Die Stille der Welt vor Bach (Gustafsson)

 

 

Es muss eine Welt gegeben haben vor

der Triosonate in D, eine Welt vor der a-moll-Partita,

aber was war das für eine Welt?

Ein Europa der großen leeren Räume ohne Widerhall

voll von unwissenden Instrumenten,

wo das Musikalische Opfer und das Wohltemperierte Klavier

noch über keine Klaviatur gegangen sind.

Einsam gelegene Kirchen,

in denen nie die Sopranstimme der Matthäuspassion

sich in hilfloser Liebe um die sanfteren

Bewegungen der Flöte gerankt hat,

wie sanfte Landschaften,

wo nichts zu hören ist als die Äxte alter Holzfäller,

das muntere Bellen starker Hunde im Winter

und Schlittschuhe auf blankem Eis wie ferne Glocken;

die Schwalben, die durch die Sommerluft schwirren,

die Muschel, in die das Kind hineinhorcht,

und nirgends Bach, nirgends Bach.

Die Schlittschuhstille der Welt vor Bach.

 

 

© Lars Gustafsson

(Deutsch: Verena Reichel)

Muttertag

Sonst habe ich ihr immer einen Strauß Blumen mit Fleurop zum Muttertag geschickt, aber letztes Mal bekam ich von ihr als Dankeschön nur zu hören: deine Blumen haben so übel gestunken, dass ich sie am nächsten Tag schon wegwerfen musste.

Da habe ich mich heuer, also gestern, kurzentschlossen selbst zum Muttertagsgeschenk gemacht, und sie sagte, als ich bei ihr eintraf: oh riechst du heute gut!
Und wir lachten.

Überhaupt war alles gestern eher „on the sunny side of life“, und das tut ja auch mal gut. Schon die Fahrt dorthin, auf der A7 ohne viel Verkehr mit meinem neuen weißen Flitzer direkt auf die noch sehr weißen Alpenberge zu, war herrlich!

Und so kam ich überpünktlich bei ihr an und wir hatten noch mehr Zeit zusammen, als sonst so bei meinen Wochenendbesuchen. Eine große Ladung digitaler Fotos aus den letzten Monaten, immer dort bei ihr gemacht, und bei Pixelnet in Papierabzüge umgewandelt, war mein Geschenk.

Sie war regelrecht begeistert und konnte es gar nicht glauben, dass es überhaupt noch Papierfotos gibt! Denn immer wird ihr nur kurz das Handy vor die Nase gehalten und schwuppdiwupp ist das betrachtete Minifoto auch schon wieder weg, auf Nimmerwiedersehen.

Sie hatte in ihrem Leben ja noch nie einen Computer oder gar ein mobiles Telefon und heutzutage reden alle Menschen ja nur noch davon, wenn sie sie im Altersheim besuchen, da habe ich mir gedacht: bringe ihr einfach mal ein paar Papierfotos von ihr und uns als Geschenk mit – es war der Hit!

Nach ihrem immer pünktlichen Mittagessen um elf Uhr dreißig – währenddessen gönnte ich mir in ihrem Zimmer eine Mittagsbanane – fuhren wir mit Auto und Rollator im Kofferraum zum Grab meines Vaters und deponierten dort einen kleinen Blumenstock und die Muttertagsrose, die sie gerade erst von der Heimleitung erhalten hatte.

Nach einer kurzen, wortlosen Andacht dort vor Ort, goß ich noch das Grab einige Male mit einer Gießkanne des Friedhofs. Danach gingen wir sehr langsam, zentimeterweise zurück zum Auto. Stürzen will sie niemals mehr, sagte sie. Wir hatten alle Zeit der Welt.

Ich schlug vor, sie noch zu einem nahen Aussichtspunkt zu bringen, damit sie mal wieder einen Blick auf ihre geliebten Allgäuer Berge machen konnte. Oben angekommen, hatten wir eine prächtige Fernsicht: vom Zugspitzmassiv bei Garmisch, weit links, bis zum Widderstein im kleinen Walsertal, weit rechts.

