​Vom Staubkorn im Universum des Möglichen (McEwan)

Manche Künstler, ob Maler oder Schriftsteller, gedeihen wie ungeborene Babys am besten auf begrenztem Raum. Ihre eingeschränkte Themenwahl mag den ein oder anderen verblüffen oder auch enttäuschen: das Balzverhalten des Adels im achtzehnten Jahrhundert, das Leben auf See, sprechende Kaninchen, Hasenskulpturen, dicke Menschen in Öl, Hundeporträts, Pferdeporträts, Porträts von Aristokraten, liegende Akte, Krippenszenen millionenfach, Kreuzigungen und Mariä Himmelfahrt, Obstschalen und Blumen in Vasen. Oder Brot und holländischer Käse mit und ohne Messer. Manche widmen ihre Prosa einzig dem eigenen Ich. Auch in der Wissenschaft beschäftigt der eine sich ein Leben lang mit albanischen Schnecken, ein anderer mit einem Virus. Darwin untersuchte acht Jahre lang Seepocken. Und später, im weisen Alter, Regenwürmer. Nach dem Higgs-Boson, einem winzigen Etwas, das vielleicht nicht einmal ein Etwas war, forschten abertausend Wissenschaftler jahrzehntelang. In einer Nussschale eingesperrt sein und in zwei Zoll Elfenbein oder einem Sandkorn die ganze Welt sehen. Warum nicht, wenn alle Literatur, alle Kunst, alles menschliche Trachten nur ein Staubkorn im Universum des Möglichen ist. Wenn selbst dieses Universum vielleicht nur ein Staubkorn in einer Vielzahl möglicher und tatsächlicher Universen ist.

© Ian McEwan  

Ich blogge, also bin ich

 

Im Laufe meines Lebens habe ich immer mal wieder im Spiegel oder in der Zeit gelesen. Wir Abiturienten fanden dabei vor allem den Hohlspiegel am interessantesten und lasen ihn deshalb immer zuerst. Wer die ganz besonderen, gagartigen Kurzberichte dort auf der vorvorletzten Seite am schnellsten kapierte und den anderen Klikenmitgliedern erklären konnte, der war der Held. Ebenso war das wöchentlich mit den „Um-die-Ecke-gedacht-Rätseln“ in der Zeit, oft legendäre Dinger, und teilweise sehr schwer zu lösen. Wer es schaffte, war der Superheld! Dafür gaben wir uns allerdings genau einen Tag und eine Nacht Zeit (damals gab es natürlich noch keine PC, keine Handys, kein Internet, also insbesondere kein Google und kein Wikipedia), und für die gesamte dicke, großformatige Papierausgabe der Zeit brauchte man sowieso fast immer die ganze Woche über Zeit.

Heutzutage ist das natürlich alles ganz anders. Da liest man Spiegel-online und/oder Zeit-online, eigentlich fast alles nur noch online, Papier ist sowas von mega-out! Bis aufs Klopapier. Da ist der Umsatz wohl mindestens gleichgeblieben. In der (S-)Bahn sieht man jedenfalls kaum noch jemanden, der „echte“ Zeitungen liest, fast alle smartphonen rund um die Uhr wie blöd, whatsappen insbesondere, oder ebookreadern, denn WLANs oder superschnelle LTE-4G-Handynetze  gibt’s ja inzwischen fast überall innerhalb der nordwestlichen Reich-Länder-Welt.

Als ich anfing zu internetzen, da war das beruflich, da war ich einer der allerersten, der das ausprobierte, und zwar mit Compuserve und elend langsamen Modems. Äußerst zähe Dinger waren das und machten auch noch so komische Geräusche, wenn sich irgendwas tat. Bis da endlich mal ein paar wenige Daten übers Netz auf meinem Monochrom-Röhrenbildschirm ankamen, oh Graus!! Mein alter Chef (inzwischen leider verstorben) sagte damals: „also sowas, Herr Lu, das wird sich doch niemals durchsetzen, oder?!, das wird doch immer eine Spielerei für ein paar verrückte Computerfreaks wie Sie bleiben.“ Wenn er wüsste, was heutzutage los ist!!

