blogideen und einen großen Post-Stau bei meinen Entwürfen. Diese sogenannten drafts drängten sich nach und nach immer mehr in den Vordergrund und schrien nach Veröffentlichung,
vor allem eine größere Fotoreihe unter dem Titel „Souvenir de …“, die ich vor kurzem mit einem Bericht über Zürich vorerst mal abgeschlossen habe, nach Beiträgen über Paris, Stockholm, Lisboa, Bruges, Luz, Nederland, Alb, Bodensee und Mainau.
Manchmal drängeln sich eben die Fotos in den Vordergrund, lieber Marc, und die Wörter haben kaum eine Chance, es sei denn hin und wieder kleine poetische Buchstabendörfer, das verstehst du doch, oder?“

„Nein, das verstehe ich ganz und gar nicht, Lu!
Gibt es denn etwas wichtigeres im Leben als täglich in meinen Selbstbetrachtungen zu lesen und die sich daraus ergebenden stoischen Übungen zur Zufriedenheit des leitenden Prinzips deiner Seele zu praktizieren, so wie es der französische Philosophenfan von mir, Pierre Hadot, in seinem wundervoll klugen Korollarbuch zu meinen Selbstbetrachtungen, „Die innere Burg“ so fein dargelegt hat?!
Also wach endlich auf und erhebe deinen faulen Hintern! Lies wegen mir noch bei deinem Hotelfrühstück ein paar meiner Gedanken auf deinem Tablet oder smarten Telefon und durchkämme dann ein wenig meine Stadt.
Schau dir vor allem auch meine Säule auf der Piazza Colonna an und noch einige andere der vielen feinen Sehenswürdigkeiten der Stadt, wenn du Lust dazu hast.
Am Abend wäre es schön, wenn du noch bei mir auf dem Kapitolsplatz vorbeischauen würdest, am besten wenn es schon dunkel ist, dort sitze ich ja bekanntermaßen meistens hoch zu Ross, okay?!“

Da kann ich natürlich nicht widersprechen, sage ebenfalls schnell okay, drehe mich ein wenig auf die Seite und döse noch etwas weiter. Einige Minuten später öffne ich dann aber doch meine Augen und blicke mich im Raum um, sehe ein offenes Fenster zum Hof, durch das Marc wohl vermutlich gekommen und auch wieder verschwunden ist, durchs Fenster also des Zimmers in einem kleinen Hotel in der Nähe der Piazza Navona in Rom, in das ich gestern Abend nach meinem Flug von STR nach FCO noch eincheckte.

Romgedanken von früher gehen mir nach dem Aufstehen beim Duschen durch den Kopf. Ich bin das zweite Mal in dieser zauberhaft schönen, geschichtlich epochalen, aber auch hektischen, lauten Stadt mit schlechter Luft.
Beim ersten Mal war ich in Begleitung einer Frau hier, oder passender als junger Begleiter einer Frau in den besten, schönsten Jahren, sozusagen der junge Liebhaber einer professuralen Schriftstellerin.

Damals interessierte ich mich noch nicht für den Kaiser unter den Philosophen, genauer gesagt weder für Kaiser und Könige, noch für Philosophen, nein, damals hatte die (körperliche) Liebe mit einer sehr klugen, sehr interessanten Frau absoluten Vorrang. Somit war mein erster Rombesuch hauptsächlich ein römischer Liebesaufenthalt.
Heute bin ich allein hier; und das ist auch gut und richtig so. Das Thema Liebe ist längst abgehakt, vor allem die körperliche Komponente davon; sie interessiert mich nicht mehr, zu groß sind die dadurch entstandenen und immer noch vorhandenen Wunden, die nur sehr langsam heilen.

