Ludi at Random et Conma

Von RANDOM und CONMA wurde ich vor einiger Zeit für den „Versatile Blogger Award“ (Vielseitigkeits-Blogger-Auszeichnung) nominiert, was mich sehr gefreut hat.
Vor allem, weil einerseits von einem meiner besten Schreib- und Musikfreunde im Internetz, dessen Blog ich jedem/jeder nur wärmstens ans Herz legen kann – mit einem Highlight in Sachen Sprache und Musik nach dem anderen -, sowie andererseits von dem schon seit Januar 2010 bestehenden sehr interessanten, vielseitigen Blog von Conma, in jüngster Zeit mit einer Reihe von interessanten Posts zum Thema Erotik und musikalischen Einträgen zu verschiedenen Interpretationen des Liedes „Ave Maria“ .
Herzlichen Dank an euch beide – auch an dieser Stelle nochmal – für die Auszeichnung!

Mit der Annahme dieser „Vielseitigkeits-Blogger-Auszeichnung“ ist die „Pflicht“ verbunden, meinerseits – nach Random und Conma zuvor – sieben Dinge über mich bzw. aus meinem Leben zu berichten, dem Leben also, das sich sozusagen „hinter dem Dasein meines virtuellen Alter Egos finbarsgift“ abspielt, und zwar von solchen Dingen, über die ich hier beim Finbar bisher noch nicht viel oder noch gar nicht berichtet habe.
Dem komme ich sehr gerne nach…

…und da fällt mir doch gleich mal das Wort (Lu –>) LUDI  – lateinisch für „Spiele“ – ein!
Und zwar, weil ich immer schon sehr gerne alle möglichen Spiele spielte in meinem bisherigen Leben, und… dies auch immer noch begeistert mache, vor allem natürlich in Gesellschaft – manchmal aber auch allein, wenn niemand mich herausfordert -, wenn auch nicht mehr so häufig und heftig und/oder teilweise sogar so grausam wie zu Marc Aurels Zeiten bei den damals sehr bekannten und beliebten LUDI ROMANI, das waren diverse prekäre Zirkusnummern, inklusive Tierhatz im Circus Maximus, den bekannten Wagenrennen und gefährlichen Gladiatorenkämpfen im Colosseum, sondern eher etwas harmloser, ungefährlicher – zeitgemäßer eben.
Hier also eine Auswahl von sieben Spiel(art)en, die mich bis zum heutigen Tag faszinieren und die ich bis dato noch begeistert verfolge:

 

Erstens: Billard

Soweit ich zurückdenken kann, war ich stets (auch als kleiner Junge schon) ein großer Freund von bunten Kugeln aller Arten, fasziniert von schönen Murmeln (auch Glaser –> der Beginn meines eigenen Glasperlenspiels) vor allem und natürlich Billardkugeln.
Wann ich genau mit dem Billardspielen begann, weiß ich leider nicht mehr, irgendwann aber während der Schulzeit, da spielten ein paar Freunde und ich immer mal wieder begeistert Pool, hauptsächlich Achtball oder Neunball.
Später dann, als ich einige Zeit in der sogenannten freien Wirtschaft arbeitete (die natürlich in Wirklichkeit überhaupt nicht frei ist), programmierte ich ein Billardprogramm, einen Tutor, wie man am besten Dreibandbillard, auch Karambolage genannt, spielt. Ich verkaufte diese Software sogar mehrfach dann bei diversen Billard-Meisterschaften, wobei ich einigen Dreibandweltmeistern auch schon mal die Hand schütteln durfte. Natürlich versuchte ich mich damals auch selbst im Dreibandspiel, das mir immer noch große Freude bereitet.
Doch als ich dann irgendwann mal Snooker am TV sah, war es um mich geschehen, ab da spielte und spiele ich pro Woche bis dato ein bis zwei Mal Snooker — ein ganz wundervolles Spiel von Kugeln und Farben, Ruhe und Konzentration; ja, ich sehe Snooker sogar als eine Art gelebte Mathematik der ganz besonders praktischen Art.