Das ist schon immer wieder umwerfend, dieses Panorama!
Schau, sagte sie: die Nagelfluhkette, der Hohe Ifen, die Trettachspitze, …
Sie sagte sie alle auf, jede Spitze konnte sie benennen, und auf die meisten davon war sie zusammen mit ihrem Mann früher gestiegen, und das nicht nur einmal.

Ich lächelte vor mich hin und freute mich sehr darüber, dass ihr Gehirn noch so wundervoll im hohen Alter funktionierte. Etwas wehmütig wird es mir schon, wenn wir beide so etwas schönes machen, sagte sie im Auto auf dem Rückweg vom Aussichtspunkt zum Heim, wo sie nun schon bald zwei Jahre lebt. Und das immer besser, finde ich. Von Krebs ist gar keine Rede mehr, sie hat ihn wohl endgültig besiegt!

Wir hatten abschließend noch eine wundervolle Stunde in der Nachmittagssonne, wo wir auf Gartenstühlen im kleinen Park des Heims dann wie immer über Gott und die Welt sprachen – ich liebe diese philosophischen Gespräche mit ihr. Sobald sie allerdings von ihrem geliebten Sport berichtet, höre ich zumeist weg oder gerate vorübergehend in den Dösmodus.

Zwischen vierzehn und fünfzehn Uhr machte ich mich dann wieder auf den Rückweg, der weniger leicht fiel als die sonnige Hinfahrt. Denn satte Wolkenbrüche mit Blitz und Donner galt es zu durchfahren und Autobahn-Wasserstraßen zu durchschiffen, ohne dabei in Aquaplaning-Nöte zu geraten.

Die Musik, die mir dabei half, kam von einigen CDs von Milky Chance, Michael Wollny, Procol Harum  und den Silencers, die ich vor der Fahrt extra eingesteckt hatte.
Und irgendwann am Abend kam ich dann doch noch wohlbehalten, wenngleich etwas müde und abgekämpft, Zuhause an. Insgesamt gesehen, war es aber ein feiner Muttertag.

 

 

© finbarsgift

An Mauern hin (Trakl)

 

Es geht ein alter Weg entlang
An wilden Gärten und einsamen Mauern.
Tausendjährige Eiben schauern
Im steigenden fallenden Windgesang.

Die Falter tanzen, als stürben sie bald,
Mein Blick trinkt weinend die Schatten und Lichter.
Ferne schweben Frauengesichter
Geisterhaft ins Blau gemalt.

Ein Lächeln zittert im Sonnenschein,
Indes ich langsam weiterschreite;
Unendliche Liebe gibt das Geleite.
Leise ergrünt das harte Gestein.

 

 

© Georg Trakl

Dolphins (Neil)

 

 

This old world may never change
The way it’s been
And all the ways of war
Can’t change it back again

I’ve been searchin‘
For the dolphins in the sea
And sometimes I wonder
Do you ever think of me

I’m not the one to tell this world
How to get along
I only know the peace will come
When all hate is gone

I’ve been searchin‘
For the dolphins in the sea
And sometimes I wonder
Do you ever think of me

You know sometimes I think about
Saturday’s child
And all about the time
When we were running wild

I’ve been searchin‘
For the dolphins in the sea
And sometimes I wonder
Do you ever think of me

This old world may never change
This world may never change
This world may never change

Bücher lesen – Frage- und Antwortspiel

Schon ewig und drei Tage möchte ich dieses wohl von Tobi initiierte Frage- und Antwortspiel zum Thema „Bücher und Lesen“ mitmachen, das ich in Folge auch noch bei Christiane und Marga sah; endlich ist es soweit mit meinen Antworten; und ich muss sagen, es hat Spaß gemacht!

 

1) Warum liest du?
Weil ich – Mutter Allnatur sei Dank – zwei wundervolle Augen von ihr zum Gucken und Lesen geschenkt bekommen habe, also…warum sie nicht dafür nutzen!

