Das Universum der Lotosesser (Sjón)

 

Die Lotosesser waren eine Gruppe von Leuten, deren Weltanschauung ganz von der Philosophie französischer Dichter – wie Baudelaire, de Nerval, Gautier oder de Musset – geprägt war. 

Außerdem veranstalteten sie Gelage, über die viele Geschichten kursierten (davon allerdings nur wenige aus eigener Anschauung), und deren Gäste sich von diesen Arzneikräutern in ferne Welten davontragen ließen, körperlich wie geistig gesehen, schnell und sanft.

Auch Fridrik war bei diesen Treffen ein regelmäßiger Gast; und einmal, als man gerade aus einer solchen vernebelten Achterbahnfahrt wieder auftauchte, berichtete er seinen Reisegefährten:
– Ich habe das Universum gesehen! Es besteht aus lauter Versen!

 

 

 

© Sjón (Sigurjón B. Sigurdsson)

Im Zwischenraum

Einige Tage schon ging er Stunde für Stunde den Gang rauf und runter, explizite permanente  Eintönigkeit, quasi Roboter-mäßig ging er, nahm niemanden dabei mehr wahr, geistig fast völlig abwesend, geplagt von irrwitzigen psychosomatischen Schmerzen, interessierte es ihn nicht, wo er physisch war.
Es war ihm vollkommen egal, irgendwo zwischen Leben und Tod, irgendwo zwischen Wirklichkeit und Traum. Heute kann er sich an jene leidvollen Tage im Zwischenraum kaum mehr erinnern.

Auch die anderen Menschen, die ihm während dieser Phase des Gang-auf-und-ab-gehens hin und wieder im Flur begegneten, nahmen ihn mit der Zeit kaum mehr wahr, reagierte er doch auf keinerlei Anrede, wie auch immer sie geartet war.

In seinem Zimmer war er anfangs so wenig wie irgend möglich.
Es machte ihm Angst, er fühlte sich dort erst recht wie ein Gefangener. Da lieber den Gang rauf-und-runter-gehen, unbedingt immer in Bewegung bleiben, nur nicht stillstehen, diese verdammten körperlich-seelischen Schmerzen noch deutlicher spüren; Hin-und-her-gehen von früh bis spät, bis zur totalen Erschöpfung, so musste es sein, anders ging es nicht (und die Ärzte und Krankenschwestern ließen ihn, Gottseidank!).

Erst dann irgendwann, wenn es Nacht wurde, schlich er sich leise in sein Zimmer, aß ein wenig vom hergerichteten Teller, der täglich neu auf dem Tisch stand, trank ein, zwei Liter Wasser, legte sich ins immer fremd bleibende Bett und schlief sofort ein.
In seiner Erinnerung fehlen ihm fast alle jene Tage seines Lebens, erscheinen sie in seinem Gedächtnis inzwischen wie gänzlich ausradiert, wie ein komplett schwarzes Kopfkino.

Nach seinem umwerfend starken Kreislaufkollaps und Nervenzusammenbruch bei der Arbeit einige Wochen davor, wurde er mit Blaulicht und Martinshorn sofort ins nächste Krankenhaus gebracht, mit Verdacht auf Herzinfarkt, Lungenembolie oder Schlaganfall.
Krampfende Herzrhythmusstörungen, unregelmäßiger Atem und längere Stillstände, gravierende Extrasystolen, verbunden mit vehementen Schmerzen schon unterwegs; dort dann sofort Herzkatheter, Lungenfunktionstest und MRT des Schädels.
Doch es stellte sich allmählich heraus, dass alle seine inneren Organe noch recht ordentlich funktionierten, fast im normalen Gleichklang eines lebendigen Menschen waren, wenn auch deutlich schwächer als sonst.

Er war ja auch geschwächt, und wie! Sechs Jahre ununterbrochener Stress bei der Arbeit als Leiter einer IT-Abteilung von fast 50 Personen. Termine über Termine, jeden Tag, kaum Pausen, auch am Wochenende, immer vernetzt und verkabelt, unzählige nicht abbaubare Überstunden, von einem erholsamen, längeren Urlaub konnte nie die Rede sein.
Nach und nach kam er im Krankenhaus wieder zu Kräften, bekam zur Unterstützung des Wiedererlangens seiner normalen Vitalität und Kraft jede Menge Herz- und Kreislauf-stärkende Medikamente, insgesamt siebzehn an der Zahl.

