Kurznachricht aus meiner Lesepraxis

Thema Fauna:

  • Leonie Swann: Gray
    (Spannender Krimi voller Papageienhumor)
  • Isabel Bogdan: Der Pfau
    (Teambildungsworkshop auf einem schottischen Anwesen mit Tieren)
  • Die Geschichte der Bienen
    (Großartiger Sachbuchzukunftsroman)
  • Marie-Sabine Roger: Das Leben ist ein listiger Kater
    (Zauberhaft humaner Humor – krank im Krankenhaus)

Thema Poesie:

  • Jan Wagner: Regentonnenvariationen
    (Hat mich von Anfang an gefesselt und mitgerissen bis zum Ende)
  • Ragnar Helgi Olafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können
    (Prächtig eigenwillig und faszinierend philosophisch)
  • Kurt Marti: Der Traum, geboren zu sein
    (Poesie ist Moral: hier wird gezeigt, warum – voller Menschlichkeit)

Thema (Auto-)Biografien:

  • Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
    (Originelles über das Leben des Komponisten Schostakowitsch)
  • Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie
    (Unglaubliches über Boris Sidis und sein Wunderkind William James)
  • Karl Ove Knausgard: Lieben
    (Soghaft liebesautobiografisch)
  • Thomas Melle: Die Welt im Rücken
    (Gnadenlose Abrechnung mit sich selbst)

Thema Liebe:

  • Laura Mercuri: All dein Schweigen
    (fast schon ein Liebesmärchen, sehr schön (und traurig))
  • Tomas Espedal: Wider die Natur
    (Schwere Kost, doch faszinierender Lesestoff)
  • Ian McEwan: Am Strand
    (zum Brüllen (liebes-)komisch)
  • Eva Baronsky: Manchmal rot
    (Tolle Ideen, die aber nicht für einen Schluss reichten)

Diverse Themen:

  • Lars Gustafsson: Doktor Wassers Rezept
    (Jemand gibt sich für einen anderen aus: tragikomisch)
  • Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße
    (Faszinierende Jugendfantasy )
  • Carlos Ruiz Zafon: Das Labyrinth der Lichter
    (Zu episch, aber trotzdem ein spannender Krimi)
  • Jaume Cabré: Die Stimmen des Flusses
    (Eines der lesenswertesten Bücher der Weltliteratur)

Dauerbrenner:

  • Marc Aurel: Selbstbetrachtungen
    (Mein Buch des Lebens)
  • Hans Jonas: Das Prinzip Leben
    (Über das Buch des Lebens)

© finbarsgift

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14.2.

 

Unser Kahn glitt langsam durch das grüne Wasser des Sees. Ich ruderte und du sahst mir von gegenüber in die Augen und lächeltest. War es der Granet Lake oder der Lac des Îles? Auf jeden Fall war es in Canada! Irgendwo zwischen den Niagarafällen und Montreal waren wir damals gelandet.

In Philadelphia war die sommerliche Hitze unerträglich gewesen und wir waren mit unserem dunkelblauen Superbeetle gen Norden geflüchtet, solange, bis wir europäisch-erträgliches Klima vorfanden. Und plötzlich waren wir über Maine in Canada gelandet, sozusagen übers Ziel hinausgeschossen. Und in North Bay endete dann sogar noch die Straße nach Norden. Weiter ging es von dort aus nur mit Cessnas. Wir mussten deswegen lachen wie blöd! Weißt du noch?

Wir liebten uns damals wie am ersten Tag, obwohl wir schon viele Jahre zusammen waren. Komisch, dass ich mich gerade heute Nacht daran erinnere, wie wir auf diesem kleinen grünen See im Sommer ruderten und gegenübersaßen und uns anlächelten.

 

 

 

© finbarsgift

Flug nach Rom zu meinem Freund Marc (4)

