Lautverschiebung

Vor einigen Jahren wanderte ich von Westdeutschland in die USA aus, mit einer ganz normalen Green Card, die ich zuvor völlig problemlos beim Generalkonsulat in München beantragt und wenig später ausgehändigt bekommen hatte.

Damals hatte ich die Nase von den beiden Deutschen Staaten gestrichen voll, insbesondere der nicht nur nervtötenden innerdeutschen Grenze, dieser menschenverachtenden, brutalen Mauer in Berlin, und überhaupt von der gesamten unfassbar üblen Nazivergangenheit!

Als ich schon circa einen Monat lang in den USA lebte, und zwar in einer kleinen Stadt an der amerikanischen Ostküste zwischen New York und Philadelphia, da fragte mich eines Tages – nach einer meiner Mathematics-Lectures an der Uni – einer meiner Undergraduate-Studenten plötzlich: You are from Sweden, right?!

Ich zögerte ein wenig mit meiner verbalen Reaktion, lächelte und antwortete dann wahrheitsgemäß:
No, I am from Germany.
Daraufhin sagte mein Student:
Isn’t that the same? One can hear your European accent clearly, but your English is nevertheless quite good.
Thank you, sagte ich und verzog mein Gesicht etwas.
Especially your „th“ sounds pretty neat, fügte er noch selbstbewusst hinzu.

Ungefähr zwei Jahre später, als ich schon einige Wochen in Kalifornien lebte, direkt an der Westküste, am Rande des gigantischen, unvergleichlichen Pazifiks, in der Nähe einer zauberhaft schön gelegenen Uni inmitten riesiger Felder voller Golden Poppies, da sprach mich eines Tages wieder einer meiner Studenten an und sagte:
You are from the East Coast, right?!

Ich lächelte ein wenig, erinnerte mich an den Studenten der Uni an der Ostküste, zögerte noch kurz und antwortete dann aus purer Lust und Laune:
No, I am from Sweden.
Innerlich musste ich dabei schon ein wenig kichern, während ich äußerlich vollkommen cool blieb.

Daraufhin sagte mein Student: Incredible, your English is great and sounds pretty native.
Thank you, sagte ich und verzog hocherfreut mein Gesicht.
Especially your „th“ is absolutely gorgeous, fügte er noch hinzu.
Da musste ich schier lachen, doch ich wollte ihn in seinem Beurteilungseifer nicht brüskieren.

Wäre ich nun in einem dritten Schritt noch weiter nach Westen, also nach Hawaii gezogen und hätte meine Mathematics-Lectures an der Uni in Honolulu gegeben, dann hätte mich sicherlich irgendwann einer meiner Studenten gefragt:
Are you from the West Coast?
Und ich hätte dann postwendend geantwortet:
No, I am from the East Coast, where I was born in a little town between New York and Philadelphia.

Aber dazu kam es nicht (mehr), denn auf Dauer wäre ich in den USA (the American way of life is not at all my way) sicherlich im Laufe weiterer Jahre schwer krank geworden.
Und so hatte ich von diesem Land, das ja eigentlich aus über fünfzig ziemlich verschiedenen Ländern besteht, schon nach stark drei Jahren genug, gab völlig entspannt und überzeugt meine wertvolle Green Card zurück, und wanderte wieder aus, dieses Mal nach Europa, wo ich eben doch viel eher beheimatet bin als in den USA, und dies wohl auch lebenslang bleiben werde.

 

 

 

 

© finbarsgift

​Siebte Küsse

Nach dem Abschluss meines Studiums an einer Schweizer Hochschule trat ich meine erste Stelle in der freien Wirtschaft bei Siemens in der Forschung in München-Neuperlach an. Da ich meine zukünftige Wohnung in Ottobrunn leider nicht rechtzeitig vor Arbeitsbeginn mitten im Hochsommer beziehen konnte, übernachtete ich solange in einer netten kleinen Pension im Münchner Stadtteil Berg-am-Laim, also in relativer Nähe zu meinem neuen Arbeitsplatz.

