liebe in den zeiten der kamera

 

 

die wirklichen tage schwinden dahin einer nach dem anderen aber kaum jemand hat lust sie wirklich bewusst wahrzunehmen zu leben von früh bis spät, in zeiten von sozialen netzen und handys haben anscheinend nur noch virtuelle tage gewicht tage voller unzähliger posts und bildern in schier überabzählbar unendlichen mengen, die menschen sind in einer irrealen scheinwelt gelandet die george orwells nineteen-hundred-eighty-four und aldous huxleys brave new world noch bei weitem übertrifft, die menschheit ist am rande des wahnsinnsuniversums gelandet und es ist nur noch eine frage der zeit bis zu ihrem kollaps unter riesigen kopfhörern abgeschottet voneinander,

wen interessieren denn noch wahlen wirklich da doch eh letzten endes ein politischer megaknallkopf gegen einen anderen ausgetauscht wird die allesamt mit den bossen der wirtschaft und der industrie den guten geistern des kapitalismus und der arbeitsplatzbeschaffer hand in hand gehen mit einem großen lächeln auf dem gesicht und dick geld in der (hosen)tasche oder/und auf geheimen nummernkonten in der schweiz die sowieso jeden monetären mist mitmacht insbesondere auch geschäfte am rande der legalität durch das sogenannte reinwaschen von mafia- und drogengeldern,

die virtuellen welten verschlingen jeden tag unglaubliche mengen an wertvoller menschlicher energie worüber sich die meisten menschen noch gar nicht mal so im klaren zu sein scheinen denn sie verschleudern diese ja geradezu mit all ihrer kraft ganz offensichtlich und sogar weitgehend offenherzig für ein paar läppische bits und bytes und neuerdings klicks und smileys im gegenzug alles sehr sehr seltsam, der verlust an wirklichkeit ist bei vielen menschen inzwischen krass manche sitzen sogar immerzu am rande des internetzes und meinen zu leben oder sind kwasi eh schon vom netz vollständig eingefangen und inkorporiert und meinen dass das liebe sei virtuelle liebe aber sie ist gar nichts und raubt diesen millionen menschen nur ihre gesundheit und den wichtigen schlaf,

die liebe die wahre liebe jedoch geht der wirklichen welt in der wir füsisch leben immer mehr abhanden auch weil die menschen sich noch nicht mal mehr bemerken beim ein- oder zweifingerig tippen in der öffentlichkeit beim schreiben auf minitippmaschinen die aus der schreibmaschinensteinzeit stammen könnten, der andauernde drang minütlich zu whatsappen ist ein fänomen das vielleicht einmal irgendwelche forscher/innen in der zukunft rückblickend analysieren und ausreichend erklären werden können ähnlich wie den narzisstischen wahn dem die meisten jungen frauen von heute im zeitalter der (handy)kamera verfallen sind beim selfie alle paar minuten egal wo sie sich gerade befinden und natürlich dem sofort posten davon wichtige oberflächenpost für die gesamte welt das ist noch nicht einmal selbstliebe.

 

 

© finbarsgift   

Die Stimme der eigenen Persönlichkeit (Knausgard)

 

In den letzten Jahren hatte ich mehr und mehr den Glauben an die Literatur verloren. Ich las und dachte dabei, das hat sich jemand ausgedacht. Vielleicht lag es daran, dass wir vollkommen vereinnahmt wurden von Fiktionen und Erzählungen, dass sie inflationär auftraten. Wohin man sich auch wandte, überall sah man Fiktionen. Diese Millionen von Taschenbüchern, gebundenen Büchern, Filmen und Fernsehserien auf DVD handelten von erfundenen Menschen in einer erfundenen, aber wirklichkeitsgetreuen Welt. Und die Zeitungsschlagzeilen und Fernsehnachrichten und Rundfunknachrichten hatten haargenau die gleiche Form, auch sie waren Erzählungen, und dann war es kein Unterschied mehr, ob das, wovon sie erzählten, sich tatsächlich zugetragen hatte oder nicht.