Nach einer knappen Woche wurde er wieder aus dem Krankenhaus entlassen und nach Hause gebracht. Burn-Out, starke psychosomatische Beschwerden, Panikattacken, psychische Störungen, langfristige Krankschreibung: eine möglichst rasche fünf- bis achtwöchige Rehabilitationszeit in einer guten Klinik war dringend notwendig.

Bis es soweit war, musste er allerdings noch einige Wochen zuhause darauf warten.
Schon dort tigerte er in seiner Wohnung voller Unruhe andauernd hin und her, auf und ab, aß kaum etwas, trank immer nur Wasser. Er konnte weder Fernsehen, noch Musikhören, noch Bücherlesen. Seine Konzentrationsfähigkeit war tagelang nahe dem Nullpunkt.

Schließlich war es dann doch soweit. Er wurde in eine Klinik gefahren, in der er endlich einen Platz bekommen hatte, zur mittelfristigen Regeneration, für mindestens acht Wochen, ein schwerer Fall.
Das Hin-und-her-gehen im Gang dort war der Anfang davon.
Er war im Zwischenraum angekommen.

 

 

© finbarsgift

Die menschliche Sexualität (Strauß)

 

Die menschliche Sexualität ist eine Sisyphosiade, ein Impotenz-Traum. Unentwegt strebt sie einem Höhepunkt von Natur entgegen, zu dem es uns hinaufzieht mit Versöhnung versprechender Kraft. Jedoch den Höhepunkt seiner Natürlichkeit zu erleben, ist dem Mängelwesen nicht verstattet: es erreicht ihn nie. Oder etwa in der kurzen, eine halbe Sekunde währenden Bewußtseinstrübung auf dem Überroll des Orgasmus? Und wenn es, wie die meiste Zeit, zur glücklichen Ohnmacht nicht langt, die Seligkeit zwei Zentimeter flacher ausfällt? Das Glück schafft Maßstäbe und Werteskalen, das Relative ist immer zur Stelle und erkennt keinen wirklichen Höhepunkt an. Auch daher das schallende Gelächter des Teufels, das, einem alten Wort zufolge, nach jedem Beischlaf uns verhöhnt.

 

 

 

 

© Botho Strauß

Drachenfrieden  (C. M. Hafen)

 

Heute ist es ein altes Wort, lange her. Drachenfrieden. Nerina, dachte Mersan, vielleicht erzählt gerade jetzt eine Ahne am Feuer vom Drachenfrieden und meint dich, wenn sie vom irren Drachen erzählt. Dabei hast du nur die Veränderung gebracht, den Wandel der Geschichte, letztlich … mich.

„Da sind wir nun“, sagte er zu Hangameh und schluckte schwer. Diese ein oder zwei Schritte, die er schon gegangen war, standen ihr noch bevor. Zu gegebener Zeit würde er ihr seine Wörterbücher zeigen, seine langen Listen, die er angelegt hatte, seine Chronik der mowarischen Sprache.

Hangameh würde immer ein Kind bleiben. Sie mochte altern, vielleicht sogar die Zeit spüren, wenn sie weit genug von Mora entfernt war. Doch ohne Wurzeln, ohne Vergangenheit oder Zukunft konnte niemand erwachsen werden. Bei ihm war das anders. Die Sprache veränderte sich dauernd. Altes und Neues verband sich, ergab neue Wörter, andere verschwanden. Es gab viele, die standen nur noch in seinen Büchern und wurden nicht mehr genutzt. Das machte ihm aber nichts aus. Manchmal verwendetet er eines, das er gerne mochte, in einem Gespräch und schaute dann zu, wie es die Küste hinauf und hinunter wanderte, bis jemand zu ihm kam und das Wort zurückbrachte. Es war ein Kreislauf. Es war schön und nie zu Ende.

 

 

© C. M. Hafen
Auszug aus „Drachenfrieden“ – Band 3 der Reihe „Das Drachenvolk von Leotrim“,
Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des O´Connell Press Verlags.