2) Was liest du? Welche Genres bevorzugst du? Liest du auch Klassiker?
Ich lese sowohl Sachbücher aller Art (inklusive Mathematik, vor allem aber solche über Musik und Kunst), als auch Romane (seit einigen Jahren sogar Fantasy (da bin ich ein Spätzünder)).
Sogenannte Klassiker sind für mich einfach ganz normale Bücher und ich lese sie oft und immer wieder, hier ein Link zu einer kleinen Auswahl meiner Lieblingsbücher

3) Welche Autoren favorisierst du? Oder hast du keine bevorzugten Autoren?
Doch, ich habe jede Menge bevorzugte Autoren/Autorinnen:
Aurel, Bachmann, Baldursdottir, Camus, Cortazar, Döblin, Ende, Frisch, Gaarder, Gustafsson, Hadot, Hesse, Kabat-Zinn, McKillip, Marillier, Kafka, Kundera, Laxness, Mercier, Musil, Pascal, Pessoa, Poe, Ransmayr, Rilke, Roth, Sagan, Saint-Exupery, Tschechow, Williams, Woolf, Zweig.

4) Wo liest du überall? Nur Zuhause, nur in der S-Bahn, überall, …?
Vor allem innerhalb von vier Wänden, das aber egal wo (auch Café, wenn nicht zu laut), seltener draußen (außer in der Bahn und am Strand), im Auto wird es mir beim Lesen schnell schlecht, beim Töffen lese ich gar nicht.

5) Liest du viel oder wenig? Wie viel Zeit verbringst du in der Woche mit Lesen? Wie viele Bücher liest du im Schnitt pro Monat/Jahr? Machst du auch längere Lesepausen?
Ich lese wohl eher mehr als wenig, aber nicht besonders viel; vor allem nehme ich mir für jedes Buch viel Zeit, ganz besonders viel Zeit bei ganz wundervollen Büchern (das merkt man ja während des Lesens). Es geht mir – wie eigentlich bei fast allem, so auch beim Lesen von Büchern – primär um Qualität, weniger um Quantität. Längere Lesepausen gibt es bei mir kaum, ich lese (fast) täglich.

6) Liest du schnell oder langsam? Wie viele Seiten liest du ungefähr in einer Stunde?
Eher langsam wohl, aber wie gesagt, je besser das Buch, desto langsamer lese ich es.

7) Wie viele Bücher liest du in der Regel gleichzeitig?
Zwischen 5 und 10 sind es wohl fast immer.

8) Welche Formate bevorzugst du? Taschenbücher, gebundene Bücher, broschierte Bücher, Prunkausgaben?
Ganz klar gebundene Bücher.

9) Legst du Wert auf eine hochwertige Verarbeitung deiner Bücher? Spielt die Optik des Buches eine Rolle für dich?
Oh ja, sie spielt schon eine Rolle, wenn auch keine entscheidende.

10) Liest du auch Ebooks? Wenn ja wie oft und welche Bücher?
Ich lese auch Ebooks sehr gerne. Auf meinem Kindle befinden sich derzeit über 100 Ebooks, 75 Prozent davon sind an- oder ausgelesen, 25 Prozent sind also noch in der Ebook-Lese-Pipeline.

11) Wo versorgst du dich mit neuen Büchern? Beim Buchhändler ums Eck? In der Bibliothek? Aus dem Bücherbus?
Buchhändler, Online-shops, egal wo, ich habe da keine Präferenzen.

12) Kaufst du auch gebrauchte Bücher?
Sehr selten.

13) Wieviel bist du bereit für ein gutes Buch auszugeben?
150 Euro ist das Maximum (Hadot: die innere Burg)

14) Verleihst du Bücher? Wenn ja an wen und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
Ja, immer mal wieder, aber immer seltener, da man den ausgeliehenen eigenen Büchern meistens irgendwann hinterher rennen muss, um sie dann mal (womöglich erst nach Jahren) endlich wieder zurück zu bekommen.