 

Zweitens: Doppelkopf

Bereits in der Sexta spielte ich, so oft es irgendwie ging, Skat mit zwei anderen Schulkameraden im Pausenhof, oft sogar stehend, manchmal im Regen mit Schirm, bis dieses Kartenspiel doch irgendwann mal langweilig wurde und wir in der Oberstufe dann das viel faszinierendere Doppelkopf entdeckten, wobei man aber zu viert sein muss.
Hatten wir auch nachmittags Schule, zum Beispiel die Mathe-AG im Jahr vor dem Abitur, dann trafen wir uns sogar über Mittag noch im gemütlichen Althanau, aßen dort etwas, tranken ein kleines Pils dazu, und spielten anschließend so lange Doppelkopf, bis unsere Köpfe vor Begeisterung glühten und wir uns wieder mal schier totgelacht hatten über die unfassbaren Stiche, die da manchmal passierten, zum Beispiel, wenn am Ende zwei Karlchen zwei Füchse fingen, da wurde es dann schon mal so richtig laut in der guten Stube!

 

Drittens: Schach

Das königliche Spiel brachte mir mein Vater schon bei, als ich noch sehr klein war. Solange er mich damit schlagen konnte, machte es ihm auch noch großen Spaß, danach mochte er nicht mehr, und ich spielte gegen meine Brüder, als sie alt genug waren.
Schach begleitete und begleitet mich schon mein ganzes Leben über, mit allen dazugehörigen Höhen und Tiefen, mal mehr, mal weniger.
Am intensivsten spielte ich Schach zu jener Zeit, als ich an meiner Mathe-Dissertation in der Schweiz arbeitete, da spielte ich nebenher ab und zu auch bei einigen internationalen Schachturnieren mit, vor allem in Zürich und Lugano, kam allerdings nie auf einen der ersten drei Plätze. Trotzdem war es eine tolle Erfahrung, auch mal gegen sehr gute internationale Meister (IM) oder gar Großmeister (GM) anzutreten, wenn es dabei auch kaum eine echte Gewinnchance gab.
Damals lag meine Spielstärke bei einer Elo-Zahl von um die 2000, was schon recht gut ist (GM haben allerdings 2500 und mehr. Die bisher höchste Wertungszahl von 2882 erreichte Weltmeister Magnus Carlsen im Mai 2014).
Zwei von meinen Kindern spielen übrigens auch sehr gerne Schach und inzwischen verliere ich gegen sie auch mal, ohne mich groß darüber aufzuregen, ist es doch ein Spiel, wenn auch ursprünglich kriegerischen Kämpfen nachempfunden.

 

Viertens: Scrabble

Stellvertretend für unzählige Gesellschaftsspiele, die ich immer wieder gerne mitspiele, erwähne ich hier mal Scrabble, das ja wohl jede/r kennt und somit sage ich nur noch, dass es viel Spaß macht, es auf Deutsch oder im Englischen Original zu spielen. Es könnte aber auch Canasta sein oder Rummikub oder vor allem auch Activity oder Nobody is perfect; ich sage zu fast allen Gesellschaftsspielen ja. Immer noch weit interessanter als Partys, bei denen der Alkohol in Strömen fließt und der Smalltalk die Menschen vollends verblödet; dort wird man mich niemals antreffen.

 

Fünftens: Tischtennis

Eindeutig mein Lieblingssport; noch jetzt bewundere ich die Weltmeister in dieser Disziplin, was sie für Künstler doch sind (im Vergleich zum Beispiel zu völlig überbewerteten Fußballspielern). In der Schule habe ich neben Tischtennis auch immer noch gerne Handball gespielt, weil Ballweitwurf auch in Leichtathletik immer meine beste Disziplin war. Es gab sogar mal eine Zeit, da wollte ich Speerwurf-Olympia-Sieger werden und übte solange, bis ich mir schier mal den rechten Arm vor lauter Eifer auskugelte. Ab da ließ ich es dann, als die Gefahr plötzlich, womöglich nicht mehr Musik selbst machen zu können, zu groß war.
Tischtennis spielte ich vor allem fast täglich während meiner Jahre als Student in den USA und der Schweiz. In Kalifornien erreichte ich sogar mal bei den Studentenmeisterschaften den vierten Platz,  nur drei Studenten aus China und Taiwan waren noch vor mir (jetzt muss ich selbst schmunzeln).
In Kalifornien war es für mich auch möglich rund um die Uhr Tennis zu spielen, eine Ganzjahreserfahrung der ebenfalls persönlich sehr schönen Art.