Es war eine Krise, ich fühlte es mit jeder Faser meines Körpers, etwas Gesättigtes, Schmalzartiges breitete sich nicht zuletzt deshalb im Bewusstsein aus, weil der Kern in all diesen Fiktionen, ob nun wahr oder nicht wahr, in Gleichheit sowie darin bestand, dass der Abstand, den sie zur Wirklichkeit hielt, konstant blieb. Also dass sie das Gleiche sah. Dieses Gleiche, das unsere Welt war, wurde in Serie produziert. Das Einzigartige, worüber sie alle sprachen, wurde damit aufgehoben, es existierte nicht mehr, es war eine Lüge. Darin zu leben, in dem Bewusstsein, dass alles ebenso gut anders sein könnte, stürzte einen in Verzweiflung. Ich konnte darin nicht schreiben, es ging nicht, jeder einzelne Satz begegnete dem Gedanken: Das ist doch nur etwas, was du dir ausdenkst. Das ist wertlos. Das Erfundene hat keinen Wert, das Dokumentarische hat keinen Wert.

Das Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tagebücher und Essays, die Genres in der Literatur, in denen es nicht um Erzählung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Persönlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen? Nicht über und auch nicht unter uns, sondern auf Augenhöhe mit unserem eigenen Blick. Kunst kann nicht kollektiv erlebt werden, nichts kann das, Kunst ist das, womit man alleine ist. Man begegnet diesem Blick allein.

 

 

© Karl Ove Knausgard

dieMondins liebster Blogaward

Vielen Dank an: dieMondin-LiebsterBlogaward für ihre Anerkennung meines Bloggens.
Es ist nicht meine erste Nominierung für diesen Award, und dennoch freue ich mich in diesem Fall erneut sehr, weil ich ihren Blog mag, er ist fein und authentisch, steckt voller Klug- und Weisheit.
Es lohnt auf jeden Fall, sich dort vor Ort einmal etwas genauer umzusehen:
dieMondin

Und hier nun meine Antworten auf dieMondins Fragen:

  1. In welcher Stadt lebst du?
    In einem kleinen Ort am Rande der großen Kesselstadt, der mächtigsten Stadt des Ländles, dort in einem kleinen Turm auf dem Roten Berg, wo ich mich schon viele Jahre sehr wohl fühle:
    Kesselstädter Toskana
  2. Seit wann bist du Blogger?
    Darüber habe ich vor kurzem folgendes geschrieben:
    Ich blogge also bin ich
  3. Was hat dich bewogen zu schreiben?
    Vor allem die Aufarbeitung meiner Vergangenheit, mit eigenen Worten, immer und immer wieder, nun fast seit 10 Jahren schon; hier dazu ein Beispiel:
    Allererste Erinnerungen
  4. Magst du lieber Zahlen oder Buchstaben?
    Da muss ich natürlich etwas schmunzeln, denn als einer der neben Philosophie vor allem Mathematik studiert hat, gibt es da bei mir kein entweder – oder, sondern sowohl – als auch; und das zeigt sich auch in meinen Posts, es gibt eine Menge davon, die mit der Mathematik (oder Zahlen) zu tun haben, wie dieser hier:
    Freitag der 13te
    oder auch voller Buchstaben stecken, vor allem meine eigenen Poeme, ein Beispiel ist das hier:
    Liebesleben
  5. Was ist dein liebster Monat um in den Urlaub zu fahren?
    In der Regel der heißeste Monat in unseren Breiten, also der August; zumindest den verbringe ich meistens nicht zuhause, sondern sehr oft dort vor Ort:
    Urlaubszeit
  6. Welches Ziel hast du derzeit?
    Immer viel zu viele gleichzeitig, aber die höchste Priorität haben in den nächsten Jahren:
    Musik machen, Geschichten schreiben, Schlaf fördern.
    In schlafloser Nacht
  7. Worüber kannst du dich am meisten ärgern?
    Mit Sicherheit über die deutschen Autofahrer; sie gehen mir absolut gegen den Strich; da komme ich sogar immer mal wieder zum FLUCHEN, was diese Spezies angeht, dabei meine ich vor allem die auto-eitlen Männer unserer Gesellschaft:
    Menschen wie Lemminge
  8. Welchen Beruf wolltest du als Kind immer ausüben?
    Pianist, Dirigent, Komponist…
    aber so kam es nicht, warum auch immer, egal, Schwamm drüber;
    stattdessen wurde ich Berufsmathematiker und Hobbymusiker,
    und lebe damit auch ganz zufrieden:
    von der Schönheit der Mathematik
  9. Was ist dein größter Wunsch?
    Einmal so zu sterben, dass ich davon absolut nichts mitbekomme:
    Dasein
  10. Welchen Kinofilm hast du zuletzt gesehen?
    „Plötzlich Papa“, weil ich den Omar Sy sehr schätze, und er mich toll amüsiert,
    so wie auch im weltberühmt gewordenen Film „Ziemlich beste Freunde“:
    https://www.youtube.com/watch?v=fp_HmxtYQzo
  11. Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang?
    Unbedingt beides:
    Sonnenaufgang
    Sonnenuntergang

