Fremder (Baudelaire)

Wer, rätselhafter Mensch, ist deinem Herzen am liebsten? Sprich!
Dein Vater, deine Mutter, deine Schwester oder dein Bruder?

Ich habe weder Vater, noch Mutter, noch Bruder, noch Schwester.

Deine Freunde?

Du brauchst ein Wort, dessen Sinn ich bis heute nie verstand.

Deine Heimat?

Ich weiß nicht, auf welchem Breitengrad sie liegt.

Die Schönheit?

Ich möchte sie lieben, die göttlich unsterbliche.

Das Gold?

Hasse ich, wie du Gott hassest.

Was also liebst du, staunenswerter Fremder?

Ich liebe die Wolken … die ziehenden Wolken … dort … die wundervollen Wolken.

© Charles Baudelaire

Das Universum der Lotosesser (Sjón)

 

Die Lotosesser waren eine Gruppe von Leuten, deren Weltanschauung ganz von der Philosophie französischer Dichter – wie Baudelaire, de Nerval, Gautier oder de Musset – geprägt war. 

Außerdem veranstalteten sie Gelage, über die viele Geschichten kursierten (davon allerdings nur wenige aus eigener Anschauung), und deren Gäste sich von diesen Arzneikräutern in ferne Welten davontragen ließen, körperlich wie geistig gesehen, schnell und sanft.

Auch Fridrik war bei diesen Treffen ein regelmäßiger Gast; und einmal, als man gerade aus einer solchen vernebelten Achterbahnfahrt wieder auftauchte, berichtete er seinen Reisegefährten:
– Ich habe das Universum gesehen! Es besteht aus lauter Versen!

 

 

 

© Sjón (Sigurjón B. Sigurdsson)

Briefe beantworten (Tranströmer)

 

Im untersten Kommodenfach finde ich einen Brief, der das erstemal vor sechsundzwanzig Jahren kam. Ein Brief in Panik, der noch immer atmet, wenn er das zweitemal kommt.
Ein Haus hat fünf Fenster. Durch vier leuchtet der Tag klar und still. Das fünfte geht auf einen schwarzen Himmel, Gewitter und Sturm. Ich stehe an dem fünften Fenster: der Brief.

Manchmal dehnt sich zwischen Dienstag und Mittwoch ein Abgrund, aber sechsundzwanzig Jahre lassen sich in einem Augenblick durchmessen. Die Zeit ist keine gerade Strecke, sondern eher ein Labyrinth, und drückt man sich an der richtigen Stelle gegen die Wand, kann man die eiligen Schritte und Stimmen hören, kann man sich selbst auf der anderen Seite drüben vorbeigehen hören.

Hat dieser Brief je eine Antwort bekommen? Ich erinnere mich nicht, es war lange her. Die zahllosen Schwellen des Meeres wanderten weiter. Das Herz tat seine Sprünge weiter von Sekunde zu Sekunde, wie die Kröte im nassen Gras der Augustnacht.

Die unbeantworteten Briefe ballen sich hoch oben zusammen, wie Zirrostratuswolken, die Unwetter ankündigen. Sie machen die Sonnenstrahlen matter. Einmal muß ich antworten. Einmal, wenn ich tot bin und mich endlich konzentrieren kann. Oder wenigstens so weit von hier weg, daß ich mich selbst wiederfinden kann. Wenn ich frischangekommen in der großen Stadt über die 125. Straße gehe, im Wind über die Straße des tanzenden Mülls. Ich, der ich es liebe, umherzuschlendern und in der Menge zu verschwinden, ein T in der unendlichen Textmasse.

 

 

 

© Tomas Tranströmer

Göttingen (Barbara)

 

Bien sûr, ce n’est pas la Seine,
Ce n’est pas le bois de Vincennes,
Mais c’est bien joli tout de même,
A Göttingen, à Göttingen.

Pas de quais et pas de rengaines
Qui se lamentent et qui se traînent,
Mais l’amour y fleurit quand même,
A Göttingen, à Göttingen.

Ils savent mieux que nous, je pense,
L’histoire de nos rois de France,
Herman, Peter, Helga et Hans,
A Göttingen.

Et que personne ne s’offense,
Mais les contes de notre enfance,
„Il était une fois“ commence
A Göttingen.