 

Sechstens: Outcast

Wie schon gesagt, spiele ich manchmal auch allein. Dann ist es meistens ein Computerspiel, wie zum Beispiel Myst und seine vielen Derivate; oder auch verschiedene Rollenspiele wie die der bekannten und sehr erfolgreichen Elderscrolls Serie, also Morrowind, Oblivion, Skyrim; oder derzeit etwa Limbo (zum dritten Mal) und mal wieder eines meiner absoluten Lieblingsspiele, das einmalige Outcast (mindestens schon zum dritten Mal), das in der Parallelwelt Adelpha spielt, wo der Held Ulukai (eigentlich Cutter Slade von der Erde) die Bösen (natürlich) ausschalten muss; dass es dabei nicht immer nur bierernst und kämpferisch zugeht, sondern auch sehr humorvoll, macht den ewigen Reiz dieses Spiels für mich aus.
Niemals spiele ich allerdings pure Egoshooter, wie zum Beispiel Counterstrike; sie sind mir einfach viel zu primitiv und pures virtuelles Geballere, das langweilt mich schier zu Tode.

 

Siebtens: Flöte

Ich spiele sehr gerne auf meiner Kwerflöte, wenn ich allein bin.
Flöten (und andere Blasinstrumente) begleiten mich bereits lebenslang. Das fing mit der Blockflöte in der Grundschule an – wo ich meinen ersten kleinen Auftritt mit zwei Menuetten von Bach und Händel hatte – und setzte sich fort mit der Klarinette, die ich von meiner Großmutter aus dem Erzgebirge mal zum Geburtstag geschenkt bekam, setzte sich fort mit der Kwerflöte und auch dem Altsaxofon, einem sehr nahen Verwandten, vor allem auch von der Grifftechnik her.
Es gibt (gab) viele große Jazzer, wie Yusef Lateef und Eric Dolphy zum Beispiel, die aus diesem Grund alle möglichen Flöten und Saxofone virtuos beherrsch(t)en.
Und noch etwas: es gibt kaum etwas schöneres im himmlischen Bereich der Musik, als selbst ein Musikinstrument zu spielen, es selbst möglichst gut zu beherrschen.
Und am Allerschönsten ist es (für mich jedenfalls), die Flötenmusik von Bach zu spielen, sie ist ein Wunder auf Erden; insbesondere der Flötenpart in der großen h-moll-Suite und in der großartigen ersten Flötensonate, auch in h-moll — nichts kann schöner sein auf Erden…
nur noch: in einer leeren Kirche zu stehen, mit der eigenen Kwerflöte in den Händen und die Sarabande aus Bachs Solopartita in a-moll auswendig selbst dort vor Ort zu spielen, einfach traumhaft, das eigene Ich für eine Weile komplett transzendierend:
BACH SARABANDE

 

© finbarsgift

 

 

Die innere Burg (Marc Aurel)

Denke daran,
dass deine herrschende Vernunft,
wenn sie, in sich selbst gesammelt,
sich selbst genügt und nichts tut, was sie nicht will,
unüberwindlich wird, auch wenn sie einmal
ohne genügenden Grund Widerstand leistet.

Wieviel mehr also dann,
wenn sie mit Grund und
mit Bedacht über etwas urteilt?
Deshalb ist die denkende Seele,
von Leidenschaft frei,
gleichsam eine Festung.

Denn der Mensch hat keine stärkere Schutzwehr,
wohin er seine Zuflucht nehmen könnte,
um fortan unbezwinglich zu sein.
Wer nun diese nicht kennt, ist unwissend;
wer sie aber kennt, ohne zu ihr seine Zuflucht
zu nehmen, ist unglücklich.

