Schreck am Morgen

Ich war in die USA ausgewandert und wohnte schon seit einigen Wochen in der Wynnewood Road im Westen von Philadelphia.
Nach dem Kakerlakenschreck gleich zu Beginn meiner Zeit dort, wurde es danach ruhiger und gemütlicher als ich zunächst vermutete, der Vermieter selbst war einen Tag nach dem Vorfall als versierter Kammerjäger aufgetreten und hatte Hundertschaften von Kakerlaken in meiner Küche mit einer großen Giftspritze den Garaus gemacht.

Das für mich sehr ungewohnte nachbarschaftliche Leben unter lauter Schwarzen in Westphiladelphia trainierte ich so intensiv wie möglich, vor allem, indem ich täglich mit so vielen Trolleys wie möglich nach Downtown Philly und wieder zurück fuhr, natürlich nur soweit es meine eigenen Vorlesungs-, Übungs- und Sprechzeiten an der Uni mir erlaubten.

Damals ging kein (schwarzer) Amerikaner auch nur einen Block weit zu Fuß von zuhause weg um etwas zu erledigen. Die Trolleys hielten am Ende jedes Häuserblocks, auch ohne offizielle Haltestelle.
Alle Mitfahrenden inklusive Fahrer waren immer Schwarze; außer mir also nie ein anderer Weißer. Das war (für mich) schon sehr komisch und auch sehr  gewöhnungsbedürftig, aber Weiße fuhren nun mal – auch schon damals – immer nur mit ihren Autos zur Arbeit und zum Einkaufen. Inzwischen hat sich da wahrscheinlich etwas geändert.

Eines Tages ging ich morgens, vor meiner Fahrt mit der Straßenbahn zur Uni, noch schnell von zuhause aus zu meiner Bank in der Nähe. Ich benötigte dringend etwas Bargeld. Nach ein paar Minuten war ich dort.
Als ich – in Gedanken schon halb in der Uni bei meiner Veranstaltung – die Tür zur Filiale öffnete, bemerkte ich trotzdem sofort, dass da irgendetwas nicht stimmte. Denn steif wie Schachfiguren standen zwei Männer mit schwarzen Kapuzen auf dem Kopf an den beiden Schaltern und drohten für mich gut sichtbar den Bankangestellten mit Waffen.

Ich schaltete blitzschnell, war einhundert Prozent hellwach, ließ die Tür sofort wieder los und rannte so schnell ich irgend konnte davon.
Die Richtung war völlig egal, nur weg in maximaler Windeseile!
Ich hatte enormes Glück, dass keiner der beiden Bankräuber mich verfolgte oder mir gar hinterherschoss.
Erst als ich völlig außer Atem war, nicht mehr rennen konnte vor heftiger Lungenschmerzen und mein Herz mir schier das Gehirn zur Schädeldecke hinauspumpte, hielt ich an, ging in Deckung und schaute zurück zur Bank.

Glücklicherweise waren dort inzwischen zwei Polizeistreifen mit Blaulicht ohne Martinshorn vorgefahren.
Es kam ganz offensichtlich zu einer kurzen offenen Schießerei mit den Kapuzenmännern. Aus meiner Deckung heraus schaute ich zu als würde ich mittendrin Hollywoodkino in 3D gucken.
Das ganze Bankschießtheater dauerte gottlob nicht lange, dann ergaben sich die beiden Gangster.
Es kam niemand zu Tode, auch nicht in der Bank, wie ich am nächsten Tag im Philadelphia Inquirer lesen konnte.

Wenig später erreichte ich gerade noch rechtzeitig die Uni, ging in den mir zugeteilten Vorlesungssaal und setzte meine Veranstaltung „Introduction to Hilbert Spaces“ fort, indem ich eine weitere Vorlesungsstunde abhielt. Zunächst stand ich noch einigermaßen unter dem Einfluss des gerade erlebten, sozusagen ein wenig neben mir, doch relativ bald erreichte ich die notwendige Konzentration, die ich für eine solide Präsentation dieses Thema benötigte. Die Studenten schienen mir jedenfalls nichts absonderliches anzumerken.

