Der Frühling (Erhardt)

Wie wundervoll ist die Natur!
Man sieht so viele Blüten,
auch sieht man Schafe auf der Flur
und Schäfer, die sie hüten.
Ein leises Lied erklingt im Tal:
der müde Wandrer singt es.
Ein süßer Duft ist überall,
bloß hier im Zimmer stinkt es!

© Heinz Erhardt

my baby blue

lying next to you
my baby blue
is sky on earth
earth in heaven
sun in red skies
bedded on clouds

lying next to you
my baby blue
is riding horses
on summer days
over tapestries of
beaming flowers

lying next to you
my baby blue
is being inside a hose
of a wild hurricane
flying on whirlwinds
over fields of love

© finbarsgift

Hypochondrie

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

Zwickt es mal länger in der Brust
dann vergeht einem bald die Lebenslust
der Beginn einer Lungenembolie?
Oh Gott
nein lass sein
zwickt es gar brustlinks
dann muss es das Herz in Not sein
welche Pein
nein lass sein
oder ist es gar ein Infarkt
der sich ankündigt?

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

Sticht es an der Seite
ist es wohl Seitenstechen
aber
was wenn ich dabei
gar nicht renne?
Mag die Leber nicht mehr
oder eine der Nieren?
Das wäre weniger schlimm
denn da gibt’s ja zwei
manchmal kann da auch was mit
der Milz sein oder der Galle
furchtbar all diese üblen möglichen
Krankheiten

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

Und dann dieses Gepfeife im Ohr
Tinnitus oder gar Hörsturz?
Grausig nichts mehr hören zu können
keine Musik
unvorstellbar
oder der Beginn dieser teuflischen
morbiden Morbus Menière Krankheit?
Himmel sei mit mir
bloß das nicht

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

Und schliesslich immer diese
verdammten Kopfschmerzen
fast wie Migräne
aber ist es doch nicht vielleicht
gar ein böser Tumor im Kopf
das Gehirn betreffend?
Fatal wäre ein Glioblastom
fast immer tödlich
was mach ich bloß?

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

 

 

 

 

© finbarsgift

Das Lied des Idioten (Rilke)

 

Sie hindern mich nicht. Sie lassen mich gehn.
Sie sagen, es könne nichts geschehn.
Wie gut.
Es kann nichts geschehn. Alles kommt und kreist
immerfort um den heiligen Geist,
um den gewissen Geist (du weißt) –,
wie gut.

Nein, man muß wirklich nicht meinen, es sei
irgendeine Gefahr dabei.
Da ist freilich das Blut.
Das Blut ist das Schwerste. Das Blut ist schwer.
Manchmal glaub ich, ich kann nicht mehr –.
(Wie gut.)

Ah, was ist das für ein schöner Ball;
rot und rund wie ein Überall.
Gut, daß ihr ihn erschuft.
Ob der wohl kommt, wenn man ruft?

Wie sich das alles seltsam benimmt,
ineinandertreibt, auseinanderschwimmt:
freundlich, ein wenig unbestimmt;
wie gut.

 

 

© Rainer Maria Rilke

Hinausgeworfen

Kein Da
Ohne Sein
Kein Leben ohne Tod
Kein Leben ohne Liebe

Hineingeworfen wurden wir alle
In diese himmelschreiende Falle
Die wir irdisches Leben nennen
In der wir uns zur Liebe bekennen

Und solange wir lieben
Können wir nicht sterben
Gibt es gar keinen Tod
Sondern nur das Leben

Hinausgeworfen werden wir trotzdem
Hinausgeworfen aus der Liebe
Hinausgeworfen aus dem Leben
Hinausgeworfen aus dem Da-Sein

© finbarsgift

Tal der Tränen

 

 

Zum Tal der Tränen
Hier links abbiegen
Wir sind die Leute
Mit großer Beute
Automanager genannt
Und Versicherungsbanker
Mit zig Millionen als
Jahresgehalt plus Bonus
Wir sind die megareichen
Dagobert Donald Ducks und
Donald Dagobert Trumps
Wir gehen sowas von locker
Auch über menschliche Leichen
Nicht nur unter uns Reichen
Nein nein nein und ja ja ja
Wenn ihr alles darüber wüsstet
Wie wir den Fiskus bescheissen
Wir superklugen Megareichen
Also geht weiter und links halten
Direkt an der Mauer entlang
Achtet auf den Stacheldraht
Wir sind ja keine Unmenschen
Aber so viel Ordnung muss sein
Hier bitte in Reihe links lang
Zum Tal der Tränen
 

 

© finbarsgift

 

Nocturne (Jiménez)

 

 

Die Erde führt durch die Erde;
aber du, Meer,
führst durch den Himmel.

Mit welcher Sicherheit weisen die silbernen
und goldenen Lichter der Sterne
den Weg! – Man könnte sagen,
dass die Erde die Strasse
des Leibes ist,
dass das Meer der Weg
der Seele ist.

Ja, es scheint,
dass die Seele die einzige Reisende
des Meeres ist; dass der Körper allein
zurückgeblieben ist dort am Ufer,
ohne sie, nachdem er Lebewohl gesagt hat,
plump, seelenlos, wie tot.

Wie sehr gleicht
die Seereise der Reise in den Tod,
in das ewige Leben!

 

 

 

© Juan Ramón Jiménez
(Deutsch von Ernst Schönwiese)

sich drehende ockerperlen, fallend

099a

sich

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um ihre eigene

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drehende ockerperlen

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auf dem harten

ockergelbfarbigen

sandsteinboden

wie

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zweier riesiger

ockergelbroter

feu

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entstehen

097a

© finbarsgift

Überall Müll

 

Es trumpt überall
mit Donnerschall und Widerhall
Es twittert überall
Twitter – der Mülleimer der Worte

Die zauberhafte Erde
einst traumhaft schön
nun nur noch in knalligen
Photoshop-retuschierten
megapervers verdrehten
Aufnahmen außerhalb und
innerhalb von Reiseprospekten

Alles eine grooooße Lüge
Alle betrügen alle nur wegen
des schäbigen grooooßen Geldes
Papiernoten – die Währung des Mülls

Müll überall auf der Erde,
Müll überall im Meer,
Müll überall in der Luft
unserer wertvollen Atmosphäre
WIR VERGASEN UNS SELBST

Raumschiff Erde
längst verlorenes einziges
einzigartiges Paradies
des Kosmos
du wirst immer mehr
zur Müllkippe gemacht

© finbarsgift