Das Universum der Lotosesser (Sjón)

 

Die Lotosesser waren eine Gruppe von Leuten, deren Weltanschauung ganz von der Philosophie französischer Dichter – wie Baudelaire, de Nerval, Gautier oder de Musset – geprägt war. 

Außerdem veranstalteten sie Gelage, über die viele Geschichten kursierten (davon allerdings nur wenige aus eigener Anschauung), und deren Gäste sich von diesen Arzneikräutern in ferne Welten davontragen ließen, körperlich wie geistig gesehen, schnell und sanft.

Auch Fridrik war bei diesen Treffen ein regelmäßiger Gast; und einmal, als man gerade aus einer solchen vernebelten Achterbahnfahrt wieder auftauchte, berichtete er seinen Reisegefährten:
– Ich habe das Universum gesehen! Es besteht aus lauter Versen!

 

 

 

© Sjón (Sigurjón B. Sigurdsson)

Briefe beantworten (Tranströmer)

 

Im untersten Kommodenfach finde ich einen Brief, der das erstemal vor sechsundzwanzig Jahren kam. Ein Brief in Panik, der noch immer atmet, wenn er das zweitemal kommt.
Ein Haus hat fünf Fenster. Durch vier leuchtet der Tag klar und still. Das fünfte geht auf einen schwarzen Himmel, Gewitter und Sturm. Ich stehe an dem fünften Fenster: der Brief.

Manchmal dehnt sich zwischen Dienstag und Mittwoch ein Abgrund, aber sechsundzwanzig Jahre lassen sich in einem Augenblick durchmessen. Die Zeit ist keine gerade Strecke, sondern eher ein Labyrinth, und drückt man sich an der richtigen Stelle gegen die Wand, kann man die eiligen Schritte und Stimmen hören, kann man sich selbst auf der anderen Seite drüben vorbeigehen hören.

Hat dieser Brief je eine Antwort bekommen? Ich erinnere mich nicht, es war lange her. Die zahllosen Schwellen des Meeres wanderten weiter. Das Herz tat seine Sprünge weiter von Sekunde zu Sekunde, wie die Kröte im nassen Gras der Augustnacht.

Die unbeantworteten Briefe ballen sich hoch oben zusammen, wie Zirrostratuswolken, die Unwetter ankündigen. Sie machen die Sonnenstrahlen matter. Einmal muß ich antworten. Einmal, wenn ich tot bin und mich endlich konzentrieren kann. Oder wenigstens so weit von hier weg, daß ich mich selbst wiederfinden kann. Wenn ich frischangekommen in der großen Stadt über die 125. Straße gehe, im Wind über die Straße des tanzenden Mülls. Ich, der ich es liebe, umherzuschlendern und in der Menge zu verschwinden, ein T in der unendlichen Textmasse.

 

 

 

© Tomas Tranströmer

Im Zwischenraum

Einige Tage schon ging er Stunde für Stunde den Gang rauf und runter, explizite permanente  Eintönigkeit, quasi Roboter-mäßig ging er, nahm niemanden dabei mehr wahr, geistig fast völlig abwesend, geplagt von irrwitzigen psychosomatischen Schmerzen, interessierte es ihn nicht, wo er physisch war.
Es war ihm vollkommen egal, irgendwo zwischen Leben und Tod, irgendwo zwischen Wirklichkeit und Traum. Heute kann er sich an jene leidvollen Tage im Zwischenraum kaum mehr erinnern.

Auch die anderen Menschen, die ihm während dieser Phase des Gang-auf-und-ab-gehens hin und wieder im Flur begegneten, nahmen ihn mit der Zeit kaum mehr wahr, reagierte er doch auf keinerlei Anrede, wie auch immer sie geartet war.

In seinem Zimmer war er anfangs so wenig wie irgend möglich.
Es machte ihm Angst, er fühlte sich dort erst recht wie ein Gefangener. Da lieber den Gang rauf-und-runter-gehen, unbedingt immer in Bewegung bleiben, nur nicht stillstehen, diese verdammten körperlich-seelischen Schmerzen noch deutlicher spüren; Hin-und-her-gehen von früh bis spät, bis zur totalen Erschöpfung, so musste es sein, anders ging es nicht (und die Ärzte und Krankenschwestern ließen ihn, Gottseidank!).