15) Wie viele Bücher hast du im Schnitt auf deinem Stapel ungelesener Bücher? (Alternativ: wie viele Regale ungelesener Bücher hast du?)
In meiner Lese-Pipeline befinden sich dieser Tage mit Sicherheit so circa 100 ungelesene Bücher, wenn nicht mehr!

16) Wo bei dir Zuhause hast du überall Bücher?
Ausschließlich in Buchregalen, bis auf meinen Kindle, der liegt immer irgendwo griffbereit herum.

17) Wie sortierst du deine Bücher im Regal?
In verschiedenen Regalen ganz verschieden; manchmal alfabetisch nach Autor/in, manchmal gar nach Größe, manchmal sogar nach Farbe, manchmal nach Verlagen, nach Lust und Laune also.

18) Was nutzt du als Lesezeichen? Oder knickst du die Seiten ein?
Meine Bücher bekommen niemals Eselsohren verpasst, in der Regel befinden sich geschmackvolle Lesezeichen, dem Buch angemessen, in ihnen. Manchmal auch zur Not ein Fitzelchen Papier oder ein Tempotaschentuch.

19) Wenn du mit dem Lesen pausierst, liest du dann das Kapitel immer zu Ende oder hörst du auch mal mittendrin auf?
Beides kommt vor, aber in der Regel lese ich ein Kapitel zu Ende, bevor ich pausiere.

20)  Worauf achtest du beim Kauf eines Buchs? Was für Kriterien muss ein Buch erfüllen, damit du es dir kaufst? Spielt der Verlag eine Rolle?
Der Verlag spielt für mich eine große Rolle! Aber nicht ausschließlich.

21)  Wirfst du Bücher in den Müll?
Sehr selten in den Papiermüll.

22) Wie belesen ist dein Bekannten- und Freundeskreis? Kennst du Menschen, die kein Buch besitzen?
Ich kenne eigentlich nur Leute, die auch lesen (können). Donald Dagobert Trump gehört also zum Beispiel nicht zu meinem Bekannten- und Freundeskreis!

23) Was für eine Rolle spielen Bücher in deinem Berufsleben?
Einige Sach- und Fachbücher spiel(t)en eine große Rolle.

24)  Brichst du Bücher ab, wenn dir der Inhalt nicht zusagt?
Oh ja, relativ oft sogar; ich bin ein sehr wählerischer Leser (geworden).

25)  Bittet man dich im Freundes- und Bekanntenkreis um Buchtipps?
Ja, und dann sprudle ich nur so los (und höre kaum mehr auf *g*)

26) Wenn deine Bücher plötzlich alle verloren gehen (z.B. Feuer, Hochwasser, böse Fee, …), welche drei Bücher würdest du dir sofort neu bestellen?
Aurels Selbstbetrachtungen und Hesses Glasperlenspiel,
McKillips Riddlemaster und Marilliers Sevenwaters,
Mulischs Entdeckung des Himmels und Bulgakows Meister und Margarita.

27)  Gehören ein Heißgetränk und Kekse zum Leseabend?
Manchmal so zwischendrin schon.

28) Hörst du während dem Lesen Musik, oder muss bei dir völlige Stille herrschen?
Völlige Stille ist mir mit Abstand am liebsten, bloß keine Muzak im Umfeld!

29)  Liest du Bücher mehrmals? Wenn ja welche und warum?
Ja, es gibt ein paar (gar nicht so wenige), die lese ich immer und immer wieder…
dazu gehören vor allem die unter Punkt 26 genannten, aber auch noch einige andere.

30) Markierst du dir Stellen in einem Buch? Wenn ja wie?
Ich habe beim Lesen (fast) immer einen Bleistift in der Hand und markiere und streiche an nach Lust und Laune, auch im Ebook, dort allerdings mit der Markierungsfunktion und dem Finger.

 

 

 

 

© finbarsgift