Ich ziehe mich nach der Morgentoilette an und gehe zum Frühstück. Während ich zwei erstaunlich gute Croissants vertilge und einen feinen großen  Cappuccino genieße, zücke ich mein Smartphone und rufe Marcs Selbstbetrachtungen als pdf auf.
Zuallererst stelle ich fest, dass ich vor einigen Wochen, beim letzten Lesen in seinem Werk im 10. Buch beim 35. Spruch stehen geblieben war, der da lautet:

„Ein gesundes Auge muß jeden Anblick ertragen können und darf nicht immer bloß Grünes sehen wollen. Ein gesundes Ohr, eine gesunde Nase ist auf jeden Schall und jeden Geruch gefaßt. Ein gesunder Magen verhält sich gegen jede Speise gleich, wie die Mühle eben alles mahlt, was zu mahlen geht. Ebenso nun muß auch eine gesunde Seele auf jedes Schicksal gefaßt sein. Wer aber spricht: meine Kinder müssen am Leben bleiben, oder: die Leute müssen stets billigen, was ich tue, dessen Seele gleicht dem Auge, welches das Grüne, oder den Zähnen, die nur Weiches haben wollen.“

Der erste Teil des Spruchs passt ja wie für die jetzige Situation und den heutigen Tag herausgesucht. Aber was will mir Marc mit dem zweiten Teil sagen? Dass ich nicht vom Leben mit Sicherheit verlangen kann, dass meine Kinder bitteschön gefälligst nach mir zu sterben haben? Und dass die Leute um mich herum auch mal nein sagen dürfen zu meinen Äußerungen, und meine Handlungen missbilligen können? Ich muss das heute Abend mit ihm genauer erörtern!

Und weiter steht im nächsten Spruch, Nummer 36 folgendes:
„Niemand ist so glücklich, daß nicht einst an seinem Sterbelager einige stehen sollten, die diesen Fall willkommen heißen. Ist’s auch ein trefflicher und weiser Mensch, so findet sich am Ende doch immer jemand, der aufatmend von ihm sagt: nun werde ich von diesem Zuchtmeister erlöst; er war zwar keinem von uns lästig, aber ich hatte immer das Gefühl, als verdamme er uns stillschweigend alle miteinander! Und das ist beim Tode eines Trefflichen! Wie vieles mag unsereiner also an sich haben, um deswillen so mancher wünscht, von uns befreit zu werden. Daran denke in deiner Sterbestunde! Denke, du sollst eine Welt verlassen, aus der dich deine Genossen, aus der dich die, für die du so vieles ausgestanden, soviel gebetet und gesorgt hast, nun hinwegwünschen, indem sie aus deinem Scheiden so manche Hoffnung schöpfen. Was könnte dich also noch länger hier festhalten! Und doch darfst du deshalb mit nicht geringerem Wohlwollen von ihnen scheiden, sondern mußt um deiner selbst willen ihnen Freund bleiben und freundlich, sanft von ihnen Abschied nehmen, ebenso sanft, wie sich die Seele dessen vom Körper trennt, dem ein seliges Sterben beschieden ist. Denn die Natur hat dich auch so mit deinen Freunden verbunden. Und wenn sie dich jetzt von ihnen ablöst, so geschieht dies eben als von deinen Freunden, und nicht so, daß du von ihnen fortgerissen würdest, sondern sanft von ihnen scheidest. Es ist dies wenigstens auch eine von den Forderungen der Natur.“

Beim Lesen des ersten Teils dieses Spruchs denke ich natürlich sofort an meinen Vater und seinen Tod vor nun schon über 10 Jahren und wie echt froh ich damals war, dass dieser verdammte Typ endlich unter der Grasnabe verschwand!
Inzwischen habe ich ihm einige seiner Schandtaten als purer Misanthrop und Kinderunfreund und Autoschweinehund halbwegs verziehen.
Und dem zweiten Teil von Marcs 36. Spruch des 10. Buchs stimme ich im wesentlichen zu: bei meinem Begräbnis werden nicht alle weinen und mich ab da vermissen, es wird auch Menschen dann geben (vermutlich mehr als genug), die froh sein werden, mich nicht mehr zu sehen, zu treffen, mit mir zu reden, mich gar besuchen zu müssen; aber so ist das eben im Tod. Nur das mit der Seele, die dann irgendwann mal den toten Körper verlassen soll, das nehme ich ihm nicht ab, denn sie wird ganz einfach auch sterben und tot sein, wie auch mein Geist, alles aus, vorbei, Exitus für immer und bis in alle Zeiten!
Beide Sprüche Marc Aurels hatte ich mir damals schon besonders markiert, gut so.

