Die menschliche Sexualität (Strauß)

 

Die menschliche Sexualität ist eine Sisyphosiade, ein Impotenz-Traum. Unentwegt strebt sie einem Höhepunkt von Natur entgegen, zu dem es uns hinaufzieht mit Versöhnung versprechender Kraft. Jedoch den Höhepunkt seiner Natürlichkeit zu erleben, ist dem Mängelwesen nicht verstattet: es erreicht ihn nie. Oder etwa in der kurzen, eine halbe Sekunde währenden Bewußtseinstrübung auf dem Überroll des Orgasmus? Und wenn es, wie die meiste Zeit, zur glücklichen Ohnmacht nicht langt, die Seligkeit zwei Zentimeter flacher ausfällt? Das Glück schafft Maßstäbe und Werteskalen, das Relative ist immer zur Stelle und erkennt keinen wirklichen Höhepunkt an. Auch daher das schallende Gelächter des Teufels, das, einem alten Wort zufolge, nach jedem Beischlaf uns verhöhnt.

 

 

 

 

© Botho Strauß

Berühren, ein Muss

Du sagst
Ich soll Deinen Rücken entzücken
Er liegt entblößt vor mir
Ich muss ihn wieder streicheln
Mit meinen Kinderfingern
So zart wie möglich
Immer und immer wieder

Mit der Zeit tut mir die Hand weh
Du aber genießt das Kitzeln
Wie du es nennst
Immer und immer mehr

Es bereitet dir offenbar Lust
Ich tue mein Bestes
Fast bis zum Armkrampf
Immer und immer weiter

Irgendwann ist die Musik von Deinem
geliebten Mozart endlich vorbei
Die das Streichelgeschehen stets begleitet
Dann bin ich für heute erlöst

© finbarsgift