Marc Aurel,
Selbstbetrachtungen,
Achtes Buch,
Spruch 48

Hypochondrie

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

Zwickt es mal länger in der Brust
dann vergeht einem bald die Lebenslust
der Beginn einer Lungenembolie?
Oh Gott
nein lass sein
zwickt es gar brustlinks
dann muss es das Herz in Not sein
welche Pein
nein lass sein
oder ist es gar ein Infarkt
der sich ankündigt?

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

Sticht es an der Seite
ist es wohl Seitenstechen
aber
was wenn ich dabei
gar nicht renne?
Mag die Leber nicht mehr
oder eine der Nieren?
Das wäre weniger schlimm
denn da gibt’s ja zwei
manchmal kann da auch was mit
der Milz sein oder der Galle
furchtbar all diese üblen möglichen
Krankheiten

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

Und dann dieses Gepfeife im Ohr
Tinnitus oder gar Hörsturz?
Grausig nichts mehr hören zu können
keine Musik
unvorstellbar
oder der Beginn dieser teuflischen
morbiden Morbus Menière Krankheit?
Himmel sei mit mir
bloß das nicht

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

Und schliesslich immer diese
verdammten Kopfschmerzen
fast wie Migräne
aber ist es doch nicht vielleicht
gar ein böser Tumor im Kopf
das Gehirn betreffend?
Fatal wäre ein Glioblastom
fast immer tödlich
was mach ich bloß?

Ach
wie tut sie weh
die Hypochondrie
die Krankheit der Krankheiten

 

 

 

 

© finbarsgift

liebe in den zeiten der kamera

 

 

die wirklichen tage schwinden dahin einer nach dem anderen aber kaum jemand hat lust sie wirklich bewusst wahrzunehmen zu leben von früh bis spät, in zeiten von sozialen netzen und handys haben anscheinend nur noch virtuelle tage gewicht tage voller unzähliger posts und bildern in schier überabzählbar unendlichen mengen, die menschen sind in einer irrealen scheinwelt gelandet die george orwells nineteen-hundred-eighty-four und aldous huxleys brave new world noch bei weitem übertrifft, die menschheit ist am rande des wahnsinnsuniversums gelandet und es ist nur noch eine frage der zeit bis zu ihrem kollaps unter riesigen kopfhörern abgeschottet voneinander,

wen interessieren denn noch wahlen wirklich da doch eh letzten endes ein politischer megaknallkopf gegen einen anderen ausgetauscht wird die allesamt mit den bossen der wirtschaft und der industrie den guten geistern des kapitalismus und der arbeitsplatzbeschaffer hand in hand gehen mit einem großen lächeln auf dem gesicht und dick geld in der (hosen)tasche oder/und auf geheimen nummernkonten in der schweiz die sowieso jeden monetären mist mitmacht insbesondere auch geschäfte am rande der legalität durch das sogenannte reinwaschen von mafia- und drogengeldern,

die virtuellen welten verschlingen jeden tag unglaubliche mengen an wertvoller menschlicher energie worüber sich die meisten menschen noch gar nicht mal so im klaren zu sein scheinen denn sie verschleudern diese ja geradezu mit all ihrer kraft ganz offensichtlich und sogar weitgehend offenherzig für ein paar läppische bits und bytes und neuerdings klicks und smileys im gegenzug alles sehr sehr seltsam, der verlust an wirklichkeit ist bei vielen menschen inzwischen krass manche sitzen sogar immerzu am rande des internetzes und meinen zu leben oder sind kwasi eh schon vom netz vollständig eingefangen und inkorporiert und meinen dass das liebe sei virtuelle liebe aber sie ist gar nichts und raubt diesen millionen menschen nur ihre gesundheit und den wichtigen schlaf,

die liebe die wahre liebe jedoch geht der wirklichen welt in der wir füsisch leben immer mehr abhanden auch weil die menschen sich noch nicht mal mehr bemerken beim ein- oder zweifingerig tippen in der öffentlichkeit beim schreiben auf minitippmaschinen die aus der schreibmaschinensteinzeit stammen könnten, der andauernde drang minütlich zu whatsappen ist ein fänomen das vielleicht einmal irgendwelche forscher/innen in der zukunft rückblickend analysieren und ausreichend erklären werden können ähnlich wie den narzisstischen wahn dem die meisten jungen frauen von heute im zeitalter der (handy)kamera verfallen sind beim selfie alle paar minuten egal wo sie sich gerade befinden und natürlich dem sofort posten davon wichtige oberflächenpost für die gesamte welt das ist noch nicht einmal selbstliebe.