Wie aus dem Off höre ich beim traumhaften, zeitlupenartigen Wachwerden ganz leise und allmählich immer lauter seine mir so wohlvertraute Stimme:
„Guten Morgen Lu, nun bist du also doch mal in meine Stadt gekommen; um mir endlich einen Besuch abzustatten? Oder täusche ich mich?
Du hast ja in deinem Buch des Lebens, finbarsgift, schon länger nichts mehr über mich und meine Selbstbetrachtungen geschrieben! Darüber bin ich sehr enttäuscht.
Das letzte Mal, wenn ich mich recht entsinne, am 25. April 2017 mit einem Post – so heißt das ja wohl in deinem Internetzeitalter – den du Stoisches Gebet nanntest, obwohl es sich eigentlich um den 51. Spruch im 8. Buch meiner Selbstbetrachtungen handelt. Na, egal. Aber sag mal, danach hast du wohl mein feines Spruchbuch beiseite gelegt und mich vergessen, oder wie oder was?!
Dabei fehlt doch zumindest noch der vierte und wohl dann abschließende Teil deiner aurelschen Fortsetzungsgeschichte „Flug nach Rom zu meinem Freund Marc“.
Die drei ersten Teile habe ich vorhin mal wieder gelesen und als gar nicht so übel empfunden; hier zu deiner Erinnerung die entsprechenden finbarschen Links (so heißt das ja wohl in deiner neusten Weltraumzeit):
Flug nach Rom – Teil 1
Flug nach Rom – Teil 2
Flug nach Rom – Teil 3

Inzwischen halbwegs wach im Bett liegend, aber immer noch mit geschlossenen Augen im Dämmerlicht, muss ich leicht schmunzeln ob seiner Worte und erwidere ihm, noch reichlich verschlafen:
„Weder habe ich DICH vergessen, noch DEIN BUCH endgültig beiseite gelegt, Freund Marc, nur hatte ich inzwischen so viele andere Blogideen und einen großen Post-Stau bei meinen Entwürfen. Diese sogenannten drafts drängten sich nach und nach immer mehr in den Vordergrund und schrien nach Veröffentlichung,
vor allem eine größere Fotoreihe unter dem Titel „Souvenir de …“, die ich vor kurzem mit einem Bericht über Zürich vorerst mal abgeschlossen habe, nach Beiträgen über Paris, Stockholm, Lisboa, Bruges, Luz, Nederland, Alb, Bodensee und Mainau.
Manchmal drängeln sich eben die Fotos in den Vordergrund, lieber Marc, und die Wörter haben kaum eine Chance, es sei denn hin und wieder kleine poetische Buchstabendörfer, das verstehst du doch, oder?“

„Nein, das verstehe ich ganz und gar nicht, Lu!
Gibt es denn etwas wichtigeres im Leben als täglich in meinen Selbstbetrachtungen zu lesen und die sich daraus ergebenden stoischen Übungen zur Zufriedenheit des leitenden Prinzips deiner Seele zu praktizieren, so wie es der französische Philosophenfan von mir, Pierre Hadot, in seinem wundervoll klugen Korollarbuch zu meinen Selbstbetrachtungen, „Die innere Burg“ so fein dargelegt hat?!
Also wach endlich auf und erhebe deinen faulen Hintern! Lies wegen mir noch bei deinem Hotelfrühstück ein paar meiner Gedanken auf deinem Tablet oder smarten Telefon und durchkämme dann ein wenig meine Stadt.
Schau dir vor allem auch meine Säule auf der Piazza Colonna an und noch einige andere der vielen feinen Sehenswürdigkeiten der Stadt, wenn du Lust dazu hast.
Am Abend wäre es schön, wenn du noch bei mir auf dem Kapitolsplatz vorbeischauen würdest, am besten wenn es schon dunkel ist, dort sitze ich ja bekanntermaßen meistens hoch zu Ross, okay?!“

Da kann ich natürlich nicht widersprechen, sage ebenfalls schnell okay, drehe mich ein wenig auf die Seite und döse noch etwas weiter. Einige Minuten später öffne ich dann aber doch meine Augen und blicke mich im Raum um, sehe ein offenes Fenster zum Hof, durch das Marc wohl vermutlich gekommen und auch wieder verschwunden ist, durchs Fenster also des Zimmers in einem kleinen Hotel in der Nähe der Piazza Navona in Rom, in das ich gestern Abend nach meinem Flug von STR nach FCO noch eincheckte.

Romgedanken von früher gehen mir nach dem Aufstehen beim Duschen durch den Kopf. Ich bin das zweite Mal in dieser zauberhaft schönen, geschichtlich epochalen, aber auch hektischen, lauten Stadt mit schlechter Luft.
Beim ersten Mal war ich in Begleitung einer Frau hier, oder passender als junger Begleiter einer Frau in den besten, schönsten Jahren, sozusagen der junge Liebhaber einer professuralen Schriftstellerin.