Ich stehe vom Tisch auf, beende mein Hotelfrühstück, ziehe mir auf meinem Zimmer noch schnell einen Pullover über und verlasse das Hotel Richtung Piazza Navona, meinem ersten Ziel heute.
Da ich bei meinem ersten Rombesuch vor vielen Jahren fast alle Standardsehenswürdigkeiten bereits abgeklappert habe, setze ich mich dieses Mal mit Absicht unter keinen Besichtigungsstress und nehme mir nur einige wenige Ziele vor, auf der Suche nach Marc.

 

 

© finbarsgift

 

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Ein Poet besucht Aurel in Rom (Rilke)

 

Ich schreibe unterwegs ungern Briefe, weil ich zum Briefschreiben mehr brauche als das allernötigste Gerät: etwas Stille und Einsamkeit und eine nicht allzu fremde Stunde.

In Rom trafen wir vor etwa sechs Wochen ein, zu einer Zeit, da es noch das leere, das heiße, das fieberverrufene Rom war, und dieser Umstand trug mit anderen praktischen Einrichtungsschwierigkeiten dazu bei, dass die Unruhe um uns kein Ende nehmen wollte und die Fremde mit der Last der Heimatlosigkeit auf uns lag.
Dazu ist noch zu rechnen, dass Rom (wenn man es noch nicht kennt) in den ersten Tagen erdrückend traurig wirkt:
durch die unlebendige und trübe Museumsstimmung, die es ausatmet,
durch die Fülle seiner hervorgeholten und mühsam aufrecht erhaltenen Vergangenheiten (von denen eine kleine Gegenwart sich ernährt),
durch die namenlose, von Gelehrten und Philologen unterstützte und von den gewohnheitsmäßigen Italienreisenden nachgeahmte Überschätzung aller dieser entstellten und verdorbenen Dinge, die doch im Grunde nicht mehr sind als zufällige Reste einer anderen Zeit und eines Lebens, das nicht unseres ist und unseres nicht sein soll.

Schließlich, nach Wochen täglicher Abwehr, findet man sich, obwohl noch ein wenig verwirrt, zu sich selber zurück, und man sagt sich:
Nein, es ist hier nicht mehr Schönheit als anderswo, und alle diese von Generationen immer weiterbewunderten Gegenstände, an denen Handlangerhände gebessert und ergänzt haben, bedeuten nichts, sind nichts und haben kein Herz und keinen Wert;
aber es ist viel Schönheit hier, weil überall viel Schönheit ist.
Unendlich lebensvolle Wasser gehen über die alten Aquädukte in die große Stadt und tanzen auf den vielen Plätzen über steinernen weißen Schalen und breiten sich aus in weiten, geräumigen Becken und rauschen bei Tag und erheben ihr Rauschen zur Nacht, die hier groß und gestirnt ist und weich von Winden.
Und Gärten sind hier, unvergessliche Alleen und Treppen,
Treppen, von Michelangelo ersonnen,
Treppen, die nach dem Vorbild abwärts gleitender Wasser erbaut sind, breit im Gefäll Stufe aus Stufe gebärend wie Welle aus Welle.

Durch solche Eindrücke sammelt man sich, gewinnt sich zurück aus dem anspruchsvollen Vielen, das da spricht und schwätzt (und wie gesprächig ist es!), und lernt langsam die sehr wenigen Dinge erkennen, in denen Ewiges dauert, das man lieben, und Einsames, daran man leise teilnehmen kann.
Noch wohne ich in der Stadt auf dem Kapitol, nicht weit von dem schönsten Reiterbilde, das uns aus römischer Kunst erhalten geblieben ist,
dem des Marc Aurel;
aber in einigen Wochen werde ich einen stillen schlichten Raum beziehen, einen alten Altan, der ganz tief in einem großen Park verloren liegt, der Stadt, ihrem Geräusch und Zufall verborgen.
Dort werde ich den ganzen Winter wohnen und mich freuen an der großen Stille, von der ich das Geschenk guter und tüchtiger Stunden erwarte.

