funkstille

 

derzeit herrscht
funkstille
zwischen ihr und mir
und ihnen

sie tut überraschend gut diese
funkstille
zumindest mir
vielleicht auch ihnen und ihr

es gibt zeiten von
funkstille
da wirbeln die gedanken allein
durch die raumzeit

sie reinigen die sphären durch
funkstille
zwischen uns allen
keine telefonate keine besuche

irgendwann wird es keine
funkstille
zwischen uns
vieren mehr geben

irgendwann werden
wir wohl wieder
kontakt aufnehmen
doch wird es dauern

 

 

 

 

© finbarsgift

 

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you and me

 

i can see your sparkling eyes
feel your beating heart within
my deep cascading dreams

i can feel your licking tongue
within my delighted body&soul
sensing sweet lasting kisses

i can listen to your teardrops
see your sexflushed red face
within our nights of love

 

 

 

 

© finbarsgift

zwischen den jahren und darüber hinaus

 

irgendwie gläsern
der neujahrsmorgen
die luft noch schwer
feuerwerksgeschwängert

still und stumm ruht
das neue jahr noch in sich
irgendwie verschlafen wir
aber lächeln die welt wach an

unsere füsse bewegen
sich wie programmiert
gemächlich den berg hinan
vier augen voller glanz

wir sprechen über
das abgelaufene fest
der christen und
müssen schmunzeln

wie arbiträr es sich
im nachhinein anfühlt
und die zeit zwischen den
jahren und silvester

der neureichen menschen
rund-um-die-welt-geballere
jede/r darf mal in die luft
schiessen geld verpulvern

2016 2017 2018 zahlen
die nicht wirklich was aussagen
wer weiss heutzutage denn noch
was 916 917 918 passierte

niemand absolut niemand
weil es eben unwichtig ist
und dem zeitkontinuum des
weltalls sowieso völlig egal

im kosmos ist die kleine blaue
erdkugel nur ein unvorstellbar
winziger punkt zeitaufgeteilt in
völlig unwichtige jahreszahlen

 

 

© finbarsgift

 

 

 

giovanni gnocchi am violoncello (Wagner)

 

 

giovanni gnocchi spielt bach, während draußen
der sommer ist, die hitze, die stadt.
die göttlichste hummel aber ist hier,
verirrt im kühlen saal, fliegt träge
von note zu note, von blatt zu blatt.

giovanni gnocchi spielt bach, aber bach
spielt auch ihn, läßt seine finger klettern
wie blasse matrosen in der takelage,
während draußen die hitze ist, juli, die stadt.
und alles setzt segel. und alles legt ab.

© Jan Wagner

Primzahlen (Gustafsson)

 

Die ersten
sind dunkle Festungen,

gebaut von Fürsten
einer längst vergessenen Zeit.

Sie liegen dicht beieinander
und werfen lange Schatten.

Das Land um sie herum ist ein flaches
und schwer zu verteidigendes Feuchtgebiet.

Sie sind gebaut aus einem Stein
den keine Zeit verwittern kann.

Und all die anderen sind Dörfer,
um sie herum geduckt.

Dann werden sie immer seltener:

Man muß lange über große Ebenen reiten
um noch eine am Horizont zu sehen.

Die Wahrheit ist: es werden immer weniger
auf ihrem Weg, den unfassbaren Tiefen entgegen

und Dr. Riemanns Schatten erhebt sich
ungewöhnlich hoch und warnend

in einem unendlichen Sonnenuntergang.

© Lars Gustafsson

wie du mir

 

wie du mir
den gemeinsamen
morgenkaffee
weiterreichst
im bett liegend
von deiner zu
meiner seite:
immer wieder
faszinierend

fein elegant
und mit dem
größtmöglichen
zartsanftgefühl
wackellos mit
den zehen deines
rechten fusses
gekonnt die
große tasse
balancierend:
immer wieder
bewundernswert

und wie wir
im crescendo
darüber lächellachen
wenn ich dir während
dieses flüssigkeitstransports
sanft in deinen kleinstzeh
beisse bis der warmkaffee
über den tassenrand
schwappt und unsere
haut bekleckert:
immer wieder
zauberhaft

 

 

 

© finbarsgift

Grillengesang (Jiménez)

 

Platero und ich kennen das Singen der Grillen gut
von unseren nächtlichen Streifzügen.