Privat begann für mich ein neues Lebenszeitalter erst geraume Zeit nach diesem eigenartigen Compuserve-Internetz-Beginn, nämlich zwischen Weihnachten und Silvester 2007, als ich endlich mal ausreichend Zeit für die Zeit fand, und dabei stieß ich auf einen interessanten Artikel mit dem Titel: „ich blogge, also bin ich“. Bis dahin waren mir Blogs noch kein Begriff gewesen. Aber nach dem Lesen dieses Berichts, setzte ich den Titel dieses mich sehr beeindruckenden Papierstücks sofort um, eröffnete ein Konto im Bloguniversum blog.de, und machte herzklopfend meinen ersten Eintrag. Es war der über die Indianerweisheit mit den zwei Wölfen:

„In unseren Herzen tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen.
Der eine Wolf ist böse. Seine Waffen sind Angst, Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.
Der andere Wolf ist gut. Seine Waffen sind die guten Dinge, wie z. B. Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.
Stellen Sie sich Ihr Herz vor und die beiden Wölfe, die da wohnen. Wollen Sie wissen, welcher der beiden Wölfe gewinnt?
Die Antwort ist einfach. Es gewinnt der Wolf, den Sie füttern.“

Nach einer für mich sehr ereignisreichen Blogzeit von ca. vier Jahren verließ ich aus diversen Gründen blog.de (inzwischen ist dieses Bloguniversum längst untergegangen) und ging zu WP, wo ich mich seit 2011 im wesentlichen sehr wohl fühle. Knapp 3000 Beiträge habe ich inzwischen auch hier schon wieder veröffentlicht, und zwischen Weihnachten und Neujahr gehe ich dann in mein zehntes Blogjahr, mal sehen, was das dann alles so bringen wird (hoffentlich nicht den Beginn des dritten Weltkriegs).
Auf jeden Fall stimmt für mich auch weiterhin, ja eigentlich fast noch mehr als je zuvor: ich blogge, also bin ich!

 

 

 

 

 

© finbarsgift

 

 

Sternenflug

Ich sehe mich im All dahingleiten

Die Erde liegt längst hinter mir

Atmen muss ich nun nicht mehr

Alles fühlt sich wundervoll leicht an

Die Schwerelosigkeit umfasst mich

Beim Flug durch den Asteroidengürtel
winke ich kurz dem kleinen Prinzen zu

Natürlich lasse ich mir nicht nehmen
die Ringe des Saturns zu umkreisen

Das Sonnensystem ist schnell verlassen
und ich nähere mich in rasanter Fahrt
dem Rand der heimischen Milchstraße

Längst habe ich die Lichtmauer durchbrochen
und jage weiter voran kreuz und kwer durch
die unendlich weiten Kosmoswelten

In meinem Gedankenflug düse ich mit
unvorstellbar großer Geschwindigkeit
von Sternhaufen zu Galaxie durch
zahllose Nebel hindurchgleitend

Am Ende erreiche ich in null Komma nichts
den bisher bekannten Rand des Universums
wo sich die Spuren von mir in der lichtlosen
Raumzeit jenseits des HUDF verlieren

© finbarsgift

​Finsternisse (Tendrjakow)

Finsternisse gehen vorüber. Soll sich doch erst mal einer finden, der keine durchlebt hätte.
Die Menschen sind untereinander durch viele Bande verbunden. Durch viele viele Bande sind sie miteinander verwachsen.
Das einfachste, das kürzeste menschliche Band – ER und SIE – ist der Anfang von allem. Darin liegt die Beständigkeit unseres Seins.
Da aber reißt es am häufigsten.
Da durchläuft jeder das Examen des Eindringens in den anderen – er in sie, sie in ihn! Begreife einen Menschen und erkenne ihn an, den einzigen von allen, der bestimmt ist, mit dir den Weg zu teilen. Begreife ihn! Nein, das ist schwer.
Wahrlich: gegenseitiges Verstehen bezahlen die Menschen mit Blut und mit Stücken ihres Lebens. Wir beide hatten reichlich bezahlt.