Erst dann irgendwann, wenn es Nacht wurde, schlich er sich leise in sein Zimmer, aß ein wenig vom hergerichteten Teller, der täglich neu auf dem Tisch stand, trank ein, zwei Liter Wasser, legte sich ins immer fremd bleibende Bett und schlief sofort ein.
In seiner Erinnerung fehlen ihm fast alle jene Tage seines Lebens, erscheinen sie in seinem Gedächtnis inzwischen wie gänzlich ausradiert, wie ein komplett schwarzes Kopfkino.

Nach seinem umwerfend starken Kreislaufkollaps und Nervenzusammenbruch bei der Arbeit einige Wochen davor, wurde er mit Blaulicht und Martinshorn sofort ins nächste Krankenhaus gebracht, mit Verdacht auf Herzinfarkt, Lungenembolie oder Schlaganfall.
Krampfende Herzrhythmusstörungen, unregelmäßiger Atem und längere Stillstände, gravierende Extrasystolen, verbunden mit vehementen Schmerzen schon unterwegs; dort dann sofort Herzkatheter, Lungenfunktionstest und MRT des Schädels.
Doch es stellte sich allmählich heraus, dass alle seine inneren Organe noch recht ordentlich funktionierten, fast im normalen Gleichklang eines lebendigen Menschen waren, wenn auch deutlich schwächer als sonst.

Er war ja auch geschwächt, und wie! Sechs Jahre ununterbrochener Stress bei der Arbeit als Leiter einer IT-Abteilung von fast 50 Personen. Termine über Termine, jeden Tag, kaum Pausen, auch am Wochenende, immer vernetzt und verkabelt, unzählige nicht abbaubare Überstunden, von einem erholsamen, längeren Urlaub konnte nie die Rede sein.
Nach und nach kam er im Krankenhaus wieder zu Kräften, bekam zur Unterstützung des Wiedererlangens seiner normalen Vitalität und Kraft jede Menge Herz- und Kreislauf-stärkende Medikamente, insgesamt siebzehn an der Zahl.

Nach einer knappen Woche wurde er wieder aus dem Krankenhaus entlassen und nach Hause gebracht. Burn-Out, starke psychosomatische Beschwerden, Panikattacken, psychische Störungen, langfristige Krankschreibung: eine möglichst rasche fünf- bis achtwöchige Rehabilitationszeit in einer guten Klinik war dringend notwendig.

Bis es soweit war, musste er allerdings noch einige Wochen zuhause darauf warten.
Schon dort tigerte er in seiner Wohnung voller Unruhe andauernd hin und her, auf und ab, aß kaum etwas, trank immer nur Wasser. Er konnte weder Fernsehen, noch Musikhören, noch Bücherlesen. Seine Konzentrationsfähigkeit war tagelang nahe dem Nullpunkt.

Schließlich war es dann doch soweit. Er wurde in eine Klinik gefahren, in der er endlich einen Platz bekommen hatte, zur mittelfristigen Regeneration, für mindestens acht Wochen, ein schwerer Fall.
Das Hin-und-her-gehen im Gang dort war der Anfang davon.
Er war im Zwischenraum angekommen.

 

 

© finbarsgift

katathymes bilderleben

 

öfters mal schweigen
sich selbst sublimieren
die seele geige spielen lassen
eine brahmssche violinsonate
im achten himmel der geister sein
den körper dabei völlig entlasten

katathymes bilderleben

den sand unter den füssen fühlen
den wind in den haaren spüren
den nackten körper baden
in der luft im meer
mit den wellen spielen
mal wieder kind sein

© finbarsgift

Beweis seiner Existenz (Foenkinos)

 

Noch ein weiterer Aspekt soll erwähnt  werden: Frédéric hasste es, irgendwelche Leute zu treffen. Nichts strengte ihn mehr an als der Gedanke, in einem Café sitzen und reden zu müssen. Die Angewohnheit der Menschen, sich für eine Stunde oder zwei zu verabreden, um irgendwelche Neuigkeiten auszutauschen, erschien ihm absurd. Er tauschte sich lieber mit der Stadt aus, das heißt, er ging spazieren. Nachdem er vormittags geschrieben hatte, zog er durch die Straßen und bemühte sich, alles in sich aufzusaugen, die Frauen vor allem.