Stoisches Gebet (Marc Aurel)

 

 

Sei in deinem Tun nicht fahrlässig,
in deinen Reden nicht verworren,
in deinen Gedanken nicht zerstreut;

laß dein Gemüt nicht eng werden,
noch leidenschaftlich aufwallen,
noch laß dich von Geschäften
vollauf in Beschlag nehmen.

Mögen sie dich ermorden,
zerfleischen, verfluchen, was tut´s?
Deine denkende Seele kann dessenungeachtet
rein, verständig, besonnen und gerecht bleiben.

Hört denn die reine süße Quelle auf,
rein und süß zu quellen,
wenn einer, der dabei steht,
sie verwünscht?

Und wenn er Schmutz und Schlamm hineinwürfe,
würde sie´s nicht sofort ausscheiden und hinwegspülen,
um rein zu bleiben wie zuvor?

Du auch bist im Besitz einer solchen ewig reinen Quelle,
wenn du die Seele frei, liebevoll, bescheiden,
ehrfurchtsvoll dir zu bewahren weißt.

 

 

Marc Aurel: Selbstbetrachtungen,
Achtes Buch, Spruch 51

Ludi at Random et Conma

Von RANDOM und CONMA wurde ich vor einiger Zeit für den „Versatile Blogger Award“ (Vielseitigkeits-Blogger-Auszeichnung) nominiert, was mich sehr gefreut hat.
Vor allem, weil einerseits von einem meiner besten Schreib- und Musikfreunde im Internetz, dessen Blog ich jedem/jeder nur wärmstens ans Herz legen kann – mit einem Highlight in Sachen Sprache und Musik nach dem anderen -, sowie andererseits von dem schon seit Januar 2010 bestehenden sehr interessanten, vielseitigen Blog von Conma, in jüngster Zeit mit einer Reihe von interessanten Posts zum Thema Erotik und musikalischen Einträgen zu verschiedenen Interpretationen des Liedes „Ave Maria“ .
Herzlichen Dank an euch beide – auch an dieser Stelle nochmal – für die Auszeichnung!

Mit der Annahme dieser „Vielseitigkeits-Blogger-Auszeichnung“ ist die „Pflicht“ verbunden, meinerseits – nach Random und Conma zuvor – sieben Dinge über mich bzw. aus meinem Leben zu berichten, dem Leben also, das sich sozusagen „hinter dem Dasein meines virtuellen Alter Egos finbarsgift“ abspielt, und zwar von solchen Dingen, über die ich hier beim Finbar bisher noch nicht viel oder noch gar nicht berichtet habe.
Dem komme ich sehr gerne nach…

…und da fällt mir doch gleich mal das Wort (Lu –>) LUDI  – lateinisch für „Spiele“ – ein!
Und zwar, weil ich immer schon sehr gerne alle möglichen Spiele spielte in meinem bisherigen Leben, und… dies auch immer noch begeistert mache, vor allem natürlich in Gesellschaft – manchmal aber auch allein, wenn niemand mich herausfordert -, wenn auch nicht mehr so häufig und heftig und/oder teilweise sogar so grausam wie zu Marc Aurels Zeiten bei den damals sehr bekannten und beliebten LUDI ROMANI, das waren diverse prekäre Zirkusnummern, inklusive Tierhatz im Circus Maximus, den bekannten Wagenrennen und gefährlichen Gladiatorenkämpfen im Colosseum, sondern eher etwas harmloser, ungefährlicher – zeitgemäßer eben.
Hier also eine Auswahl von sieben Spiel(art)en, die mich bis zum heutigen Tag faszinieren und die ich bis dato noch begeistert verfolge:

 

