Vier Haikus (Mutter Allnatur gewidmet)

 

rotschwarzes schimmern:
feuerwanzenansammlung
in weißer blüte

grauschwarze tupfer
auf hellblauem himmelsgrund:
wolken in trauer

pfeilschneller gepard
vor gelbgrüner savanne:
tiefstes afrika

augen funkeln in
sehnsuchtsvollem verlangen:
verliebte welten

© finbarsgift

Am Fenster

Rhythmische Bewegungen
Streben dem gemeinsamen
Höhepunkt entgegen

Das Fenster des Zimmers
Ist sperrangelweit geöffnet
Ein stetiger Lufthauch kühlt
Die aufgeregten Körper

Irgendwo weit draußen
Schwebt der Neumond
In stockdunkler Nacht

Sie spüren einander hautnah
Können sich nicht sehen
Sich blind verstehende Wesen
brauchen kein Nachtlicht

© finbarsgift

Berühren, ein Muss

Du sagst
Ich soll Deinen Rücken entzücken
Er liegt entblößt vor mir
Ich muss ihn wieder streicheln
Mit meinen Kinderfingern
So zart wie möglich
Immer und immer wieder

Mit der Zeit tut mir die Hand weh
Du aber genießt das Kitzeln
Wie du es nennst
Immer und immer mehr

Es bereitet dir offenbar Lust
Ich tue mein Bestes
Fast bis zum Armkrampf
Immer und immer weiter

Irgendwann ist die Musik von Deinem
geliebten Mozart endlich vorbei
Die das Streichelgeschehen stets begleitet
Dann bin ich für heute erlöst

© finbarsgift

Gefühle, nichts als Gefühle

Dein Gesicht über mir
Du küsst mir den
Schweiß von der Stirn
Ich lecke ihn dir
Von den Wangen

Gefühle nichts
Als Gefühle

Wo ist die Welt geblieben?
Sie ist nicht mehr vorhanden

© finbarsgift

 

Es ist ein schöner Tag

 

Irgendeine dieser
Krankheiten haben
Sie mit Sicherheit
Sagt der Onkologe

Glioblastom
Hodgkin-Lymphom
Prostatatumor
Magen-Darmtumor
Parotiskarzinom
Pankreaskarzinom

Ich bin mir
Nur noch nicht
Ganz sicher welche
Dieser Bösartigkeiten
Sie in sich bergen
Vielleicht sogar
Mehrere davon

Völlig entgeistert
Starre ich dem Arzt
Mitten ins Gesicht
Und will gerade
Etwas sagen da

Höre ich plötzlich den
Smartphone-Wecker
mit dem feinen Song
White Bird von
It’s a Beautiful Day

Gottlob macht er
Diesem Alptraum
Den sofortigen Garaus
Holt mich wieder zurück
Ans morgendliche Licht

Ich stehe noch etwas
Verwirrt langsam auf
Gehe zum Fenster
Und schaue hinüber
zur Achalm vorm
Feinen Albtrauf

Tatsächlich ist heute
Ein schöner Tag
Morgensonne pur
Und fliegt da nicht
Eine weiße Taube
Mit kleinem Zweig
Mitten durchs Bild?

 

 

 

 

© finbarsgift

transcending love

 

golden shivering poppies are talking to the eternal wind,
while the middle of nowhere is disappearing within itself,
lightly red-yellowish sands are kissed by the hard sun,
the dark hotboiled mountains forever reign on anyone.

sweet destiny dreams are overtaking the speed of light,
leaping and hopping curiously like jumping java beans,
telling the trembling worlds the truth strongly needed,
selling them while deeply plunging kisses are feeded

taking off and flying away in pair like birds with no shame,
loving each other without despair, no one is to really blame,
and when the days are changing into weary dreamy nights
they are sublimely transcending over shining lovelights

 

 

 

 

© finbarsgift

Liebespoem 

Die Gemäuer einer
vergangenen Liebe

Zerbröckeln täglich
Zerbröseln gnadenlos

Werden zu feinem
Flugsand im Wind

Hat es jene Liebe
überhaupt gegeben?