 

 

© finbarsgift

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Ein paar Worte über ganz spezielle Insekten

Ich war in die USA ausgewandert und lebte zunächst ein paar Wochen bei Freunden. Nach einiger Zeit fand ich eine eigene kleine Wohnung und zog dorthin um. Sie lag in einer Straße am Rande von Philadelphia. Sie war kostengünstig und befand sich relativ nahe bei der Universität, in der ich damals als Dozent für Mathematik arbeitete.

Während der Nacht des ersten Tages in der neuen Wohnung wachte ich gegen zwei Uhr mit einem starken Durstgefühl auf, erhob mich vom Bett und ging im Dunkeln – nachts mache ich nur in sehr seltenen Fällen Licht – in die Küche zum Kühlschrank. Als ich ihn öffnete, fiel sein Licht auch nach außen und ich erstarrte sofort vor Grauen, als ich Hunderte von Kakerlaken um mich herum bemerkte, die wohl ebenso überrascht waren wie ich, denn keine von ihnen rührte sich von der Stelle.

Als ich mich wieder gefangen hatte, ging ich – nackt wie ich war – zum Lichtschalter der Küche, knipste ihn an und beobachtete, wie diese ekligen Viecher in Nullkommanix zurück in ihre Löcher verschwanden, alle, blitzschnell.
Wo bin ich da bloß hingeraten, dachte ich mir. Mit immer noch klopfendem Herzen ging ich wieder zum Kühlschrank und genehmigte mir ein großes Glas kühles Mineralwasser. Es war Sommer und affenheiß und schwül in meiner neuen Wohnung ohne Klimaanlage.

Zurück im Bett, versuchte ich wieder einzuschlafen, doch das war nach diesem Ereignis sinnlos. So schaute ich mir noch ein wenig meine Vorlesungsnotizen für den nächsten Tag an, doch richtig konzentrieren konnte ich mich nach dieser ersten Kakerlakenepisode meines Lebens nicht mehr. So hörte ich Musik. Musik war für mich immer das große Allheilmittel, zeitlebens, damals genoß ich Blood on the Tracks von Bob Dylan. Noch jetzt in meiner Erinnerung höre ich ihn die Songs dieses Albums singen, verbunden mit Bildern von Massen von Kakerlaken.

© finbarsgift

Sex kills (Mitchell)

I pulled up behind a Cadillac
We were waiting for the light
And I took a look at his license plate
It said, „Just Ice“
Is justice just ice?
Governed by greed and lust?
Just the strong doing what they can
And the weak suffering what they must?
Oh, and the gas leaks
And the oil spills
And sex sells everything
Sex kills
Doctors‘ pills give you brand new ills
And the bills bury you like an avalanche
And lawyers haven’t been this popular
Since Robespierre slaughtered half of France!
And Indian chiefs with their old beliefs know
The balance is undone, crazy ions
You can feel it out in traffic
Everyone hates everyone
And the gas leaks
And the oil spills
And sex sells everything
Sex kills
All these jack-offs at the office
The rapist in the pool
Oh, and the tragedies in the nurseries
Little kids packin‘ guns to school
The ulcerated ozone
These tumors of the skin
This hostile sun beating down on
Massive mess we’re in
And the gas leaks
And the oil spills
And sex sells everything
And sex kills
Sex kills
Sex kills
Oh, sex kills
Sex kills
Songwriter: Joni Mitchell

Manchmal hängt das Leben eben an einem seidenen Faden

 

Dabei hatte meine Bergtour ganz harmlos angefangen, in der Früh beim Verlassen der Pfeishütte mitten im Karwendelgebirge, 1920 Meter über dem Meeresspiegel, bis zu der ich von Mittenwald aus am Vortag schon gewandert war und wo ich übernachtet hatte.
Denn endlich wollte ich den höchsten Berg dieses feinen kleinen Teilgebirges der Nordalpen besteigen, die Birkkarspitze, Höhe 2749m, und von dort aus noch die drei Ödkarspitzen direkt nebenan dann überkweren, bevor es fast tausend Höhenmeter hinab ins Haupttal des Karwendelgebirges gehen sollte.

Nach einem prächtigen Berghüttenfrühstück machte ich mich somit voller Tatendrang als langjähriger, erfahrener Bergwanderer auf den Weg. Ein enger Pfad führte hurtig bergan, den zu dieser Morgenzeit noch viele, schlafsteife Feuersalamander, in den Bergen auch Alpensalamander genannt, bevölkerten, die zwar allmählich von der Morgensonne geweckt wurden, aber sich trotzdem nur sehr langsam zur Seite bewegten, wenn ich vorbeikam, sodass ich gut aufpassen musste, keines dieser schönen Tierchen zu zertreten.

