Der Beobachter 

 

Der Beobachter blickt sanft
gen Tal – dann hoch zur Alb

Er geniesst die fast meditative
Ruhe hier oben auf dem Hügel

Unweit von ihm steht ein Mann
der auf jemanden zu warten scheint

Der Beobachter kann Ungeduld
an seinen Bewegungen erkennen

Eine drahtige Joggerin stürmt
von rechts den Hügel herauf

Sie sprintet auf ihn zu und ruft:
Endlich bekommst du was du willst!

Der Beobachter blickt längst nicht
mehr gen Tal/Alb sondern aufs Paar

Der Mann lacht aus vollem Halse:
Was will ich denn du Läuferin?

Meine unersättlich gierigen Küsse!
:tönt sie ebenso laut wie begeistert

Der Beobachter blickt zum Himmel
der sich mächtig über beide ausbreitet

Etwas außer Atem steht die Frau nun dem
Mann gegenüber der zittert ob ihrer Worte

Die Frau umfasst das Gesicht des Mannes
und zieht es so nah wie möglich an sich heran

Der Beobachter blickt weiterhin zum Himmel
aber fokussiert das Paar das mächtig erstrahlt

Ihre Gesichter lächeln und ihre Münder
fliegen wie endlich losgelassen aufeinander zu

Ihre Küsse wollen gar kein Ende mehr nehmen
der Himmel über ihnen strahlt immer noch blauer

Der Beobachter bekommt einen trockenen Mund
lächelt und schaut wieder ins Tal hinab bis zur Alb

© finbarsgift

 

Die Stille der Welt vor Bach (Gustafsson)

 

 

Es muss eine Welt gegeben haben vor

der Triosonate in D, eine Welt vor der a-moll-Partita,

aber was war das für eine Welt?

Ein Europa der großen leeren Räume ohne Widerhall

voll von unwissenden Instrumenten,

wo das Musikalische Opfer und das Wohltemperierte Klavier

noch über keine Klaviatur gegangen sind.

Einsam gelegene Kirchen,

in denen nie die Sopranstimme der Matthäuspassion

sich in hilfloser Liebe um die sanfteren

Bewegungen der Flöte gerankt hat,

wie sanfte Landschaften,

wo nichts zu hören ist als die Äxte alter Holzfäller,

das muntere Bellen starker Hunde im Winter

und Schlittschuhe auf blankem Eis wie ferne Glocken;

die Schwalben, die durch die Sommerluft schwirren,

die Muschel, in die das Kind hineinhorcht,

und nirgends Bach, nirgends Bach.

Die Schlittschuhstille der Welt vor Bach.

 

 

© Lars Gustafsson

(Deutsch: Verena Reichel)

An Mauern hin (Trakl)

 

Es geht ein alter Weg entlang
An wilden Gärten und einsamen Mauern.
Tausendjährige Eiben schauern
Im steigenden fallenden Windgesang.

Die Falter tanzen, als stürben sie bald,
Mein Blick trinkt weinend die Schatten und Lichter.
Ferne schweben Frauengesichter
Geisterhaft ins Blau gemalt.

Ein Lächeln zittert im Sonnenschein,
Indes ich langsam weiterschreite;
Unendliche Liebe gibt das Geleite.
Leise ergrünt das harte Gestein.

 

 

© Georg Trakl

Dolphins (Neil)

 

 

This old world may never change
The way it’s been
And all the ways of war
Can’t change it back again

I’ve been searchin‘
For the dolphins in the sea
And sometimes I wonder
Do you ever think of me

I’m not the one to tell this world
How to get along
I only know the peace will come
When all hate is gone

I’ve been searchin‘
For the dolphins in the sea
And sometimes I wonder
Do you ever think of me

You know sometimes I think about
Saturday’s child
And all about the time
When we were running wild

I’ve been searchin‘
For the dolphins in the sea
And sometimes I wonder
Do you ever think of me

This old world may never change
This world may never change
This world may never change

Maienregen (Lasker-Schüler)

Du hast deine warme Seele
Um mein verwittertes Herz geschlungen,
Und all seine dunklen Töne
Sind wie ferne Donner verklungen.

Aber es kann nicht mehr jauchzen
Mit seiner wilden Wunde,
Und wunschlos in deinem Arme
Liegt mein Mund auf deinem Munde.

Und ich höre dich leise weinen,
Und es ist – die Nacht bewegt sich kaum –
Als fiele ein Maienregen
Auf meinen greisen Traum.