 

Ich finde das Stöckchen von dieMondin so schön, dass ich an dieser Stelle darauf verzichte, mir andere Fragen zu überlegen, sondern sie gerne zur Beantwortung weiterleiten möchte an die folgenden Blogs, die ich hiermit mit dem finbarliebsten Blogaward auszeichnen möchte:

Karins Sammelsurium

Astrid Bergmanns Art

Aurians Blog

Marga Auwald

Elkes Wegpoesie

Lilys Feldlilien-Blog

Celine Autrice

Random Randomsen

Teggytiggs

Ingeborgs Vierkerzenzeit

Poetas Herzhüpfen

 

 

Und nun viel Spaß für alle 11 Nominierten beim Beantworten der 11 Fragen des feinen Stöckchens von dieMondin.

 

 

© finbarsgift

Einen Roman zu schreiben (Knausgard)

 

 

Ich hätte die Zeit nutzen sollen, um mich vorzubereiten, denn bis jetzt hatte ich lediglich am Vorabend ein paar alte Texte durchgelesen und die Passagen ausgedruckt, die ich lesen wollte. Auf dem Flug hatte ich zehn Punkte notiert, die ich aufgreifen wollte. Zu mehr hatte ich mich nicht aufraffen können, denn der Gedanke, dass ich einfach nur reden musste, dass nichts leichter war als das, war stark, und es tat mir gut, auf ihn zu hören.

Ich sollte über die beiden Bücher sprechen, die ich geschrieben hatte. Das konnte ich nicht, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als darüber zu sprechen, wie sie geschrieben wurden, diese Jahre mit nichts, bevor etwas Bestimmtes Form anzunehmen begann, das langsam, aber sicher die Oberhand gewann, bis sich am Ende alles ganz von selbst ergab. Einen Roman zu schreiben heißt, sich ein Ziel zu setzen und anschließend zu ihm schlafzuwandeln, hatte Lawrence Durrell einmal gesagt, und das stimmte, so war es.

Wir haben nicht nur Zugang zu unserem eigenen Leben, sondern zu fast allen anderen Leben, die in unserem Kulturkreis geführt werden, nicht nur Zugang zu unseren eigenen Erinnerungen, sondern auch zu den Erinnerungen dieser ganzen verdammten Kultur, denn ich bin du und du bist alle, wir kommen aus dem Gleichen und bewegen uns zum Gleichen, und unterwegs hören wir das Gleiche im Radio, sehen das Gleiche im Fernsehen, lesen die gleichen Zeitungen, und in uns lagert die  gleiche Fauna der Gesichter und des Lächelns bekannter Menschen.

Selbst wenn du dich in ein winzig kleines Zimmer in einer winzig kleinen Stadt Tausende Kilometer vom Zentrum der Welt entfernt hockst und dort keiner Menschenseele begegnest, ist ihre Hölle deine Hölle, ihr Himmel dein Himmel, es gilt nur den Ballon platzen zu lassen, der die Welt ist, und alles darin auf die Seiten fließen zu lassen. Das wollte ich, in etwa, sagen.

 

 © Karl Ove Knausgard

Erneute Begegnung

Es war schön, gestern über Mittag Sam Griffiths, den Kopf der Band Inkfields – von der ich ja auch schon einige Songs im Finbar gepostet habe -, wiederzutreffen.

Wir kamen ganz zwanglos ins Gespräch – so wie immer, wenn wir uns begegnen – und gestern auch noch angenehm lang, wohl weil es eigentlich viel zu kalt war, um draußen vor der Tür – sprich auf der Kö in der Kesselstadt – zu singen und die Gitarre so zu spielen, wie nur er sie zu spielen vermag, finde ich, mit einem traumschönen, ganz besonderen Touch.

Am Ende unseres Gesprächs – über Gott und seine aus den Fugen geratene Welt – kaufte ich ihm wieder ein paar seiner selbstproduzierten CDs ab – die ich später dann oft an Freunde weiterschenke – besonders von seinem neuen Album „Danger Moose“, also „Achtung Elche“, das er im Herbst letzten Jahres in Edinburgh, seiner Heimatstadt, eingespielt hat, in einem Studio mit professionellem Mastering, was man der Scheibe, vor allem im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen, deutlich anmerkt.