Damals interessierte ich mich noch nicht für den Kaiser unter den Philosophen, genauer gesagt weder für Kaiser und Könige, noch für Philosophen, nein, damals hatte die (körperliche) Liebe mit einer sehr klugen, sehr interessanten Frau absoluten Vorrang. Somit war mein erster Rombesuch hauptsächlich ein römischer Liebesaufenthalt.
Heute bin ich allein hier; und das ist auch gut und richtig so. Das Thema Liebe ist längst abgehakt, vor allem die körperliche Komponente davon; sie interessiert mich nicht mehr, zu groß sind die dadurch entstandenen und immer noch vorhandenen Wunden, die nur sehr langsam heilen.

Ich ziehe mich nach der Morgentoilette an und gehe zum Frühstück. Während ich zwei erstaunlich gute Croissants vertilge und einen feinen großen  Cappuccino genieße, zücke ich mein Smartphone und rufe Marcs Selbstbetrachtungen als pdf auf.
Zuallererst stelle ich fest, dass ich vor einigen Wochen, beim letzten Lesen in seinem Werk im 10. Buch beim 35. Spruch stehen geblieben war, der da lautet:

„Ein gesundes Auge muß jeden Anblick ertragen können und darf nicht immer bloß Grünes sehen wollen. Ein gesundes Ohr, eine gesunde Nase ist auf jeden Schall und jeden Geruch gefaßt. Ein gesunder Magen verhält sich gegen jede Speise gleich, wie die Mühle eben alles mahlt, was zu mahlen geht. Ebenso nun muß auch eine gesunde Seele auf jedes Schicksal gefaßt sein. Wer aber spricht: meine Kinder müssen am Leben bleiben, oder: die Leute müssen stets billigen, was ich tue, dessen Seele gleicht dem Auge, welches das Grüne, oder den Zähnen, die nur Weiches haben wollen.“

Der erste Teil des Spruchs passt ja wie für die jetzige Situation und den heutigen Tag herausgesucht. Aber was will mir Marc mit dem zweiten Teil sagen? Dass ich nicht vom Leben mit Sicherheit verlangen kann, dass meine Kinder bitteschön gefälligst nach mir zu sterben haben? Und dass die Leute um mich herum auch mal nein sagen dürfen zu meinen Äußerungen, und meine Handlungen missbilligen können? Ich muss das heute Abend mit ihm genauer erörtern!

Und weiter steht im nächsten Spruch, Nummer 36 folgendes:
„Niemand ist so glücklich, daß nicht einst an seinem Sterbelager einige stehen sollten, die diesen Fall willkommen heißen. Ist’s auch ein trefflicher und weiser Mensch, so findet sich am Ende doch immer jemand, der aufatmend von ihm sagt: nun werde ich von diesem Zuchtmeister erlöst; er war zwar keinem von uns lästig, aber ich hatte immer das Gefühl, als verdamme er uns stillschweigend alle miteinander! Und das ist beim Tode eines Trefflichen! Wie vieles mag unsereiner also an sich haben, um deswillen so mancher wünscht, von uns befreit zu werden. Daran denke in deiner Sterbestunde! Denke, du sollst eine Welt verlassen, aus der dich deine Genossen, aus der dich die, für die du so vieles ausgestanden, soviel gebetet und gesorgt hast, nun hinwegwünschen, indem sie aus deinem Scheiden so manche Hoffnung schöpfen. Was könnte dich also noch länger hier festhalten! Und doch darfst du deshalb mit nicht geringerem Wohlwollen von ihnen scheiden, sondern mußt um deiner selbst willen ihnen Freund bleiben und freundlich, sanft von ihnen Abschied nehmen, ebenso sanft, wie sich die Seele dessen vom Körper trennt, dem ein seliges Sterben beschieden ist. Denn die Natur hat dich auch so mit deinen Freunden verbunden. Und wenn sie dich jetzt von ihnen ablöst, so geschieht dies eben als von deinen Freunden, und nicht so, daß du von ihnen fortgerissen würdest, sondern sanft von ihnen scheidest. Es ist dies wenigstens auch eine von den Forderungen der Natur.“