Bei einem der ersten Frühstücksmorgen in der Pension bemerkte ich plötzlich schräg gegenüber von mir eine junge, sehr hübsche Frau, die mich ohne Umschweife wohl schon einige Zeit ansah, so als wäre ich eines der sieben Weltwunder.
Als sich unsere Augen in Folge immer häufiger begegneten, sie mich allmählich immer mehr anlächelte, ja anstrahlte, da hatte ich diesem weiblichen Charme auch bald nichts mehr entgegen zu setzen und lächelte mit ihr um die Wette, was ziemlich viel Spaß machte.

Obwohl ich mich ab da das ganze weitere Frühstück über intensiv beobachtet und angelächelt fühlte, kam ich trotz der sommerlichen Morgenhitze nicht ins Schwitzen und verschüttete auch keine Milch, die ich meinem Kaffee beimischte.
Diese schöne, mich anlächelnde Frau, gefiel mir sehr und von Minute zu Minute mehr. Vermutlich gefiel ich ihr auch. Doch was führte sie im Schilde?

Plötzlich allerdings verschwand sie, Hals über Kopf, ohne mich noch eines Blickes zum Abschied zu würdigen. Sie hatte wohl ebenfalls einen wichtigen Termin mit einem Arbeitsgeber, so wie ich.
Bald darauf hechtete ich ebenfalls los, war eigentlich schon ein wenig in Verzug, eilte zu meinem Auto, das direkt vor der Pension stand, und fuhr so zügig wie es der morgendliche Stoßverkehr erlaubte zu Siemens zur Arbeit.

Den ganzen Tag über – von einer kurzen Mittagspause abgesehen – verbrachte ich zusammen mit ca. vierzig anderen, ebenfalls frisch promovierten jungen Wissenschaftlern der Mathematik, Informatik, Physik, Nachrichtentechnik und des Maschineningenieurwesens in einem riesigen Großraumbüro, vor einem Computer der allerneusten Siemens-Nixdorf-Bauart.

Es war bereits am Vormittag schon affenartig heiß dort, hatte keine wirklich funktionierende Klimaanlage und unsere Köpfe begannen schon nach wenigen Stunden kräftig zu qualmen und hämmernder Kopfschmerz machte sich in mir breit.
Außerdem konnte ich mich gar nicht so richtig auf die schwierige und komplexe Forschungsarbeit in Sachen Chipentwicklung konzentrieren, wohl wegen dieser oh so wunderschön mich beim Frühstück anlächelnden Frau. Sie hatte mir also doch reichlich tief in die Augen geschaut und deutlich nachhaltige Spuren hinterlassen.

Nach dem schier unerträglichen Arbeitstag war ich froh, das Siemensgelände nach neun hartheissen Stunden endlich wieder verlassen und mit dem Auto zu einem kleinen Badesee in der Gegend östlich von Ottobrunn fahren zu können.
Es tat unglaublich gut, dort im mildwarmen Wasser eine längere Weile zu schwimmen und zu tauchen und mich dann anschließend auf meiner mitgebrachten Decke in der Wiese um den See ein wenig entspannen zu können.

Sobald ich allerdings mit dem Rücken auf der Erde lag und meine Augen schloss, sah ich jedes Mal sogleich ihre Augen, ihre Nase, ihren Mund und ihr bezauberndes Lächeln; ihr schönes Gesicht, ihr faszinierender Kopf ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf!
Daraufhin versuchte ich mich anders von ihrem gedanklichen Eindringen in mein Leben abzulenken, indem ich das Um-die-Ecke-gedacht-Rätsel im aktuellen Zeit-Magazin zu lösen versuchte.

Doch war nach diesem anstrengenden, megaheißen Arbeitshochsommertag in jenem für mich fatal unerträglichen Großraumbüro bei Siemens in der Forschung kein richtiger Elan mehr für eine solch happig-haarige Rätselei übrig.
Also hörte ich alsbald wieder damit auf, denn um-die-Ecke-zu-denken war einfach nicht möglich, bei dem, was diese Frühstücksfrau mit mir und in meinem Kopf alles Verwirrendes so anstellte.