Dennoch muss ich sagen – nach inzwischen mehrmaligem Hören – dass mir immer noch die erste seiner drei bisher veröffentlichten EPs, also „Paperless Book“, am besten gefällt; vor allem wohl gerade deshalb, weil sie eben nicht „(über)produziert“ ist, sondern am ehesten eben jene zauberhaft traumschöne Atmosphäre einfängt, wenn Sam live auf der Kö hier in der Kesselstadt seine Songs vorträgt, diese himmlisch filigranen, wundervoll zarten Klänge – sein Gitarrenspiel ist dann wie von einem anderen Stern.

In meinem Gespräch mit ihm gestern, stellte sich außerdem heraus, dass er vorhat, im Lauf des Jahres 2017 noch zwei weitere (Klein-)Alben einzuspielen, eines eher wie „Danger Moose“ (sozusagen so produziert wie möglich) und eines eher wie „Paperless Book“, die pure musikalische Intimität mit Sam und seiner Gitarre.

Als er mir das mitteilte, da freute sich mein Herz plötzlich wie verrückt und klopfte wild bis zum Hals hoch und am liebsten hätte ich ihn schier an mich gedrückt, so viel Freude machte sich da in mir breit – konnte mich aber gerade noch beherrschen.

Er wohnt derzeit wohl in Vaihingen/Enz, nicht weit weg von der Kesselstadt, und gibt immer mal wieder Konzerte im Ländle im kleineren Rahmen, auch privat, das stelle ich mir toll vor. Und so spiele ich seit gestern mit dem Gedanken, ihn zu meinem nächsten Geburtstag in den Turm auf dem Roten Berg am Rande der Kesselstadt zu einem kleinen Live-Auftritt einzuladen, eine Idee, die mir immer besser gefällt, während ich dies hier in mein Weblog tippe. Das muss ich ihm doch gleich mal anschließend noch mailen, vielleicht hat er da ja Zeit, DAS wäre was!

© finbarsgift

Lautverschiebung

Vor einigen Jahren wanderte ich von Westdeutschland in die USA aus, mit einer ganz normalen Green Card, die ich zuvor völlig problemlos beim Generalkonsulat in München beantragt und wenig später ausgehändigt bekommen hatte.

Damals hatte ich die Nase von den beiden Deutschen Staaten gestrichen voll, insbesondere der nicht nur nervtötenden innerdeutschen Grenze, dieser menschenverachtenden, brutalen Mauer in Berlin, und überhaupt von der gesamten unfassbar üblen Nazivergangenheit!

Als ich schon circa einen Monat lang in den USA lebte, und zwar in einer kleinen Stadt an der amerikanischen Ostküste zwischen New York und Philadelphia, da fragte mich eines Tages – nach einer meiner Mathematics-Lectures an der Uni – einer meiner Undergraduate-Studenten plötzlich: You are from Sweden, right?!

Ich zögerte ein wenig mit meiner verbalen Reaktion, lächelte und antwortete dann wahrheitsgemäß:
No, I am from Germany.
Daraufhin sagte mein Student:
Isn’t that the same? One can hear your European accent clearly, but your English is nevertheless quite good.
Thank you, sagte ich und verzog mein Gesicht etwas.
Especially your „th“ sounds pretty neat, fügte er noch selbstbewusst hinzu.

Ungefähr zwei Jahre später, als ich schon einige Wochen in Kalifornien lebte, direkt an der Westküste, am Rande des gigantischen, unvergleichlichen Pazifiks, in der Nähe einer zauberhaft schön gelegenen Uni inmitten riesiger Felder voller Golden Poppies, da sprach mich eines Tages wieder einer meiner Studenten an und sagte:
You are from the East Coast, right?!

Ich lächelte ein wenig, erinnerte mich an den Studenten der Uni an der Ostküste, zögerte noch kurz und antwortete dann aus purer Lust und Laune:
No, I am from Sweden.
Innerlich musste ich dabei schon ein wenig kichern, während ich äußerlich vollkommen cool blieb.

Daraufhin sagte mein Student: Incredible, your English is great and sounds pretty native.
Thank you, sagte ich und verzog hocherfreut mein Gesicht.
Especially your „th“ is absolutely gorgeous, fügte er noch hinzu.
Da musste ich schier lachen, doch ich wollte ihn in seinem Beurteilungseifer nicht brüskieren.

Wäre ich nun in einem dritten Schritt noch weiter nach Westen, also nach Hawaii gezogen und hätte meine Mathematics-Lectures an der Uni in Honolulu gegeben, dann hätte mich sicherlich irgendwann einer meiner Studenten gefragt:
Are you from the West Coast?
Und ich hätte dann postwendend geantwortet:
No, I am from the East Coast, where I was born in a little town between New York and Philadelphia.