 

 

© finbarsgift   

Die Stimme der eigenen Persönlichkeit (Knausgard)

 

In den letzten Jahren hatte ich mehr und mehr den Glauben an die Literatur verloren. Ich las und dachte dabei, das hat sich jemand ausgedacht. Vielleicht lag es daran, dass wir vollkommen vereinnahmt wurden von Fiktionen und Erzählungen, dass sie inflationär auftraten. Wohin man sich auch wandte, überall sah man Fiktionen. Diese Millionen von Taschenbüchern, gebundenen Büchern, Filmen und Fernsehserien auf DVD handelten von erfundenen Menschen in einer erfundenen, aber wirklichkeitsgetreuen Welt. Und die Zeitungsschlagzeilen und Fernsehnachrichten und Rundfunknachrichten hatten haargenau die gleiche Form, auch sie waren Erzählungen, und dann war es kein Unterschied mehr, ob das, wovon sie erzählten, sich tatsächlich zugetragen hatte oder nicht.

Es war eine Krise, ich fühlte es mit jeder Faser meines Körpers, etwas Gesättigtes, Schmalzartiges breitete sich nicht zuletzt deshalb im Bewusstsein aus, weil der Kern in all diesen Fiktionen, ob nun wahr oder nicht wahr, in Gleichheit sowie darin bestand, dass der Abstand, den sie zur Wirklichkeit hielt, konstant blieb. Also dass sie das Gleiche sah. Dieses Gleiche, das unsere Welt war, wurde in Serie produziert. Das Einzigartige, worüber sie alle sprachen, wurde damit aufgehoben, es existierte nicht mehr, es war eine Lüge. Darin zu leben, in dem Bewusstsein, dass alles ebenso gut anders sein könnte, stürzte einen in Verzweiflung. Ich konnte darin nicht schreiben, es ging nicht, jeder einzelne Satz begegnete dem Gedanken: Das ist doch nur etwas, was du dir ausdenkst. Das ist wertlos. Das Erfundene hat keinen Wert, das Dokumentarische hat keinen Wert.

Das Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tagebücher und Essays, die Genres in der Literatur, in denen es nicht um Erzählung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Persönlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen? Nicht über und auch nicht unter uns, sondern auf Augenhöhe mit unserem eigenen Blick. Kunst kann nicht kollektiv erlebt werden, nichts kann das, Kunst ist das, womit man alleine ist. Man begegnet diesem Blick allein.

 

 

© Karl Ove Knausgard

dieMondins liebster Blogaward

Vielen Dank an: dieMondin-LiebsterBlogaward für ihre Anerkennung meines Bloggens.
Es ist nicht meine erste Nominierung für diesen Award, und dennoch freue ich mich in diesem Fall erneut sehr, weil ich ihren Blog mag, er ist fein und authentisch, steckt voller Klug- und Weisheit.
Es lohnt auf jeden Fall, sich dort vor Ort einmal etwas genauer umzusehen:
dieMondin

Und hier nun meine Antworten auf dieMondins Fragen:

  1. In welcher Stadt lebst du?
    In einem kleinen Ort am Rande der großen Kesselstadt, der mächtigsten Stadt des Ländles, dort in einem kleinen Turm auf dem Roten Berg, wo ich mich schon viele Jahre sehr wohl fühle:
    Kesselstädter Toskana
  2. Seit wann bist du Blogger?
    Darüber habe ich vor kurzem folgendes geschrieben:
    Ich blogge also bin ich
  3. Was hat dich bewogen zu schreiben?
    Vor allem die Aufarbeitung meiner Vergangenheit, mit eigenen Worten, immer und immer wieder, nun fast seit 10 Jahren schon; hier dazu ein Beispiel:
    Allererste Erinnerungen
  4. Magst du lieber Zahlen oder Buchstaben?
    Da muss ich natürlich etwas schmunzeln, denn als einer der neben Philosophie vor allem Mathematik studiert hat, gibt es da bei mir kein entweder – oder, sondern sowohl – als auch; und das zeigt sich auch in meinen Posts, es gibt eine Menge davon, die mit der Mathematik (oder Zahlen) zu tun haben, wie dieser hier:
    Freitag der 13te
    oder auch voller Buchstaben stecken, vor allem meine eigenen Poeme, ein Beispiel ist das hier:
    Liebesleben
  5. Was ist dein liebster Monat um in den Urlaub zu fahren?
    In der Regel der heißeste Monat in unseren Breiten, also der August; zumindest den verbringe ich meistens nicht zuhause, sondern sehr oft dort vor Ort:
    Urlaubszeit
  6. Welches Ziel hast du derzeit?
    Immer viel zu viele gleichzeitig, aber die höchste Priorität haben in den nächsten Jahren:
    Musik machen, Geschichten schreiben, Schlaf fördern.
    In schlafloser Nacht
  7. Worüber kannst du dich am meisten ärgern?
    Mit Sicherheit über die deutschen Autofahrer; sie gehen mir absolut gegen den Strich; da komme ich sogar immer mal wieder zum FLUCHEN, was diese Spezies angeht, dabei meine ich vor allem die auto-eitlen Männer unserer Gesellschaft:
    Menschen wie Lemminge
  8. Welchen Beruf wolltest du als Kind immer ausüben?
    Pianist, Dirigent, Komponist…
    aber so kam es nicht, warum auch immer, egal, Schwamm drüber;
    stattdessen wurde ich Berufsmathematiker und Hobbymusiker,
    und lebe damit auch ganz zufrieden:
    von der Schönheit der Mathematik
  9. Was ist dein größter Wunsch?
    Einmal so zu sterben, dass ich davon absolut nichts mitbekomme:
    Dasein
  10. Welchen Kinofilm hast du zuletzt gesehen?
    „Plötzlich Papa“, weil ich den Omar Sy sehr schätze, und er mich toll amüsiert,
    so wie auch im weltberühmt gewordenen Film „Ziemlich beste Freunde“:
    https://www.youtube.com/watch?v=fp_HmxtYQzo
  11. Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang?
    Unbedingt beides:
    Sonnenaufgang
    Sonnenuntergang

 

Ich finde das Stöckchen von dieMondin so schön, dass ich an dieser Stelle darauf verzichte, mir andere Fragen zu überlegen, sondern sie gerne zur Beantwortung weiterleiten möchte an die folgenden Blogs, die ich hiermit mit dem finbarliebsten Blogaward auszeichnen möchte:

Karins Sammelsurium

Astrid Bergmanns Art

Aurians Blog

Marga Auwald

Elkes Wegpoesie

Lilys Feldlilien-Blog

Celine Autrice

Random Randomsen

Teggytiggs

Ingeborgs Vierkerzenzeit

Poetas Herzhüpfen

 

 

Und nun viel Spaß für alle 11 Nominierten beim Beantworten der 11 Fragen des feinen Stöckchens von dieMondin.

 

 

© finbarsgift

Einen Roman zu schreiben (Knausgard)

 

 

Ich hätte die Zeit nutzen sollen, um mich vorzubereiten, denn bis jetzt hatte ich lediglich am Vorabend ein paar alte Texte durchgelesen und die Passagen ausgedruckt, die ich lesen wollte. Auf dem Flug hatte ich zehn Punkte notiert, die ich aufgreifen wollte. Zu mehr hatte ich mich nicht aufraffen können, denn der Gedanke, dass ich einfach nur reden musste, dass nichts leichter war als das, war stark, und es tat mir gut, auf ihn zu hören.