Bien sûr nous, nous avons la Seine
Et puis notre bois de Vincennes,
Mais Dieu que les roses sont belles
A Göttingen, à Göttingen.

Nous, nous avons nos matins blêmes
Et l’âme grise de Verlaine,
Eux c’est la mélancolie même,
A Göttingen, à Göttingen.

Quand ils ne savent rien nous dire,
Ils restent là à nous sourire
Mais nous les comprenons quand même,
Les enfants blonds de Göttingen.

Et tant pis pour ceux qui s’étonnent
Et que les autres me pardonnent,
Mais les enfants ce sont les mêmes,
A Paris ou à Göttingen.

O faites que jamais ne revienne
Le temps du sang et de la haine
Car il y a des gens que j’aime,
A Göttingen, à Göttingen.

Et lorsque sonnerait l’alarme,
S’il fallait reprendre les armes,
Mon coeur verserait une larme
Pour Göttingen, pour Göttingen.

Mais c’est bien joli tout de même,
A Göttingen, à Göttingen.

Et lorsque sonnerait l’alarme,
S’il fallait reprendre les armes,
Mon coeur verserait une larme
Pour Göttingen, pour Göttingen

Asleep on a sunbeam (Belle & Sebastian)

 

When the half light makes for a clearer view
Sleep a little more if you want to
But restlessness has seized me now, it’s true
I could watch the dreams flicker in your eyes
Lying here asleep on a sunbeam
I wonder if you realize you fascinate me so

Think about a new destination
If you think you need inspiration
Roll out the map and mark it with a pin
I will follow every direction
Just lace up your shoes while I’m fetching a sleeping bag, a tent

Another summer’s passing by
All I need is somewhere I feel the grass beneath my feet
A walk on sand, a fire I can warm my hands
My joy will be complete

I thought about a new destination
I’m never short of new inspiration
Roll out the map and mark it with a gin
Made my plans to conquer the country
I’m waiting for you to get out of your situation
With your job and with your life

All I need is somewhere I feel the grass beneath my feet
A walk on sand
A fire, I can warm my hands
My joy will be complete

Another summer’s passing by
All I need is somewhere I feel the grass beneath my feet
A walk on sand, a fire I can warm my hands
My joy will be complete

 

 

in between times

in between times
hanging moss on
music of skydog’s art
via tears in heaven

in between times
big beating bass lines
turning around within
vibrating brainstorms

in between times
rain on running railways
surpassed by horses flying
into the wide open land

in between times
musical plants hanging
around in banging heads
dancing over fields of gold

© finbarsgift

Auge der Zeit (Celan)

 

Dies ist das Auge der Zeit:
es blickt scheel
unter siebenfarbener Braue.
Sein Lid wird von Feuern gewaschen,
seine Träne ist Dampf.

Der blinde Stern fliegt es an
und zerschmilzt an der heißeren Wimper:
es wird warm in der Welt,
und die Toten
knospen und blühen.

 

 

 

© Paul Celan

Schubertiana (Tranströmer)

 

I

Im Abenddunkel auf einem Platz außerhalb von New York, ein
Aus
sichtspunkt, von dem aus man mit einem einzigen Blick die
Woh
nungen von acht Millionen Menschen umfassen kann.
Die Riesenstadt in der Ferne dort ist eine lange glitzernde Wehe,
ein
seitlich gesehener Spiralnebel.
Drinnen im Spiralnebel werden Kaffeetassen über die Theke
gescho
ben, die Schaufenster betteln die Vorbeigehenden an, ein
Gewim
mel von Schuhen, die keinerlei Spuren hinterlassen.
Die kletternden Feuerleitern, die Fahrstuhltüren, die zusammengleiten,
hinter Türen mit Sicherheitsschlössern ein ständiger
Stim
menschwall.
Zusammengesunkene Leiber dösen in den Wagen der Untergrundbahn,
den vorwärtsrasenden Katakomben.
Ich weiß auch – ohne jede Statistik -, daß jetzt in irgendeinem
Zim
mer in der Ferne dort Schubert gespielt wird und daß für
jemanden
diese Töne wirklicher sind als all das andere.