Erstens: Billard

Soweit ich zurückdenken kann, war ich stets (auch als kleiner Junge schon) ein großer Freund von bunten Kugeln aller Arten, fasziniert von schönen Murmeln (auch Glaser –> der Beginn meines eigenen Glasperlenspiels) vor allem und natürlich Billardkugeln.
Wann ich genau mit dem Billardspielen begann, weiß ich leider nicht mehr, irgendwann aber während der Schulzeit, da spielten ein paar Freunde und ich immer mal wieder begeistert Pool, hauptsächlich Achtball oder Neunball.
Später dann, als ich einige Zeit in der sogenannten freien Wirtschaft arbeitete (die natürlich in Wirklichkeit überhaupt nicht frei ist), programmierte ich ein Billardprogramm, einen Tutor, wie man am besten Dreibandbillard, auch Karambolage genannt, spielt. Ich verkaufte diese Software sogar mehrfach dann bei diversen Billard-Meisterschaften, wobei ich einigen Dreibandweltmeistern auch schon mal die Hand schütteln durfte. Natürlich versuchte ich mich damals auch selbst im Dreibandspiel, das mir immer noch große Freude bereitet.
Doch als ich dann irgendwann mal Snooker am TV sah, war es um mich geschehen, ab da spielte und spiele ich pro Woche bis dato ein bis zwei Mal Snooker — ein ganz wundervolles Spiel von Kugeln und Farben, Ruhe und Konzentration; ja, ich sehe Snooker sogar als eine Art gelebte Mathematik der ganz besonders praktischen Art.

 

Zweitens: Doppelkopf

Bereits in der Sexta spielte ich, so oft es irgendwie ging, Skat mit zwei anderen Schulkameraden im Pausenhof, oft sogar stehend, manchmal im Regen mit Schirm, bis dieses Kartenspiel doch irgendwann mal langweilig wurde und wir in der Oberstufe dann das viel faszinierendere Doppelkopf entdeckten, wobei man aber zu viert sein muss.
Hatten wir auch nachmittags Schule, zum Beispiel die Mathe-AG im Jahr vor dem Abitur, dann trafen wir uns sogar über Mittag noch im gemütlichen Althanau, aßen dort etwas, tranken ein kleines Pils dazu, und spielten anschließend so lange Doppelkopf, bis unsere Köpfe vor Begeisterung glühten und wir uns wieder mal schier totgelacht hatten über die unfassbaren Stiche, die da manchmal passierten, zum Beispiel, wenn am Ende zwei Karlchen zwei Füchse fingen, da wurde es dann schon mal so richtig laut in der guten Stube!

 

Drittens: Schach

Das königliche Spiel brachte mir mein Vater schon bei, als ich noch sehr klein war. Solange er mich damit schlagen konnte, machte es ihm auch noch großen Spaß, danach mochte er nicht mehr, und ich spielte gegen meine Brüder, als sie alt genug waren.
Schach begleitete und begleitet mich schon mein ganzes Leben über, mit allen dazugehörigen Höhen und Tiefen, mal mehr, mal weniger.
Am intensivsten spielte ich Schach zu jener Zeit, als ich an meiner Mathe-Dissertation in der Schweiz arbeitete, da spielte ich nebenher ab und zu auch bei einigen internationalen Schachturnieren mit, vor allem in Zürich und Lugano, kam allerdings nie auf einen der ersten drei Plätze. Trotzdem war es eine tolle Erfahrung, auch mal gegen sehr gute internationale Meister (IM) oder gar Großmeister (GM) anzutreten, wenn es dabei auch kaum eine echte Gewinnchance gab.
Damals lag meine Spielstärke bei einer Elo-Zahl von um die 2000, was schon recht gut ist (GM haben allerdings 2500 und mehr. Die bisher höchste Wertungszahl von 2882 erreichte Weltmeister Magnus Carlsen im Mai 2014).
Zwei von meinen Kindern spielen übrigens auch sehr gerne Schach und inzwischen verliere ich gegen sie auch mal, ohne mich groß darüber aufzuregen, ist es doch ein Spiel, wenn auch ursprünglich kriegerischen Kämpfen nachempfunden.

 

Viertens: Scrabble

Stellvertretend für unzählige Gesellschaftsspiele, die ich immer wieder gerne mitspiele, erwähne ich hier mal Scrabble, das ja wohl jede/r kennt und somit sage ich nur noch, dass es viel Spaß macht, es auf Deutsch oder im Englischen Original zu spielen. Es könnte aber auch Canasta sein oder Rummikub oder vor allem auch Activity oder Nobody is perfect; ich sage zu fast allen Gesellschaftsspielen ja. Immer noch weit interessanter als Partys, bei denen der Alkohol in Strömen fließt und der Smalltalk die Menschen vollends verblödet; dort wird man mich niemals antreffen.