Manchmal kam er an einer Buchhandlung vorbei, und da stieß es ihm sauer auf. Er betrat den für einen erfolglosen Schriftsteller deprimierenden Ort und quälte sich selbst, indem er nach der „Badewanne“ Ausschau hielt. Natürlich war sie nirgendwo mehr zu finden. Aber vielleicht hatte ein Buchhändler ja vergessen, sie an den Verlag zurückzuschicken, oder wollte sie einfach noch ein wenig im Regal stehen haben? Von Zweifeln zerfressen, wie er war, suchte er schlicht nach einem Beweis seiner Existenz. Hatte er tatsächlich einen Roman veröffentlicht? Wenn die Wirklichkeit ihn doch nur in den Arm hätte kneifen können, um ihn dieser Tatsache zu vergewissern.

 

 

 

© David Foenkinos

Du, meine Tochter (Cabré)

 

„Du, meine Tochter, solltest jetzt spielen, ordentlich essen, auf Deine Mutter hören und schön groß werden. Wenn du groß bist, wünsche ich mir, daß du dich an Deinen Vater erinnerst, der ängstlich war und ein wenig rebellisch und der für unsere Freiheit getan hat, was er konnte, wenn auch zu spät für Deine Mutter. Und ich will dir noch ein paar Dinge sagen, die Eltern so zu sagen pflegen: Wenn du groß bist, meine Tochter, meide die Heuchelei; verurteile die anderen nicht, schade ihnen nicht, strebe nicht nach Ehre, sieh zu, wo Deine Hilfe am nötigsten gebraucht wird, nicht, wo sie am meisten ins Auge fällt. Und trachte danach, daß es zwischen Dir und den Menschen, die Du liebst, nicht allzu viele Geheimnisse gibt. Zwischen Deiner Mutter und mir gibt es ein Geheimnis, das uns das Herz gebrochen hat. Ein Geheimnis? Eher Unstimmigkeiten. Und ich habe sie nicht genug geliebt. Auf jeden Fall hat es uns das Herz gebrochen, und ich möchte nicht, daß Dir jemals etwas Ähnliches widerfährt. Ich weiß nicht, was ich Dir zum Abschied sagen soll: Jetzt habe ich eine ganze Weile nach den richtigen Abschiedsworten für meine Tochter gesucht und habe sie nicht gefunden. Ich muß gehen. Wenn ich ein Bonbon hätte, würde ich es Dir neben die Hefte legen. Adieu, meine Tochter. Bemüh Dich nach Kräften, Dein Leben lang die Ideen in Ehren zu halten, für die ich mein Leben gebe. Dein Dich liebender Vater.“

 

 

 

 

© Jaume Cabré

Gestürzt 

 

Sie war übel gestürzt
Dort in ihrem Heim
Auf den Hinterkopf
Gefunden wurde sie in der
Frühe ohnmächtig auf dem
Boden liegend
Sofort ins Klinikum gebracht
Die Diagnose war allerdings so
Besorgniserregend dass ich mich
Gleich auf den Weg zu ihr machte
Wieder einmal zum unzähligsten Mal
Dabei traktierte ich die Autobahn wie selten
Sollte ich sie gerade noch zum
Letzten Male lebend sehen?
Als ich so nahe wie möglich
An ihr Bett im Dreierzimmer trat
Erkannte sie mich nicht sofort
Doch plötzlich artikulierte sie
Erst vorsichtig meinen Vornamen
Dann immer öfter und immer lauter
Ich konnte sie aber wieder beruhigen
Drei Stunden verbrachte ich bei ihr
Dann konnte ich einfach nicht mehr
Während dieser Zeit hielt ich
Ununterbrochen ihre Hände fest
Und streichelte sie ab und an
Sie sind immer noch sehr schön
Auch ihre Stirn und Wangen berührte ich
Ab und zu lächelte sie mich daraufhin an
Irgendwas bekam sie also doch noch mit
Drei Stunden lag sie so auf ihrem Rücken
Rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle
Kein weiteres Wort fiel außer meinem Vornamen
Winkend verließ ich ihr Krankenbettzimmer
Mit großer Trauer im Herzen fuhr ich nach Hause
Auf der Rückfahrt sprachen mir Suzanne Vega
Elton John und Travis mit ihren Songs ein
Wenig Trost zu

 

 

 

 

© finbarsgift

Finbar’s extra Gift: aktuelle Quantitäten

Anlässlich seines fünften Geburtstags innerhalb des WP-Bloguniversums, veröffentlicht Finbar ein paar wenige aktuelle Kennzahlen als extra Gift (=Geschenk)
(Stand heute: 23.06.2017):

  • 5 Jahre bei WP (Juni 2012 – Juni 2017)
  • 772 Follower
  • 3.078 Beiträge
  • 54.744 Besucher/innen
  • 82.915 Kommentare
  • 300.027 Aufrufe

 

Herzlichen Dank an alle Mitblogger/innen, die (teilweise sehr) fleißig durch ihre Besuche bei finbarsgift (mit Kommentaren sowie Likes) zu diesem, mich selbst überraschenden Zahlen-Ergebnis beigetragen haben!