 

II

Die endlosen Weiten des Menschengehirns sind zur Größe einer
Faust zusammengeschrumpft.
Im April kehrt die Schwalbe in ihr Vorjahresnest zurück, unter die
Dachrinne von genau derselben Scheune, in genau demselben
Ort.
Sie fliegt von Transvaal weg, passiert den Äquator, fliegt sechs
Wo
chen lang über zwei Kontinente, steuert genau diesen
verschwin
denden Punkt auf der Landmasse an.
Und derjenige, der die Signale eines ganzen Lebens in ein paar
ganz
gewöhnliche Akkorde von fünf Streichern einfängt,
derjenige, der einen Fluß durch ein Nadelöhr strömen lassen kann,
ist ein dicker jüngerer Herr aus Wien, von den Freunden
»Schwam
merl« genannt, der mit aufgesetzter Brille schlief
und sich morgens pünktlich ans Schreibpult stellte.
Wodurch sich die wundersamen Tausendfüßler der Notenschrift
in
Bewegung setzten.

 

III

Die fünf Streicher spielen. Ich gehe durch laue Wälder nach Hause,
der Boden federt unter mir,
ich ringele mich zusammen wie ein Ungeborenes, schlummre, rolle
schwerelos in die Zukunft hinein, spüre plötzlich, daß die Pflanzen
Gedanken haben.

 

IV

Auf wieviel wir uns verlassen müssen, um unseren Alltag leben zu
können, ohne durch die Erde zu sinken!
Uns auf die Schneemassen verlassen, die sich an den Berghang
ober
halb der Stadt festklammern.
Uns auf die Schweigeversprechen und auf das einverständige Lachen
verlassen, uns darauf verlassen, daß die Unglückstelegramme
nicht
uns gelten und daß der jähe Axthieb von innen nicht
kommt.
Uns auf die Radachsen verlassen, die uns auf den Motorgelenken
mit
ten in den dreihundertmal vergrößerten Bienenschwarm aus
Stahl
tragen.
Aber nichts von dem da ist eigentlich unseres Vertrauens wert.
Die fünf Streicher sagen, daß wir uns auf etwas anderes verlassen
können. Und sie begleiten uns ein Stückchen auf dem Weg
dorthin.
So, wie wenn im Treppenhaus das Licht ausgeht und die Hand
– ver
trauensvoll – dem blinden Geländer folgt, das durchs
Dunkel führt.

 

V

Wir setzen uns eng zusammen vors Klavier und spielen vierhändig
in F
-Moll, zwei Kutscher auf demselben Bock, es sieht ein
bißchen
lächerlich aus.
Die Hände scheinen klingende Gewichte hin- und herzuschieben,
so
als bewegten wir die Gegengewichte
und versuchten dadurch, das unheimliche Gleichgewicht des großen
Waagebalkens zu verschieben: Freude und Leid wiegen
genau
gleich.
Annie sagte: »Diese Musik ist so heroisch«, und das stimmt.
Aber diejenigen, die neidisch auf die Männer der Tat schielen,
diejeni
gen, die sich innerlich selbst verachten, weil sie keine
Mörder sind,
die erkennen sich hier nicht wieder.
Und die vielen, die Menschen kaufen und verkaufen und glauben,
al
les lasse sich kaufen, die erkennen sich hier nicht wieder.
Nicht ihre Musik. Die lange Melodie, die in allen Verwandlungen
sie
selber ist, mal glitzernd und weich, mal rauh und stark,
Schnecken
spur und Stahltrosse.
Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt
die Tiefe
hinaufbegleitet.

 

© Tomas Tranströmer

ihm ganz nah sein

 

 

er schwebt um sie herum
des tags
des nachts
liegt er direkt neben ihr
spricht er sanft zu ihr

sie spürt und fühlt ihn im raum
des tags
des nachts
träumt sie von ihm
redet sie im schlaf mit ihm

warten auf des lebens schlusstraum
des tags
des nachts
warten auf eine letzte lebenswende
aber immer nur umsonst

er schwebt um sie herum
des tags
des nachts
wiegt er sie sanft im schlaf
lässt nicht mehr von ihr ab

© finbarsgift

hot summer days

 

 

while sleepy winter is creeping
through icy northern landscapes
powerful summer is creating
fiery lust love and sunbeams

hibernating under northern skies
winter tells stories of freedom and peace
while summer is dreaming of eternal love
setting human spirits into heavenly realms

sleepy winter is creeping and weeping
while passing icy northern landscapes
hot summer days are creating sunbeams
touching human bodies in lust and love

 

 

 

© finbarsgift