 

 

© Else Lasker-Schüler

Stoisches Gebet (Marc Aurel)

 

 

Sei in deinem Tun nicht fahrlässig,
in deinen Reden nicht verworren,
in deinen Gedanken nicht zerstreut;

laß dein Gemüt nicht eng werden,
noch leidenschaftlich aufwallen,
noch laß dich von Geschäften
vollauf in Beschlag nehmen.

Mögen sie dich ermorden,
zerfleischen, verfluchen, was tut´s?
Deine denkende Seele kann dessenungeachtet
rein, verständig, besonnen und gerecht bleiben.

Hört denn die reine süße Quelle auf,
rein und süß zu quellen,
wenn einer, der dabei steht,
sie verwünscht?

Und wenn er Schmutz und Schlamm hineinwürfe,
würde sie´s nicht sofort ausscheiden und hinwegspülen,
um rein zu bleiben wie zuvor?

Du auch bist im Besitz einer solchen ewig reinen Quelle,
wenn du die Seele frei, liebevoll, bescheiden,
ehrfurchtsvoll dir zu bewahren weißt.

 

 

Marc Aurel: Selbstbetrachtungen,
Achtes Buch, Spruch 51

Sternmieren 

 

 

Einst vom Himmel
aus der Milchstraße
auf die Erde gefallen
Zu Pflanzen geworden
Nelkenhafte Sternmieren

 

Einst von Sorcha
Monatelang gesammelt
Zu einem Hemd verarbeitet
Ihrem Bruder Finbar
das Leben rettend

 

 

© finbarsgift

Die große Kunst der Deutlichkeit (Kalász)

Zusammen halten, verdichten, Zeichen deuten,
üben, wie man beschützt, was man liebt,
vor falscher Nähe, vor ihrer Rauheit und Schärfe,
aber auch vor der entmutigenden Tristesse der echten.
Es bedarf nicht viel, die alte Heroldsregel
der 200 Schritte anzuwenden:
Hängen Sie ihren Entwurf
des Wappens der Liebe
draußen an einen Baum,
gehen Sie exakt so viele Schritte zurück,
als nötig sind, um Sehnsucht zu spüren,
und mit weit aufgerissenen Augen
wenden Sie sich dort um.

© Orsolya Kalász

die schönste art zu sterben 

sterben müssen wir alle
irgendwann einmal sitzen
wir in der todesfalle
jede/r für sich ganz allein
sehr selten nur zu zwein

die schönste art zu sterben:
auf einer bank im freien sitzen
auf einem hügel im alpenvorland
augen sanft geschlossen
nicht verbissen das gesicht
der sonne zugewandt
von ihr wärmend beschienen

eine amsel ganz in der nähe
zwitschert zauberhaft schön
die finalen gedanken kommen
und auch wieder gehen lassen
dabei ab und zu zufrieden lächeln
was für ein erlebnis dieses leben
und dann irgendwann abtreten
allmählich und langsam wegdriften

sobald im jenseits angekommen
gott und seinen sohn und die
lieben engel freundlich begrüßen
ohne murren und knurren das
zugewiesene zimmer annehmen
falls am world wide web angeschlossen
in ruhe weiterbloggen und bis zur
nächsten reinkarnation warten

 

 

© finbarsgift

Der Neckar (Hölderlin)

In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft
Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Tal,
Wie Leben aus dem Freudebecher,
Glänzte die bläuliche Silberwelle.

Der Berge Quellen eilten hinab zu dir,
Mit ihnen auch mein Herz und du nahmst uns mit,
Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen
Städten hinunter und lustgen Inseln.

Noch dünkt die Welt mir schön, und das Aug entflieht
Verlangend nach den Reizen der Erde mir,
Zum goldenen Paktol, zu Smyrnas
Ufer, zu Ilions Wald. Auch möcht ich

Bei Sunium oft landen, den stummen Pfad
Nach deinen Säulen fragen, Olympion!
Noch eh der Sturmwind und das Alter
Hin in den Schutt der Athenertempel

Und ihrer Gottesbilder auch dich begräbt,
Denn lang schon einsam stehst du, o Stolz der Welt,
Die nicht mehr ist. Und o ihr schönen
Inseln Ioniens! wo die Meerluft

Die heißen Ufer kühlt und den Lorbeerwald
Durchsäuselt, wenn die Sonne den Weinstock wärmt,
Ach! wo ein goldner Herbst dem armen
Volk in Gesänge die Seufzer wandelt,

Wenn sein Granatbaum reift, wenn aus grüner Nacht
Die Pomeranze blinkt, und der Mastixbaum
Von Harze träuft und Pauk und Cymbel
Zum labyrinthischen Tanze klingen.

Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vielleicht, zu euch
Mein Schutzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
Auch da mein Neckar nicht mit seinen
Lieblichen Wiesen und Uferweiden.

© Friedrich Hölderlin