 

 

 

© Rainer Maria Rilke

Der Tod ist nichts (Péguy)

 

Der Tod ist nichts,
ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.
Ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für Euch war, bin ich immer noch.
Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht nicht eine andere Redensweise,
seid nicht feierlich oder traurig.
Lacht weiterhin über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben.
Betet, lacht, denkt an mich.
Betet für mich,
damit mein Name im Hause gesprochen wird,
so wie es immer war, ohne besondere Betonung,
ohne die Spur des Schattens.
Das Leben bedeutet das, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchschnitten.
Warum soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.

 

© Charles Péguy

Der Tod (Canetti)

Der Tod ist die erste und älteste,
ja man wäre versucht zu sagen:
die einzige Tatsache.

Er ist von monströsem Alter
und stündlich neu.
Er hat den Härtegrad Zehn,
und wie ein Diamant schneidet er auch.
Er hat die absolute Kälte des Weltraums,
Minus Zweihundertdreiundsiebzig Grad.
Er hat die Windstärke des Hurrikans,
die höchste.
Er ist der sehr reale Superlativ,
von allem;
nur unendlich ist er nicht,
denn auf jedem Weg wird er erreicht.

Solange es den Tod gibt,
ist jeder Spruch ein Widerspruch gegen ihn.
Solange es den Tod gibt,
ist jedes Licht ein Irrlicht, denn es führt zu ihm hin.
Solange es den Tod gibt,
ist nichts Schönes schön, nichts Gutes gut.

© Elias Canetti

Was schlimm ist (Benn)

Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, daß sie das immer tun.

Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.

© Gottfried Benn

Kann man nichts sein? (Cabré)

 

Nachdem Bernat einen tiefen Seufzer ausgestoßen hatte, klappten die beiden Jungen das Album wieder zu und warteten geduldig im Zimmer. Über irgendetwas mussten sie reden, und Bernat hätte Adrià gern die Frage gestellt, die ihm keine Ruhe ließ, die er aber nicht stellen durfte, weil man ihm zu Hause gesagt hatte, das Thema schneidest du am besten nicht an, Bernat. Und schließlich fragte er doch: „Warum gehst du eigentlich nicht zur Messe?“
„Ich bin freigestellt.“
„Von wem? Von Gott?“
„Nein, von Pater Anglada.“
„Ach … Aber warum gehst du nicht?“
„Ich bin kein Christ.“
„Sag bloß!“ Verwirrtes Schweigen. „Kann man das, kein Christ sein?“
„Ich nehme es an. Ich bin keiner.“
„Aber was bist du dann? Buddhist? Japaner? Kommunist? Oder was sonst?“
„Ich bin gar nichts.“
„Kann man nichts sein?“

Als Kind habe ich nie eine Antwort auf diese Frage gewusst, weil das Thema Beklemmungen in mir auslöste. Kann man nichts sein? Ich wird nichts sein. Werde ich wie die Null sein, die weder eine natürliche noch eine ganze noch eine rationale noch eine reelle noch eine komplexe Zahl ist, sondern das neutrale Element in der Summe der ganzen Zahlen?
Ich fürchte, nicht einmal das: Wenn ich nicht bin, werde ich auch nicht mehr gebraucht, sofern ich überhaupt jemals gebraucht wurde.

„Howgh. Jetzt komme ich nicht mehr mit.“
„Bring ihn nicht durcheinander.“
„Nein, wenn es nach mir ginge …“
„Dann halt den Mund, Schwarzer Adler.“
„Ich glaube an den Großen Geist Manitu, der die Prärie mit Büffeln übersät, den Menschen Regen und Schnee bringt und die wärmende Sonne bewegt, die er zur Schlafenszeit verschwinden lässt, der den Wind heulen lässt, den Fluss durch sein Bett leitet, das Auge des Adlers auf seine Beute lenkt und dem Krieger, der sich bereit macht, für sein Volk zu sterben, Mut verleiht.“