Der Weg zum Gipfel der Birkkarspitze war nicht allzu schwer, zumindest für einen geübten und ausdauernden Bergwanderer wie mich, der zuvor wohl schon an die hundert anderer Alpengipfel bestiegen und erklettert hatte, wie zum Beispiel den geliebten Hochvogel, den verschneiten Thaneller, die rutschige Höfats, die felsbröckelige Klimmspitze und den Großen Widderstein am Ende des kleinen Walsertals.

Da kroch während des zügigen Gehens – ziemlich überraschend für mich – langsam und stetig der Nebel aus dem Haupttal von der anderen Seite hoch und überkwerte den oberhalb von mir liegenden Hauptkamm des Karwendelgebirges immer mehr, vor allem als ich mich nur noch so circa einhundert Meter unterhalb der Gipfel der erwähnten Berge befand.
Bald konnte ich den markierten Weg im Fels nicht mehr sicher ausmachen, ging bzw. kletterte aber trotzdem so schnell wie möglich weiter, kwasi wie ein Kamäleon. Das war auch absolut notwendig, denn von meiner gebirgigen Umgebung sah ich bald gar nichts mehr!

Plötzlich stolperte ich – wohl aus lauter Übervorsicht – über einen kleinen spitzen Felsen, stürzte zu Boden und schlitterte auf einer relativ großen, schrägen, nassglatten Felsplatte in über 2700 Metern, also kurz vor dem Gipfel der Birkkarspitze, bis zu ihrem Ende. Erst dort kam ich zum Stillstand, glücklicherweise, weil ich einen anderen kleinen Felsen fassen und fest umarmen konnte. Meine Beine hingen in der Luft. Mein Herz klopfte wie wild. Ich atmete erschrocken mehrmals tief durch, zog mich dann hoch wie an einer Reckstange und stand sehr langsam und äußerst vorsichtig wieder auf.

Es war hier oben seit einigen Minuten überall ein schier undurchdringlicher Nebel mit einer Sichtweite von unter 2 Metern entstanden und ich steckte mittendrin.
Meine Knie zitterten nach diesem Fall gehörig im Sechsachteltakt, vor allem, als ich zudem bemerkte, dass ich mich direkt am Rand jenes Abgrunds befand, der fast tausend Meter senkrecht in die Tiefe des Karwendelhaupttals hinabreichte.

Manchmal hängt das Leben eben an einem seidenen Faden.

 

 

 

 

© finbarsgift

Kurznachricht aus meiner Lesepraxis

Thema Fauna:

  • Leonie Swann: Gray
    (Spannender Krimi voller Papageienhumor)
  • Isabel Bogdan: Der Pfau
    (Teambildungsworkshop auf einem schottischen Anwesen mit Tieren)
  • Die Geschichte der Bienen
    (Großartiger Sachbuchzukunftsroman)
  • Marie-Sabine Roger: Das Leben ist ein listiger Kater
    (Zauberhaft humaner Humor – krank im Krankenhaus)

Thema Poesie:

  • Jan Wagner: Regentonnenvariationen
    (Hat mich von Anfang an gefesselt und mitgerissen bis zum Ende)
  • Ragnar Helgi Olafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können
    (Prächtig eigenwillig und faszinierend philosophisch)
  • Kurt Marti: Der Traum, geboren zu sein
    (Poesie ist Moral: hier wird gezeigt, warum – voller Menschlichkeit)

Thema (Auto-)Biografien:

  • Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
    (Originelles über das Leben des Komponisten Schostakowitsch)
  • Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie
    (Unglaubliches über Boris Sidis und sein Wunderkind William James)
  • Karl Ove Knausgard: Lieben
    (Soghaft liebesautobiografisch)
  • Thomas Melle: Die Welt im Rücken
    (Gnadenlose Abrechnung mit sich selbst)

Thema Liebe:

  • Laura Mercuri: All dein Schweigen
    (fast schon ein Liebesmärchen, sehr schön (und traurig))
  • Tomas Espedal: Wider die Natur
    (Schwere Kost, doch faszinierender Lesestoff)
  • Ian McEwan: Am Strand
    (zum Brüllen (liebes-)komisch)
  • Eva Baronsky: Manchmal rot
    (Tolle Ideen, die aber nicht für einen Schluss reichten)

Diverse Themen:

  • Lars Gustafsson: Doktor Wassers Rezept
    (Jemand gibt sich für einen anderen aus: tragikomisch)
  • Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße
    (Faszinierende Jugendfantasy )
  • Carlos Ruiz Zafon: Das Labyrinth der Lichter
    (Zu episch, aber trotzdem ein spannender Krimi)
  • Jaume Cabré: Die Stimmen des Flusses
    (Eines der lesenswertesten Bücher der Weltliteratur)

Dauerbrenner:

  • Marc Aurel: Selbstbetrachtungen
    (Mein Buch des Lebens)
  • Hans Jonas: Das Prinzip Leben
    (Über das Buch des Lebens)

© finbarsgift

14.2.

 

Unser Kahn glitt langsam durch das grüne Wasser des Sees. Ich ruderte und du sahst mir von gegenüber in die Augen und lächeltest. War es der Granet Lake oder der Lac des Îles? Auf jeden Fall war es in Canada! Irgendwo zwischen den Niagarafällen und Montreal waren wir damals gelandet.

In Philadelphia war die sommerliche Hitze unerträglich gewesen und wir waren mit unserem dunkelblauen Superbeetle gen Norden geflüchtet, solange, bis wir europäisch-erträgliches Klima vorfanden. Und plötzlich waren wir über Maine in Canada gelandet, sozusagen übers Ziel hinausgeschossen. Und in North Bay endete dann sogar noch die Straße nach Norden. Weiter ging es von dort aus nur mit Cessnas. Wir mussten deswegen lachen wie blöd! Weißt du noch?

Wir liebten uns damals wie am ersten Tag, obwohl wir schon viele Jahre zusammen waren. Komisch, dass ich mich gerade heute Nacht daran erinnere, wie wir auf diesem kleinen grünen See im Sommer ruderten und gegenübersaßen und uns anlächelten.

 

 

 

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Flug nach Rom zu meinem Freund Marc (4)

Wie aus dem Off höre ich beim traumhaften, zeitlupenartigen Wachwerden ganz leise und allmählich immer lauter seine mir so wohlvertraute Stimme:
„Guten Morgen Lu, nun bist du also doch mal in meine Stadt gekommen; um mir endlich einen Besuch abzustatten? Oder täusche ich mich?
Du hast ja in deinem Buch des Lebens, finbarsgift, schon länger nichts mehr über mich und meine Selbstbetrachtungen geschrieben! Darüber bin ich sehr enttäuscht.
Das letzte Mal, wenn ich mich recht entsinne, am 25. April 2017 mit einem Post – so heißt das ja wohl in deinem Internetzeitalter – den du Stoisches Gebet nanntest, obwohl es sich eigentlich um den 51. Spruch im 8. Buch meiner Selbstbetrachtungen handelt. Na, egal. Aber sag mal, danach hast du wohl mein feines Spruchbuch beiseite gelegt und mich vergessen, oder wie oder was?!
Dabei fehlt doch zumindest noch der vierte und wohl dann abschließende Teil deiner aurelschen Fortsetzungsgeschichte „Flug nach Rom zu meinem Freund Marc“.
Die drei ersten Teile habe ich vorhin mal wieder gelesen und als gar nicht so übel empfunden; hier zu deiner Erinnerung die entsprechenden finbarschen Links (so heißt das ja wohl in deiner neusten Weltraumzeit):
Flug nach Rom – Teil 1
Flug nach Rom – Teil 2
Flug nach Rom – Teil 3