Ich freue mich darüber sehr,
herzlich, Lu

 

 

 

© finbarsgift

Die menschliche Sexualität (Strauß)

 

Die menschliche Sexualität ist eine Sisyphosiade, ein Impotenz-Traum. Unentwegt strebt sie einem Höhepunkt von Natur entgegen, zu dem es uns hinaufzieht mit Versöhnung versprechender Kraft. Jedoch den Höhepunkt seiner Natürlichkeit zu erleben, ist dem Mängelwesen nicht verstattet: es erreicht ihn nie. Oder etwa in der kurzen, eine halbe Sekunde währenden Bewußtseinstrübung auf dem Überroll des Orgasmus? Und wenn es, wie die meiste Zeit, zur glücklichen Ohnmacht nicht langt, die Seligkeit zwei Zentimeter flacher ausfällt? Das Glück schafft Maßstäbe und Werteskalen, das Relative ist immer zur Stelle und erkennt keinen wirklichen Höhepunkt an. Auch daher das schallende Gelächter des Teufels, das, einem alten Wort zufolge, nach jedem Beischlaf uns verhöhnt.

 

 

 

 

© Botho Strauß

Grüne Papageien 

 

Fast jeden Sonntag gönne ich mir am Vormittag zwei bis drei Stunden Wellness in einem der feinen Mineralbäder Bad Cannstatts — alle nahezu bei mir um die Ecke.
Nach der Aqua-Fitness-Runde ab 9 Uhr schwimme ich normalerweise anschließend einige hundert Meter im Kaltbecken, bevor ich dann rüber zum Saunabereich wechsle.

Dort sich wieder etwas aufzuwärmen, das tut gut; kommt jedoch der Mann mit dem Aufguss, dann suche ich immer rechtzeitig das Weite.
Letzten Sonntag zu den Liegestühlen für die Nackedeis im Saunaaußenbereich.

Irgendwas war aber dieses Mal anders als sonst.
Das übliche Gezerfe der Rabenvögel untereinander, und wie sie mit lautem Gekrächze zu zweit Bussarde im Flug in die Zange nehmen und von ihrem Territorium vertreiben, das war mir ja zur Genüge bekannt, und das war ich auch beim Liegen gewohnt zu hören, aber dieses mächtige joviale Gekrächze letzen Sonntag, das klang doch ganz nach …

… Papageien!
Und tatsächlich waren das da vor mir auf den Bäumen mitten im großdimensionierten Areal des Mineralbads dieses Mal keine stinknormalen pechschwarzen Krähen, sondern eine Horde von 5 bis 10 muntergrünen Papageien!
Und was für einen Spaß die miteinander hatten, diese gesellige Bande.
Und so folgte ich mit Begeisterung ihrem Treiben, bis dieser Papageispuk plötzlich wieder vorüber war und ich mich aufmachte, mit den diversen Wasserdüsen in einem extra Becken alle meine Muskeln von Kopf bis Fuß ausgiebig zu massieren.

Leider konnte ich ja keine Fotos von den grünen Papageien bei ihren Aktivitäten auf den Bäumen des Leuze machen, da im kompletten Saunabereich verständlicherweise Fotoapparate aller Art und selbstverständlich auch Handys am (nackten) Mann nicht erlaubt sind.

So gegen 12 Uhr fuhr ich – wie neugeboren mich fühlend – wieder nach Hause, zum Turm auf dem Roten Berg am Rande der Kesselstadt.
Dort las ich dann in Ruhe im Internet alles nach, diese grünen Papageien in Bad Cannstatt betreffend, dass sie eigentlich Gelbkopfamazonen heißen, und in freier Natur es nur noch circa 7.000 Exemplare in Lateinamerika, von Mexico bis Brasilien gibt, und eben (derzeit) 48 Exemplare in Stuttgart und Umgebung, wobei sie sich besonders wohl im feinen Grünen U der Stadt fühlen, mit der Wilhelma und dem Rosensteinpark als Kern ihres Lebensraums. Aber sie sind auch schon im 20 km entfernten Fellbach gesichtet worden. Ich finde das alles irgendwie witzig, aber auch sehr schön.

 

 

 

© finbarsgift