Beim Lesen des ersten Teils dieses Spruchs denke ich natürlich sofort an meinen Vater und seinen Tod vor nun schon über 10 Jahren und wie echt froh ich damals war, dass dieser verdammte Typ endlich unter der Grasnabe verschwand!
Inzwischen habe ich ihm einige seiner Schandtaten als purer Misanthrop und Kinderunfreund und Autoschweinehund halbwegs verziehen.
Und dem zweiten Teil von Marcs 36. Spruch des 10. Buchs stimme ich im wesentlichen zu: bei meinem Begräbnis werden nicht alle weinen und mich ab da vermissen, es wird auch Menschen dann geben (vermutlich mehr als genug), die froh sein werden, mich nicht mehr zu sehen, zu treffen, mit mir zu reden, mich gar besuchen zu müssen; aber so ist das eben im Tod. Nur das mit der Seele, die dann irgendwann mal den toten Körper verlassen soll, das nehme ich ihm nicht ab, denn sie wird ganz einfach auch sterben und tot sein, wie auch mein Geist, alles aus, vorbei, Exitus für immer und bis in alle Zeiten!
Beide Sprüche Marc Aurels hatte ich mir damals schon besonders markiert, gut so.

Ich stehe vom Tisch auf, beende mein Hotelfrühstück, ziehe mir auf meinem Zimmer noch schnell einen Pullover über und verlasse das Hotel Richtung Piazza Navona, meinem ersten Ziel heute.
Da ich bei meinem ersten Rombesuch vor vielen Jahren fast alle Standardsehenswürdigkeiten bereits abgeklappert habe, setze ich mich dieses Mal mit Absicht unter keinen Besichtigungsstress und nehme mir nur einige wenige Ziele vor, auf der Suche nach Marc.

 

 

© finbarsgift

 

dissonante mülltöne

jetzt brüll doch nicht immer gleich so!
ich mach ja was du von mir verlangst!
aber eben nicht sofort!
ich will erst mal noch schnell diesen
wichtigen brief hier fertig schreiben!
das muss doch verdammt nochmal möglich sein!
den scheissmüll bringe ich schon noch raus
leere ihn in diese ekligen mülltonnen vorm haus!

diese saublöd-andauernd-nervende mülltrennung!
normaler müll!
biomüll!
kleidermüll!
plastikmüll (gelber sack)!
glas(flaschen)müll!
elektroschrott!
sperrmüll!
sondermüll!
die haben doch alle einen müllknall!

und immer musst du mich mit
dissonanten mülltönen anbäffen
für nichts und wieder nichts!
das versaut mir jedes Mal so richtig ernsthaft
mein ansonsten ja enorm gutes lebensgefühl!
und mich womöglich heute abend dann
deswegen noch mit liebesentzug bestrafen!
wir sind doch keine bonobos!

© finbarsgift

Ein Poet besucht Aurel in Rom (Rilke)

 

Ich schreibe unterwegs ungern Briefe, weil ich zum Briefschreiben mehr brauche als das allernötigste Gerät: etwas Stille und Einsamkeit und eine nicht allzu fremde Stunde.

In Rom trafen wir vor etwa sechs Wochen ein, zu einer Zeit, da es noch das leere, das heiße, das fieberverrufene Rom war, und dieser Umstand trug mit anderen praktischen Einrichtungsschwierigkeiten dazu bei, dass die Unruhe um uns kein Ende nehmen wollte und die Fremde mit der Last der Heimatlosigkeit auf uns lag.
Dazu ist noch zu rechnen, dass Rom (wenn man es noch nicht kennt) in den ersten Tagen erdrückend traurig wirkt:
durch die unlebendige und trübe Museumsstimmung, die es ausatmet,
durch die Fülle seiner hervorgeholten und mühsam aufrecht erhaltenen Vergangenheiten (von denen eine kleine Gegenwart sich ernährt),
durch die namenlose, von Gelehrten und Philologen unterstützte und von den gewohnheitsmäßigen Italienreisenden nachgeahmte Überschätzung aller dieser entstellten und verdorbenen Dinge, die doch im Grunde nicht mehr sind als zufällige Reste einer anderen Zeit und eines Lebens, das nicht unseres ist und unseres nicht sein soll.