Inzwischen halbwegs wach im Bett liegend, aber immer noch mit geschlossenen Augen im Dämmerlicht, muss ich leicht schmunzeln ob seiner Worte und erwidere ihm, noch reichlich verschlafen:
„Weder habe ich DICH vergessen, noch DEIN BUCH endgültig beiseite gelegt, Freund Marc, nur hatte ich inzwischen so viele andere Blogideen und einen großen Post-Stau bei meinen Entwürfen. Diese sogenannten drafts drängten sich nach und nach immer mehr in den Vordergrund und schrien nach Veröffentlichung,
vor allem eine größere Fotoreihe unter dem Titel „Souvenir de …“, die ich vor kurzem mit einem Bericht über Zürich vorerst mal abgeschlossen habe, nach Beiträgen über Paris, Stockholm, Lisboa, Bruges, Luz, Nederland, Alb, Bodensee und Mainau.
Manchmal drängeln sich eben die Fotos in den Vordergrund, lieber Marc, und die Wörter haben kaum eine Chance, es sei denn hin und wieder kleine poetische Buchstabendörfer, das verstehst du doch, oder?“

„Nein, das verstehe ich ganz und gar nicht, Lu!
Gibt es denn etwas wichtigeres im Leben als täglich in meinen Selbstbetrachtungen zu lesen und die sich daraus ergebenden stoischen Übungen zur Zufriedenheit des leitenden Prinzips deiner Seele zu praktizieren, so wie es der französische Philosophenfan von mir, Pierre Hadot, in seinem wundervoll klugen Korollarbuch zu meinen Selbstbetrachtungen, „Die innere Burg“ so fein dargelegt hat?!
Also wach endlich auf und erhebe deinen faulen Hintern! Lies wegen mir noch bei deinem Hotelfrühstück ein paar meiner Gedanken auf deinem Tablet oder smarten Telefon und durchkämme dann ein wenig meine Stadt.
Schau dir vor allem auch meine Säule auf der Piazza Colonna an und noch einige andere der vielen feinen Sehenswürdigkeiten der Stadt, wenn du Lust dazu hast.
Am Abend wäre es schön, wenn du noch bei mir auf dem Kapitolsplatz vorbeischauen würdest, am besten wenn es schon dunkel ist, dort sitze ich ja bekanntermaßen meistens hoch zu Ross, okay?!“

Da kann ich natürlich nicht widersprechen, sage ebenfalls schnell okay, drehe mich ein wenig auf die Seite und döse noch etwas weiter. Einige Minuten später öffne ich dann aber doch meine Augen und blicke mich im Raum um, sehe ein offenes Fenster zum Hof, durch das Marc wohl vermutlich gekommen und auch wieder verschwunden ist, durchs Fenster also des Zimmers in einem kleinen Hotel in der Nähe der Piazza Navona in Rom, in das ich gestern Abend nach meinem Flug von STR nach FCO noch eincheckte.

Romgedanken von früher gehen mir nach dem Aufstehen beim Duschen durch den Kopf. Ich bin das zweite Mal in dieser zauberhaft schönen, geschichtlich epochalen, aber auch hektischen, lauten Stadt mit schlechter Luft.
Beim ersten Mal war ich in Begleitung einer Frau hier, oder passender als junger Begleiter einer Frau in den besten, schönsten Jahren, sozusagen der junge Liebhaber einer professuralen Schriftstellerin.

Damals interessierte ich mich noch nicht für den Kaiser unter den Philosophen, genauer gesagt weder für Kaiser und Könige, noch für Philosophen, nein, damals hatte die (körperliche) Liebe mit einer sehr klugen, sehr interessanten Frau absoluten Vorrang. Somit war mein erster Rombesuch hauptsächlich ein römischer Liebesaufenthalt.
Heute bin ich allein hier; und das ist auch gut und richtig so. Das Thema Liebe ist längst abgehakt, vor allem die körperliche Komponente davon; sie interessiert mich nicht mehr, zu groß sind die dadurch entstandenen und immer noch vorhandenen Wunden, die nur sehr langsam heilen.

Ich ziehe mich nach der Morgentoilette an und gehe zum Frühstück. Während ich zwei erstaunlich gute Croissants vertilge und einen feinen großen  Cappuccino genieße, zücke ich mein Smartphone und rufe Marcs Selbstbetrachtungen als pdf auf.
Zuallererst stelle ich fest, dass ich vor einigen Wochen, beim letzten Lesen in seinem Werk im 10. Buch beim 35. Spruch stehen geblieben war, der da lautet:

„Ein gesundes Auge muß jeden Anblick ertragen können und darf nicht immer bloß Grünes sehen wollen. Ein gesundes Ohr, eine gesunde Nase ist auf jeden Schall und jeden Geruch gefaßt. Ein gesunder Magen verhält sich gegen jede Speise gleich, wie die Mühle eben alles mahlt, was zu mahlen geht. Ebenso nun muß auch eine gesunde Seele auf jedes Schicksal gefaßt sein. Wer aber spricht: meine Kinder müssen am Leben bleiben, oder: die Leute müssen stets billigen, was ich tue, dessen Seele gleicht dem Auge, welches das Grüne, oder den Zähnen, die nur Weiches haben wollen.“

Der erste Teil des Spruchs passt ja wie für die jetzige Situation und den heutigen Tag herausgesucht. Aber was will mir Marc mit dem zweiten Teil sagen? Dass ich nicht vom Leben mit Sicherheit verlangen kann, dass meine Kinder bitteschön gefälligst nach mir zu sterben haben? Und dass die Leute um mich herum auch mal nein sagen dürfen zu meinen Äußerungen, und meine Handlungen missbilligen können? Ich muss das heute Abend mit ihm genauer erörtern!

Und weiter steht im nächsten Spruch, Nummer 36 folgendes:
„Niemand ist so glücklich, daß nicht einst an seinem Sterbelager einige stehen sollten, die diesen Fall willkommen heißen. Ist’s auch ein trefflicher und weiser Mensch, so findet sich am Ende doch immer jemand, der aufatmend von ihm sagt: nun werde ich von diesem Zuchtmeister erlöst; er war zwar keinem von uns lästig, aber ich hatte immer das Gefühl, als verdamme er uns stillschweigend alle miteinander! Und das ist beim Tode eines Trefflichen! Wie vieles mag unsereiner also an sich haben, um deswillen so mancher wünscht, von uns befreit zu werden. Daran denke in deiner Sterbestunde! Denke, du sollst eine Welt verlassen, aus der dich deine Genossen, aus der dich die, für die du so vieles ausgestanden, soviel gebetet und gesorgt hast, nun hinwegwünschen, indem sie aus deinem Scheiden so manche Hoffnung schöpfen. Was könnte dich also noch länger hier festhalten! Und doch darfst du deshalb mit nicht geringerem Wohlwollen von ihnen scheiden, sondern mußt um deiner selbst willen ihnen Freund bleiben und freundlich, sanft von ihnen Abschied nehmen, ebenso sanft, wie sich die Seele dessen vom Körper trennt, dem ein seliges Sterben beschieden ist. Denn die Natur hat dich auch so mit deinen Freunden verbunden. Und wenn sie dich jetzt von ihnen ablöst, so geschieht dies eben als von deinen Freunden, und nicht so, daß du von ihnen fortgerissen würdest, sondern sanft von ihnen scheidest. Es ist dies wenigstens auch eine von den Forderungen der Natur.“

Beim Lesen des ersten Teils dieses Spruchs denke ich natürlich sofort an meinen Vater und seinen Tod vor nun schon über 10 Jahren und wie echt froh ich damals war, dass dieser verdammte Typ endlich unter der Grasnabe verschwand!
Inzwischen habe ich ihm einige seiner Schandtaten als purer Misanthrop und Kinderunfreund und Autoschweinehund halbwegs verziehen.
Und dem zweiten Teil von Marcs 36. Spruch des 10. Buchs stimme ich im wesentlichen zu: bei meinem Begräbnis werden nicht alle weinen und mich ab da vermissen, es wird auch Menschen dann geben (vermutlich mehr als genug), die froh sein werden, mich nicht mehr zu sehen, zu treffen, mit mir zu reden, mich gar besuchen zu müssen; aber so ist das eben im Tod. Nur das mit der Seele, die dann irgendwann mal den toten Körper verlassen soll, das nehme ich ihm nicht ab, denn sie wird ganz einfach auch sterben und tot sein, wie auch mein Geist, alles aus, vorbei, Exitus für immer und bis in alle Zeiten!
Beide Sprüche Marc Aurels hatte ich mir damals schon besonders markiert, gut so.

Ich stehe vom Tisch auf, beende mein Hotelfrühstück, ziehe mir auf meinem Zimmer noch schnell einen Pullover über und verlasse das Hotel Richtung Piazza Navona, meinem ersten Ziel heute.
Da ich bei meinem ersten Rombesuch vor vielen Jahren fast alle Standardsehenswürdigkeiten bereits abgeklappert habe, setze ich mich dieses Mal mit Absicht unter keinen Besichtigungsstress und nehme mir nur einige wenige Ziele vor, auf der Suche nach Marc.