Nach circa zwei Stunden am Badesee bekam ich allmählich gehörigen Hunger, hatte ich doch seit dem Frühstück in der Pension nichts mehr gegessen.
Ich verließ also das Badeseegelände und fuhr zu einem kleinen Restaurant in der Mitte von Ottobrunn, wo ich mir einen feinen, großen Salatteller gönnte. Den hatte ich mir aber auch sowas von verdient, zusammen mit einem kühlen, alkoholfreien Pils.

Sind die Tageshöchsttemperaturen im Sommer einmal jenseits von dreißig Grad – und damals war es sogar über mehrere Wochen fünfunddreißig und mehr Grad heiß – herrschen also die für mich schier unerträglichen Hundstage, dann esse ich tagsüber nichts und abends nur Salat, auf alles andere habe ich unter solchen Wetterumständen nämlich absolut keine Lust mehr.

So gegen zweiundzwanzig Uhr kehrte ich dann zu meiner Pension zurück, parkte mein Auto ganz in der Nähe und ging auf mein Zimmer.
Kaum hatte ich ausführlich kühl geduscht, mich nackt auf mein Bett gelegt und alle viere von mir gestreckt, da klopfte es plötzlich an der Tür.

Ich erschrak ein wenig, verhielt mich aber erst mal mucksmäuschenstill (vielleicht ein Versehen?!), reagierte allerdings schon, als das zweite Mal, etwas intensiver geklopft wurde.
Ich hatte absolut keine Ahnung, wer da was von mir gegen half elf Uhr nachts wollte; mich kannte doch in München noch gar niemand. Wer mochte das also sein? Vielleicht jemand vom Personal der Pension?!

Ich stand wieder auf, ging rasch ins Bad, zog den weißen Bademantel über, der dort für Gäste hin, und tigerte zur Tür.
Als ich sie öffnete, bekam ich vom einen auf den anderen Moment ein gewaltiges Herzklopfen, das mir bis in den Hals hoch, ja Kopf schlug, denn vor mir stand die augenblickende, mich anlächelnde, reizende Frau vom Frühstück. Besonders viel hatte sie nicht gerade an, bei dieser auch um die Zeit kaum auszuhaltenden Sommerabendhitze.

Kann ich reinkommen?, fragte sie.
Zunächst etwas sprachlos, nickte ich nur kurz und schloss hinter ihr die Tür.
Ein viel schöneres Zimmer hast du hier, als ich, sagte sie.
Sie hatte einen jener Dialekte des Deutschen, dem ich absolut nicht widerstehen konnte: pfälzisch, eine ganz spezielle liebreizvolle germanische Sprachvariante, die mich innerhalb kürzester Zeit damals absolut machtlos werden ließ.

Möchtest du etwas trinken?, fragte ich.
Nein danke, ich möchte nur eines, und du weißt doch sicherlich auch was, oder etwa nicht?!
Nach einer kurzen Pause intonierte ich sanft fragend: Küssen?!

Da musste sie sogleich ziemlich so lächeln wie am frühen Morgen schon.
Und das fühlte sich sehr schön, ja ganz bezaubernd schön an.
Und so begannen wir uns ausführlich zu küssen, nahmen also meine siebten Küsse ihren Lauf; sie waren einfach beim besten Willen nicht mehr länger – durch absolut nichts – aufzuhalten!

© finbarsgift

PS:

Und hier noch die Links zu den bisherigen Küssen:

Erste Küsse

Zweite Küsse

Dritte Küsse

Vierte Küsse

Fünfte Küsse

Sechste Küsse

Sechste Küsse

Durch die Flucht meiner Eltern damals, von der ehemaligen DDR in die ehemalige BRD, kam mir sozusagen auf einen Schlag meine gesamte Verwandtschaft abhanden.

Jahre später durfte ich sie aber immer wieder besuchen. In den Sommerschulferien wurde ich nämlich von meinen Eltern Jahr für Jahr nach Hof in Bayern gefahren, dort in einen Zug nach Karl-Marx-Stadt (so hieß Chemnitz damals) gesetzt und so zu meiner Oma mütterlicherseits oder zu einem meiner Onkeln oder zu einer meiner Tanten transportiert.