Aber dazu kam es nicht (mehr), denn auf Dauer wäre ich in den USA (the American way of life is not at all my way) sicherlich im Laufe weiterer Jahre schwer krank geworden.
Und so hatte ich von diesem Land, das ja eigentlich aus über fünfzig ziemlich verschiedenen Ländern besteht, schon nach stark drei Jahren genug, gab völlig entspannt und überzeugt meine wertvolle Green Card zurück, und wanderte wieder aus, dieses Mal nach Europa, wo ich eben doch viel eher beheimatet bin als in den USA, und dies wohl auch lebenslang bleiben werde.

 

 

 

 

© finbarsgift

​Siebte Küsse

Nach dem Abschluss meines Studiums an einer Schweizer Hochschule trat ich meine erste Stelle in der freien Wirtschaft bei Siemens in der Forschung in München-Neuperlach an. Da ich meine zukünftige Wohnung in Ottobrunn leider nicht rechtzeitig vor Arbeitsbeginn mitten im Hochsommer beziehen konnte, übernachtete ich solange in einer netten kleinen Pension im Münchner Stadtteil Berg-am-Laim, also in relativer Nähe zu meinem neuen Arbeitsplatz.

Bei einem der ersten Frühstücksmorgen in der Pension bemerkte ich plötzlich schräg gegenüber von mir eine junge, sehr hübsche Frau, die mich ohne Umschweife wohl schon einige Zeit ansah, so als wäre ich eines der sieben Weltwunder.
Als sich unsere Augen in Folge immer häufiger begegneten, sie mich allmählich immer mehr anlächelte, ja anstrahlte, da hatte ich diesem weiblichen Charme auch bald nichts mehr entgegen zu setzen und lächelte mit ihr um die Wette, was ziemlich viel Spaß machte.

Obwohl ich mich ab da das ganze weitere Frühstück über intensiv beobachtet und angelächelt fühlte, kam ich trotz der sommerlichen Morgenhitze nicht ins Schwitzen und verschüttete auch keine Milch, die ich meinem Kaffee beimischte.
Diese schöne, mich anlächelnde Frau, gefiel mir sehr und von Minute zu Minute mehr. Vermutlich gefiel ich ihr auch. Doch was führte sie im Schilde?

Plötzlich allerdings verschwand sie, Hals über Kopf, ohne mich noch eines Blickes zum Abschied zu würdigen. Sie hatte wohl ebenfalls einen wichtigen Termin mit einem Arbeitsgeber, so wie ich.
Bald darauf hechtete ich ebenfalls los, war eigentlich schon ein wenig in Verzug, eilte zu meinem Auto, das direkt vor der Pension stand, und fuhr so zügig wie es der morgendliche Stoßverkehr erlaubte zu Siemens zur Arbeit.

Den ganzen Tag über – von einer kurzen Mittagspause abgesehen – verbrachte ich zusammen mit ca. vierzig anderen, ebenfalls frisch promovierten jungen Wissenschaftlern der Mathematik, Informatik, Physik, Nachrichtentechnik und des Maschineningenieurwesens in einem riesigen Großraumbüro, vor einem Computer der allerneusten Siemens-Nixdorf-Bauart.

Es war bereits am Vormittag schon affenartig heiß dort, hatte keine wirklich funktionierende Klimaanlage und unsere Köpfe begannen schon nach wenigen Stunden kräftig zu qualmen und hämmernder Kopfschmerz machte sich in mir breit.
Außerdem konnte ich mich gar nicht so richtig auf die schwierige und komplexe Forschungsarbeit in Sachen Chipentwicklung konzentrieren, wohl wegen dieser oh so wunderschön mich beim Frühstück anlächelnden Frau. Sie hatte mir also doch reichlich tief in die Augen geschaut und deutlich nachhaltige Spuren hinterlassen.

Nach dem schier unerträglichen Arbeitstag war ich froh, das Siemensgelände nach neun hartheissen Stunden endlich wieder verlassen und mit dem Auto zu einem kleinen Badesee in der Gegend östlich von Ottobrunn fahren zu können.
Es tat unglaublich gut, dort im mildwarmen Wasser eine längere Weile zu schwimmen und zu tauchen und mich dann anschließend auf meiner mitgebrachten Decke in der Wiese um den See ein wenig entspannen zu können.