„Hallo, Adrià, wo bist du?“
Adrià blinzelte und sagte, hier bei dir, wir reden über Gott.
„Manchmal bist du weit weg.“
„Ich?“
„Meine Eltern sagen, das kommt daher, weil du so klug bist.“
„So ein Blödsinn. Ich hätte so gern …“
„Fang nicht schon wieder damit an.“
„Sie lieben dich.“
„Lieben dich deine Eltern nicht?“
„Nein, sie berechnen mich. Sie messen meinen Intelligenzquotienten, überlegen, mich auf eine Spezialschule in der Schweiz zu schicken, wollen mich drei Schuljahre in einem absolvieren lassen.“
„Klasse, Mann!“ Er sah mich aus den Augenwinkeln an. „Oder nicht?“
„Nein, Sie diskutieren über mich, aber lieben tun sie mich nicht.“
„Pah, ich mache mir gar nichts aus der Küsserei …“

 

 

© Jaume Cabré

Mach dir keine Sorgen (Haushofer)

 

Mach dir keine Sorgen.
Du hast zuviel und zuwenig gesehen, wie alle Menschen vor dir.
Du hast zuviel geweint, vielleicht auch zuwenig, wie alle Menschen vor dir.
Vielleicht hast du zuviel geliebt, und gehaßt – aber nur wenige Jahre – zwanzig oder so.
Was sind schon zwanzig Jahre?
Dann war ein Teil von dir tot, genau wie bei allen Menschen, die nicht mehr lieben oder hassen können.

Du hast viele Schmerzen ertragen, ungern wie alle Menschen vor dir.
Dein Körper war dir sehr bald lästig. Du hast ihn nie geliebt.
Das war schlecht für dich – oder auch gut, denn an einem ungeliebten Körper hängt die Seele nicht sehr.
Und was ist die Seele?
Wahrscheinlich hast du nie eine gehabt, nur Verstand, und der war nicht gedenkend der Gefühle.
Oder war da manchmal noch etwas anderes?
Für Augenblicke?
Beim Anblick von Glockenblumen oder Katzenaugen und des Kummers um einen Menschen, oder gewisser Steine, Bäume und Statuen; der Schwalben über der großen Stadt Rom.

Mach dir keine Sorgen.
Auch wenn du mit einer Seele behaftet wärest, sie wünscht sich nichts als tiefen, traumlosen Schlaf.
Der ungeliebte Körper wird nicht mehr schmerzen.
Blut, Fleisch, Knochen und Haut, alles wird ein Häufchen Asche sein,
und auch das Gehirn wird endlich aufhören zu denken.
Dafür sei Gott bedankt, den es nicht gibt.

Mach dir keine Sorgen
– alles wird vergebens gewesen sein – wie bei allen Menschen vor dir.
Eine völlig normale Geschichte.

 

 

 

© Marlen Haushofer

Das Universum der Lotosesser (Sjón)

 

Die Lotosesser waren eine Gruppe von Leuten, deren Weltanschauung ganz von der Philosophie französischer Dichter – wie Baudelaire, de Nerval, Gautier oder de Musset – geprägt war. 

Außerdem veranstalteten sie Gelage, über die viele Geschichten kursierten (davon allerdings nur wenige aus eigener Anschauung), und deren Gäste sich von diesen Arzneikräutern in ferne Welten davontragen ließen, körperlich wie geistig gesehen, schnell und sanft.

Auch Fridrik war bei diesen Treffen ein regelmäßiger Gast; und einmal, als man gerade aus einer solchen vernebelten Achterbahnfahrt wieder auftauchte, berichtete er seinen Reisegefährten:
– Ich habe das Universum gesehen! Es besteht aus lauter Versen!

 

 

 

© Sjón (Sigurjón B. Sigurdsson)

Im Zwischenraum

Einige Tage schon ging er Stunde für Stunde den Gang rauf und runter, explizite permanente  Eintönigkeit, quasi Roboter-mäßig ging er, nahm niemanden dabei mehr wahr, geistig fast völlig abwesend, geplagt von irrwitzigen psychosomatischen Schmerzen, interessierte es ihn nicht, wo er physisch war.
Es war ihm vollkommen egal, irgendwo zwischen Leben und Tod, irgendwo zwischen Wirklichkeit und Traum. Heute kann er sich an jene leidvollen Tage im Zwischenraum kaum mehr erinnern.