In diesen innerdeutschen Zügen hatte ich als noch sehr junger Mann immer voll die Muffe, insbesondere beim Stopp an der jahrzehntelang ja äußerst scharf bewachten Zonengrenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Vor allem hatte ich große Angst vor der stets erniedrigenden Kontrolle im Abteil, die auch eine gewisse Leibesvisitation durch die stets sehr unfreundlichen und mordsmäßig bewaffneten DDR-Vopos mit einschloss.

Noch jetzt – da ich dies tippe – wird es mir ganz anders, ja geradezu unheimlich, fange ich sogar ein wenig zu zittern an, wenn ich daran zurückdenke.

Mit einem alten Bus fuhr ich dann jeweils – damals kwasi schon ein kleiner „Wanderer zwischen den Welten“ – von der Karl Marx zugedachten sächsischen Großstadt in das kleine, gemütliche Marienberg im Erzgebirge, wo mich meine Großmutter empfing. Sie mochte mich lebenslang sehr und ich sie auch. Sie war zum Beispiel diejenige, die mir zu Weihnachten mal eine Klarinette schenkte, original Erzgebirgsware vom feinsten, nachdem ich als Kind flottflötend Stücke von Bach und Händel beherrschte, also den diversen Blockflöten der Weihnachtsengel längst entwachsen war.

Am nächsten Tag holte mich mein damaliger Lieblingsonkel Bernd ab, bei dem ich fast jedes Jahr einige Wochen meiner Sommerferien verbringen durfte.
Seine Frau Erika war eine sehr patente Person, vor allem auch musikalisch, wie ich. Sie sang schier den ganzen langen Tag über all die deutschen Schlager mit, die aus einem vorsintflutlichen Radio nach außen drangen. Und ich trällerte mit, so gut ich konnte, ohne sie je zuvor gehört zu haben.

Manchmal kam auch was echt Gscheites, das war dann immer auf Englisch, also zum Beispiel von den Beatles oder Stones oder Doors oder einem gewissen Bob Dylan, da horchte ich dann wegen seiner famos poetischen Songtexte immer ganz besonders auf.

Eines Tages kam in einem jener Schulferien-Sommer ein fittes Mädchen, etwas älter als ich, aus der Nachbarschaft herüber zu uns, in das ich mich potzblitz sogleich verguckte.
Ich erstarrte sozusagen schier und kein Wort kam vorerst mehr über meine Lippen, vor allem, als sie mich sogleich auch noch jovial im kernigen sächsischen Dialekt so kwasselnd begrüßte, dass ich kaum etwas verstand.

Außerdem war ich ja schon immer ziemlich schüchtern, blieb es auch fast ein jugendliches Leben lang, vor allem natürlich dem schönen Geschlecht gegenüber.

Doch Tante Erika erkannte sofort meine missliche Lage und übertönte die laute Schlagermusik in ihrer Wohnung mit dem Satz: Kommt doch beide mal her und helft mir ein bisschen beim Kochen, heute gibt’s Sauerkraut und Kartoffelbrei und Bockwurst, das mögt ihr doch beide, oder?!
Natürlich waren wir von ihrem Vorschlag total begeistert und beim Vorbereiten der Mittagsmahlzeit erfuhr ich, dass das Mädchen Claudia hieß und auch noch den Rest des Tages bei uns bleiben würde, was mich natürlich immens freute.

Nach dem Mittagessen spülten und trockneten wir zusammen ab und dann rannten Claudia und ich in den großen Garten hinaus und fingen an Ball zu spielen, Fußball und Federball vor allem.

Da es uns aber bald viel zu heiß wurde, schließlich war ja Hochsommer, packten wir unsere sieben Badesachen und gingen zum Schwimmbad, ganz in der Nähe. Mann war da viel los! Schließlich fanden wir doch noch ein Plätzchen zwischen den Massen von Menschen und ließen es uns den restlichen Nachmittag über gut gehen.