Die Zeit als ihre Türme
gen Himmel stürmten?

Der Tennisspieler leckt
Sich seine Liebeswunden

Letztes Lächeln einer Liebe
die famoses Leben zeugte

Des Ozeans wilde Brandung
donnert gegen harte Felsen

Eine Liebe kann auch mit Blitz
und Donnerhall ausklingen

Der Bienenzüchter beäugt
zart seine fleißigen Kinder

Erfüllt mit großer Liebe
bis zu seinem frühen Tod

Selten beendet der Tod
eine wahre ewige Liebe

Manch steinalte Gemäuer
überdauern Jahrhunderte

 

 

 

 

© finbarsgift

 

 

Ein Liebesgedicht (Gustafsson)

 

Die ungeheure Geschwindigkeit
mit der sich Wirkliches ereignet.
Die Geschwindigkeit,
mit der eine große Liebe wächst.
So schnell, dass alles stillzustehen scheint.
Alles ist längst geschehen
und da steht unsre Liebe plötzlich
und betrachtet uns
mit großen, tiefen Augen
und war schon immer da,
genauso selbstverständlich wie
die Welle, die Zeit, die Schwere, der Tod.

 

 

 

 

© Lars Gustafsson

Der Beobachter 

 

Der Beobachter blickt sanft
gen Tal – dann hoch zur Alb

Er geniesst die fast meditative
Ruhe hier oben auf dem Hügel

Unweit von ihm steht ein Mann
der auf jemanden zu warten scheint

Der Beobachter kann Ungeduld
an seinen Bewegungen erkennen

Eine drahtige Joggerin stürmt
von rechts den Hügel herauf

Sie sprintet auf ihn zu und ruft:
Endlich bekommst du was du willst!

Der Beobachter blickt längst nicht
mehr gen Tal/Alb sondern aufs Paar

Der Mann lacht aus vollem Halse:
Was will ich denn du Läuferin?

Meine unersättlich gierigen Küsse!
:tönt sie ebenso laut wie begeistert

Der Beobachter blickt zum Himmel
der sich mächtig über beide ausbreitet

Etwas außer Atem steht die Frau nun dem
Mann gegenüber der zittert ob ihrer Worte

Die Frau umfasst das Gesicht des Mannes
und zieht es so nah wie möglich an sich heran

Der Beobachter blickt weiterhin zum Himmel
aber fokussiert das Paar das mächtig erstrahlt

Ihre Gesichter lächeln und ihre Münder
fliegen wie endlich losgelassen aufeinander zu

Ihre Küsse wollen gar kein Ende mehr nehmen
der Himmel über ihnen strahlt immer noch blauer

Der Beobachter bekommt einen trockenen Mund
lächelt und schaut wieder ins Tal hinab bis zur Alb

© finbarsgift

 

Die Stille der Welt vor Bach (Gustafsson)

 

 

Es muss eine Welt gegeben haben vor

der Triosonate in D, eine Welt vor der a-moll-Partita,

aber was war das für eine Welt?

Ein Europa der großen leeren Räume ohne Widerhall

voll von unwissenden Instrumenten,

wo das Musikalische Opfer und das Wohltemperierte Klavier

noch über keine Klaviatur gegangen sind.

Einsam gelegene Kirchen,

in denen nie die Sopranstimme der Matthäuspassion

sich in hilfloser Liebe um die sanfteren

Bewegungen der Flöte gerankt hat,

wie sanfte Landschaften,

wo nichts zu hören ist als die Äxte alter Holzfäller,

das muntere Bellen starker Hunde im Winter

und Schlittschuhe auf blankem Eis wie ferne Glocken;

die Schwalben, die durch die Sommerluft schwirren,

die Muschel, in die das Kind hineinhorcht,

und nirgends Bach, nirgends Bach.

Die Schlittschuhstille der Welt vor Bach.

 

 

© Lars Gustafsson

(Deutsch: Verena Reichel)