Ich sollte über die beiden Bücher sprechen, die ich geschrieben hatte. Das konnte ich nicht, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als darüber zu sprechen, wie sie geschrieben wurden, diese Jahre mit nichts, bevor etwas Bestimmtes Form anzunehmen begann, das langsam, aber sicher die Oberhand gewann, bis sich am Ende alles ganz von selbst ergab. Einen Roman zu schreiben heißt, sich ein Ziel zu setzen und anschließend zu ihm schlafzuwandeln, hatte Lawrence Durrell einmal gesagt, und das stimmte, so war es.

Wir haben nicht nur Zugang zu unserem eigenen Leben, sondern zu fast allen anderen Leben, die in unserem Kulturkreis geführt werden, nicht nur Zugang zu unseren eigenen Erinnerungen, sondern auch zu den Erinnerungen dieser ganzen verdammten Kultur, denn ich bin du und du bist alle, wir kommen aus dem Gleichen und bewegen uns zum Gleichen, und unterwegs hören wir das Gleiche im Radio, sehen das Gleiche im Fernsehen, lesen die gleichen Zeitungen, und in uns lagert die  gleiche Fauna der Gesichter und des Lächelns bekannter Menschen.

Selbst wenn du dich in ein winzig kleines Zimmer in einer winzig kleinen Stadt Tausende Kilometer vom Zentrum der Welt entfernt hockst und dort keiner Menschenseele begegnest, ist ihre Hölle deine Hölle, ihr Himmel dein Himmel, es gilt nur den Ballon platzen zu lassen, der die Welt ist, und alles darin auf die Seiten fließen zu lassen. Das wollte ich, in etwa, sagen.

 

 © Karl Ove Knausgard

Erneute Begegnung

Es war schön, gestern über Mittag Sam Griffiths, den Kopf der Band Inkfields – von der ich ja auch schon einige Songs im Finbar gepostet habe -, wiederzutreffen.

Wir kamen ganz zwanglos ins Gespräch – so wie immer, wenn wir uns begegnen – und gestern auch noch angenehm lang, wohl weil es eigentlich viel zu kalt war, um draußen vor der Tür – sprich auf der Kö in der Kesselstadt – zu singen und die Gitarre so zu spielen, wie nur er sie zu spielen vermag, finde ich, mit einem traumschönen, ganz besonderen Touch.

Am Ende unseres Gesprächs – über Gott und seine aus den Fugen geratene Welt – kaufte ich ihm wieder ein paar seiner selbstproduzierten CDs ab – die ich später dann oft an Freunde weiterschenke – besonders von seinem neuen Album „Danger Moose“, also „Achtung Elche“, das er im Herbst letzten Jahres in Edinburgh, seiner Heimatstadt, eingespielt hat, in einem Studio mit professionellem Mastering, was man der Scheibe, vor allem im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen, deutlich anmerkt.

Dennoch muss ich sagen – nach inzwischen mehrmaligem Hören – dass mir immer noch die erste seiner drei bisher veröffentlichten EPs, also „Paperless Book“, am besten gefällt; vor allem wohl gerade deshalb, weil sie eben nicht „(über)produziert“ ist, sondern am ehesten eben jene zauberhaft traumschöne Atmosphäre einfängt, wenn Sam live auf der Kö hier in der Kesselstadt seine Songs vorträgt, diese himmlisch filigranen, wundervoll zarten Klänge – sein Gitarrenspiel ist dann wie von einem anderen Stern.

In meinem Gespräch mit ihm gestern, stellte sich außerdem heraus, dass er vorhat, im Lauf des Jahres 2017 noch zwei weitere (Klein-)Alben einzuspielen, eines eher wie „Danger Moose“ (sozusagen so produziert wie möglich) und eines eher wie „Paperless Book“, die pure musikalische Intimität mit Sam und seiner Gitarre.

Als er mir das mitteilte, da freute sich mein Herz plötzlich wie verrückt und klopfte wild bis zum Hals hoch und am liebsten hätte ich ihn schier an mich gedrückt, so viel Freude machte sich da in mir breit – konnte mich aber gerade noch beherrschen.