© Wladimir Tendrakow

​Denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten (Knausgard)

Misologie, Misstrauen gegenüber Worten, wie es bei Pyrrhon der Fall gewesen war, Pyrrhonismus, war das eine Richtung, in die ein Schriftsteller sich bewegen sollte? Allem, was sich mit Worten sagen lässt, kann mit Worten widersprochen werden, was sollen wir also mit Abhandlungen, Romanen, Literatur? Oder anders formuliert: Wovon man sagt, es sei wahr, von dem lässt sich auch immer sagen, es sei unwahr.

Das ist ein Nullpunkt und der Ort, von dem aus sich der Nullwert ausbreitet. Doch dies ist kein toter Punkt, auch nicht für die Literatur, denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten, die Literatur ist das, was die Worte im Leser erwecken. Es ist diese Überschreitung, die Literatur gültig macht, nicht die formale Überschreitung an sich, wie viele glauben.

Paul Celans chiffrenhafte und rätselhafte Sprache hat nichts mit Unzulänglichkeit oder Hermeneutik zu tun, im Gegenteil, es geht darum, etwas zu öffnen, wozu die Sprache sonst keinen Zugang hat, das wir aber dennoch, an einem Ort tief in uns, erkennen oder wiedererkennen oder, wenn nicht das, entdecken. Paul Celans Worten kann nicht mit Worten widersprochen werden. Was sie besitzen, kann auch nicht umgesetzt werden, es existiert nur dort und in jedem Einzelnen von denen, die es in sich aufnehmen.

Dass Gemälde und teilweise auch Fotos für mich so wichtig waren, hing damit zusammen. Sie waren ohne Worte, ohne Begriffe und wenn ich sie betrachtete, war das, was ich empfand, was sie so wichtig machte, auch begrifflos. Es gab darin etwas Dummes, ein Areal, das bar jeder Intelligenz war und das ich nur sehr schwer anerkennen oder zulassen konnte, das aber gleichwohl vielleicht das wichtigste Element von dem war, womit ich mich beschäftigen wollte.

© Karl Ove Knausgard  

Draußen vor der Tür

 

Sie stehen draußen vor der Tür und rauchen. Für ihre Nikotinleidenschaft tun sie vermutlich alles. Da ist es ein Klacks, in der Kälte des Morgens vom Büro aus, geschätzt gemäß ihrer Sucht circa alle dreißig Minuten, nach draußen vor die Tür zu treten, an die wundervoll frische Luft, und jene feine Sauerstoffreiche, zusammen mit dem dreckigungesunden Nikotin-Teer-Zigaretten-Qualm einzuatmen.

Ab und zu husten manche von ihnen, auch während des Inhalierens, was aber erstaunlicherweise nicht dazu führt, dass dann mit dem Rauchprozess aufgehört wird, selbst wenn es wie ein heftiger Hustenanfall auf mich wirkt, der ich diese qualmenden, sicher immer ziemlich eklig aus dem Mundschlot stinkenden Büromenschen gerade während einer kurzen Arbeitspause interessehalber mal eine kleine Weile auf meinem Weg zurück zu meinem Arbeitsplatz beobachte.

Ich finde ein solches, draußen vor der Tür explizit zur Schau gestelltes, selbstschädigendes Rauchhustenverhalten äußerst seltsam. Denn das wundervolle vegetative Nervensystem jedes einzelnen Menschen, sozusagen unsere göttliche Biomaschine, gibt damit ja an das Hegemonikon, das leitende Prinzip der Seele, ein lebenserhaltendes Signal, das doch auf keinen Fall überhört werden sollte, nämlich endlich mit dem lebensgefährlichen Rauchen sofort wieder aufzuhören!