Fast alle weiteren Tage jener, wegen Claudia ganz besonderen Sommerferien liefen so oder so ähnlich ab, mit wenigen Ausnahmen, wenn wir zum Beispiel an trüben Tagen mit Onkel Bernd und seinem Trabant kleinere Ausflüge in die nähere Umgebung, also nach Aue, Freiberg oder Annaberg-Buchholz sowie zum winzigen Geburtsort meiner Mutter nahe der tschechischen Grenze machten.

Claudia und ich verbrachten herrliche Zeiten zusammen und so nach und nach wurde ich unter ihrer Ägide auch endlich ein klein wenig weniger schüchtern.
Und dann geschah an meinem vorletzten Ferientag etwas überraschendes: sie küsste mich plötzlich wild und heftig auf den Mund, als wir zusammen auf unserer Decke lagen und uns sonnten.

Da ich das irgendwie wohl schon kommen gesehen, aber nicht selbst den Mut gehabt hatte, das wundervolle Küssen mit ihr zu beginnen, verhielt ich mich nicht wirklich abwartend, sondern küsste gleich fesch und aktiv mit. Dabei gerieten unsere Münder so richtig heftig anundineinander bis zu einer Kusspause wegen gewisser Atemnöte.

Da sagte sie, etwas außer Atem: das sind aber nicht deine ersten Küsse, oder?
Nur kurz musste ich nachdenken, nachrechnen und dann tönte es aus meinem gerade frisch geküssen Mund: nein, natürlich nicht, es sind meine sechsten!
Daraufhin fing Claudia sofort schallend an zu lachen und ich stimmte sogleich mit ein.

Der Abschied am nächsten Tag fiel uns ob des andauernd vorhandenen Drangs intensief weiterküssen zu wollen sehr schwer, und dennoch musste er sein.
Ich wurde mit Onkel Bernds Trabbi zum Bahnhof von Chemnitz gebracht, in den Interzonenzug verfrachtet und wieder nach Hof zurücktransportiert, wo mich mein Vater mit seinem schicken Opel abholte und der süffisanten Frage: war’s schön?
Worauf ich nur kurz und bündig antwortete: ja, dieses Mal sogar sehr schön!
Und schon fuhr er los, zurück ins Allgäu zu seinen geliebten Bergen.

Im Sommer danach traf ich Claudia leider nicht mehr im Erzgebirge an, weil ihre Eltern inzwischen nach Leipzig umgezogen waren.
Ich war natürlich sehr traurig, ob dieses großen Kussverlustes.

Und so blieb das eben ein wundervoll einmaliger Sommer, zusammen mit der küssenden Claudia im sonnigen Erzgebirge, einige Jahre vor der Wiedervereinigung – die man damals noch nicht einmal erahnen konnte – an den ich mich aber immer noch sehr gerne und mit etwas Wehmut erinnere.

© finbarsgift

PS:

Und hier noch die Links zu den bisherigen Küssen:

Erste Küsse

Zweite Küsse

Dritte Küsse

Vierte Küsse

Fünfte Küsse

​Vom Staubkorn im Universum des Möglichen (McEwan)

Manche Künstler, ob Maler oder Schriftsteller, gedeihen wie ungeborene Babys am besten auf begrenztem Raum. Ihre eingeschränkte Themenwahl mag den ein oder anderen verblüffen oder auch enttäuschen: das Balzverhalten des Adels im achtzehnten Jahrhundert, das Leben auf See, sprechende Kaninchen, Hasenskulpturen, dicke Menschen in Öl, Hundeporträts, Pferdeporträts, Porträts von Aristokraten, liegende Akte, Krippenszenen millionenfach, Kreuzigungen und Mariä Himmelfahrt, Obstschalen und Blumen in Vasen. Oder Brot und holländischer Käse mit und ohne Messer. Manche widmen ihre Prosa einzig dem eigenen Ich. Auch in der Wissenschaft beschäftigt der eine sich ein Leben lang mit albanischen Schnecken, ein anderer mit einem Virus. Darwin untersuchte acht Jahre lang Seepocken. Und später, im weisen Alter, Regenwürmer. Nach dem Higgs-Boson, einem winzigen Etwas, das vielleicht nicht einmal ein Etwas war, forschten abertausend Wissenschaftler jahrzehntelang. In einer Nussschale eingesperrt sein und in zwei Zoll Elfenbein oder einem Sandkorn die ganze Welt sehen. Warum nicht, wenn alle Literatur, alle Kunst, alles menschliche Trachten nur ein Staubkorn im Universum des Möglichen ist. Wenn selbst dieses Universum vielleicht nur ein Staubkorn in einer Vielzahl möglicher und tatsächlicher Universen ist.