Sobald ich allerdings mit dem Rücken auf der Erde lag und meine Augen schloss, sah ich jedes Mal sogleich ihre Augen, ihre Nase, ihren Mund und ihr bezauberndes Lächeln; ihr schönes Gesicht, ihr faszinierender Kopf ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf!
Daraufhin versuchte ich mich anders von ihrem gedanklichen Eindringen in mein Leben abzulenken, indem ich das Um-die-Ecke-gedacht-Rätsel im aktuellen Zeit-Magazin zu lösen versuchte.

Doch war nach diesem anstrengenden, megaheißen Arbeitshochsommertag in jenem für mich fatal unerträglichen Großraumbüro bei Siemens in der Forschung kein richtiger Elan mehr für eine solch happig-haarige Rätselei übrig.
Also hörte ich alsbald wieder damit auf, denn um-die-Ecke-zu-denken war einfach nicht möglich, bei dem, was diese Frühstücksfrau mit mir und in meinem Kopf alles Verwirrendes so anstellte.

Nach circa zwei Stunden am Badesee bekam ich allmählich gehörigen Hunger, hatte ich doch seit dem Frühstück in der Pension nichts mehr gegessen.
Ich verließ also das Badeseegelände und fuhr zu einem kleinen Restaurant in der Mitte von Ottobrunn, wo ich mir einen feinen, großen Salatteller gönnte. Den hatte ich mir aber auch sowas von verdient, zusammen mit einem kühlen, alkoholfreien Pils.

Sind die Tageshöchsttemperaturen im Sommer einmal jenseits von dreißig Grad – und damals war es sogar über mehrere Wochen fünfunddreißig und mehr Grad heiß – herrschen also die für mich schier unerträglichen Hundstage, dann esse ich tagsüber nichts und abends nur Salat, auf alles andere habe ich unter solchen Wetterumständen nämlich absolut keine Lust mehr.

So gegen zweiundzwanzig Uhr kehrte ich dann zu meiner Pension zurück, parkte mein Auto ganz in der Nähe und ging auf mein Zimmer.
Kaum hatte ich ausführlich kühl geduscht, mich nackt auf mein Bett gelegt und alle viere von mir gestreckt, da klopfte es plötzlich an der Tür.

Ich erschrak ein wenig, verhielt mich aber erst mal mucksmäuschenstill (vielleicht ein Versehen?!), reagierte allerdings schon, als das zweite Mal, etwas intensiver geklopft wurde.
Ich hatte absolut keine Ahnung, wer da was von mir gegen half elf Uhr nachts wollte; mich kannte doch in München noch gar niemand. Wer mochte das also sein? Vielleicht jemand vom Personal der Pension?!

Ich stand wieder auf, ging rasch ins Bad, zog den weißen Bademantel über, der dort für Gäste hin, und tigerte zur Tür.
Als ich sie öffnete, bekam ich vom einen auf den anderen Moment ein gewaltiges Herzklopfen, das mir bis in den Hals hoch, ja Kopf schlug, denn vor mir stand die augenblickende, mich anlächelnde, reizende Frau vom Frühstück. Besonders viel hatte sie nicht gerade an, bei dieser auch um die Zeit kaum auszuhaltenden Sommerabendhitze.

Kann ich reinkommen?, fragte sie.
Zunächst etwas sprachlos, nickte ich nur kurz und schloss hinter ihr die Tür.
Ein viel schöneres Zimmer hast du hier, als ich, sagte sie.
Sie hatte einen jener Dialekte des Deutschen, dem ich absolut nicht widerstehen konnte: pfälzisch, eine ganz spezielle liebreizvolle germanische Sprachvariante, die mich innerhalb kürzester Zeit damals absolut machtlos werden ließ.

Möchtest du etwas trinken?, fragte ich.
Nein danke, ich möchte nur eines, und du weißt doch sicherlich auch was, oder etwa nicht?!
Nach einer kurzen Pause intonierte ich sanft fragend: Küssen?!

Da musste sie sogleich ziemlich so lächeln wie am frühen Morgen schon.
Und das fühlte sich sehr schön, ja ganz bezaubernd schön an.
Und so begannen wir uns ausführlich zu küssen, nahmen also meine siebten Küsse ihren Lauf; sie waren einfach beim besten Willen nicht mehr länger – durch absolut nichts – aufzuhalten!

© finbarsgift

PS:

Und hier noch die Links zu den bisherigen Küssen:

Erste Küsse

Zweite Küsse

Dritte Küsse

Vierte Küsse

Fünfte Küsse

Sechste Küsse

Sechste Küsse

Durch die Flucht meiner Eltern damals, von der ehemaligen DDR in die ehemalige BRD, kam mir sozusagen auf einen Schlag meine gesamte Verwandtschaft abhanden.