 

Fünftens: Tischtennis

Eindeutig mein Lieblingssport; noch jetzt bewundere ich die Weltmeister in dieser Disziplin, was sie für Künstler doch sind (im Vergleich zum Beispiel zu völlig überbewerteten Fußballspielern). In der Schule habe ich neben Tischtennis auch immer noch gerne Handball gespielt, weil Ballweitwurf auch in Leichtathletik immer meine beste Disziplin war. Es gab sogar mal eine Zeit, da wollte ich Speerwurf-Olympia-Sieger werden und übte solange, bis ich mir schier mal den rechten Arm vor lauter Eifer auskugelte. Ab da ließ ich es dann, als die Gefahr plötzlich, womöglich nicht mehr Musik selbst machen zu können, zu groß war.
Tischtennis spielte ich vor allem fast täglich während meiner Jahre als Student in den USA und der Schweiz. In Kalifornien erreichte ich sogar mal bei den Studentenmeisterschaften den vierten Platz,  nur drei Studenten aus China und Taiwan waren noch vor mir (jetzt muss ich selbst schmunzeln).
In Kalifornien war es für mich auch möglich rund um die Uhr Tennis zu spielen, eine Ganzjahreserfahrung der ebenfalls persönlich sehr schönen Art.

 

Sechstens: Outcast

Wie schon gesagt, spiele ich manchmal auch allein. Dann ist es meistens ein Computerspiel, wie zum Beispiel Myst und seine vielen Derivate; oder auch verschiedene Rollenspiele wie die der bekannten und sehr erfolgreichen Elderscrolls Serie, also Morrowind, Oblivion, Skyrim; oder derzeit etwa Limbo (zum dritten Mal) und mal wieder eines meiner absoluten Lieblingsspiele, das einmalige Outcast (mindestens schon zum dritten Mal), das in der Parallelwelt Adelpha spielt, wo der Held Ulukai (eigentlich Cutter Slade von der Erde) die Bösen (natürlich) ausschalten muss; dass es dabei nicht immer nur bierernst und kämpferisch zugeht, sondern auch sehr humorvoll, macht den ewigen Reiz dieses Spiels für mich aus.
Niemals spiele ich allerdings pure Egoshooter, wie zum Beispiel Counterstrike; sie sind mir einfach viel zu primitiv und pures virtuelles Geballere, das langweilt mich schier zu Tode.

 

Siebtens: Flöte

Ich spiele sehr gerne auf meiner Kwerflöte, wenn ich allein bin.
Flöten (und andere Blasinstrumente) begleiten mich bereits lebenslang. Das fing mit der Blockflöte in der Grundschule an – wo ich meinen ersten kleinen Auftritt mit zwei Menuetten von Bach und Händel hatte – und setzte sich fort mit der Klarinette, die ich von meiner Großmutter aus dem Erzgebirge mal zum Geburtstag geschenkt bekam, setzte sich fort mit der Kwerflöte und auch dem Altsaxofon, einem sehr nahen Verwandten, vor allem auch von der Grifftechnik her.
Es gibt (gab) viele große Jazzer, wie Yusef Lateef und Eric Dolphy zum Beispiel, die aus diesem Grund alle möglichen Flöten und Saxofone virtuos beherrsch(t)en.
Und noch etwas: es gibt kaum etwas schöneres im himmlischen Bereich der Musik, als selbst ein Musikinstrument zu spielen, es selbst möglichst gut zu beherrschen.
Und am Allerschönsten ist es (für mich jedenfalls), die Flötenmusik von Bach zu spielen, sie ist ein Wunder auf Erden; insbesondere der Flötenpart in der großen h-moll-Suite und in der großartigen ersten Flötensonate, auch in h-moll — nichts kann schöner sein auf Erden…
nur noch: in einer leeren Kirche zu stehen, mit der eigenen Kwerflöte in den Händen und die Sarabande aus Bachs Solopartita in a-moll auswendig selbst dort vor Ort zu spielen, einfach traumhaft, das eigene Ich für eine Weile komplett transzendierend:
BACH SARABANDE

 

© finbarsgift

 

 

Die innere Burg (Marc Aurel)

Denke daran,
dass deine herrschende Vernunft,
wenn sie, in sich selbst gesammelt,
sich selbst genügt und nichts tut, was sie nicht will,
unüberwindlich wird, auch wenn sie einmal
ohne genügenden Grund Widerstand leistet.