Auch die anderen Menschen, die ihm während dieser Phase des Gang-auf-und-ab-gehens hin und wieder im Flur begegneten, nahmen ihn mit der Zeit kaum mehr wahr, reagierte er doch auf keinerlei Anrede, wie auch immer sie geartet war.

In seinem Zimmer war er anfangs so wenig wie irgend möglich.
Es machte ihm Angst, er fühlte sich dort erst recht wie ein Gefangener. Da lieber den Gang rauf-und-runter-gehen, unbedingt immer in Bewegung bleiben, nur nicht stillstehen, diese verdammten körperlich-seelischen Schmerzen noch deutlicher spüren; Hin-und-her-gehen von früh bis spät, bis zur totalen Erschöpfung, so musste es sein, anders ging es nicht (und die Ärzte und Krankenschwestern ließen ihn, Gottseidank!).

Erst dann irgendwann, wenn es Nacht wurde, schlich er sich leise in sein Zimmer, aß ein wenig vom hergerichteten Teller, der täglich neu auf dem Tisch stand, trank ein, zwei Liter Wasser, legte sich ins immer fremd bleibende Bett und schlief sofort ein.
In seiner Erinnerung fehlen ihm fast alle jene Tage seines Lebens, erscheinen sie in seinem Gedächtnis inzwischen wie gänzlich ausradiert, wie ein komplett schwarzes Kopfkino.

Nach seinem umwerfend starken Kreislaufkollaps und Nervenzusammenbruch bei der Arbeit einige Wochen davor, wurde er mit Blaulicht und Martinshorn sofort ins nächste Krankenhaus gebracht, mit Verdacht auf Herzinfarkt, Lungenembolie oder Schlaganfall.
Krampfende Herzrhythmusstörungen, unregelmäßiger Atem und längere Stillstände, gravierende Extrasystolen, verbunden mit vehementen Schmerzen schon unterwegs; dort dann sofort Herzkatheter, Lungenfunktionstest und MRT des Schädels.
Doch es stellte sich allmählich heraus, dass alle seine inneren Organe noch recht ordentlich funktionierten, fast im normalen Gleichklang eines lebendigen Menschen waren, wenn auch deutlich schwächer als sonst.

Er war ja auch geschwächt, und wie! Sechs Jahre ununterbrochener Stress bei der Arbeit als Leiter einer IT-Abteilung von fast 50 Personen. Termine über Termine, jeden Tag, kaum Pausen, auch am Wochenende, immer vernetzt und verkabelt, unzählige nicht abbaubare Überstunden, von einem erholsamen, längeren Urlaub konnte nie die Rede sein.
Nach und nach kam er im Krankenhaus wieder zu Kräften, bekam zur Unterstützung des Wiedererlangens seiner normalen Vitalität und Kraft jede Menge Herz- und Kreislauf-stärkende Medikamente, insgesamt siebzehn an der Zahl.

Nach einer knappen Woche wurde er wieder aus dem Krankenhaus entlassen und nach Hause gebracht. Burn-Out, starke psychosomatische Beschwerden, Panikattacken, psychische Störungen, langfristige Krankschreibung: eine möglichst rasche fünf- bis achtwöchige Rehabilitationszeit in einer guten Klinik war dringend notwendig.

Bis es soweit war, musste er allerdings noch einige Wochen zuhause darauf warten.
Schon dort tigerte er in seiner Wohnung voller Unruhe andauernd hin und her, auf und ab, aß kaum etwas, trank immer nur Wasser. Er konnte weder Fernsehen, noch Musikhören, noch Bücherlesen. Seine Konzentrationsfähigkeit war tagelang nahe dem Nullpunkt.

Schließlich war es dann doch soweit. Er wurde in eine Klinik gefahren, in der er endlich einen Platz bekommen hatte, zur mittelfristigen Regeneration, für mindestens acht Wochen, ein schwerer Fall.
Das Hin-und-her-gehen im Gang dort war der Anfang davon.
Er war im Zwischenraum angekommen.

 

 

© finbarsgift