Schließlich, nach Wochen täglicher Abwehr, findet man sich, obwohl noch ein wenig verwirrt, zu sich selber zurück, und man sagt sich:
Nein, es ist hier nicht mehr Schönheit als anderswo, und alle diese von Generationen immer weiterbewunderten Gegenstände, an denen Handlangerhände gebessert und ergänzt haben, bedeuten nichts, sind nichts und haben kein Herz und keinen Wert;
aber es ist viel Schönheit hier, weil überall viel Schönheit ist.
Unendlich lebensvolle Wasser gehen über die alten Aquädukte in die große Stadt und tanzen auf den vielen Plätzen über steinernen weißen Schalen und breiten sich aus in weiten, geräumigen Becken und rauschen bei Tag und erheben ihr Rauschen zur Nacht, die hier groß und gestirnt ist und weich von Winden.
Und Gärten sind hier, unvergessliche Alleen und Treppen,
Treppen, von Michelangelo ersonnen,
Treppen, die nach dem Vorbild abwärts gleitender Wasser erbaut sind, breit im Gefäll Stufe aus Stufe gebärend wie Welle aus Welle.

Durch solche Eindrücke sammelt man sich, gewinnt sich zurück aus dem anspruchsvollen Vielen, das da spricht und schwätzt (und wie gesprächig ist es!), und lernt langsam die sehr wenigen Dinge erkennen, in denen Ewiges dauert, das man lieben, und Einsames, daran man leise teilnehmen kann.
Noch wohne ich in der Stadt auf dem Kapitol, nicht weit von dem schönsten Reiterbilde, das uns aus römischer Kunst erhalten geblieben ist,
dem des Marc Aurel;
aber in einigen Wochen werde ich einen stillen schlichten Raum beziehen, einen alten Altan, der ganz tief in einem großen Park verloren liegt, der Stadt, ihrem Geräusch und Zufall verborgen.
Dort werde ich den ganzen Winter wohnen und mich freuen an der großen Stille, von der ich das Geschenk guter und tüchtiger Stunden erwarte.

 

 

 

© Rainer Maria Rilke

Nebelwalk

 

Einen längeren Walk durch dichten Nebel habe ich vorhin gemacht, massiv dabei Gedanken gewälzt, meine Füße bewegten sich dabei kwasi automatisch, sie kannten die Strecke, die ich schon xmal zuvor gegangen bin, Eichelhäher und Grünspechte kreuzten immer wieder meinen Weg, zu meiner großen Freude, im Gegensatz zu den mehr als seltsamen Dingen, die sich in der deutschen Po-litik, die derzeit permanent mit Jamaikafarben übertüncht wird, ereignen, doch was ist das für ein unsinniger Karibikurlaubseuphemismus für einen kaum sichtbaren grüngelben Anstrich der politisch eh schon ewig so langweiligen, durchschnittlichen, tiefschwarzen  Merkelkanzlei, zu was politische Wahlen so alles führen können, da schüttelt sich mein ganzer Körper, und Geist und Seele schütteln sich auch vor Abscheu, während ich immer rascher den Hügel hochwalke, keine Aussicht heute, wegen des wirklich sehr dichten Nebels, selbst hier oben, inzwischen ziemlich weit über dem Neckartal, dafür ist der Blick nach innen heute irgendwie  noch geschärfter als sonst, da äußern zum Beispiel Leute, Nobelpreisträger/innen der Literatur seien Idioten, was soll man dazu bloß noch sagen, in einer Zeit, da viele Menschen nur noch mit wenigen Zeichen twittern um sich zu verständigen, ihre großartigen Meinungen damit kundzutun (wie jener vermaledeite megastarke US-Dollar-Amerikaner, Mr. Twitter-Trumpet-Man), da ist ja jedes Buch eines literarischen Nobleurs sozusagen ein Verbrechen gegenüber der Twittermenschheit, zu erwarten nämlich, dass mehrere hundert Seiten lange gehaltvolle Romane gelesen werden müssen, um darüber etwas sagen zu können, fatal, also solche Leute lieber als Idioten abstrafen, zack, weg damit, und gleich noch die Philosophen mit dazu, diese Megaschwafler vor dem Herrn, natürlich drängten sich mir auch beim heutigen Walk all by myself durch den Nebel, wieder Todesgedanken auf, wenige Wochen nach der Beerdigung einer sehr lieben nahen Verwandten ja auch kein Wunder, nun liegt ihr Körper total minimalisiert, eingeäschert in einer winzig kleinen Urne in der Erde, schon seltsam, allein diese Vorstellung, vor allem wenn ich mir überlege, dass sie noch vor einem Monat jovial zusammen mit uns am Tisch sitzend stundenlang Doppelkopf gespielt hat und wir immer über ihre trockene Art Witze zu machen, lachen mussten wie blöd, alles nun vorbei, für immer vorbei, irreversibel würden Physiker sagen, komischerweise auch seither das Lesen von Büchern, auch vorbei, das Trauern hindert mich noch immer, genug Konzentration dafür aufzubringen, mal sehen, wann ich wieder das erste Buch in die Hand nehmen werde, meine book-pipeline ist ja mehr als voll, Musikhören geht derzeit auch kaum, sehr wenig Töne erklingen jedenfalls um mich herum, diese Tage, für so einen Musikliebhaber wie mich jedenfalls, ein, zwei Sätze aus dem feinen Brahms Requiem, etwas Gordon Lightfoot, ein wenig Jazz von EST, ab und zu ein paar kleine Stückchen aus dem fünften und sechsten Heft des Mikrokosmos von Bela Bartok, nicht viel, ich will wie sonst über die Hügel und Täler hinwegblicken, doch kann sie ob des dichten Nebels heute nur erahnen, gut, dass meine Füße den Weg in- und auswendig kennen, denke ich mir und gehe weiter, ohne viel sehen zu können.