Er wohnt derzeit wohl in Vaihingen/Enz, nicht weit weg von der Kesselstadt, und gibt immer mal wieder Konzerte im Ländle im kleineren Rahmen, auch privat, das stelle ich mir toll vor. Und so spiele ich seit gestern mit dem Gedanken, ihn zu meinem nächsten Geburtstag in den Turm auf dem Roten Berg am Rande der Kesselstadt zu einem kleinen Live-Auftritt einzuladen, eine Idee, die mir immer besser gefällt, während ich dies hier in mein Weblog tippe. Das muss ich ihm doch gleich mal anschließend noch mailen, vielleicht hat er da ja Zeit, DAS wäre was!

© finbarsgift

Lautverschiebung

Vor einigen Jahren wanderte ich von Westdeutschland in die USA aus, mit einer ganz normalen Green Card, die ich zuvor völlig problemlos beim Generalkonsulat in München beantragt und wenig später ausgehändigt bekommen hatte.

Damals hatte ich die Nase von den beiden Deutschen Staaten gestrichen voll, insbesondere der nicht nur nervtötenden innerdeutschen Grenze, dieser menschenverachtenden, brutalen Mauer in Berlin, und überhaupt von der gesamten unfassbar üblen Nazivergangenheit!

Als ich schon circa einen Monat lang in den USA lebte, und zwar in einer kleinen Stadt an der amerikanischen Ostküste zwischen New York und Philadelphia, da fragte mich eines Tages – nach einer meiner Mathematics-Lectures an der Uni – einer meiner Undergraduate-Studenten plötzlich: You are from Sweden, right?!

Ich zögerte ein wenig mit meiner verbalen Reaktion, lächelte und antwortete dann wahrheitsgemäß:
No, I am from Germany.
Daraufhin sagte mein Student:
Isn’t that the same? One can hear your European accent clearly, but your English is nevertheless quite good.
Thank you, sagte ich und verzog mein Gesicht etwas.
Especially your „th“ sounds pretty neat, fügte er noch selbstbewusst hinzu.

Ungefähr zwei Jahre später, als ich schon einige Wochen in Kalifornien lebte, direkt an der Westküste, am Rande des gigantischen, unvergleichlichen Pazifiks, in der Nähe einer zauberhaft schön gelegenen Uni inmitten riesiger Felder voller Golden Poppies, da sprach mich eines Tages wieder einer meiner Studenten an und sagte:
You are from the East Coast, right?!

Ich lächelte ein wenig, erinnerte mich an den Studenten der Uni an der Ostküste, zögerte noch kurz und antwortete dann aus purer Lust und Laune:
No, I am from Sweden.
Innerlich musste ich dabei schon ein wenig kichern, während ich äußerlich vollkommen cool blieb.

Daraufhin sagte mein Student: Incredible, your English is great and sounds pretty native.
Thank you, sagte ich und verzog hocherfreut mein Gesicht.
Especially your „th“ is absolutely gorgeous, fügte er noch hinzu.
Da musste ich schier lachen, doch ich wollte ihn in seinem Beurteilungseifer nicht brüskieren.

Wäre ich nun in einem dritten Schritt noch weiter nach Westen, also nach Hawaii gezogen und hätte meine Mathematics-Lectures an der Uni in Honolulu gegeben, dann hätte mich sicherlich irgendwann einer meiner Studenten gefragt:
Are you from the West Coast?
Und ich hätte dann postwendend geantwortet:
No, I am from the East Coast, where I was born in a little town between New York and Philadelphia.

Aber dazu kam es nicht (mehr), denn auf Dauer wäre ich in den USA (the American way of life is not at all my way) sicherlich im Laufe weiterer Jahre schwer krank geworden.
Und so hatte ich von diesem Land, das ja eigentlich aus über fünfzig ziemlich verschiedenen Ländern besteht, schon nach stark drei Jahren genug, gab völlig entspannt und überzeugt meine wertvolle Green Card zurück, und wanderte wieder aus, dieses Mal nach Europa, wo ich eben doch viel eher beheimatet bin als in den USA, und dies wohl auch lebenslang bleiben werde.

 

 

 

 

© finbarsgift