© Ian McEwan  

Ich blogge, also bin ich

 

Im Laufe meines Lebens habe ich immer mal wieder im Spiegel oder in der Zeit gelesen. Wir Abiturienten fanden dabei vor allem den Hohlspiegel am interessantesten und lasen ihn deshalb immer zuerst. Wer die ganz besonderen, gagartigen Kurzberichte dort auf der vorvorletzten Seite am schnellsten kapierte und den anderen Klikenmitgliedern erklären konnte, der war der Held. Ebenso war das wöchentlich mit den „Um-die-Ecke-gedacht-Rätseln“ in der Zeit, oft legendäre Dinger, und teilweise sehr schwer zu lösen. Wer es schaffte, war der Superheld! Dafür gaben wir uns allerdings genau einen Tag und eine Nacht Zeit (damals gab es natürlich noch keine PC, keine Handys, kein Internet, also insbesondere kein Google und kein Wikipedia), und für die gesamte dicke, großformatige Papierausgabe der Zeit brauchte man sowieso fast immer die ganze Woche über Zeit.

Heutzutage ist das natürlich alles ganz anders. Da liest man Spiegel-online und/oder Zeit-online, eigentlich fast alles nur noch online, Papier ist sowas von mega-out! Bis aufs Klopapier. Da ist der Umsatz wohl mindestens gleichgeblieben. In der (S-)Bahn sieht man jedenfalls kaum noch jemanden, der „echte“ Zeitungen liest, fast alle smartphonen rund um die Uhr wie blöd, whatsappen insbesondere, oder ebookreadern, denn WLANs oder superschnelle LTE-4G-Handynetze  gibt’s ja inzwischen fast überall innerhalb der nordwestlichen Reich-Länder-Welt.

Als ich anfing zu internetzen, da war das beruflich, da war ich einer der allerersten, der das ausprobierte, und zwar mit Compuserve und elend langsamen Modems. Äußerst zähe Dinger waren das und machten auch noch so komische Geräusche, wenn sich irgendwas tat. Bis da endlich mal ein paar wenige Daten übers Netz auf meinem Monochrom-Röhrenbildschirm ankamen, oh Graus!! Mein alter Chef (inzwischen leider verstorben) sagte damals: „also sowas, Herr Lu, das wird sich doch niemals durchsetzen, oder?!, das wird doch immer eine Spielerei für ein paar verrückte Computerfreaks wie Sie bleiben.“ Wenn er wüsste, was heutzutage los ist!!

Privat begann für mich ein neues Lebenszeitalter erst geraume Zeit nach diesem eigenartigen Compuserve-Internetz-Beginn, nämlich zwischen Weihnachten und Silvester 2007, als ich endlich mal ausreichend Zeit für die Zeit fand, und dabei stieß ich auf einen interessanten Artikel mit dem Titel: „ich blogge, also bin ich“. Bis dahin waren mir Blogs noch kein Begriff gewesen. Aber nach dem Lesen dieses Berichts, setzte ich den Titel dieses mich sehr beeindruckenden Papierstücks sofort um, eröffnete ein Konto im Bloguniversum blog.de, und machte herzklopfend meinen ersten Eintrag. Es war der über die Indianerweisheit mit den zwei Wölfen:

„In unseren Herzen tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen.
Der eine Wolf ist böse. Seine Waffen sind Angst, Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.
Der andere Wolf ist gut. Seine Waffen sind die guten Dinge, wie z. B. Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.
Stellen Sie sich Ihr Herz vor und die beiden Wölfe, die da wohnen. Wollen Sie wissen, welcher der beiden Wölfe gewinnt?
Die Antwort ist einfach. Es gewinnt der Wolf, den Sie füttern.“

Nach einer für mich sehr ereignisreichen Blogzeit von ca. vier Jahren verließ ich aus diversen Gründen blog.de (inzwischen ist dieses Bloguniversum längst untergegangen) und ging zu WP, wo ich mich seit 2011 im wesentlichen sehr wohl fühle. Knapp 3000 Beiträge habe ich inzwischen auch hier schon wieder veröffentlicht, und zwischen Weihnachten und Neujahr gehe ich dann in mein zehntes Blogjahr, mal sehen, was das dann alles so bringen wird (hoffentlich nicht den Beginn des dritten Weltkriegs).
Auf jeden Fall stimmt für mich auch weiterhin, ja eigentlich fast noch mehr als je zuvor: ich blogge, also bin ich!

 

 

 

 

 

© finbarsgift

 

 

Erste Weihnachtszeitimpression

So ist es ja nun auch wieder nicht!
Als ob die gesamte Weihnachtszeit – vom 21. November (Eröffnung der ersten Weihnachtsmärkte im Ländle) bis zum 26. Dezember (Zweiter Weihnachtsfeiertag) – nicht auch einige angenehme Überraschungen parat hätte.

So zum Beispiel vorgestern, am Nikolaustag, als mir beim Aussteigen aus der S-Bahn, mitten unter dem inzwischen ja (negatief) weltberühmten Hauptbahnhof der Kesselstadt, einfach blitzsauber und megaschnell eine feine, kleine Nikolausitüte aus Umweltpapier natürlich, samt einem beachtlichen Inhalt bestehend aus fünf Walnüssen, einer Minisaftorange und vier goldgelb eingepackten Täfelchen Merci-Kaffee-Sahne-Schoggi geschenkt wurde – einfach so, das ist doch irre, oder?!

Und zwar geschah das kwasi wie im fliegenden Wechsel bei diesen Leichtathletik-Staffelläufen, also ohne dass ich nach dem S-Bahn-Aussteigen überhaupt anhalten musste, auf meinem Flitzeweg per pedes, hin zur ewig langen Rolltreppe nach oben ans Tageslicht.

Da beginnt doch gleich so ein Nikolaus-Arbeitstag sehr viel angenehmer!
Stolz ging ich mit meiner frischgefangenen Nikolausitüte ins Büro und erzählte den Kolleginnen und Kollegen, was gerade dort unter der bereits ausgehobenen S21-Erde positiefes geschehen war.
Kaum zu glauben, aber einem anderen Kollegen war das kurz zuvor auch schon passiert, sodass das allgemeine Interesse an meiner Nikolaus-Geschichte sich zu meiner Enttäuschung in Grenzen hielt.

Des Weiteren wurde mir auf einem der bereits erwähnten Weihnachtsmärkte im Ländle, zwei Tage zuvor, also am Sonntag, den zweiten Advent, einfach so plötzlich ein prächtiges Glas, randvoll mit heißem Glühwein in die Hand gedrückt, das ich zwar bald wieder an einen anderen Erwachsenen um mich herum weiterreichte, da ich ja keinen Alkohol trinke, aber immerhin, geschenkt ist geschenkt, und es kommt Freude auf!

Das sind zwei Beispiele feiner menschlicher Weihnachtszeit-Erfahrungen, die meine Humanitätshoffnungen somit weiterhin am Leben halten, denn dass einem in der zumeist kaltfremden, öffentlichen Raumzeit einfach so mal etwas geschenkt wird, ist doch eher selten. Und Geschenke, die mit essen und trinken zu tun haben, sind doch immer noch die allerwichtigsten.