Doch das leitende Prinzip der Seele, dieses sehr ehrenwerte, definitiv lebenserhaltende oberste Prinzip jedes menschlichen Individuums, scheint wohl während des Rauchvorgangs dieser Pausenqualmmenschen irgendwie abgeschaltet zu sein. Und das obwohl, so Marc Aurel, ein alter großer Fan des Hegemonikons in seinen Selbstbetrachtungen bekennt: „Die Dinge des Lebens stehen ganz für sich draußen vor der Tür, und wissen weder etwas über sich, noch geben sie Auskunft. Wer also kann dann Auskunft geben? Nur das leitende Prinzip der Seele.“

Und somit sollte mann/frau dieses ganz spezielle, lebenserhaltende Prinzip doch niemals abstellen, auch beim Rauchen nicht. Sondern es sollte vielmehr unter Zuhilfenahme dieses Hegemonikons täglich geprüft werden, worauf es im menschlichen Dasein tatsächlich ankommt, was wirklich wichtig ist, was auf jeden Fall geschehen soll, zu tun ist und was mann/frau als unnötig bzw. überflüssig auch getrost bleibenlassen kann – und hierzu gehört definitiv mit Sicherheit das völlig lebensunnötige Rauchen!

Besonders zufrieden und glücklich wirken diese Pausenraucher beim Qualmen draußen vor der Tür zumeist sowieso nicht auf mich. Es sei denn, sie sind in Gesellschaft anderer, zumeist ebenfalls unter Nikotinsucht leidender Mitmenschen, die wohl laut irgendeiner gesetzlichen Verordnung in öffentlichen Gebäuden – wo ja zielgerichtet zumeist zusammen mit Nichtrauchern gearbeitet werden sollte – seit geraumer Zeit nicht mehr geraucht werden darf.

Marc Aurel gibt mir von der Seite her einen kleinen, wohl eher liebevoll aufweckenden Leberhaken und ich höre seine warmherzige Stimme in mir erklingen: Mensch Lu, lass diese Leute doch rauchen, du kannst sie eh mit deinen Gedanken nicht bekehren, auch wenn sie richtig und wohlwollend gemeint sind; also gehe zurück zur Arbeit, die Pflicht ruft.
 

 

© finbarsgift

Hegemonikon (Marc Aurel)

​Das leitende Prinzip der Seele (oder auch die gebietende Vernunft) bereitet sich selbst keine Unruhe, es stürzt sich zum Beispiel nicht selbst in Furcht oder Schmerz;

will aber ein anderer ihr Furcht oder Traurigkeit einstoßen, so mag er’s tun; sie selbst wird sich durch ihr Urteil in keine solche Gemütsbewegungen versetzen.

Daß aber der Körper nichts leide, dafür mag er sorgen, wenn er kann, und es sagen, wenn er leidet.

Die Seele aber, der eigentliche Sitz der Furcht, der Traurigkeit und der dahin einschlagenden Vorstellungen, wird wohl nicht, wenn sie sich nicht selbst zu derlei Urteilen verführt, leiden.

Denn das leitende Prinzip der Seele (die herrschende Vernunft) ist an und für sich bedürfnislos, wenn sie sich selbst keine Bedürfnisse schafft;

eben deshalb kennt sie auch weder Unruhe noch Hindernis, wenn es sich dies nicht selbst verursacht.

Marc Aurel,
Selbstbetrachtungen,
Buch 7, Spruch 16

Sandays Fragen – meine Antworten

 

Meine Blogfreundin Sanday hat mir vor einigen Tagen ein kleines 11-Fragen-Stöckchen zugeworfen und mich zuvor nominiert für den Stöckchen-Beantwortungs-Award, den liebsten, worüber ich mich seeehr freue!