Wieviel mehr also dann,
wenn sie mit Grund und
mit Bedacht über etwas urteilt?
Deshalb ist die denkende Seele,
von Leidenschaft frei,
gleichsam eine Festung.

Denn der Mensch hat keine stärkere Schutzwehr,
wohin er seine Zuflucht nehmen könnte,
um fortan unbezwinglich zu sein.
Wer nun diese nicht kennt, ist unwissend;
wer sie aber kennt, ohne zu ihr seine Zuflucht
zu nehmen, ist unglücklich.

Marc Aurel,
Selbstbetrachtungen,
Achtes Buch,
Spruch 48

Hinausgeworfen

Kein Da
Ohne Sein
Kein Leben ohne Tod
Kein Leben ohne Liebe

Hineingeworfen wurden wir alle
In diese himmelschreiende Falle
Die wir irdisches Leben nennen
In der wir uns zur Liebe bekennen

Und solange wir lieben
Können wir nicht sterben
Gibt es gar keinen Tod
Sondern nur das Leben

Hinausgeworfen werden wir trotzdem
Hinausgeworfen aus der Liebe
Hinausgeworfen aus dem Leben
Hinausgeworfen aus dem Da-Sein

© finbarsgift

liebe in den zeiten der kamera

 

 

die wirklichen tage schwinden dahin einer nach dem anderen aber kaum jemand hat lust sie wirklich bewusst wahrzunehmen zu leben von früh bis spät, in zeiten von sozialen netzen und handys haben anscheinend nur noch virtuelle tage gewicht tage voller unzähliger posts und bildern in schier überabzählbar unendlichen mengen, die menschen sind in einer irrealen scheinwelt gelandet die george orwells nineteen-hundred-eighty-four und aldous huxleys brave new world noch bei weitem übertrifft, die menschheit ist am rande des wahnsinnsuniversums gelandet und es ist nur noch eine frage der zeit bis zu ihrem kollaps unter riesigen kopfhörern abgeschottet voneinander,

wen interessieren denn noch wahlen wirklich da doch eh letzten endes ein politischer megaknallkopf gegen einen anderen ausgetauscht wird die allesamt mit den bossen der wirtschaft und der industrie den guten geistern des kapitalismus und der arbeitsplatzbeschaffer hand in hand gehen mit einem großen lächeln auf dem gesicht und dick geld in der (hosen)tasche oder/und auf geheimen nummernkonten in der schweiz die sowieso jeden monetären mist mitmacht insbesondere auch geschäfte am rande der legalität durch das sogenannte reinwaschen von mafia- und drogengeldern,

die virtuellen welten verschlingen jeden tag unglaubliche mengen an wertvoller menschlicher energie worüber sich die meisten menschen noch gar nicht mal so im klaren zu sein scheinen denn sie verschleudern diese ja geradezu mit all ihrer kraft ganz offensichtlich und sogar weitgehend offenherzig für ein paar läppische bits und bytes und neuerdings klicks und smileys im gegenzug alles sehr sehr seltsam, der verlust an wirklichkeit ist bei vielen menschen inzwischen krass manche sitzen sogar immerzu am rande des internetzes und meinen zu leben oder sind kwasi eh schon vom netz vollständig eingefangen und inkorporiert und meinen dass das liebe sei virtuelle liebe aber sie ist gar nichts und raubt diesen millionen menschen nur ihre gesundheit und den wichtigen schlaf,

die liebe die wahre liebe jedoch geht der wirklichen welt in der wir füsisch leben immer mehr abhanden auch weil die menschen sich noch nicht mal mehr bemerken beim ein- oder zweifingerig tippen in der öffentlichkeit beim schreiben auf minitippmaschinen die aus der schreibmaschinensteinzeit stammen könnten, der andauernde drang minütlich zu whatsappen ist ein fänomen das vielleicht einmal irgendwelche forscher/innen in der zukunft rückblickend analysieren und ausreichend erklären werden können ähnlich wie den narzisstischen wahn dem die meisten jungen frauen von heute im zeitalter der (handy)kamera verfallen sind beim selfie alle paar minuten egal wo sie sich gerade befinden und natürlich dem sofort posten davon wichtige oberflächenpost für die gesamte welt das ist noch nicht einmal selbstliebe.

 

 

© finbarsgift