Nach der Glühweinweiterreichung kam ich vor lauter Menschen mitten auf diesem übrigens sagenhaft zauberschönen Weihnachtsmarkt einige Minuten gar nicht mehr richtig von der Stelle. Aber immerhin wärmten mich all die Leiber plus Kleider direkt um mich herum zusätzlich so sehr, dass mir endlich nicht mehr zum Frieren zumute war – geradezu wundervoll fühlte sich das alles für einige Zeit an: ich steckte mittendrin im pulsierenden Leben!

Also begann ich immer mehr zu lächeln, was ich ja eh bekanntlich relativ gerne mache, ebenso wie das Küssen, meine absolute Lieblingstätigkeit, doch leider gab es zu dieser Thematik auf dem Weihnachtsmarkt am zweiten Advent keine Geschenke.

© finbarsgift

​Finsternisse (Tendrjakow)

Finsternisse gehen vorüber. Soll sich doch erst mal einer finden, der keine durchlebt hätte.
Die Menschen sind untereinander durch viele Bande verbunden. Durch viele viele Bande sind sie miteinander verwachsen.
Das einfachste, das kürzeste menschliche Band – ER und SIE – ist der Anfang von allem. Darin liegt die Beständigkeit unseres Seins.
Da aber reißt es am häufigsten.
Da durchläuft jeder das Examen des Eindringens in den anderen – er in sie, sie in ihn! Begreife einen Menschen und erkenne ihn an, den einzigen von allen, der bestimmt ist, mit dir den Weg zu teilen. Begreife ihn! Nein, das ist schwer.
Wahrlich: gegenseitiges Verstehen bezahlen die Menschen mit Blut und mit Stücken ihres Lebens. Wir beide hatten reichlich bezahlt.

© Wladimir Tendrakow

​Denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten (Knausgard)

Misologie, Misstrauen gegenüber Worten, wie es bei Pyrrhon der Fall gewesen war, Pyrrhonismus, war das eine Richtung, in die ein Schriftsteller sich bewegen sollte? Allem, was sich mit Worten sagen lässt, kann mit Worten widersprochen werden, was sollen wir also mit Abhandlungen, Romanen, Literatur? Oder anders formuliert: Wovon man sagt, es sei wahr, von dem lässt sich auch immer sagen, es sei unwahr.

Das ist ein Nullpunkt und der Ort, von dem aus sich der Nullwert ausbreitet. Doch dies ist kein toter Punkt, auch nicht für die Literatur, denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten, die Literatur ist das, was die Worte im Leser erwecken. Es ist diese Überschreitung, die Literatur gültig macht, nicht die formale Überschreitung an sich, wie viele glauben.

Paul Celans chiffrenhafte und rätselhafte Sprache hat nichts mit Unzulänglichkeit oder Hermeneutik zu tun, im Gegenteil, es geht darum, etwas zu öffnen, wozu die Sprache sonst keinen Zugang hat, das wir aber dennoch, an einem Ort tief in uns, erkennen oder wiedererkennen oder, wenn nicht das, entdecken. Paul Celans Worten kann nicht mit Worten widersprochen werden. Was sie besitzen, kann auch nicht umgesetzt werden, es existiert nur dort und in jedem Einzelnen von denen, die es in sich aufnehmen.

Dass Gemälde und teilweise auch Fotos für mich so wichtig waren, hing damit zusammen. Sie waren ohne Worte, ohne Begriffe und wenn ich sie betrachtete, war das, was ich empfand, was sie so wichtig machte, auch begrifflos. Es gab darin etwas Dummes, ein Areal, das bar jeder Intelligenz war und das ich nur sehr schwer anerkennen oder zulassen konnte, das aber gleichwohl vielleicht das wichtigste Element von dem war, womit ich mich beschäftigen wollte.

© Karl Ove Knausgard  

An Opas Grab

Mit nur neun Jahren stand ich
am Grab meines einzigen Opas

(mein anderer ist unbekannt
und hat sich nie blicken lassen).

Er hatte sich in Abwesenheit
meiner Lieblingsoma vergast.

Ich konnte danach nie vergessen,
bis heute, wie traumschön es war,

im Herbst an seiner warmherzigen
Hand in die Schwämme zu gehen.

© finbarsgift