Jahre später durfte ich sie aber immer wieder besuchen. In den Sommerschulferien wurde ich nämlich von meinen Eltern Jahr für Jahr nach Hof in Bayern gefahren, dort in einen Zug nach Karl-Marx-Stadt (so hieß Chemnitz damals) gesetzt und so zu meiner Oma mütterlicherseits oder zu einem meiner Onkeln oder zu einer meiner Tanten transportiert.

In diesen innerdeutschen Zügen hatte ich als noch sehr junger Mann immer voll die Muffe, insbesondere beim Stopp an der jahrzehntelang ja äußerst scharf bewachten Zonengrenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Vor allem hatte ich große Angst vor der stets erniedrigenden Kontrolle im Abteil, die auch eine gewisse Leibesvisitation durch die stets sehr unfreundlichen und mordsmäßig bewaffneten DDR-Vopos mit einschloss.

Noch jetzt – da ich dies tippe – wird es mir ganz anders, ja geradezu unheimlich, fange ich sogar ein wenig zu zittern an, wenn ich daran zurückdenke.

Mit einem alten Bus fuhr ich dann jeweils – damals kwasi schon ein kleiner „Wanderer zwischen den Welten“ – von der Karl Marx zugedachten sächsischen Großstadt in das kleine, gemütliche Marienberg im Erzgebirge, wo mich meine Großmutter empfing. Sie mochte mich lebenslang sehr und ich sie auch. Sie war zum Beispiel diejenige, die mir zu Weihnachten mal eine Klarinette schenkte, original Erzgebirgsware vom feinsten, nachdem ich als Kind flottflötend Stücke von Bach und Händel beherrschte, also den diversen Blockflöten der Weihnachtsengel längst entwachsen war.

Am nächsten Tag holte mich mein damaliger Lieblingsonkel Bernd ab, bei dem ich fast jedes Jahr einige Wochen meiner Sommerferien verbringen durfte.
Seine Frau Erika war eine sehr patente Person, vor allem auch musikalisch, wie ich. Sie sang schier den ganzen langen Tag über all die deutschen Schlager mit, die aus einem vorsintflutlichen Radio nach außen drangen. Und ich trällerte mit, so gut ich konnte, ohne sie je zuvor gehört zu haben.

Manchmal kam auch was echt Gscheites, das war dann immer auf Englisch, also zum Beispiel von den Beatles oder Stones oder Doors oder einem gewissen Bob Dylan, da horchte ich dann wegen seiner famos poetischen Songtexte immer ganz besonders auf.

Eines Tages kam in einem jener Schulferien-Sommer ein fittes Mädchen, etwas älter als ich, aus der Nachbarschaft herüber zu uns, in das ich mich potzblitz sogleich verguckte.
Ich erstarrte sozusagen schier und kein Wort kam vorerst mehr über meine Lippen, vor allem, als sie mich sogleich auch noch jovial im kernigen sächsischen Dialekt so kwasselnd begrüßte, dass ich kaum etwas verstand.

Außerdem war ich ja schon immer ziemlich schüchtern, blieb es auch fast ein jugendliches Leben lang, vor allem natürlich dem schönen Geschlecht gegenüber.

Doch Tante Erika erkannte sofort meine missliche Lage und übertönte die laute Schlagermusik in ihrer Wohnung mit dem Satz: Kommt doch beide mal her und helft mir ein bisschen beim Kochen, heute gibt’s Sauerkraut und Kartoffelbrei und Bockwurst, das mögt ihr doch beide, oder?!
Natürlich waren wir von ihrem Vorschlag total begeistert und beim Vorbereiten der Mittagsmahlzeit erfuhr ich, dass das Mädchen Claudia hieß und auch noch den Rest des Tages bei uns bleiben würde, was mich natürlich immens freute.

Nach dem Mittagessen spülten und trockneten wir zusammen ab und dann rannten Claudia und ich in den großen Garten hinaus und fingen an Ball zu spielen, Fußball und Federball vor allem.

Da es uns aber bald viel zu heiß wurde, schließlich war ja Hochsommer, packten wir unsere sieben Badesachen und gingen zum Schwimmbad, ganz in der Nähe. Mann war da viel los! Schließlich fanden wir doch noch ein Plätzchen zwischen den Massen von Menschen und ließen es uns den restlichen Nachmittag über gut gehen.