Das erste Lied der Grille in der Dämmerung
ist unsicher, leise und rauh.
Es wechselt den Ton, lernt von sich selbst,
und nach und nach steigt es an, findet den richtigen Platz,
als suche es den Einklang von Stunde und Ort.
Und plötzlich
– die Sterne stehen schon an dem durchsichtigen grünen Himmel –
bekommt der Gesang die melodische Süße
eines frei klingenden Glöckchens.

Die kühlen violetten Brisen kommen und gehen,
die Blumen der Nacht öffnen sich ganz,
und durch die Ebene irrt ein reiner göttlicher Duft von blauen
– himmlischen wie irdischen – Wiesen vereint.
Und der Gesang der Grille schwillt an,
er erfüllt das ganze Land,
er ist wie die Stimme der Dunkelheit.
Er schwankt nicht mehr und schweigt auch nicht.
Aus sich selber quellend ist jede Note der Zwilling der anderen,
eine Verschwisterung von dunklen Kristallen.

Heiter ziehen die Stunden dahin.
Es ist kein Krieg in der Welt,
und der Landmann schläft ruhig und
sieht den Himmel in der Tiefe seines Traumens.
Vielleicht wandeln Liebende zwischen
den Schlinggewächsen einer Mauer,
hingerissen, Auge in Auge.
Die Bohnenfelder senden dem Dorf zartduftende Botschaften,
wie von einer freimütigen, nackten Jugend.
Und das Korn wogt, grün im Mondschein,
und seufzt im Winde.
Es ist zwei, es ist drei, es ist vier…

Der Grillengesang in der Überfülle
seines Klanges hat sich verloren.
Da ist er wieder!
O Grillengesang des frühen Morgens,
wenn Platero und ich schauernd
auf den weiß betauten Pfaden heimgehen.
Der Mond geht unter, schläfrig und rot.
Jetzt ist das Grillenlied trunken von Mond und Sternen,
geheimnisvoll, zauberhaft und verschwenderisch
– während große traurige Wolken,
mit kläglichem Malvenblau gerändert,
langsam den Tag aus dem Meere heben.

 

 

 

 

©  Juan Ramon Jiménez

 

 

 

 

Wiederkehrender Erdzauber

Als alle Winde schwiegen, in der
Ebene ein Horchen und Lauschen war,
als alle Tiere schwiegen, auf dem
kargen Hochplateau des Reiches.

Da erhob sich plötzlich die versunkene
Welt, die Menschen kamen zurück, die
Fauna streckte gewaltig ihre Glieder, die
Flora entblätterte genussvoll ihre Knospen.

Die beiden Raben atmeten auf, wußten um ihre
geistige Kraft, nahmen wieder menschliche Gestalt an,
sangen zusammen mit den wiederkehrenden Winden
das Lied vom ewigen Kommen, Werden und Vergehen.

Neues Leben erwachte aus dem was einmal war,
sehnende Liebe flutete das wiederbelebte Reich,
die Ebene erblühte, verlor das Karge und mit dem
sanften Wehen der Winde wuchs fruchtbares Land.

© Wortbehagen/finbarsgift
(Fotos/Text)

Unser eigener Diogenes (Ólafsson)

 

Ich bin dafür, dass das Halten eines Kynikers in
Reykjavik frei gegeben wird. Und außerdem, dass
Schatten verboten werden. Und jeder sollte seinen
Kyniker an seinem Knöchel angebunden haben:
Nackt, in einer Tonne, ganz ohne Angst.
Oh, wenn doch nur. Dann würden wir lernen
müssen, ohne Schatten umherzulaufen, so dass nie
einer in eines anderen Sonne steht.

 

 

 

 

© Ragnar Helgi Ólafsson
(dt. von Wolfgang Schiffer)