 

 

© finbarsgift

 

dissonante mülltöne

jetzt brüll doch nicht immer gleich so!
ich mach ja was du von mir verlangst!
aber eben nicht sofort!
ich will erst mal noch schnell diesen
wichtigen brief hier fertig schreiben!
das muss doch verdammt nochmal möglich sein!
den scheissmüll bringe ich schon noch raus
leere ihn in diese ekligen mülltonnen vorm haus!

diese saublöd-andauernd-nervende mülltrennung!
normaler müll!
biomüll!
kleidermüll!
plastikmüll (gelber sack)!
glas(flaschen)müll!
elektroschrott!
sperrmüll!
sondermüll!
die haben doch alle einen müllknall!

und immer musst du mich mit
dissonanten mülltönen anbäffen
für nichts und wieder nichts!
das versaut mir jedes Mal so richtig ernsthaft
mein ansonsten ja enorm gutes lebensgefühl!
und mich womöglich heute abend dann
deswegen noch mit liebesentzug bestrafen!
wir sind doch keine bonobos!

© finbarsgift

Ein Poet besucht Aurel in Rom (Rilke)

 

Ich schreibe unterwegs ungern Briefe, weil ich zum Briefschreiben mehr brauche als das allernötigste Gerät: etwas Stille und Einsamkeit und eine nicht allzu fremde Stunde.

In Rom trafen wir vor etwa sechs Wochen ein, zu einer Zeit, da es noch das leere, das heiße, das fieberverrufene Rom war, und dieser Umstand trug mit anderen praktischen Einrichtungsschwierigkeiten dazu bei, dass die Unruhe um uns kein Ende nehmen wollte und die Fremde mit der Last der Heimatlosigkeit auf uns lag.
Dazu ist noch zu rechnen, dass Rom (wenn man es noch nicht kennt) in den ersten Tagen erdrückend traurig wirkt:
durch die unlebendige und trübe Museumsstimmung, die es ausatmet,
durch die Fülle seiner hervorgeholten und mühsam aufrecht erhaltenen Vergangenheiten (von denen eine kleine Gegenwart sich ernährt),
durch die namenlose, von Gelehrten und Philologen unterstützte und von den gewohnheitsmäßigen Italienreisenden nachgeahmte Überschätzung aller dieser entstellten und verdorbenen Dinge, die doch im Grunde nicht mehr sind als zufällige Reste einer anderen Zeit und eines Lebens, das nicht unseres ist und unseres nicht sein soll.

Schließlich, nach Wochen täglicher Abwehr, findet man sich, obwohl noch ein wenig verwirrt, zu sich selber zurück, und man sagt sich:
Nein, es ist hier nicht mehr Schönheit als anderswo, und alle diese von Generationen immer weiterbewunderten Gegenstände, an denen Handlangerhände gebessert und ergänzt haben, bedeuten nichts, sind nichts und haben kein Herz und keinen Wert;
aber es ist viel Schönheit hier, weil überall viel Schönheit ist.
Unendlich lebensvolle Wasser gehen über die alten Aquädukte in die große Stadt und tanzen auf den vielen Plätzen über steinernen weißen Schalen und breiten sich aus in weiten, geräumigen Becken und rauschen bei Tag und erheben ihr Rauschen zur Nacht, die hier groß und gestirnt ist und weich von Winden.
Und Gärten sind hier, unvergessliche Alleen und Treppen,
Treppen, von Michelangelo ersonnen,
Treppen, die nach dem Vorbild abwärts gleitender Wasser erbaut sind, breit im Gefäll Stufe aus Stufe gebärend wie Welle aus Welle.

Durch solche Eindrücke sammelt man sich, gewinnt sich zurück aus dem anspruchsvollen Vielen, das da spricht und schwätzt (und wie gesprächig ist es!), und lernt langsam die sehr wenigen Dinge erkennen, in denen Ewiges dauert, das man lieben, und Einsames, daran man leise teilnehmen kann.
Noch wohne ich in der Stadt auf dem Kapitol, nicht weit von dem schönsten Reiterbilde, das uns aus römischer Kunst erhalten geblieben ist,
dem des Marc Aurel;
aber in einigen Wochen werde ich einen stillen schlichten Raum beziehen, einen alten Altan, der ganz tief in einem großen Park verloren liegt, der Stadt, ihrem Geräusch und Zufall verborgen.
Dort werde ich den ganzen Winter wohnen und mich freuen an der großen Stille, von der ich das Geschenk guter und tüchtiger Stunden erwarte.