Fast alle weiteren Tage jener, wegen Claudia ganz besonderen Sommerferien liefen so oder so ähnlich ab, mit wenigen Ausnahmen, wenn wir zum Beispiel an trüben Tagen mit Onkel Bernd und seinem Trabant kleinere Ausflüge in die nähere Umgebung, also nach Aue, Freiberg oder Annaberg-Buchholz sowie zum winzigen Geburtsort meiner Mutter nahe der tschechischen Grenze machten.

Claudia und ich verbrachten herrliche Zeiten zusammen und so nach und nach wurde ich unter ihrer Ägide auch endlich ein klein wenig weniger schüchtern.
Und dann geschah an meinem vorletzten Ferientag etwas überraschendes: sie küsste mich plötzlich wild und heftig auf den Mund, als wir zusammen auf unserer Decke lagen und uns sonnten.

Da ich das irgendwie wohl schon kommen gesehen, aber nicht selbst den Mut gehabt hatte, das wundervolle Küssen mit ihr zu beginnen, verhielt ich mich nicht wirklich abwartend, sondern küsste gleich fesch und aktiv mit. Dabei gerieten unsere Münder so richtig heftig anundineinander bis zu einer Kusspause wegen gewisser Atemnöte.

Da sagte sie, etwas außer Atem: das sind aber nicht deine ersten Küsse, oder?
Nur kurz musste ich nachdenken, nachrechnen und dann tönte es aus meinem gerade frisch geküssen Mund: nein, natürlich nicht, es sind meine sechsten!
Daraufhin fing Claudia sofort schallend an zu lachen und ich stimmte sogleich mit ein.

Der Abschied am nächsten Tag fiel uns ob des andauernd vorhandenen Drangs intensief weiterküssen zu wollen sehr schwer, und dennoch musste er sein.
Ich wurde mit Onkel Bernds Trabbi zum Bahnhof von Chemnitz gebracht, in den Interzonenzug verfrachtet und wieder nach Hof zurücktransportiert, wo mich mein Vater mit seinem schicken Opel abholte und der süffisanten Frage: war’s schön?
Worauf ich nur kurz und bündig antwortete: ja, dieses Mal sogar sehr schön!
Und schon fuhr er los, zurück ins Allgäu zu seinen geliebten Bergen.

Im Sommer danach traf ich Claudia leider nicht mehr im Erzgebirge an, weil ihre Eltern inzwischen nach Leipzig umgezogen waren.
Ich war natürlich sehr traurig, ob dieses großen Kussverlustes.

Und so blieb das eben ein wundervoll einmaliger Sommer, zusammen mit der küssenden Claudia im sonnigen Erzgebirge, einige Jahre vor der Wiedervereinigung – die man damals noch nicht einmal erahnen konnte – an den ich mich aber immer noch sehr gerne und mit etwas Wehmut erinnere.

© finbarsgift

PS:

Und hier noch die Links zu den bisherigen Küssen:

Erste Küsse

Zweite Küsse

Dritte Küsse

Vierte Küsse

Fünfte Küsse

​Vom Staubkorn im Universum des Möglichen (McEwan)

Manche Künstler, ob Maler oder Schriftsteller, gedeihen wie ungeborene Babys am besten auf begrenztem Raum. Ihre eingeschränkte Themenwahl mag den ein oder anderen verblüffen oder auch enttäuschen: das Balzverhalten des Adels im achtzehnten Jahrhundert, das Leben auf See, sprechende Kaninchen, Hasenskulpturen, dicke Menschen in Öl, Hundeporträts, Pferdeporträts, Porträts von Aristokraten, liegende Akte, Krippenszenen millionenfach, Kreuzigungen und Mariä Himmelfahrt, Obstschalen und Blumen in Vasen. Oder Brot und holländischer Käse mit und ohne Messer. Manche widmen ihre Prosa einzig dem eigenen Ich. Auch in der Wissenschaft beschäftigt der eine sich ein Leben lang mit albanischen Schnecken, ein anderer mit einem Virus. Darwin untersuchte acht Jahre lang Seepocken. Und später, im weisen Alter, Regenwürmer. Nach dem Higgs-Boson, einem winzigen Etwas, das vielleicht nicht einmal ein Etwas war, forschten abertausend Wissenschaftler jahrzehntelang. In einer Nussschale eingesperrt sein und in zwei Zoll Elfenbein oder einem Sandkorn die ganze Welt sehen. Warum nicht, wenn alle Literatur, alle Kunst, alles menschliche Trachten nur ein Staubkorn im Universum des Möglichen ist. Wenn selbst dieses Universum vielleicht nur ein Staubkorn in einer Vielzahl möglicher und tatsächlicher Universen ist.

© Ian McEwan