Hegemonikon (Marc Aurel)

​Das leitende Prinzip der Seele (oder auch die gebietende Vernunft) bereitet sich selbst keine Unruhe, es stürzt sich zum Beispiel nicht selbst in Furcht oder Schmerz;

will aber ein anderer ihr Furcht oder Traurigkeit einstoßen, so mag er’s tun; sie selbst wird sich durch ihr Urteil in keine solche Gemütsbewegungen versetzen.

Daß aber der Körper nichts leide, dafür mag er sorgen, wenn er kann, und es sagen, wenn er leidet.

Die Seele aber, der eigentliche Sitz der Furcht, der Traurigkeit und der dahin einschlagenden Vorstellungen, wird wohl nicht, wenn sie sich nicht selbst zu derlei Urteilen verführt, leiden.

Denn das leitende Prinzip der Seele (die herrschende Vernunft) ist an und für sich bedürfnislos, wenn sie sich selbst keine Bedürfnisse schafft;

eben deshalb kennt sie auch weder Unruhe noch Hindernis, wenn es sich dies nicht selbst verursacht.

Marc Aurel,
Selbstbetrachtungen,
Buch 7, Spruch 16

Seele und Körper (Aurel)

 

Auch der Körper
muß eine feste Haltung haben
und weder in der Bewegung
noch in der Ruhe
diese Festigkeit verleugnen.

Denn wie deine Seele
auf deinem Gesicht zu lesen ist
und eben darum deine
Mienen zu beherrschen
und zu formen weiß,
so soll auch der ganze Körper
ein Ausdruck der Seele
sein.

Aber wohlgemerkt!
ohne gesuchte Pose!

 

 

 

 

© Marc Aurel, Selbstbetrachtungen,
Siebentes Buch, Sechzigster Spruch

Drei leitende Grundsätze (Aurel)

Sieh dich nicht nach den leitenden Grundsätzen anderer um,
sondern schaue vielmehr unverwandten Blickes auf das Ziel,
zu dem die Natur dich hinführt,
sowohl die Allnatur durch das, was dir widerfährt,
als deine eigene durch deine Obliegenheiten.

Jeder aber hat zu leisten,
was eine Folge seiner Naturanlage ist.

Nun sind aber die übrigen Wesen
der vernünftigen halber geschaffen,
sowie überhaupt das Niedere um des Höheren willen,
die Vernunftwesen aber sind eines um des anderen willen da.

In der Natur des Menschen ist

das erste sein Trieb zur Geselligkeit,

das zweite aber seine Überlegenheit über die Sinnesreizungen.
Denn der vernünftigen und verständigen Tätigkeitskraft ist es eigen,
sich selbst zu beschränken und weder den Anforderungen der Sinne
noch der Triebe je zu unterliegen.
Beide sind ja tierisch.
Die Vernunftkraft aber will den Vorrang haben
und sich nicht von jenen meistern lassen,
und das mit Recht;
denn dazu ist sie von Natur da,
sich jener überall zu ihren Zwecken zu bedienen.

Der dritte Vorzug in der Natur eines vernünftigen Wesens besteht darin,
nicht blindlings beizupflichten noch sich täuschen zu lassen.

Mit diesen Wahrheiten ausgestattet,
wandle die gebietende Vernunft ihren geraden Weg
und sie hat, was ihr gebührt.

© Marc Aurel, Selbstbetrachtungen,
Siebentes Buch, Fünfundfünfzigster Spruch

Dem Kistchen ist es egal (Aurel)

 

Wie man aus Wachs etwas formt,
so formt die Allnatur aus den Urstoffen
die verschiedenen Wesen;

jetzt das Roß,
dann, wenn dieses zerschmolz,
den Baum,

bald den Menschen,
bald etwas anderes,
und ein jegliches nur zu kurzem Bestand.

Aber wie es dem Kistchen gleichgültig war,
daß man’s gezimmert, so auch,
daß man es nun wieder auseinander nimmt.

 

 

 

© Marc Aurel: Selbstbetrachtungen,
Siebentes Buch, 23. Spruch