Hier ihre Fragen und meine Antworten:

1. Wenn Du in dieser Minute ein Bild malen solltest, welche Farbe würdest Du wählen und warum?

Sicherlich Schwarz,
um damit einen schwarzen Rothko nachzuäffen.

2. Du hast die Wahl: Buch, Zeitung, Comic oder Blog. Was wäre heute Deine erste Wahl?

Fast immer Buch, ab und zu Blog.
Manchmal Zeitung (die Zeit), niemals Comic.

3. Du hast Platz vor Dir auf dem Schreibtisch, welche Pflanze würde bei Dir eine Heimat finden? Orchidee, Brennnessel, Kaktus, Schnittblumenstrauß?

Orchidee oder Schnittblumenstrauß.
Oder die Königin der Nacht, das wäre ein Traum, wenn sie gerade blüht.

4. Wenn Du kochst, wer räumt die Küche auf?

Auch ich, denn Kochen und Küche-Aufräumen gehören zusammen.

5. Vor Dir liegen Gegenstände: Teddy, Sichel, Nagel, Konservendose, Wollknäuel, Goldfisch im Glas. Welchen nimmst Du, wenn Du nur einen mitnehmen darfst und warum?

Das Teddybärle natürlich. Denn ich liebe Stofftiere, am meisten Robben und Pinguine.

6. Was steht Dir gefühlt näher: Wohnküche oder Dachboden?

Auf jeden Fall die Wohnküche. Da muss ich nicht immer gebückt herumgehen.

7. Wann hast Du das letzte Mal in der Stille gesessen, geschwiegen und außer zu denken nichts getan und wie lange hältst Du so einen Zustand aus?

Heute früh. So bis zu einer halben Stunde ist das kein Problem. Ich schweige auch ansonsten sehr gerne, vor allem, wenn ich dabei in Ruhe (nach)denken darf/kann.

8. Du fährst auf der Landstraße mit dem Auto und ein Drängler klebt Dir viele Kilometer an der Stoßstange. Wie reagierst Du?

Das würde ich gar nicht erst zulassen, denn solche Autoarschgeigen dürfen mich gerne möglichst bald überholen, d.h. ich fahre in so einem Fall immer langsamer, bis der Drängler endlich vorbei ist.

9. Was zaubert Dir ein Lächeln ins Gesicht?

Auf jeden Fall mein Sohn, wenn er vor meinen Augen Musik von Rachmaninov oder Prokofiew auf dem Klavier spielt.

10. Wann hast du zuletzt was wichtiges übersehen. War dir das peinlich?

Mit Sicherheit, aber ich weiß nicht mehr, was und wann es war.

11. Welcher Lebensabschnitt ist in Deiner Rückschau Dein liebster?

Meine Geburt:

https://finbarsgift.wordpress.com/2014/03/12/meine-geburt/

 

 

 

 

 

© finbarsgift

 

​Der König des Ungefähren und die Schatten der Sätze (Knausgard)

Espen ahnte wahrscheinlich nichts davon, da ich immer so tat, als würde ich fast alles kennen, aber er war es, der mich in die Welt der hohen Literatur hinaufzog, in der man Essays über eine Zeile bei Dante schrieb, in denen nichts kompliziert genug sein konnte, in der die Kunst in Kontakt zum Höchsten stand, nicht im Sinne des Erhabenen, denn wir hielten uns an den Kanon der Moderne, sondern des Enigmatischen, am besten illustriert in Blanchots Beschreibung von Orpheus‘ Blick, der Nacht der Nacht, der Negation der Negationen, was zugegeben ein ganzes Stück über den trivialen und in vieler Hinsicht schäbigen Leben lag, die wir selber führten, aber damals lernte ich, dass auch unsere lächerlichen, kleinen Lebensläufe, in denen wir absolut nichts von dem bekommen konnten, was wir haben wollten, wirklich nichts, in denen außerhalb unserer Fähigkeiten und Macht stand, teil an dieser Welt hatte und damit auch am Höchsten, denn die Bücher existierten, man brauchte sie nur zu lesen, niemand außer mir selbst konnte mich von ihnen ausschließen. Es galt nur, sich zu ihnen aufzuschwingen.