 

 

 

 

© finbarsgift

Mitternächtlicher Tanz

Ich saß nackt auf dem Klo, des nachts, blickte mit halboffenen Augen, noch müde vom Schlaf, in Richtung Wohnzimmer, als dort zu meiner großen Überraschung plötzlich Licht gemacht wurde. Sehr schnell füllte sich anschließend der relativ große Raum mit einer kleinen Tanzgruppe, jedenfalls einigen Menschen in bunten, wilden Outfits, die sich hier bei mir wohl zu einer mitternächtlichen Tanzübung zusammenfanden.
Ich konnte die Klotür nicht schließen, was mir peinlich war. Sie war gar nicht mehr vorhanden, stellte ich fest, stattdessen befand sich an ihrer Stelle eine Art transparenter Vorhang zum Auf- und Zuschieben. Leider war er offen und ließ sich auch nicht zuziehen. Weiß der Geier, warum! Der Schweiß tropfte mir alsbald ob meiner misslichen Lage von der Stirn, denn ich bemerkte zudem, dass ich wie gelähmt, wie angeklebt auf der Klobrille saß und mich keinen Millimeter wegbewegen konnte.
In meiner zunehmenden Ohnmacht und Verzweiflung blieb ich also weiterhin sitzen und harrte der Dinge. Diese fremden Menschen (ich erkannte niemanden) dort vor mir in meinem Wohnzimmer hatten inzwischen meine HiFi-Anlage angemacht und mitten in der Nacht Musik aus meinem CD-Bestand aufgelegt (es erklang das Stück Dating aus dem Album „From Gagarin’s point of view“ der Jazzband E.S.T.) und immer wilder zu tanzen begonnen, ganz dem inhärenten Crescendo und Accelerando der Musik folgend.
Und so konnten diese tanzenden Leute mich also nicht hören, als ich ihnen laut zurief: „Das ist mein Zimmer; das habe ich gestern von den Veranstaltern der Konferenz über Gravitationswellen, an der ich teilnehmen werde, zugeteilt bekommen.“
Doch ich stellte fest, dass ich ins Stumme brüllte; die immer wilder tanzende Gruppe junger Menschen nahm mich jedenfalls nicht wahr. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu gedulden, mich nicht von der Stelle zu bewegen und ihnen beim Tanzen zuzusehen.
Es war eine Art Modern Dance, mit für mich sehr seltsamen, rhythmisch furchtbar abgehackten Motiven und kurzen, ulkigen Sprüngen, wie von Derwischen.
Und dann ging plötzlich während dieses mitternächtlichen Tanzes zwischendrin plötzlich mal kurz jemand aufs Klo, setzte sich sozusagen durch mich hindurch aufs Klo, pinkelte und kehrte ruckzuck wieder zu seinem Tanzteam zurück.
Nun war ich vollkommen verwirrt: bin ich etwa unsichtbar, ohne Substanz? Kann man durch mich hindurchgehen? Bin ich tot oder was?
Nach circa sechs Minuten (so lange geht das Stück Dating von EST) war der gesamte Spuk dann gottlob wieder vorüber. Die Tanzenden verließen mein Wohnzimmer, löschten das Licht und ließen mich wieder allein auf dem Klo zurück. Nach einer Art Schweigeminute, währenddessen ich lediglich mein Herz imposant bis in den Kopf schlagen hörte, versuchte ich mich wieder vom Klo herunterzubewegen und es gelang! Erleichtert kehrte ich in mein Bett zurück und schlief weiter, bis mich die Morgenstrahlen der Sonne weckten.