 

 

 

© Rainer Maria Rilke

Nebelwalk

 

Einen längeren Walk durch dichten Nebel habe ich vorhin gemacht, massiv dabei Gedanken gewälzt, meine Füße bewegten sich dabei kwasi automatisch, sie kannten die Strecke, die ich schon xmal zuvor gegangen bin, Eichelhäher und Grünspechte kreuzten immer wieder meinen Weg, zu meiner großen Freude, im Gegensatz zu den mehr als seltsamen Dingen, die sich in der deutschen Po-litik, die derzeit permanent mit Jamaikafarben übertüncht wird, ereignen, doch was ist das für ein unsinniger Karibikurlaubseuphemismus für einen kaum sichtbaren grüngelben Anstrich der politisch eh schon ewig so langweiligen, durchschnittlichen, tiefschwarzen  Merkelkanzlei, zu was politische Wahlen so alles führen können, da schüttelt sich mein ganzer Körper, und Geist und Seele schütteln sich auch vor Abscheu, während ich immer rascher den Hügel hochwalke, keine Aussicht heute, wegen des wirklich sehr dichten Nebels, selbst hier oben, inzwischen ziemlich weit über dem Neckartal, dafür ist der Blick nach innen heute irgendwie  noch geschärfter als sonst, da äußern zum Beispiel Leute, Nobelpreisträger/innen der Literatur seien Idioten, was soll man dazu bloß noch sagen, in einer Zeit, da viele Menschen nur noch mit wenigen Zeichen twittern um sich zu verständigen, ihre großartigen Meinungen damit kundzutun (wie jener vermaledeite megastarke US-Dollar-Amerikaner, Mr. Twitter-Trumpet-Man), da ist ja jedes Buch eines literarischen Nobleurs sozusagen ein Verbrechen gegenüber der Twittermenschheit, zu erwarten nämlich, dass mehrere hundert Seiten lange gehaltvolle Romane gelesen werden müssen, um darüber etwas sagen zu können, fatal, also solche Leute lieber als Idioten abstrafen, zack, weg damit, und gleich noch die Philosophen mit dazu, diese Megaschwafler vor dem Herrn, natürlich drängten sich mir auch beim heutigen Walk all by myself durch den Nebel, wieder Todesgedanken auf, wenige Wochen nach der Beerdigung einer sehr lieben nahen Verwandten ja auch kein Wunder, nun liegt ihr Körper total minimalisiert, eingeäschert in einer winzig kleinen Urne in der Erde, schon seltsam, allein diese Vorstellung, vor allem wenn ich mir überlege, dass sie noch vor einem Monat jovial zusammen mit uns am Tisch sitzend stundenlang Doppelkopf gespielt hat und wir immer über ihre trockene Art Witze zu machen, lachen mussten wie blöd, alles nun vorbei, für immer vorbei, irreversibel würden Physiker sagen, komischerweise auch seither das Lesen von Büchern, auch vorbei, das Trauern hindert mich noch immer, genug Konzentration dafür aufzubringen, mal sehen, wann ich wieder das erste Buch in die Hand nehmen werde, meine book-pipeline ist ja mehr als voll, Musikhören geht derzeit auch kaum, sehr wenig Töne erklingen jedenfalls um mich herum, diese Tage, für so einen Musikliebhaber wie mich jedenfalls, ein, zwei Sätze aus dem feinen Brahms Requiem, etwas Gordon Lightfoot, ein wenig Jazz von EST, ab und zu ein paar kleine Stückchen aus dem fünften und sechsten Heft des Mikrokosmos von Bela Bartok, nicht viel, ich will wie sonst über die Hügel und Täler hinwegblicken, doch kann sie ob des dichten Nebels heute nur erahnen, gut, dass meine Füße den Weg in- und auswendig kennen, denke ich mir und gehe weiter, ohne viel sehen zu können.

 

 

 

 

© finbarsgift