Die Literatur der Moderne mit ihrer riesigen, brachliegenden Maschinerie war ein Werkzeug, eine Erkenntnisform, und wenn man sich in sie eingearbeitet hatte, konnten die Einsichten, die sie vermittelte, verworfen werden, ohne dass das Wesentliche an ihr verloren ging, die Form blieb bestehen und ließ sich daraufhin dem eigenen Leben zuwenden, den eigenen Faszinationen, die somit plötzlich in einem völlig neuen und bedeutsamen Licht erscheinen mochten. Espen schlug diesen Weg ein, und ich folgte ihm wie ein kleiner, dummer Hund, das ist richtig, aber ich folgte ihm. Ich blätterte ein wenig in Adorno, las ein paar Seiten Benjamin, saß ein paar Tage über Blanchot gebeugt, warf einen Blick in Derrida und Foucault, versuchte mich eine Weile an Kristeva, Lacan, Deleuze, während gleichzeitig Gedichte von Ekelöf, Björling, Pound, Mallarmé, Rilke, Trakl, Ashbery, Mandelstam, Lunden, Thomsen und Hauge herumlagen, denen ich nie mehr als ein paar Minuten widmete, ich las sie wie Prosa, wie ein Buch von MacLean oder Bagley, und lernte nichts, begriff nichts, aber allein schon in Kontakt mit ihnen zu stehen, Bücher von ihnen im Regal zu haben, führte zu einer Bewusstseinsverschiebung, nur zu wissen, dass es sie gab, war bereits eine Bereicherung, und obwohl sie mir keine Erkenntnisse eintrugen, bereicherten sie mich doch umso mehr um Ahnungen und Wahrnehmungen.

Nun war das natürlich nichts, womit man bei einer Prüfung oder in einer Diskussion hätte auftrumpfen können, aber andererseits war es auch nicht das, was ich, der König des Ungefähren, anstrebte – sondern die Bereicherung. Und was mich bereicherte, wenn ich beispielsweise Adorno las, lag nicht in dem, was ich las, sondern in der Vorstellung, die ich von mir selbst bekam, wenn ich las. Ich war ein Mensch, der Adorno las! Und in dieser schwierigen, komplexen, umständlichen, präzisen Sprache, die das Denken stetig höher schraubte und in der jeder Punkt gesetzt war wie der Kletterhaken eines Bergsteigers, gab es zudem etwas anderes, diese ganz bestimmte Annäherungsweise an die Stimmung der Wirklichkeit, diese Schatten der Sätze, die zuweilen eine vage Begierde in mir weckten, diese Sprache mit ihrer besonderen Stimmung auf etwas Wirkliches, etwas Lebendiges anzuwenden. Nicht auf ein Argument, sondern einen Luchs oder eine Amsel oder einen Zementmischer. Denn es war nicht so, dass die Sprache die Wirklichkeit in ihre Stimmungen hüllte, sondern umgekehrt, dass die Wirklichkeit aus ihnen hervortrat.

© Karl Ove Knausgard

Mutter Allnaturs Zeitmaschine

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Tick tack
Tick tack

Die Sekunden
Jedes Lebens
Vergehen immer
Gleich schnell

Die Arithmetik behauptet
Dass alle sieben Milliarden
Menschen die derzeit die
Erde bevölkern in maximal
150 Jahren allesamt
Tot und verschwunden
Sein werden und ich bin
Sicher sie hat recht
Mutter Allnaturs
Zeitmaschine läuft
Genauer als jede
Menschliche Uhr und
kennt kein Erbarmen

Die Sekunden
Jedes Lebens
Vergehen immer
Gleich schnell

Tick tack
Tick tack
Tick tack

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© finbarsgift