 

 

 

© finbarsgift

 

 

Naturliebe

Noch war es ein wenig zu früh für die lichtliebenden Schachblumenlilien,
da wölbte sich bereits der Himmel über die weite Ebene hoch und klar.
Trillerndes Lerchenzwitschern und Sonnenlicht vereinten sich schon in Ekstase
und mit der reißenden Frische der vorwärts drängenden Schneeschmelze
strömte das lehmbraune Wasser des mäandernden Flusses mit Macht voran.

Stille: wie wenn Bitterkeit sich in langsam rutschenden Tränen
allmählich transparent zerteilt.
Kahle Erde: wie wenn im pulsierenden Licht der feuchte Glanz
des sich weitenden Wassers spiegelt.

Um uns Liebende die weichen Wände des verwässerten Schmelzeises
und der niederdrückende Weltraum mit dem warmen Malvenschimmer
der sich wie reglos in sich selbst räkelnden Frühlingssonne.
In des Wassers Spiegelwelt – bleiches oliv gegen blitzendes Zinn –
wiegen sich braunkahle Erlenzweige im unmerklichen Wellenschlag
des trägen Lufthauchs.

Und hernach:
Um die einsame Flamme eine ausgemergelte Mulde aus warmem Licht,
im weichen Dunkel hyazinthenweiße Wolken über dem hellen Spiegelbild
eines tiefen Brunnens voller erbarmungsloser, umarmender Finsternis.

Um uns Liebende schimmernde Birkenstämme im raunenden Wald.
Im Lichte der Sonne kristallisiert auf Schnee-Eis die gefrorene Stille
der kalten Luft im dünnen Schatten zartgliedriger Zebrabirken.
Unerwartet ertönt der Amsel zögernder Lockruf und erspielt sich
um uns Liebende eine traumgleiche Wirklichkeit außerhalb
unseres eigenen entspannt dahinschmelzenden Liebesdaseins.
Jäh erscheint das ewig paradiesische Eden,
aus dem unser Wissen uns ausgeschlossen.

So ruht der Himmel an der Erde;
an des tiefschwarzen Waldsees Ufer dunkler Stille öffnet sich
nicht nur der mächtige Schoß des halbdunklen Forsts, sondern auch
derjenige der liebenden Frau, die den bebenden Unterleib des Mannes
mit seiner wildsteifen nackten Männlichkeit in Zärtlichkeit bedeckt und
geschmeidig umhüllt und somit sie beide allmählich und mit der andauernden
Rotation der Erde und der Bäume Nacktheit und des morgens stillem, starken
und lebenspendenden Sonnenlicht eins werden – Naturliebe.

Wir Liebende spüren ein anhaltendes und nachhaltiges feuriges Brennen
beim Beobachten und Erspüren dieses mächtigen Naturgesamtbildes,
das ein immer gewaltigeres Sehnen nach noch innigerer Vereinigung
in sich birgt, nicht-enden-wollende Naturliebe, deren Saat aufgehen wird
im vereinigten Ganzkörper von uns Liebenden
und in der uns umgebenden Mutter Allnatur,
die teilnimmt an dieser menschlich-natürlichen,
umarmenden Begegnung mit uns und in ihr selbst.

Diese glühende Vereinigung unserer beider Menschenkörper wird eins
in der Begierde irdisch natürlicher Liebe von uns Menschen und des Waldes,
ist auf Erde und Wasser und Himmel und Kosmos ausgerichtet
und wird vom Rauschen der Bäume, vom Duft der Erde beeinflusst,
vom Schmeicheln des Windes und von der Umarmung der Luft
am Rande des die Sonne spiegelnden Wassers umrahmt,
als strahlende Kreation der Natur in und um uns.

Der arktischen Sommernacht helles Tagmahl ist nichts weiter
als ein Duft von Eis und berstenden Prallknospen,
rostbraunes Blinken auf nackten Stämmen,
glitzern im harzigen Junglaub, krächzende Krähen,
quellendes Wasser aus springendem Eis, Laubsängertrillern,
des Eisblocks Todesglanz im Gegenlicht,
die Purpurwoge der lappländischen Alpenrosen
die Strandheide hinauf,
zwischen dem braunen vertrockneten
Reisig des Fettkrauts
und den weißen Flecken
des Sonnenlichts
wie kühles
Wasser.

 

 

© finbarsgift

(nach Motiven
von Dag Hammarskjöld
aus seinen Tagebuchnotizen
„Zeichen am Weg“)

Der Tod (Canetti)

Der Tod ist die erste und älteste,
ja man wäre versucht zu sagen:
die einzige Tatsache.

Er ist von monströsem Alter
und stündlich neu.
Er hat den Härtegrad Zehn,
und wie ein Diamant schneidet er auch.
Er hat die absolute Kälte des Weltraums,
Minus Zweihundertdreiundsiebzig Grad.
Er hat die Windstärke des Hurrikans,
die höchste.
Er ist der sehr reale Superlativ,
von allem;
nur unendlich ist er nicht,
denn auf jedem Weg wird er erreicht.

Solange es den Tod gibt,
ist jeder Spruch ein Widerspruch gegen ihn.
Solange es den Tod gibt,
ist jedes Licht ein Irrlicht, denn es führt zu ihm hin.
Solange es den Tod gibt,
ist nichts Schönes schön, nichts Gutes gut.

© Elias Canetti

Kann man nichts sein? (Cabré)

 

Nachdem Bernat einen tiefen Seufzer ausgestoßen hatte, klappten die beiden Jungen das Album wieder zu und warteten geduldig im Zimmer. Über irgendetwas mussten sie reden, und Bernat hätte Adrià gern die Frage gestellt, die ihm keine Ruhe ließ, die er aber nicht stellen durfte, weil man ihm zu Hause gesagt hatte, das Thema schneidest du am besten nicht an, Bernat. Und schließlich fragte er doch: „Warum gehst du eigentlich nicht zur Messe?“
„Ich bin freigestellt.“
„Von wem? Von Gott?“
„Nein, von Pater Anglada.“
„Ach … Aber warum gehst du nicht?“
„Ich bin kein Christ.“
„Sag bloß!“ Verwirrtes Schweigen. „Kann man das, kein Christ sein?“
„Ich nehme es an. Ich bin keiner.“
„Aber was bist du dann? Buddhist? Japaner? Kommunist? Oder was sonst?“
„Ich bin gar nichts.“
„Kann man nichts sein?“

Als Kind habe ich nie eine Antwort auf diese Frage gewusst, weil das Thema Beklemmungen in mir auslöste. Kann man nichts sein? Ich wird nichts sein. Werde ich wie die Null sein, die weder eine natürliche noch eine ganze noch eine rationale noch eine reelle noch eine komplexe Zahl ist, sondern das neutrale Element in der Summe der ganzen Zahlen?
Ich fürchte, nicht einmal das: Wenn ich nicht bin, werde ich auch nicht mehr gebraucht, sofern ich überhaupt jemals gebraucht wurde.

„Howgh. Jetzt komme ich nicht mehr mit.“
„Bring ihn nicht durcheinander.“
„Nein, wenn es nach mir ginge …“
„Dann halt den Mund, Schwarzer Adler.“
„Ich glaube an den Großen Geist Manitu, der die Prärie mit Büffeln übersät, den Menschen Regen und Schnee bringt und die wärmende Sonne bewegt, die er zur Schlafenszeit verschwinden lässt, der den Wind heulen lässt, den Fluss durch sein Bett leitet, das Auge des Adlers auf seine Beute lenkt und dem Krieger, der sich bereit macht, für sein Volk zu sterben, Mut verleiht.“

„Hallo, Adrià, wo bist du?“
Adrià blinzelte und sagte, hier bei dir, wir reden über Gott.
„Manchmal bist du weit weg.“
„Ich?“
„Meine Eltern sagen, das kommt daher, weil du so klug bist.“
„So ein Blödsinn. Ich hätte so gern …“
„Fang nicht schon wieder damit an.“
„Sie lieben dich.“
„Lieben dich deine Eltern nicht?“
„Nein, sie berechnen mich. Sie messen meinen Intelligenzquotienten, überlegen, mich auf eine Spezialschule in der Schweiz zu schicken, wollen mich drei Schuljahre in einem absolvieren lassen.“
„Klasse, Mann!“ Er sah mich aus den Augenwinkeln an. „Oder nicht?“
„Nein, Sie diskutieren über mich, aber lieben tun sie mich nicht.“
„Pah, ich mache mir gar nichts aus der Küsserei …“

 

 

© Jaume Cabré